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Interviews

EVELYN HRIBERŠEK ÜBER MIXED REALITY UND DAS POTENZIAL DIGITALER THEATERFORMATE

POSTED 19 May 2020
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„Wenn Menschen einer außergewöhnlichen Situation ausgesetzt werden und sie weder unter Beobachtung noch unter Kontrolle sind, dann zeigt sich oft ihr wahres Gesicht. Ich hoffe, dass wir durch Corona zu einer besseren Gesellschaft werden, die sich selbst, Tier und Natur in Zukunft mit Respekt begegnet.“

 

An der Schnittstelle von Oper, Theater und Gaming: Mit ihren Mixed-Reality-Arbeiten bringt die Regisseurin und Autorin Evelyn Hriberšek die Grenzen von Virtualität und Realität kunstvoll zum Verschwimmen und erschafft unter Einsatz von VR- und AR-Technologien spannende, immersive Inszenierungen, die nicht nur im Kunst- und Theaterkosmos, sondern auch in der Gaming-Szene für Aufsehen sorgen. Aufgrund der aktuellen COVID-19-Pandemie musste das für April geplante NRW-Debüt ihrer neuesten Arbeit EURYDIKE am Theater Dortmund verschoben werden. Dies nahmen wir zum Anlass, um mit ihr über Potenziale und Probleme neuer Technologieformate sowie den Kulturbetrieb in Zeiten von „Social Distancing“ zu sprechen.

 

Die Fragen stellte Julia Ihls.

 

Evelyn Hriberšek, nach Deiner ersten, vielfach prämierten Arbeit O.R.PHEUS (2012) steigst Du nun auch mit EURYDIKE (2017) wieder in die Tiefen der griechischen Sagenwelt hinab. Was reizt Dich daran, diesen antiken Stoff in virtuellen Mythologien zu verarbeiten?

Tatsächlich habe ich ein großes Faible für Mystery, Fantasy und SciFi – womöglich deshalb, da sich darin häufig die großen, zum Teil ungeklärten Fragen der Menschheit in einem stets anderen Gewand wiederfinden. Jedoch suche ich nie explizit nach einem Stoff, es ist eher umgekehrt: Der Stoff findet mich. Meine Faszination für den morbiden und archaischen Mythos um Orpheus und Eurydike empfand ich lange als irritierend. Inzwischen fügen sich verschiedene Aspekte wie ein Puzzle zusammen: innerlich und äußerlich. Die Themen, die mich bewegen und stoffimanent sind – Grenzüberschreitung, Transformation und Transzendenz – kommen inhaltlich und formal zum Tragen. So konfrontiert O.R.PHEUS angesichts der eigenen Sterblichkeit jene Versprechungen ewiger Jugend und Schönheit mit den fragwürdigen Errungenschaften der Biotechnologie und den Ideen des Transhumanismus. In EURYDIKE spiegeln sich hingegen Fragen nach Täter und Opfer, Fremd- und Selbstbestimmung und ethischem Verhalten im Realen und Digitalen ausgehend von der zur Stummheit verdammten Frauenfigur. Beide Werke nutzen hierbei das Beste beider Welten – der Realität und der Virtualität. Technologie ist hier ein Bestandteil von vielen, um ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, das selbst zur Grenzerfahrung wird. Im Übrigen arbeite ich stets aus dem Inhalt heraus, wodurch sich die Notwendigkeit einer Form und die Wahl der Mittel ergibt. Erst ein Format zu kreieren – gerade sehr beliebt bei neuen Technologien – und dann einen Inhalt hineinzupressen oder überzustülpen: Davon halte ich nicht viel!

 

VR-Brillen, interaktive Schutzanzüge und AR-Marker inmitten dystopischer Requisiten: Obwohl Du sehr digital arbeitest und interaktive Technologien essentiell für Deine Inszenierungen sind, greifst Du dennoch immer wieder auf den physischen Raum zurück. Könnten Deine Arbeiten auch ohne diese analoge Komponente funktionieren oder braucht es für eine nachhaltige Erfahrung jene ganz eigene körperliche Verortung?

Sowohl bei O.R.PHEUS als auch bei EURYDIKE handelt es um „Mixed Reality Experiences“, die auf die Durchdringung von Virtualität und Realität setzen und das sensuell-haptische Erleben bewusst einbinden. Entsprechend benötigt es auch die physische Anwesenheit des menschlichen Körpers. Beide Inszenierungen sind hybride Welten, die sowohl im Realen als auch im Virtuellen erschaffen wurden: Die Ebenen Realität und Virtualität zu trennen, würde demnach bedeuten, die Kunstwerke zu zerstören. Diese besondere Art der individuellen Grenzerfahrung, zu der ich einlade und die sich die Besucher mitkreieren, kann also nicht durch ein rein digitales Erlebnis ersetzt werden. Natürlich können Inhalte, Ästhetik und Interaktionen ins Virtuelle transformiert werden und die Experience würde sicher bis zu einem gewissen Punkt funktionieren, käme jedoch früher oder später an ihre Grenzen. Für die Art von körperlich-mentaler Erfahrung, die ich erschaffe und das, was ich den Rezipienten ans Hirn und Herz geben möchte, reicht reine VR nicht aus – hierfür ist das Medium zu begrenzt. Genau diese Begrenzungen sind in O.R.PHEUS und EURYDIKE außer Kraft gesetzt.

 

In gegenwärtigen Zeiten von „Social Distancing“ müssen Kulturinstitutionen radikal ihre bisherigen Praktiken hinterfragen: Ausstellungen wurden temporär geschlossen, Konzerte und Aufführungen abgesagt. Stattdessen hat sich ein Großteil des kulturellen wie künstlerischen Angebots ins Digitale verlagert. Wie schätzt Du diesen Transformationstrend ein: nur ein Notbehelf zur Überbrückung oder ein Katalysator für neue Inszenierungsformen?

Es ist nachvollziehbar, dass sich Akteure im Kunst- und Kulturbetrieb angesichts von Corona stärker digital aufstellen, um im Virtuellen weiter zu existieren. Es stellt sich jedoch die Frage, mit welchen Inhalten und Formaten dies sinnvoll ist: Viele Kunstformen und Werke funktionieren in einer 1:1-Übersetzung vom Analogen ins Digitale einfach nicht. Da kann bei der Masse von überstürzt hingeschusterten Beiträgen schnell ein schaler Beigeschmack entstehen. Zudem wird doch gerade durch die einhergehenden Einschränkungen der Pandemie spürbar, wie wichtig und unverzichtbar das Reale, das Analoge an sich ist: Die Sehnsucht nach dem Echten ist größer denn je. Virtualität hinkt der Realität hinterher, reines Abbilden reicht auf Dauer nicht aus: Es wird sich daher mit der Zeit zeigen, was Bestand haben wird und was nicht. Als eine fragwürdige, miteinhergehende Nebenentwicklung empfinde ich allerdings die Umsonst-Mentalität, die einerseits der Kunst und Kultur entgegengebracht, andererseits aber auch von dieser selbst im Digitalen praktiziert wird. Bei all den auch nachvollziehbaren Bewegungen ins Digitale fehlt mir aber vor allem ein verantwortungsvoller Umgang mit bereits vorhandenen als auch neuen Medien – Virtual Reality bildet da nur eine von vielen Technologien ab, bei der es an medienethischen Grundempfinden mangelt. Dieser Mangel an digitalen Kompetenzen sowie die Notwendigkeit von Aufklärung, Sensibilisierung und Transparenz ist auch ein Bedarf, der sich im kulturellen Bereich abzeichnet.

 

Kulturschaffende und Freiberufler sind derzeit ganz besonders von der Corona-Krise und ihren wirtschaftlichen Folgen betroffen. Wie stehst Du als Künstlerin zu der aktuellen Situation? Hast Du für Dich schon produktive Umgangsweisen bzw. Maßnahmen gefunden, die Du ergreifen möchtest?

Normalerweise hätte EURYDIKE im April das internationale Festival Inbetween am Theater Dortmund eröffnet. Und im Sommer hätte ich im Rahmen der Ruhrtriennale mein Wissen über neue Technologien und Digitale Ethik geteilt. Durch Corona wurden beide Festivals abgesagt und es ist unklar, ob die Zusammenarbeit zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden kann. Eine Wiederaufnahme von O.R.PHEUS bei einem weiteren Festival hängt gerade zudem in der Schwebe. Nachdem ich mit der Entwicklung und Umsetzung von O.R.PHEUS und EURYDIKE bereits über zehn Jahre meines Lebens verbracht habe, trifft mich das natürlich sehr. Ich habe mit der Kreation von immersiven Experiences unter Einbindung neuer Technologien zu einem Zeitpunkt begonnen, wo es noch keine Begrifflichkeiten für solche Formate gab und die technischen Tools erst erfunden werden mussten. Bei beiden Werken handelt es sich um freie Produktionen – ohne Auftraggeber oder Anbindung an eine große Institution – neben Pionierarbeit ist hier also sehr viel Herzblut hineingeflossen. Bei EURYDIKE berührt mich zudem, dass sich das Schicksal der Namensgeberin – nicht gehört und nicht gesehen zu werden – erneut erfüllt. Bis dato war es eine Seltenheit, dass solch aufwändigen Singleplayer-Formate wie O.R.PHEUS oder EURYDIKE im Kontext eines Festivals oder Theaterbetriebs gezeigt wurden. Angesichts von Corona sind diese Werke jedoch genau das, was viele andere Veranstaltungen nicht sind: „Apokalypse-tauglich“. Gerade bei EURYDIKE spiegelt sich das aktuelle Pandemie-Geschehen auf erstaunliche Weise in Thematik, Ästhetik und Games-Mechanik. O.R.PHEUS und EURYDIKE sind sozusagen Kunstformen vor, für und nach der Krise. Entsprechend gehe ich davon aus, dass es gar nicht so lange dauern wird, bis die Arbeiten wieder live gezeigt werden können. Vielleicht werde ich auch selbst wieder zum Veranstalter: Voraussetzung hierfür ist allerdings die Findung eines passenden Orts, gerne in Partnerschaft mit einer kulturellen Institution, um hier gemeinsame Wege zu gehen. Unabhängig davon sind einige Dinge in der Mache und es poppen auch viele alte Ideen neu auf, für die vielleicht nun die Zeit gekommen ist. Wer hier up-to-date bleiben möchte, sei herzlich eingeladen, mir auf Instagram zu folgen – ein Kanal für den ich nun auch endlich Zeit finde und den ich beibehalten werde.

 

Auch wenn es ja momentan nicht an utopischen/dystopischen Visionen oder wilden Spekulationen mangelt, aber wie schaut Dein persönlicher Blick in die Zukunft aus? Du sagtest an anderer Stelle bereits, dass Du gerne in Dreiteilern arbeitest. Gibt es vielleicht bald eine rein digitale Fortsetzung deiner Mythos-Reihe?

Meine künstlerische Praxis geht mit kritischer Zukunftsforschung einher. So nimmt EURYDIKE als SciFi-Apokalypse nicht nur die #MeToo-Debatte, sondern auch ethische Fragestellungen und menschliche Verhaltensweisen vorweg, die sich aktuell angesichts von Corona in unserer Gesellschaft widerspiegeln. Ein künstlerisches Statement meinerseits habe ich vor kurzem für KULTURZEIT verfasst. Wenn ich solch radikalen Szenarien in einem künstlerischen Kontext erschaffe, dann tue ich das mit größtmöglicher Vorsicht innerhalb eines klar definierten Rahmens, jedoch mit genügend Freiraum für den Einzelnen. Die Besucher meiner Welten respektieren diese offene Einladung und gehen meist mit sich selbst und der künstlich geschaffenen Umgebung vorsichtig um. Es gibt jedoch immer wieder Ausreißer: diejenigen, die trotz Warnungen und Regeln meinen, sie müssten jede vernünftig-rationale oder physisch-mentale Grenze ausloten – Situationen, in denen Spieltrieb und böswillige Absicht kaum zu unterscheiden sind. Wenn Menschen einer außergewöhnlichen Situation ausgesetzt werden und sie weder unter Beobachtung noch unter Kontrolle sind, dann zeigt sich oft ihr wahres Gesicht. Ich hoffe, dass wir durch Corona zu einer besseren Gesellschaft werden, die sich selbst, Tier und Natur in Zukunft mit Respekt begegnet. Das führt mich zurück zu meiner Kunst, die danach strebt, Kratzer in den Köpfen und Herzen zu hinterlassen und die Rezipienten verändert zurück in die reale Welt zu schicken – ob dies rein virtuell gelingen kann, wage ich jedoch zu bezweifeln …

 

Evelyn Hriberšek, herzlichen Dank für das zukunftsweisende Gespräch!

 

Zur Person

Evelyn Hriberšek erschafft interaktive, hybride Welten und multisensorische, immersive Kunstwerke an der Schnittstelle von Realität und Virtualität für ein Publikum von Hochkultur bis Mainstream. Durch einen Mix aus Bildender und Darstellender Kunst sowie Gaming und Hightech entstehen so spielerische, bewusstseinsverändernde Grenzerfahrungen, die „Kratzer in den Köpfen und Herzen hinterlassen und Rezipienten verändert zurück in die reale Welt schicken“. Hierzu zählen die zukunftsweisenden und preisgekrönten „Mixed Reality Experiences“ O.R.PHEUS und EURYDIKE. Die XR-Pionierin spricht sich zudem für Ethik und Verantwortung im Umgang mit neuen Medien und Technologien aus.

FACTS

Kontakt:

Evelyn Hriberšek, München (DE) > www.eurydike.org
Instagram: @evelyn.hribersek

Foto:

Evelyn Hriberšek | Adrian Schaetz, München (DE) > www.adrianschaetz.com