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ELIZAVETA BAM, BERLIN

POSTED 22 November 2019
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von Thea Hoffmann-Axthelm, Ueberbühne

 

Das habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Eigentlich seitdem ich als Kind mit meiner Mutter und den Nachbarinnen – jede von uns mit ihrem eigenen Plastikstuhl im Schlepptau – jeden Sommer zum Straßentheater auf der Piazza unseres italienischen Fischerdorfs anlässlich des jährlich gefeierten Wunders (die Madonna!) gegangen bin: ein echtes Kulissenbühnenbild! Und nun finde ich es im Berliner Maxim Gorki Theater wieder. Daniil Charms, ein von der stalinistischen Sowjet-Führung verfolgter und verbotener avantgardistischer Autor, wird hier gegeben und sein absurdes Stück „Elizaveta Bam“ aufgeführt, in dem (und das kann an dieser Stelle ruhig verraten werden) nicht viel passiert, außer dass die junge Dame wegen Mordes angeklagt sowie von ihrem Mordopfer verhaftet und befragt wird, warum sie es umgebracht habe – was wir aber natürlich nie erfahren, denn wie Daniil Charms 1937 in sein Tagebuch schrieb: „Mich interessiert nur der ‚Quatsch‘, was keinerlei praktischen Sinn hat. Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung.“ Quatsch als Mittel zum Ausdruck der realen Absurdität hat seitdem jedenfalls nicht an Kraft verloren. Und dass das funktioniert, liegt vor allem an den hervorragenden internationalen Spielenden des Exil Ensembles, an dem mitspielenden und zum Bespielen jeder Einzelheit einladenden Bühnenbild von Julia Oschatz sowie an dem Musiker, der die absurden Kulissen mit Tönen live zum Leben erweckt (und dann stolz das selbstgebaute „Quietschton-Herstellinstrument“ ausführlich vorführt).

Im (Handlungs-)Raum stehen dabei die viel zu kleine Tür zu Elizavetas Wohnung, die jedes Mal herrlich quietscht, wenn sich wieder jemand unter allerlei Verrenkungen hindurchquetscht, der schräge Boden, auf dem es charmant kullert, die aufgemalte Küchenzeile, die nicht daran hindert, sich hier ausführlich die Hände zu waschen oder per Magnet das Essen aufzusetzen, sowie der Schrank, der gleichzeitig auch ein Bett ist. Sämtliche Einbauten und Möbel, ja sogar die Klotür, bieten dabei simultane Auftrittsmöglichkeiten – wie etwa die Kellerluke und das Fenster, das sich zum großen, absurden Finale nochmal als Tor zur Welt öffnet. Das alles macht nicht nur beim Zuschauen unglaublich viel Spaß, sondern verbreitet von Anfang an Vorfreude darauf, was den ungeheuer spielfreudigen und gelenkigen Spielern und Spielerinnen dazu wohl einfallen und welches Feuerwerk an albernen Ideen noch zum Zug kommen wird. (Wie um alles in der Welt bekommen vier Leute, eben noch verfeindet, zusammen einen Rollator durch die viel zu kleine Eingangstür? Und wie ist jener überhaupt da reingekommen?) Das alles macht den Raum zudem lebendig und heutig, trotz der vielleicht etwas altbackenen Ästhetik. Auf jeden Fall wird der Abend so zu einem puren Theatergenuss.

 

Und hier noch ein titelloses Gedicht von Daniil Charms aus dem Jahr 1929. Es soll die Zerstörtheit des Alltags zeigen, indem eigentlich „nichts“ gesagt wird:

Bäume alle alle alle piff

Steine alle alle alle paff

Natur ganz ganz ganz puff

 

Mädchen alle alle alle piff

Männer alle alle alle paff

Ehe ganz ganz ganz puff

 

Slaven alle alle alle piff

Juden alle alle alle paff

Rußland ganz ganz ganz puff

FACTS

Projekt:

Elizaveta Bam, Berlin

Regie:

Christian Weise/Maxim Gorki Theater, Berlin (DE) > www.gorki.de

Gestaltung:

Julia Oschatz/Maxim Gorki Theater, Berlin (DE) > www.gorki.de

Standort:

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Berlin (DE)

Zeitrahmen:

seit 14.04.2018 (Premiere)

Produktion:

Exil Ensemble/Maxim Gorki Theater, Berlin (DE) > www.gorki.de

Fotos:

Ute Langkafel/MAIFOTO Gallery, Berlin (DE) > www.maifoto.de