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THE HUMAN CONDITION

POSTED 24 September 2019
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von Thea Hoffmann-Axthelm, Ueberbühne

„Ach, ich wusste gar nicht, dass Hannah Arendt auch Theaterstücke geschrieben hat“, sagt ein Freund, als ich ihm erzähle, dass ich zu einem Stück der politischen Theoretikerin und Publizistin gehe. Nein, hat sie auch nicht, umso schwieriger ist es, aus einem Sachbuch der Politischen Theorie (nicht Philosophie, auch das wird an diesem Abend verhandelt!) einen unterhaltsamen Theaterabend zu machen, für den nicht das komplette Publikum ein geisteswissenschaftliches Grundstudium braucht und das trotzdem diejenigen, die eines haben, nicht langweilt. Ich als Bühnenbildnerin habe mich natürlich gleich gefragt: Wie lässt sich so ein Stoff in den Raum, in ein Bühnenbild übertragen? Was braucht es dazu? Und wie sollte mit den grundlegenden Themen des Menschseins, der Identität – der Condition Humana eben – auf räumlicher Ebene umgegangen werden? Die Bühnenbildnerin des Abends Mascha Mazur hat dafür einen so wunderbar einfachen wie überraschenden Weg gefunden.

Die erste Stunde der Inszenierung sitzen die fünf Performer auf Stühlen, mal dem Publikum zu-, mal abgewandt, mal aus der Vorlage vorlesend und mal eine Gesangs- oder Slapstick-Nummer zum Thema Identitätssuche (Wer sind wir? Worin besteht ein aktives Leben?) im grellen Arbeitslicht darbietend. Arendts Denken, das den Menschen von seinen Möglichkeiten her begreift und nicht von seinen Grenzen, als Wesen, das handelnd jederzeit die Welt verändern und einen Anfang setzen kann, steht im Mittelpunkt: „Das, was vor dem Menschen war, ist nicht Nichts, sondern Niemand; seine Erschaffung ist das Anfangen eines Wesens, das selbst im Besitz der Fähigkeit ist, anzufangen: Es ist der Anfang des Anfangs oder des Anfangens selbst.“ Und so beginnen auch die Performer immer wieder neu. Der Theaterabend setzt immer wieder neu an, es gibt mehrere Versionen des Handelns und des Denkens über das Handeln. So ist es nur richtig, dass auch der Raum erst ohne Maske auskommt und dann aber doch gefüllt wird, unaufwendig und doch wirkungsstark. Gerade als die Schauspielerin Iris Becher, Hannah Arendt zitierend, uns, also den im Zuschauerraum Sitzenden, vorwirft, unser Gesicht sei doch die wahre Maske, wie wir es herumtrügen, immer perfekt, vergraben unter Schichten von Schminke und falschem Lächeln, immer unsere Persönlichkeit auf der Zunge tragend und dazu ihre Kollegin Ruth Rosenfeld herzzerreißend schön „I’ll be your mirror“ von Velvet Underground singt, fangen nach und nach die anderen Performer an, große, leichte Spiegelplatten heranzutragen. Und während sich der Raum so langsam füllt, ändert sich auch das Licht, und plötzlich sitzen wir inmitten eines futuristischen Spiegelkabinetts. Aus dem reflektierenden Licht entstehen funkelnde Heiligenscheine und lassen uns das billige Material der Spiegel genauso vergessen, wie dass wir eben noch in einem leeren Raum saßen. Und das ist es, was Theater im besten Fall kann: zum Denken anregen, unterhalten UND verzaubern, und das mit ganz einfachen Mitteln, unmittelbar und live.

FACTS

Projekt:

The Human Condition, Berlin

Gestaltung:

Mascha Mazur/Schaubühne, Berlin (DE) > www.schaubuehne.de

Regie:

Patrick Wengenroth/Schaubühne, Berlin (DE) > www.schaubuehne.de

Standort:

Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, Berlin (DE)

Zeitrahmen:

seit 31.08.2019 (Premiere)

Fotos:

Gianmarco Bresadola/Schaubühne, Berlin (DE) > www.schaubuehne.de