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Neue Welten

Benesse Art Site Naoshima

POSTED 4 September 2019
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War es früher die Landflucht, ist es heute Japans rasanter demografischer Schrumpfungsprozess, der die Entvölkerung der kleineren Eilande beschleunigt. Nur auf wenigen Inseln gelang es bisher, diese Entwicklung aufzuhalten. Anlass zur Hoffnung gibt besonders Naoshima: Bereits Ende der 1980er-Jahre nahm der Medienmogul Soichiro Fukutake, Besitzer der globalen Bildungskonzerne Benesse und Berlitz, den Südteil der Insel unter seine Fittiche und revitalisierte mit der Benesse Art Site die Region. Kunst, Architektur sowie die vorhandene landschaftliche und soziale Struktur sollten zusammen gebracht werden. Zu diesem Zweck durfte der wohl bekannteste japanische Architekt und Pritzker-Preisträger Tadao Ando nicht nur eine exklusive, in ein kleines Tal eingebettete Hotelanlage planen, sondern auch ein Museum für Fukutakes umfangreiche Privatsammlung moderner und zeitgenössischer Kunst errichten. Weitere Puzzlestücke der Benesse Art Site – das Benesse House Museum, das Chichu Art Museum und das Lee Ufan Museum auf Naoshima – sowie das Teshima Art Museum auf der benachbarten Insel Teshima kamen hinzu. Darüber hinaus wird der Standort stetig erweitert: zum Beispiel seit 1998 durch das „Art House Project“. Hierfür werden permanente Kunstinstallationen in ehemaligen traditionellen Wohnhäusern wie etwa dem „Kadoya House“ geschaffen, in dem das Werk „Sae of Time“ des japanischen Bildhauers und Künstlers Tatsuo Miyajima gezeigt wird – eine wunderschöne Installation, die das 200 Jahre alte, restaurierte Gebäude wieder zum Leben erweckt. Oder das Refugium „Minamidera“, ebenfalls entworfen von Tadao Ando, in dem das Licht-Kunstwerk „Backside of the Moon“ von James Turrell zu sehen ist.

Während der Setouchi Triennale, die seit 2010 alle drei Jahre auf einigen der Inseln im japanischen Seto-Binnenmeer stattfindet, kommen zudem zahlreiche weitere temporäre Installationen, Performances und wissenschaftliche sowie soziale Projekte in der Region hinzu. Manches bleibt auch hiervon nach der Triennale erhalten, wie etwa das Schatten und Licht spendende, wolkenförmige „Naoshima Port Terminal“ von Kazuyo Sejima und Ryūe Nishizawa. Verbindendes Element aller Projekte ist dabei das Hervorheben des räumlichen Erlebnisses von Kunst im Zusammenhang mit der vorhandenen Natur.

So schuf Tadao Ando auf der Insel Naoshima für das Benesse House Museum einen Ort, der die Beschaffenheit der Kunstwerke aufnimmt und den Blick vom Raum über die Kunst hin zur Natur lenkt. Es kann hier also schon mal vorkommen, dass Besucher in einer einzigen Sichtachse eine der Kreisanordnungen Richard Longs, eine Kreiszeichnung von Cy Twombly, die kreisförmige Außentreppe, den sich halbrund in die unten liegende Bucht krümmenden Sandstrand und eine fast exakt runde grüne Insel betrachten können. Wer denkt, das wäre schon alles, wird im zehn Gehminuten entfernten Chichu Art Museum eines Besseren belehrt: Hier hat der Großmeister in Sachen Licht, Schatten und sakrale Raumdramaturgie für die nur drei Werkgruppen umfassende Sammlung je ein geometrisches Objekt aus Beton in den Fels eingelassen. Die Ebenen und Räume sind durch Gänge, Treppen und Schächte miteinander verbunden und doch eigenständig, die langen Wege bereiten auf die Kunst vor und erlauben Kontemplation. So finden sich Kunstinteressierte hier auf der anderen Seite der Welt – wie in Japan üblich – in Pantoffeln vor Monets Seerosen wieder – in einem eigens dafür errichteten architektonischen Denkmal. Kurz darauf werden sie dank Ando und Turrell mit einem fantastischen, ausgeschnittenen Quadrat freien Himmels belohnt. Und noch einen durch die stechende Mittagssonne hervorragend angeleuchteten Treppenschacht entfernt, wartet schließlich der Raum für Walter De Marias „Time/Timeless/No Time“ – eine zeitlose Kathedrale für diese an sich schon sakrale Installation, in der Architektur und Kunst endgültig ineinander übergehen und die Raumerfahrung unterstreichen. Besonders schön: Die Angestellten des Museums säumen mit ernsten Blicken und in weißen Uniformen links und rechts die Treppe – zukünftiger, ernsthafter, übernatürlicher ließe sich dieser Raum nicht inszenieren! Zum Abschluss gibt einem, wieder einen kleinen Spaziergang entfernt, das Lee Ufan Museum in gewissem Sinne eine Lesart dieser Verschränkung von Kunst und Architektur mit, denn die Werke von Lee und Ando gehören zusammen wie ein altes Ehepaar beim Zähneputzen oder Walzertanzen: Lees Wunsch, „durch die Begrenzung des Egos auf ein Minimum den Bezug zur Welt auf ein Maximum zu steigern, indem die Kunst die sie umgebende Stille und Leere, ‚den großen schillernden Kosmos‘ freigibt als halbtransparente Dinge, die stets das Unbekannte in sich einschließen“[1] wird hier Folge geleistet.

Das wahre transzendente Erlebnis wartet jedoch auf der Nachbarinsel im Teshima Art Museum: Hier ist der Raum das Kunstwerk und die Kunst das Raumerlebnis. In einem Betonbau, der die Form eines übergroßen Wassertropfens beim Aufkommen auf den Boden hat, können Gäste (wieder barfuß oder besockt) den einzeln aus dem Boden austretenden Wassertropfen beim Laufen – mal schnell, mal zögerlich ineinander übergehend und schließlich zu einer Pfütze werdend – zusehen. Sie können dann den Blick gen Himmel wenden und den durch die runden Auslassungen in der Decke wehenden Wind genießen – und eins werden mit dem Kunstwerk, der Welt, dem Universum.

[1] www.kunstaspekte.art/event/lee-ufan-2006-03

FACTS

Projekt:

Benesse Art Site Naoshima / Setouchi Triennale 2019

Gestaltung:

diverse Künstler > www.benesse-artsite.jp/en/art

Standort:

diverse Inseln, u.a. Naoshima, Teshima und Inujima (JP)

Zeitraum:

26.04.2019–04.11.2019 (Setouchi Triennale 2019)

Auftraggeber:

Benesse Holdings, Inc., Okayama (JP) > www.benesse-hd.co.jp
Setouchi Triennale Executive Committee Office, Takamatsu-shi (JP) > www.setouchi-artfest.jp

Fotos:

Benesse Art Site Naoshima (JP) > www.benesse-artsite.jp
Thea Hoffmann-Axthelm, Hamburg (DE) > www.ueberbuehne.de
Setouchi Triennale Executive Committee Office, Takamatsu-shi (JP) > www.setouchi-artfest.jp

Bilder 1–7
1. Art House Project “Kadoya”; Photo: Norihiro Ueno
2. Art House Project “Kadoya” Tatsuo Miyajima. “Sea of Time ’98”; Photo: Ken’ichi Suzuki
3. Richard Long “Inland Sea Driftwood Circle”/”River Avon Mud Circles by the Inland Sea”; Photo: Tadasu Yamamoto
4. Hiroshi Sugimoto “Time Exposed”; Photo: Shigeo Anzai
5. Lee Ufan Museum, Photo: Tadasu Yamamoto
6. Chichu Art Museum; Photo: Mitsuo Matsuoka
7. Teshima Art Museum; Photo: Ken’ichi Suzuki