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Ausstellungsgestaltung

STADTPALAIS – MUSEUM FÜR STUTTGART

POSTED 9. August 2018
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Ein Museum dieser Art gab es in Stuttgart bislang noch nicht: ein Museum für die Stadt, ein offenes und einladendes Forum für den Austausch und Dialog, ein Ort der Interaktion, an dem die Menschen und das Miteinander in den Mittelpunkt gerückt werden, ein Haus, das Stadtgeschichte(n) erzählt und eine Plattform, die genutzt wird, um über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Landeshauptstadt zu diskutieren – eben ein Stadtmuseum im besten Sinne. Das klingt zu schön, um wahr zu sein? PLOT konnte es auch kaum glauben und hat sich das „StadtPalais – Museum für Stuttgart“ einfach mal angeschaut.

 

von Janina Poesch

 

„Endlich offen!“ Mit diesen Worten eröffnete Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn im April 2018 das „StadtPalais – Museum für Stuttgart“. Es waren aber auch die Worte, die allen Beteiligten förmlich ins Gesicht geschrieben standen. Zurecht: Bereits Ende der 1990er-Jahre wurde der erste Stein für das Stuttgarter Stadtmuseum ins Rollen gebracht und es dauerte dennoch bis Anfang der 2010er-Jahre bis mit der intensiven Planungsphase begonnen werden konnte! Kritiker werden meinen: „Gut Ding will Weile haben!“ – Aber es war ein steiniger Weg, der unter anderem von einem Direktorenwechsel begleitet wurde. Nun ist das Museum aber „endlich offen“ und die Verantwortlichen haben mit dem Haus große Pläne: „Wir wollen das Palais als einen zentralen Ort für die Stuttgarter Stadtkultur etablieren“, vermerkt Kulturbürgermeister Dr. Fabian Mayer. Ein freier Eintritt in die Dauerausstellung, ein gastronomisches Konzept sowie eine Reihe von Veranstaltungen sollen dabei helfen, ein urbanes, offenes und zielgruppenübergreifendes Museumskonzept Wirklichkeit werden zu lassen – ein hehres Ziel, von dem zu wünschen wäre, dass es auch erreicht wird.

 

Vom Stadtmuseum …

Räumlich betrachtet ist das neue Museum beim ersten Besuch allerdings noch etwas gewöhnungsbedürftig: Das von den Stuttgarter Architekten Lederer Ragnarsdóttir Oei umgebaute ehemalige Wilhelmspalais wartet im Erdgeschoss zwar mit einem offenen, großzügigen Raum auf, der sowohl dem Gedanken der früheren zentralen Halle als auch der durchgehenden Sichtachse, die Stadt- und Gartenseite miteinander verbindet, Rechnung trägt, das hier beheimatete Café wirkt allerdings sehr verloren: Stadt und Museum wollen nicht so recht miteinander verschmelzen und Museumsgäste können sich ihren herzlichen Empfang nur am Rande abholen. Durch den Einzug einer neuen Ebene gelangen Interessierte schließlich in ein niedriges Zwischengeschoss, das auch keine große Geste, sondern mit Toiletten und Garderoben vielmehr funktionale Nutzungsmöglichkeiten bereithält. Falls diese „Herangehensweise“ bereits zum Ausstellungskonzept dazugehören sollte, dann ist es den Gestaltern durchaus gelungen, das schwäbische Understatement perfekt einzufangen – schließlich wird nicht gern direkt gezeigt, was man alles so zu bieten hat …

Schaffen es Besucher dann doch noch in das erste Obergeschoss, werden sie endlich vom Prolog der Dauerausstellung „abgeholt“, um sich direkt die Frage zu stellen: Wie werde ich eigentlich Stuttgarter – oder auch nicht? Unter dem Titel „Stuttgarter Stadtgeschichten“ ist die von jangled nerves konzipierte Schau das Herzstück des Museums. Hier wird die identitätsstiftende Vergangenheit der Stadt seit Ende des 18. Jahrhunderts beleuchtet und auf etwa 900 Quadratmetern die baden-württembergische Landeshauptstadt als kleine Metropole, als Wohnort und als Heimat in den Fokus gerückt. Dabei beginnt die Ausstellung in der Gegenwart: Auf einem riesigen, detailreichen Stadtmodell werden aktuelle Strömungen (Wind, Wasser, Sonne und natürlich der Verkehr) nachgezeichnet, Topografie, (gesellschaftliche) Grenzen und Verbindungen sichtbar gemacht und Stuttgart damit zum multimedialen Erlebnis. 241 einzelne „Kacheln“, die im 3D-Druck-Verfahren hergestellt wurden, werden hier 15 Minuten lang inklusive subtiler Geräuschkulisse bespielt und das Modell im Maßstab 1:3.350 förmlich zum Leben erweckt. Den Besuchern bietet sich so eine erste emotionale Annäherung an das „Phänomen Stuttgart“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln und durch ergänzende interaktive Medienflächen zudem weitere Informationen zur Vertiefung.

Rund um das Stadtmodell sorgen 16 „Stadtgespräche“ für einen unterschwelligen Klangteppich: Objekte und Hörspiele aus Zeitdokumenten wie beispielsweise die Berichterstattung zur Elektrifizierung Stuttgarts, die Briefe an den damaligen Oberbürgermeister Manfred Rommel zum Terror der RAF oder die Streitgespräche um S21 geben den Besuchern einen immersiven Einblick in Ereignisse bzw. Themen, die Stuttgart geprägt und bewegt haben. Dabei sind die einzelnen Vitrinen – bestehend aus einem Leitexponat, der jeweils passenden Tonspur, die bei aktiver Annäherung lauter wird, einer Schublade, die vertiefende Informationen bereithält, sowie einer Drahtskulptur, die einen Akteur darstellt – nicht chronologisch, sondern thematisch sortiert: Interessierte sollen locker durch diese Klanglandschaft flanieren und sich von ihren eigenen Interessen treiben lassen.

In den interaktiven Bereichen „Geist“ und „Gestalt“ werden die Besucher schließlich dazu animiert, die Geschichte(n) selbst zu entdecken: Modelle von Gebäuden wie dem Schloss Solitude und symbolhaften Objekten wie etwa dem Juchtenkäfer sollen die Wissbegier wecken und dazu einladen, sich die Themen hinter der jeweiligen Form sowohl haptisch anzueignen, als auch medial zu entdecken: Werden die weißen Modelle auf eine schwarze Fläche gestellt, wird per RFID-Chip zugleich eine mediale Erzählung mit Hintergründen und vertiefenden Informationen zum dargestellten Exponat aktiviert.

Schließlich wird in den beiden seitlich angeordneten und spiegelsymmetrisch aufgebauten „Jahrhunderträumen“ anhand von 200 authentischen Ausstellungsstücken ein Einblick in die Stuttgarter Stadtgeschichte gewährt: Eingebunden in eine dichte, chronothematische Entwicklungslinie bilden sie eine Gesamterzählung, deren einzelne Themenvertiefungen durch architektonische Abstufungen subtil gegliedert werden. Da diese beiden Räume eher dunkel sowie zurückhaltend gestaltet sind, fallen dabei nicht nur die Exponate an sich besonders ins Auge, sondern auch eine leise, künstlerische Spur: Auf farblich unterschiedlich hervorgehobenen Podesten sind auch hier die sogenannten Akteure zu finden, mit denen den historischen Inhalten eine emotionale, menschliche Note hinzugefügt wird. Beinahe poetisch werfen die feinen Drahtskulpturen des Stuttgarter Künstlers Jan Hoos ihre Schatten voraus und werden zu plastischen Portraits von Personen, die wesentlichen Einfluss auf die Geschicke der Stadt genommen haben.

Zu guter Letzt werden die Stuttgarter selbst zu Erzählern ihrer eigenen Geschichte, und dank des Mediaguides können die Besucher gemeinsam mit einem virtuellen Begleiter die Ausstellung entdecken: Vom Hip-Hop-Musiker über einen Sternekoch bis hin zum Trottwar-Verkäufer haben mehrere „Persönlichkeiten“ ihre Lieblingsstücke ausgewählt und erzählen jeweils von ihrem ganz subjektiven Stuttgart: So unterschiedlich wie die Protagonisten selbst, sind dabei auch ihre Führungen.

So wird der Besuch der Dauerausstellung zu einem multiperspektivischen Erlebnis. Die Facetten der Stadt machen sich nicht nur bildlich, haptisch und klanglich bemerkbar, sondern eben auch durch das Nachempfinden einzelner persönlicher Storys, mit der die eigene Historie zudem in Frage gestellt oder überprüft werden kann. Virtuelle und reale Fenster werden aufgemacht und die Stadt damit zum greifbaren Teil des Museums. Leider ist es allerdings nicht gelungen, das Museum in den Stadtraum zu tragen – zumindest noch nicht. Aber aktuelle Formate, die im wöchentlichen Wechsel stattfinden und die museale Erzählung fortsetzen sollen, lassen Grund zur Hoffnung: So führen etwa Skateboarder, die eben noch vor dem Haus ihre Kunststücke gezeigt haben, durch die Ausstellung, und das Sommerfestival „Stuttgart am Meer“ macht den Außenbereich dank Pool und Strandlandschaft zu einem urbanen Erlebnisort. „Die ganze Stadt ist eingeladen, diesen neuen Ort der Begegnung und des Austauschs zu entdecken. Menschen können sich hier vernetzten, über die Vergangenheit lernen, die Gegenwart erleben und über die (eigene) Zukunft diskutieren“, beschreibt Museumsdirektor Dr. Torben Giese seine Intention. Die Besucher sollen selbst zu Akteuren werden: „Bei uns lässt sich entdecken, in welcher Stadt man eigentlich lebt, aber Besucher werden auch dazu animiert, darüber nachzudenken, wie das Stuttgart sein soll, in dem sie leben möchten.“

 

… zum Ort für Stuttgart(er)

Die Dauerausstellung kann ihren Beitrag dazu definitiv leisten: Sie gibt einen charmanten Ein- und Rückblick, nutzt die eingesetzten Medien weise und verschafft jedem seinen eigenen Zugang, der auch bei wiederholten Aufenthalten immer noch nicht langweilig wird. Wenn da nicht noch ein paar Wermutstropfen wären: Zum einen der herrschaftliche Balkon, der trotz einmaligem Ausblick auf die Stadt stiefmütterlich „bewirtschaftet“ und somit kaum Teil der Ausstellung werden wird. Dann das noch in den Kinderschuhen steckende Konzept zur Verzahnung von Stadt und Museum – sowohl nach innen und außen, als auch in den digitalen Raum. Und zum anderen die in der Gestaltung stark abfallenden Sonderausstellungen, die das kuratorische Konzept ergänzen sollen. Dabei ist es nicht die Gestaltung an sich, sondern vielmehr die Bereitschaft, auch hier ein wenig Geld (und wahrscheinlich auch Zeit) in die Hand zu nehmen und das fortzuführen, was mit dem hochwertigen Umbau des Gebäudes und der Konzeption der Dauerausstellung (und damit mit einer Investition von ca. 41 Millionen Euro) begonnen wurde. Wie bereits erwähnt, soll das StadtPalais ein Ort sein, an dem Geschichte entdeckt, Gegenwart diskutiert und eine Zukunft der Stadt entworfen werden soll. In diesem Sinne sollten auch die drei Auftaktausstellungen nicht nur einen konzeptionellen, sondern auch konsistenten Dreiklang bilden: Während die ständige Ausstellung vielfältige Einblicke vor allem in die Vergangenheit liefert, können Besucher in der interaktiven Erlebnissaustellung „Sound of Stuttgart“ im zweiten Obergeschoss des Gebäudes ihre Stadt neu über den Hörsinn erleben. Die zukünftige Entwicklung Stuttgarts wird wiederum in dem diskursiv angelegten Format „Stuttgart und Du 2038“ anhand einer fantastischen Stadtlandschaft im Erdgeschoss mitgestaltet und diskutiert. Ergänzt wird dieses Angebot durch das Stadtlabor mit der Kinderbaustelle „BAU MIT“ im Gartengeschoss.

Erst wenn sich also kuratorisches und gestalterisches Konzept durchgängig und vor allem lebendig mit Stadt und Bewohnern zu einem wahren Ort vereinen lassen, an dem urbanes Leben stattfindet, dann kann das StadtPalais zu einem sinnvollen sowie sinnstiftenden Baustein Stuttgarts werden. Diesbezüglich blicken wir aber voller Zuversicht in die Zukunft, denn aus der Vergangenheit lässt sich schließlich am besten lernen …

FACTS

Projekt:

StadtPalais – Museum für Stuttgart, Stuttgart

Gestaltung/Architektur:

LRO Lederer Ragnarsdóttir Oei GmbH & Co. KG, Stuttgart (DE) > www.archlro.de

Gestaltung/Ausstellung:

jangled nerves GmbH, Stuttgart (DE) > www.janglednerves.com

Gestaltung/Medien:

jangled nerves GmbH, Stuttgart (DE) > www.janglednerves.com

Standort:

Konrad-Adenauer-Str. 2, Stuttgart (DE) > www.stadtpalais-stuttgart.de

Zeitrahmen:

seit April 2018

Auftraggeber:

Landeshauptstadt Stuttgart
vertreten durch das Technische Referat/Hochbauamt, Stuttgart (DE) > www.stuttgart.de

Fotos:

Lukas Roth, Köln (DE) [3,6,9,10,12] > lukas-roth.de
Jens Lyncker, Stuttgart (DE) [3,6,9,10,12] > www.jenslyncker.de