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Neue Welten

Elementar_die inszenierte Abtei

POSTED 15 January 2018
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An sich bedarf der Vorplatz der Otterberger Abtei-Kirche keiner zusätzlichen Inszenierung: Das 875 Jahre alte ehemalige Zisterzienserkloster spricht für sich. Die zweitgrößte Kirche der Pfalz ist neben dem Pfälzer Wald einer der großen touristischen Magnete der Region. In Kooperation mit KulturArt Otterberg e.V. und der Stadt Otterberg inszenierten Studierende der Hochschule Kaiserslautern im September 2017 dennoch eine visuelle Hommage an die reiche Geschichte des Klosters. PLOT war vor Ort und hat „Elementar_die inszenierte Abtei“ auf sich wirken lassen.


von Lena Meyerhoff

 

„Früher wurde zum Filmabend eingeladen, heute zum Projection-Mapping“, scherzt Werner Glas – und trifft damit den Nerv der Zeit. Der Hochschuldozent, Förderer und Initiator des Projekts hatte das richtige Gespür als er entschied, in ein scheinbar verschlafenes Pfälzer Örtchen wie Otterberg etwas künstlerisch-digitale Gegenwart zu tragen. Als „ein Wechselspiel zwischen realer und virtueller Architektur“ kündigte er den Abend an. Und zu sehen bekamen die Besucher am 8. September 2017 eine interdisziplinäre Licht- und Klang-Inszenierung, mit der die wechselvolle Geschichte der Abtei-Kirche auf ihre historische Kirchenfassade übersetzt wurde.

Um Punkt 22 Uhr fahren Lichtpunkte und -linien nacheinander die Konturen der Fassade ab und erinnern dabei an das Aufblättern des Disney-Logos aus dem Vorspann alter Trickfilm-Klassiker – eine Hinführung zu einer großen Geschichte. Begleitet von einer Rock-Version des bekannten Tetris-Themas fallen zunächst grobe Sandsteine vom Kirchendach herab und bauen die Fassade Stück für Stück auf: schnell, punktuell und laut. Dramaturgisch folgen mit den einzelnen Sequenzen inhaltlich und formal regelmäßige Brüche. So startet der erste Abschnitt mit rhythmisch schwingenden Fassadenelementen, die an vibrierende Bässe erinnern, und mündet als nächstes in eine sakrale und ehrfürchtige Stimmung mit aufleuchtenden Steinmetzzeichen und lateinischen Mönchsgesängen. Es folgt ein langsam schwingendes Weihrauchpendel, das tief in die Fassade hinein und heraus über die Köpfe der Besucher hinweg dichten Nebel verbreitet, der sich auf der Front entlanghangelt und schnell in psychedelischen, kaleidoskopähnlichen Illustrationen verschwindet. Schließlich lösen entgegenfliegende Tauben den Spannungsbogen auf. Den Studierenden ist es hier gelungen, Tiefenwirkung mit Grafischem sowie Surreales mit naturgetreuen Abbildungen zu verbinden.
Immer wieder berufen sich die Gestalter in ihrer konzeptionellen Umsetzung auf die geschichtlichen Hintergründe der Abtei: Die Zisterzienser-Mönche waren unter anderem dafür bekannt, eigenen Wein anzubauen. So kringeln sich in einem dem Element Erde gewidmeten Akt Weinranken entlang der Fassade, dazu spielt leise Klaviermusik von der Live-Bühne. Diese begleitet die Besucher weiter in den virtuellen Regen, der jetzt die Fassade verhüllt, den Wasser-Akt ankündigt und nur gelegentlich balletttanzende Silhouetten freigibt. Dabei bespielen die Projektionen stets das Zentrum der beleuchteten Gebäudefläche: ein Rundfenster mit circa vier Metern Durchmesser, dessen organische Ornamente im Kontrast zu den oft abstrakten, grafischen Lichtelementen stehen. Und da Wasser gleichermaßen Zartheit und Kraft verkörpert, folgt auf den anfänglich zögerlichen Regenguss eine große Flut, wie sie sich in der Kirchengeschichte ereignete. Begleitet von aggressiven Wellengesten und E-Gitarrenklängen erinnert die Szene an eine Rock-Version des Zauberlehrlings und erreicht in ihrer Dramaturgie einen ersten Höhepunkt. Abrupt endet sie in einem Störbild.

Das letzte Viertel der Inszenierung wird eingeläutet durch ein virtuelles Gewitter: Ein Blitz scheint in den Bau einzuschlagen und leises Knistern sowie Flammen sind durch das Rundfenster zu sehen – das letzte Element ist an der Reihe. Langsam baut sich ein Feuer aus dem Innenraum der Kirche auf, kriecht aus dem Rundfenster an die Außenfassade bis die Kirche unter Rauch und Glutfunken entlang ihrer Konturen komplett in Flammen steht – so wie 1670, als sie nach einem Blitzeinschlag tatsächlich teilweise abbrannte. Unter Xylophonklängen öffnen sich schließlich die Fronttüren des Baus: Mit einer Choreografie aus tanzenden Leuchtkugeln mündet die Inszenierung in ein analoges Finale, bei dem auch die Studierenden selbst noch einmal Teil des Ganzen werden.

Das Event wurde von 16 Studierenden der Fächer Innenarchitektur und Virtual Design der Hochschule Kaiserslautern konzipiert und dann mittels Photogrammetrie – eine Form der Bildvermessung – umgesetzt. Dazu musste die gesamte Fassade zentimetergenau digital erfasst werden, um die Installationen dann auf die Architektur abstimmen zu können. Eine Art Filmbearbeitungssoftware rechnete die 2D-Aufnahmen aus verschiedenen Perspektiven dann zu einem ganzheitlichen 3D-Modell zusammen, welches im nächsten Schritt als White Cube für den Entwurf diente. Auf einer Fläche von 14 auf 27 Metern wurde die Inszenierung schließlich von zwei Hochleistungsbeamern auf die abgedunkelte Fassade projiziert.

Jene ist „eine Führung durch die Geschichte des Zisterzienserklosters, die wir auf moderne Weise szenisch übersetzen und den Besuchern näher bringen wollten“, so Tirsa Reeh, Virtual-Design-Studentin und Teilnehmerin des Projekts. In wochenlanger Kleinstarbeit arbeiteten sie und ihre Kommilitonen an Konzept, Storyboard und technischer Umsetzung. Vier Elemente, drei Arbeitsgruppen: Als das Konzept stand, folgte der assoziative Part der Musiker der Emerich-Smola-Musikschule Kaiserslautern, die eigens für diesen Abend in ständigem Austausch mit den Konzeptionern die passende Musik komponierten. Patrick Müller, David und Max Punstein sowie Benedikt Rauch schrieben das akustische Stück auf Schlagwörter, Stimmungen und grobe Vorgaben der Richtung und Geschwindigkeiten. Eine andere Herausforderung für die Musiker war die Live-Inszenierung vor Publikum: „Es war eine ungewohnte Situation, da wir beim Spielen weder Bildschirm, noch Sicht auf die Fassade hatten. Das Metronom im Ohr gab uns Hinweise zum Szenenwechsel, ansonsten haben wir blind gespielt“, so Patrick Müller.

Während Professor Christian Schmachtenberg für die Konzeption der Inszenierung verantwortlich zeichnete, leitete Professor Matthias Pfaff die technische Umsetzung. Dabei hielt er die Studierenden an, alles bis ins Detail durchzuplanen – etwa wenn es um die perspektivische Anpassung der Projektion auf die Durchschnittsaugenhöhe der Zuschauer ging. Voraussetzung für einwandfrei inszeniertes Project-Mapping ist jedoch vor allem die „Kommunikation“ zwischen Beamer und Programm. So wurde die Hardware vor Ort installiert und in steter Korrektur der Mapping-Software während der Show immer wieder neu positioniert. Kommunikation war auch für die Studierenden der Schlüssel einer gelungenen Zusammenarbeit: In Wechselwirkung mit den für die Dramaturgie verantwortlichen Innenarchitektur-Studentinnen arbeiteten die Virtual Designer so ein ganzes Semester lang an dem Projekt – bis hin zum letzten Endspurt der Generalprobe bis vier Uhr in die Nacht hinein. So konnten die Zuschauer an diesem Abend eine Gesamtinszenierung bestehend aus 30 Sequenzen à 120 Stunden Rechenleistung erleben, mit welcher die Fassade für 30 Minuten bespielt wurde.

Akteure des Anfang des Jahres gegründeten Vereins KulturArt Otterberg e. V. setzten sich mit diesem Abend zum Ziel, Kunst und Kultur in der Region zu fördern und Menschen mit Interesse an kulturellen Veranstaltungen nach Otterberg holen – Einzelhandel und lokale Gastronomie sollten so gestärkt werden. Mit Erfolg, denn so konnte die über die Jahrhunderte wechselvolle Geschichte der Abtei in der Darstellung der vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft an diesem Abend künstlerisch übersetzt und Otterberg mit seiner reichen Historie in neues Licht gerückt werden.

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=SlLKMogevzs
FACTS

Projekt:

Elementar_die inszenierte Abtei

Gestaltung:

Studierende des Fachbereichs Bauen und Gestalten der Hochschule Kaiserslautern > www.hs-kl.de

Projektteam:

Projektbeteiligte und Dozenten der Emmerich-Smola-Musikschule und der Musikakademie der Stadt Kaiserslautern:
Live-Band und Komposition: Patrick Müller, David Punstein, Max Punstein, Benedikt Rauch
Tanz: Lilo Erhardt, Ayanna-S’Nit Green, Verena Kircher, Marco Lambert, Luibov Sorochynska, Ann-Christin Sreball und Tanzlehrerin Caroline Mateescu > www.kaiserslautern.de

Projektbeteiligte Fachbereich Bauen und Gestalten:
Lena Von Blohn, Kai Böttcher, Alina Braun, Chi-My Bui, Sabrina Elzer, Michelle Erlmoser, Christina Fink, Anastasia Fischer, Melanie Hanewald, Vanessa Henke, Sandra Pirmann, Andrea Rappold, Regina Reichert, Jasmin Siegl, Lilli Taesler, Thomas Beisiegel (B.A.), Prof. Dipl. Ing. Werner Glas, Prof. Dipl. Ing. (FH) Matthias Pfaff, Prof. Dipl.-Ing. (FH) Martin Reichrath, Prof. Dipl.-Des. (FH) Christian Schmachtenberg, und Dipl.-Ing. Nicole Ulrich > www.hs-kl.de

KulturArt Otterberg e.V. > www.kulturart-otterberg.de

Stadt Otterberg > www.otterberg.de

Standort:

Verbandsgemeinde Otterbach-Otterberg, 67697 Otterberg (DE)

Zeitrahmen:

08.09.2017

Fotos:

Hochschule Kaiserslautern > www.hs-kl.de