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LICHTGRENZE

POSTED 23 June 2016
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Im November 2014 gestalteten Christopher und Marc Bauder für die Kulturprojekte Berlin GmbH zum 25. Jahrestag des Mauerfalls eine Lichtinstallation entlang des innerstädtischen Verlaufs der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Als bislang größte Kunstinstallation im öffentlichen Raum ist die „Lichtgrenze“ seitdem nicht nur in aller Munde, sondern auch Wort des Jahres 2014: Der Begriff spiegele „in besonderer Weise die großen Emotionen wider, die das Ende der DDR im Herbst 1989 auch 25 Jahre später noch in ganz Deutschland hervorruft“, hieß es zur Begründung.
PLOT hat Christopher Bauder besucht und ihm nicht nur zum Gelingen des Mammut-Projekts gratuliert, sondern auch gefragt, wie die „Lichtgrenze“ eigentlich zustande kam.

von Bettina Krause

Drei Tage lang wurde anhand von 8.000 weißleuchtenden Ballons der Verlauf der Berliner Mauer auf über 15 Kilometern nachgezeichnet, um diese ehemalige Grenze am Abend des 9. November 2014 aufzulösen und die Leuchtkörper in die Luft steigen zu lassen. Christopher Bauder, Lichtdesigner und Gründer der Berliner Kreativschmiede WHITEvoid, hat die Idee zur „Lichtgrenze“ gemeinsam mit seinem Bruder Marc, Dokumentarfilmer und Inhaber von bauderfilm, entwickelt und umgesetzt: „Wir wollten das Erinnern an die Mauer für einen kurzen Moment noch mal in die Köpfe der Leute bringen. Einerseits, um nicht zu vergessen, was sie für die Menschen bedeutet hat, andererseits, um auf die positiven Aspekte hinzuweisen, die der Mauerfall gebracht hat. Denn durch den Fall der Mauer ist Berlin zu dem geworden, was es heute ist.“ Als Christopher vor knapp 20 Jahren aus Süddeutschland nach Berlin zog, war von der Mauer schon nichts mehr zu sehen. Er empfand den fast kompletten Abbau als zu überhastet: „Für mich ist das Projekt auch im Sinne der Verortung in der Stadt wichtig: Heute weiß ich oft gar nicht mehr genau, ob ich mich gerade im Osten oder im Westen befinde. Unsere Idee war es, dies mit einer temporären Markierung aus Licht nochmal deutlich zu machen.“

Erste Gedanken zur „Lichtgrenze“ entwickelten die Brüder schon vor über sieben Jahren. Damals überlegten sie, mit 43.000 Ballons den kompletten Mauerverlauf als temporäres Licht-Kunstwerk für nur einen Abend zum Leuchten zu bringen. Zwei Jahre später suchte die Kulturprojekte Berlin GmbH dann eine Idee für die Feier zum 25. Jahrestag des Mauerfalls und war sofort begeistert von Bauders Visionen. „Allerdings wollten die Initiatoren eine Aktion für ein ganzes Wochenende. Und mit dieser Erkenntnis potenzierte sich der Schwierigkeitsgrad der Aufgabe mit dem Faktor Hundert. Denn wir mussten etwas bauen, das leicht zu transportieren ist, drei Tage lang gleich hell leuchtet, bei Regen, Sturm oder Hagel stabil steht, um dann am dritten Tag locker-leicht davonzufliegen – eigentlich unmöglich. Also haben wir anderthalb Jahre an der Lösung gearbeitet.“ Zuerst wurde die ursprüngliche Strecke auf 15 Kilometer – zwischen Bornholmer Straße und Oberbaumbrücke führt der Installationsverlauf mitten durch das Zentrum Berlins, vorbei am Mauerpark, entlang der Bernauer Straße bis zum Brandenburger Tor, über den Potsdamer Platz zum Checkpoint Charlie und zur East Side Gallery – gekürzt. Dann wurde probiert, experimentiert und entwickelt: Wie können die Stelen aussehen? Welchen Abstand müssen sie haben? Wie kann der Ballon so aussehen, als würde er von Innen leuchten? Wie kann dieser „wegfliegen“, ohne dass Batterie und LED mit abheben? Wie muss der Auslöse-Mechanismus gestaltetet sein, damit er nicht schon vorher mit einem Schraubenzieher bedient werden kann? Welche Größe brauchen die Ballons, wie hell müssen sie leuchten und welche Batterie ist die beste? Es stellten sich sehr viele Fragen …
So nahm das Mammut-Projekt Fahrt auf und am Ende waren mehrere tausend Menschen darin involviert. In einem Forschungsprojekt mit der Universität Hannover wurde dabei ein biologisch abbaubarer Kunststoff-Verschluss eigens für die „Lichtgrenze“ entwickelt: Das umweltverträgliche Produkt löst sich rückstandslos auf, genauso wie die Ballons aus Natur-Kautschuk, die etwa so viel Zeit im Abbau benötigen wie ein Eichenblatt. Die Montage der über 40 Einzelteile pro Stele – also fast 400.000 Teile insgesamt – übernahm eine Behindertenwerkstatt, die mehr als drei Monate daran arbeitete. Ein Standfuß aus Kunststoff, der sich mit 20 Litern Wasser befüllen ließ, sorgte für die notwendige Standfestigkeit in der Stadt. Jener enthielt dabei sowohl die Batterie für eine drei Tage andauernde, gleichmäßige Stromversorgung sowie den Auslöse-Mechanismus, der nur mit einem speziellen Schlüssel zu betätigen war, um den Ballon am Ende wegfliegen zu lassen. Durch ein langes dünnes Karbon-Rohr war der Fuß sehr flexibel mit einer trichterförmigen Halterung für die ringförmige LED-Beleuchtung sowie die Ballonhalterung verbunden. Wobei jeder einzelne Ballon zunächst für zwei Tage mit Luft gefüllt und am letzten Tag gegen einen Helium-Ballon ausgetauscht wurde. Statische Prüfungen gewährleisteten zudem, dass die Leucht- und Flugkörper Temperaturschwankungen (von -10 bis +30 Grad) sowie starken Wind (bis zu 60 km/h Geschwindigkeit) überstanden. Am letzten Abend der Installation ließen 8.000 Ballonpaten dann ihren persönlichen Ballon – versehen mit einer individuellen Nachricht – in den Berliner Nachthimmel aufsteigen. Somit wurde die Mauer aus Licht mit Hilfe der Bürger buchstäblich wieder in Luft aufgelöst.

Vom ersten Moment der Illumination der Ballons glich die „Lichtgrenze“ mit ihren Millionen Besuchern einem Pilgerweg. Dabei zog kein einzelner Ort die Menschen an, sondern die ganze Strecke wurde als Highlight erlebt: „Das war meinem Bruder und mir immer wichtig, dass es sich um eine Gedenkveranstaltung handelt, die komplett entlang dieses besonderen Orts stattfindet – und zwar gleichzeitig und überall. Das war auch das Schöne an der Aufsteige-Aktion: Überall war viel los und es hat überall gleich gut funktioniert.“ Eine vertiefende Ebene des Erinnerns ergab sich zudem aus dem Dreiklang der neutralen Ballons mit Informationstafeln der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. sowie großformatigen LED-Screens, auf denen die Film-Collage „Mauerstücke“ von Marc Bauder zu sehen war. Das historische Filmmaterial – vom Mauerbau bis zum -fall – zeigte entlang der Strecke Szenen, die sich an Ort und Stelle zugetragen hatten und holte so die Geschichte in den Raum zurück.
Trotz der Massen an Besuchern war – für Berlin untypisch – Vandalismus kein Problem: Von 8.000 Stelen mussten nur etwa 100 ausgetauscht werden. Erst in der dritten Nacht zeigte sich Berlin gewohnt dreist: „Wir haben am Sonntagabend noch am Engelbecken gefeiert und ich dachte: Komisch, bauen die schon ab? Denn ich konnte im Dunkeln sehen, dass die Lichter wie von Ameisen wegtragen wurden: Innerhalb von zwei Stunden stand da auf einmal keine einzige Stele mehr. Und am Ende wurden insgesamt nur noch 3.000 Stelen abgebaut, der Rest war schon geklaut. Menschen haben ihr Kind aus dem Kinderwagen genommen und die Stele hineingelegt – sensationell, das fand ich super!“ Am nächsten Tag titelten viele Zeitungen mit dem Vergleich zu den Mauer-Spechten von vor 25 Jahren. „Wir empfanden dies als umso größeres Kompliment, dass Leute einen Teil der ‚Lichtgrenze‘ mitnehmen wollten, weil mit den Stelen alleine ja eigentlich niemand etwas anfangen kann. Außer in Prenzlauer Berg: Hier steht nun eine vor einem Restaurant, hat wieder einen Ballon oben drauf, ist mit Strom versorgt und schön angekettet, damit sie keiner klaut – ist aber natürlich selbst von irgendwo mitgenommen worden …“

Der nachhaltige Effekt der „Lichtgrenze“ auf die Stadt ist dabei unbestritten: „Mein Bruder sagt immer, wenn jeder, der die ‚Lichtgrenze‘ erlebt hat eine neue Frage oder Erkenntnis für sich mitnimmt, haben wir unser Ziel erreicht. Mein Hauptanliegen war die Verortung der Mauer im städtischen Gefüge und zu zeigen, wie sich die Stadt seit dem Mauerfall verändert hat. Und für uns beide war die ‚Lichtgrenze‘ eine neutrale Markierung, die wir anbieten. Was Menschen, die den Bau und den Fall der Mauer tatsächlich erlebt haben, dabei empfinden, können wir weder vorgeben, noch beeinflussen. Aber was wir als Feedback bekommen haben zeigt, dass es für alle gleichermaßen gut funktioniert hat – egal welche Beziehung jeder einzelne zur Mauer hatte oder nicht.“
Dass die Ballons nicht mehr leuchteten als sie am Sonntagabend in die Luft stiegen, überraschte manchen Zuschauer. Wobei nicht nur ökologische Gründe dafür ausschlaggebend waren: „Wir fanden es gut, dass das Licht am Ende der Aktion ausgeht – warum sollte die Mauer weiterleuchten, wenn sie davonfliegt? Für uns war dies der Schlusspunkt: Das Licht geht aus, die ‚Lichtgrenze‘ löst sich auf und verschwindet.“ Für den eindrucksvollsten Blick auf die leuchtenden Ballons, hätten Besucher allerdings selbst kurzzeitig abheben müssen: „Wir haben mit airberlin einen Presse-Rundflug veranstaltet und konnten die ‚Lichtgrenze‘ tatsächlich von oben sehen – als dünne Linie, die aber sehr scharf und in einem sehr starken Weiß geleuchtet hat. Es war eine krasse Erkenntnis zu sehen, welchen Eingriff wir im Stadtbild produziert haben. Das war sicher in der Dimension und Intensität eine einmalige Sache. Viel mehr geht nicht – glaube ich.“

FACTS

Projekt:

LICHTGRENZE, ehemalige Berliner Mauer, Berlin (DE) > www.lichtgrenze.de

Gestaltung:

Christopher und Marc Bauder/WHITEvoid GmbH, Berlin, (DE) > www.christopherbauder.com

Bauausführung:

Christopher Bauder/WHITEvoid GmbH, Berlin (DE) > www.whitevoid.com

Lichtplanung:

WHITEvoid GmbH, Berlin (DE) > www.whitevoid.com

Standort:

ehemalige Berliner Mauer, Berlin (DE)

Zeitrahmen:

November 2014

Auftraggeber:

Kulturprojekte Berlin GmbH, Berlin (DE) > www.kulturprojekte-berlin.de

Fotos:

RALPH LARMANN COMPANY, Hadamar (DE) > ralph-larmann.format.com