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Film- & Bühnenarchitektur

Filmrezension „The Act of Killing“

POSTED 18. Februar 2016
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PLOT hat Fernsehen geschaut! Und war von „The Act of Killing“ erschüttert. 2014 für den Oscar für die beste Dokumentation nominiert, lief der Film von Joshua Oppenheimer nun erneut auf arte. Dabei sind die Protagonisten echte, böse Menschen, die von ihren wahren, bösen Taten erzählen: Der amerikanische Regisseur brachte politische Massenmörder dazu, ihre Bluttaten vor der Kamera nachzuspielen und über den Akt der Tötung zu sprechen. Selten durften Zuschauer somit Menschen, die gemordet haben, so nahe kommen. Das heimische Wohnzimmer wird nach dem Kinosaal zum Wiederaufführungsort dieser schrecklichen Erinnerungen, die für die Täter bis heute Heldentaten darstellen.

von Alexander Bischoff

Dieser Film ist ein Rätsel und wird es immer bleiben. Dabei ist seine Prämisse schnell zusammengefasst und hat das Potential, sensibleren Zuschauern bereits Alpträume zu schenken: Ein junger Filmemacher trifft in Indonesien Menschen, die dort an den anti-kommunistisch motivierten Tötungen von 1965 bis 1966 mitwirkten. Diese Täter wurden in westlichen Medien sowie in ihrer Heimat als Helden gefeiert. Sie sprechen als legitimierte Sieger stolz von ihren Taten und prahlen damit, wie sie das Land vor den Kommunisten retteten. Dies tun sie erstaunlich gerne und ohne Mitgefühl. Bei Interviews gelang es Oppenheimer, immer ranghöhere Beteiligte vor die Kamera zu bekommen und er beschloss, mit den mächtigsten unter ihnen einen Film zu drehen: Er bot ihnen an, ihre Perspektive und ihre Erinnerungen an die Tötungen vor der Kamera nachzustellen.
Damit beginnt ein Film-Alptraum, in dem wohlhabende, lachende, ältere Herren und ihre organisierten, vom Staat geschützten Gangster-Cliquen von Massenmorden berichten, wie es noch nie gesehen wurde. Da sie die Sieger der aktuellen Geschichtsschreibung Indonesiens sind und dafür gefeiert und belohnt wurden, haben sie keinerlei Schuldempfinden. Sie können lachend und philosophierend Folterungen und Hinrichtungen nachstellen, als sei es für sie ein großes Fest – damals wie heute.

„The Act of Killing“ begleitet Täter ohne Reue, die mit Freude ihre Taten und Empfindungen darüber filmisch umsetzten. Protagonisten, die mit ihrer Macht, ihrer Kaltblütigkeit wie Jugendliche prahlen und ausblenden, wie viel Leid sie dadurch verursacht haben. Es ist ihnen schlicht egal. Sie sind die Herrscher ihrer Welt. Selten wurden Mitmenschen beobachtet, die so viel Macht hatten und noch immer haben, seit sie Teil der politischen Elite ihres Landes wurden. Mit Freude benutzen sie die filmische Palette, die ihnen Oppenheimer anbietet, und stürzen sich in ihr Projekt wie leidenschaftliche Filmemacher. Neben Folterungen und praktischen Ermordungstechniken, stellen sie skurrile Heimsuchungen durch die Geister der Opfer sowie eine Musical-Erlösungs-Vision im Paradies nach.

Szenografisch ist gerade das Spannungsfeld zwischen den echten Tatorten und den inszenierten Räumen zu beachten. Die Realität driftet in den Traum und der Traum weckt tiefsitzende Spuren, welche die Realität in der Erinnerung hinterlassen hat. Und der Film beginnt auf seine Darsteller zu wirken.
Das Reenactment der Auslöschung eines Dorfes ist dabei exemplarisch: Die paramilitärische Jugend, die als Statisten mitwirken und die blutrünstigen Täter spielen, wird lautstark angeheizt und in die Rolle gebracht, bevor das Massaker gedreht werden soll. Plötzlich bricht ihr Anführer – ein mächtiger Politiker – die Szene ab, weil ihm die Täter so zu aggressiv und negativ wirken. Gleichzeitig will er aber auch, dass alle Gegner im Land erfahren, wie brutal diese jungen Paramilitärs im Ernstfall wieder sein könnten. Was der Film zu entlarven droht, wäre in der Propaganda-Arbeit wiederum gut: Unterschiedliche Ansprüche von Kunst und Politik treffen hier bedrohlich aufeinander. Oppenheimer schildert in Interviews diesen Moment als einen der gefährlichsten bei den Dreharbeiten, da die Gefahr bestand, dass die Protagonisten durchschauten, dass sie sich in ihrem Film entlarven könnten.

So viele schreckliche Kerle und so wenig Einsicht sind hier zu finden und dann geschieht das Unglaubliche: Wie eine therapeutische Übung beginnt die Arbeit an dem Film, in einem der Protagonisten zu einem Aufbrechen der Schutzmechanismen zu führen. Immer tiefer lässt dieser Mensch den Filmemacher und das Publikum in seine Alpträume und seine Ängste blicken. Der Beginn eines zaghaften Schuldeingeständnisses wird hier dokumentiert. Stockende, unsichere Schritte, die vielleicht nie zu einer vollen Erkenntnis führen werden.

„The Act of Killing“ ist verstörend und birgt zugleich einen kleinen Funken der Hoffnung. Zu sehen, dass eine falsche Realität, die viele Jahrzehnte aufrecht gehalten wurde, Risse bekommen kann, erzeugt Mitgefühl für einen brutalen und eiskalten Mörder. Durch die Wiederaufführung der eigenen Taten und die Folgen für die Opfer, wird für den Täter leise hörbar sowie langsam begreiflich, was für Schrecken und Unheil er über seine Opfer brachte. Die Lüge, dass die Kommunisten die Bösen waren, soll rechtfertigen, was nicht zu rechtfertigen ist.
Einer der Protagonisten, der trotz des vielen Mordens immer noch gut schlafen kann, erklärt selbstbewusst und reflektiert, dass man, wenn man getötet hat, eine Lüge braucht, die diese Taten rechtfertigt, damit das Töten einen Sinn hatte. Dann muss man sein ganzes Leben an dieser Lüge festhalten, um keine Schuld zu empfinden. „The Act of Killing“ zeigt ein zaghaftes, dann erschütterndes Loslassen von der Lüge und wie hinter ihr und der vielen Gewalt, ein Mensch sichtbar wird, der einer von uns sein könnte …

 

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The Act of Killing (OmU)

 

FACTS

Titel:

The Act of Killing

Kinostart:

14.11.2013

Regie:

Joshua Oppenheimer, Christine Cynn, Anonym

Szenenbild:

Anonym

Kamera:

Anonym, Carlos Mariano Arango de Montis, Lars Skree

Fotos:

1 Joshua Oppenheimer, Final Cut For Real APS, Piraya Film AS und Novaya Zemlya LTD, 2012
2 Anonym, Final Cut For Real APS, Piraya Film AS und Novaya Zemlya LTD, 2012
3 Anonym, Final Cut For Real APS, Piraya Film AS und Novaya Zemlya LTD, 2012
4 Anonym, Final Cut For Real APS, Piraya Film AS und Novaya Zemlya LTD, 2012
5 Carlos Arango de Montis, Final Cut For Real APS, Piraya Film AS und Novaya Zemlya LTD, 2012
6 Final Cut For Real APS, Piraya Film AS und Novaya Zemlya LTD, 2012
> www.theactofkilling.de

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