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Exhibition Design

Kunsthalle Mannheim

POSTED 18 February 2019
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Mit ihrem Neustart 2018 hat sich die Mannheimer Kunsthalle ebenfalls eine neue digitale Strategie verordnet. Sie soll Schwellenängste abbauen,neue Handlungs- und Wirkungsfelder eröffnen und vor allem ein junges Publikum, die Generation der „Digital Natives“, für die Kunst begeistern. Hierfür wurden vom Stuttgarter Atelier für auditive Kommunikation Klangerfinder gleich mehrere Werkzeuge entwickelt – darunter eine Multimedia-App, das Creative Lab im Jugendstil-Bau des Museums sowie die Collection Wall im neuen Atrium. Dabei stand nicht die schiere technische Machbarkeit im Fokus ihrer Arbeit, sondern vielmehr der Wunsch, mit dem Digitalen die Sinne sowie das Bewusstsein der Besucher zu schärfen und zu stimulieren, um die originalen Kunstwerke individuell wahrzunehmen und diese authentischen Erfahrungen mit anderen zu teilen. Wie das im Einzelnen gelungen ist, hat sich PLOT vor Ort genauer angeschaut.

 

von Sandra Gawlowski

 

Am 1. Juni 2018 wurde der Neubau der Kunsthalle Mannheim offiziell eröffnet, über 160.000 Menschen waren seitdem vor Ort – eine stattliche Besucherzahl, mit der alle Erwartungen übertroffen wurden und die selbst die langjährige Direktorin Dr. Ulrike Lorenz kurz vor ihrem Wechsel zur Klassik Stiftung Weimar im August 2019 noch einmal stolz dastehen lässt. Zurecht!
Als eine der ersten Bürgersammlungen der Moderne wurde die Institution 1909 gegründet und nun, rund 100 Jahre später, durch einen beeindruckenden Neubau am Wasserturm erweitert. Dabei lag die kreative Herausforderung bei diesem Projekt von Anfang an darin, den Jugendstilkomplex von Hermann Billing mit der Neukonstruktion so zu verbinden, dass keine Bauart im Schatten der anderen steht. Dieser Aufgabe wollten sich namhafte Architekten wie David Chipperfield, Max Dudler und Zaha Hadid stellen, doch sie scheiterten bereits in der Vorrunde. Den Zuschlag bekam das Hamburger Büro gmp. Architekten von Gerkan, Marg und Partner, das in zweieinhalb Jahren Bauzeit die markante Stadtstruktur Mannheims auf das neue Gebäude übertrug und eine Art Museumsstadt in der Stadt errichten konnte. Summa summarum beliefen sich die Gesamtkosten auf 68,3 Millionen Euro, die zum größten Teil mit der großzügigen Spende von 50 Millionen Euro seitens des SAP-Mitgründers Hans-Werner Hector gedeckt wurden.

 

Museum in Bewegung

Entstanden ist nun ein einladender Ausstellungsort, der neue Maßstäbe setzt und sich engagiert und anpassungsfähig, innovativ und weltoffen präsentiert. Hier trifft jahrhundertalte Kunst auf digitale Innovationen, hier kommen Alt und Jung zusammen. Dazu passt auch, dass der aktuell größte museale Neubau Deutschlands mit seiner international bedeutenden Sammlung als „Museum in Bewegung“ verstanden werden möchte – das ausgeklügelte Museumskonzept der Direktorin ist mutig, radikal, progressiv: Es folgt nicht starr den Strukturen des konventionellen Museumsbetriebs, der hauptsächlich kunsthistorisches Wissen auf hohem Niveau zu erzielen bezweckt, sondern geht neue Wege und hinterfragt kritisch, welche Relevanz Kunst für unser Leben im 21. Jahrhundert hat. Die Kunsthalle will Kulturtempel der urbanen Zukunft sein, dessen kuratorisches Programm den Alltag widerspiegelt und unsere persönlichen, sinnlichen und emotionalen Komponenten in Bezug auf Kunst beleuchtet. Dabei stehen auch gesellschaftliche Erfahrungen im urbanen Kontext im Fokus. So soll der Besuch im Museum dem Publikum in Form eines Entdeckungsprozesses zeigen, dass es nicht aus bloßen Bewunderern besteht, sondern aus kritischen, mündigen Individuen, die ihre Rolle als Rezipienten neu überdenken müssen. „In der Hinwendung zum Publikum ist das Museum vor allem Vermittlungsstruktur und mehr als nur ein Raum der Repräsentation. Das Kunstmuseum der Zukunft liegt mitten in der Gesellschaft. Es bietet sich verständlich und überzeugend als ein sozialer Frei-Raum an. Ihn gestalten Kuratoren, Künstler und Publikum gemeinsam“, schildert Dr. Ulrike Lorenz ihre Vision.

Angelehnt an die historische Schachbrett-Struktur Mannheims, forcierten die Architekten dabei von Beginn an konsequent ein „Stadt in der Stadt“-Konzept, das den Besuchern dank der offenen Strukturen reale Lichtverhältnisse, urbane Ausblicke und durchaus neue Perspektiven bietet. Ein knapp 22 Meter hohes, lichtdurchflutetes Atrium heißt jeden Besucher willkommen – und zwar wirklich jeden, da es frei zugänglich und kostenfrei zu passieren ist. Hier ist genug Luft zum Atmen, Platz für Gedanken, Licht natürlicher und künstlicher Art. Das Atrium soll einen zentralen Marktplatz versinnbildlichen, an dem alle aufeinandertreffen, um dann nach Gusto voneinander weg das eigene Ziel, sprich das ausgewählte Kunstprogramm, anzuvisieren. Umgeben ist dieser Innenhof von sieben Ausstellungshäusern mit 13 Kuben, die über Galerien, Brücken und Terrassen zwar räumlich, aber nicht thematisch miteinander verbunden sind. Somit kommt die Kunsthalle hier auch in architektonischer Hinsicht ihrem Credo des „in Bewegung Setzens“ nach und ermöglicht dem Publikum anstelle eines festgelegten Wegs Entscheidungsfreiheiten bei der subjektiven Richtungswahl.

 

Museum mit digitaler Strategie

„Dass die Kunsthalle Mannheim dabei nicht nur auf analoge, sondern auch digitale Kunstvermittlung setzt, macht den Neubau umso spektakulärer“, erklärt Christoph Dahl, Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung und damit Förderer der neuen Medien- und Vermittlungsmaßnahmen. „Bislang einzigartig in Deutschland ist das Zusammenspiel aller Angebote der digitalen Strategie auf Grundlage der Digitalisierung der Sammlung. Darüberhinaus wird ein barrierearmer Zugang zu Kunst und Wissen für viele Menschen eröffnet.“ Dr. Ulrike Lorenz und ihr Team betrachten das Zusammenspiel von analogem Kunstmuseum und Kunsthalle 4.0 dabei als genau das, was es ist: ein bereicherndes „Crossmapping“ diverser Medialitäten, das neue Erkenntnisse schafft – in Mannheim vor Ort oder weltweit vor dem PC. „Digitalisierung ist eine Form von Übersetzungsarbeit: Kunstwerke lassen sich in einer neuen sprachlichen Ebene miteinander vernetzen, interpretieren und erleben. Das bedeutet für die Kunsthalle: im erweiterten Feld mit der Welt zu kommunizieren, auch mit jenen, die noch nicht unser Publikum sind“, beschreibt Heiko Daniels, Projektleiter „Digitale Strategie“, die Idee hinter der digitalen „Revolution“. „Die Kunsthalle will die Chancen der digitalisierten Gesellschaft voll nutzen!“

Um dies umfassend umzusetzen, griffen die Verantwortlichen gleich bei den ersten Beratungen auf die Expertise der Stuttgarter Agentur Klangerfinder zurück. Gegründet und geleitet von Prof. Florian Käppler, verbindet das Atelier für auditive Kommunikation Kunst mit State-of-the-Art-Technologien, ohne dabei den Rezipienten und dessen Bedürfnisse hinsichtlich des Artefakts außer Acht zu lassen: „Die Konzeption und Anwendung von Technologie ist für uns nie Selbstzweck, sondern folgt stets inhaltlichen Anforderungen und dem Bewusstsein, dass am Ende jeder Kommunikation ein Mensch steht, der eine Botschaft mit allen Sinnen wahrnimmt“, führt Florian Käppler die Herangehensweise der Kreativen aus. „Wir begreifen die digitale Strategie der Kunsthalle als ein demokratisierendes Mensch-Kunst-Interface. Deswegen verstehen wir die Eröffnung der Kunsthalle auch nicht als Endpunkt, sondern vielmehr als Start eines stetigen Weiterentwicklungsprozesses, der die Erprobung und Erforschung sowie das kritische Hinterfragen in den Mittelpunkt eines offenen Diskurses um die Zukunft der Kunst in einer digitalisierten Gesellschaft stellt. Uns geht es um die Frage, wie Kunst und Kultur in einer digitalisierten Welt erlebt und fortgeschrieben werden können. Wir möchten diese neuen Räume erforschen und für die Kunst erobern.“
Die Arbeit begonnen hat das interdisziplinäre Team aus Medienkünstlern, Komponisten, Sound-Designern und IT-Spezialisten im Jahr 2015 – wobei die Aufbruchsstimmung und der konsequente Wille der Kunsthalle Mannheim, Neues zu wagen und zu experimentieren, das Projekt schon von der ersten Sekunde zu einer spannenden Herausforderung machten: In einem ergebnisoffenen Prozess wurden zu Beginn neue Ideen und Ansätze, die für ein Kunstmuseum der Zukunft von Bedeutung sein können, entwickelt. Auf dieser Basis wurden dann die konkreten Instrumente und Maßnahmen zur Umsetzung ausgeschrieben und Klangerfinder schließlich als Generalunternehmer für die Planung und Umsetzung beauftragt.

Und so weist die Kunsthalle Mannheim nun ein vielfältiges Angebot an spannenden Maßnahmen und Innovationen auf, damit sich reale und virtuelle Museumssphären wechselseitig durchdringen. Angefangen mit dem Museum Orchestration Server (MOS): Er ist das Gehirn der digitalen Strategie und Schnittstelle zur Museumsdatenbank. Eigens konzipiert und programmiert von Klangerfinder, verbindet und steuert der MOS dabei sämtliche digitale Instrumente. Unter anderem die Multimedia-App, die eine gelungene Starthilfe für jeden Besucher darstellt und Interessierte mit insgesamt sieben medialen Führungen auf dem eigenen Smartphone durch das Museum navigiert – fast wie ein Stadtführer. Hier werden Informationen zu den 742 ausgestellten Kunstwerken gegeben, während versteckte „Easter Eggs“ die Besucher mit Besonderheiten überraschen. Als eines der wichtigsten Symbole der digitalen Strategie gilt zudem die Collection Wall: Sie ist direkt im Atrium zu finden und Besucher können (auch ohne Eintritt zu bezahlen) an 16 großen, zusammenhängenden Monitoren durch Gestenfunktion über 1.100 Kunstwerke der Mannheimer Kunstsammlung unter anderem in Originalgröße abrufen. Das digitale Instrument erfreut sich großer Beliebtheit beim Publikum, nicht zuletzt wegen seiner intuitiven Handhabung. Mit dem Creative Lab wird derweil in vier Räumen im Westflügel des Jugendstilbaus ein neuer Schwerpunkt bei der Erprobung digitaler Werkzeuge und multimedialer Darstellungsformen im Kunstmuseum des 21. Jahrhunderts gesetzt. Hier sollen Denkimpulse und Wahrnehmungsexperimente ermöglicht werden, und so befinden sich in diesem „Labor“ ein Graphiktisch, ein persönlicher Museumskatalog, 360-Grad-Filme, die Augmented Reality-Anwendung „SculptYours“ sowie die „Skulpturendisco“. Während Besucher am Graphiktisch die graphische Sammlung mit über 33.000 Blättern an einem hochauflösenden Touch-Display betrachten, erforschen und digital in die Details künstlerischer Handschriften und angewandter Techniken eintauchen können, wird an einer anderen Station gescribbelt, gescannt, geschnitten und der Persönliche Museumskatalog (PMK) mit Bildern eigener Erlebnisse sowie Favoriten der Sammlung zusammengestellt. Sämtliche Kunstwerke sowie die dazugehörigen Infotexte können hier problemlos aufgerufen und individuell kommentiert werden. Auf diese Weise lassen sich 16- oder 24-seitige Broschüren erstellen, die als pdf-Dateien gespeichert und an die eigene E-Mail-Adresse versendet oder im Anschluss sogar gedruckt werden können. Als Sinnbild für das „Museum in Bewegung“ fungiert wiederum die Skulpturendisco, denn die Besucher werden hier – frei nach Beuys – selbst zu Künstlern: In festen Intervallen werden ihre Bewegungen zur Musik festgehalten, übereinander gelegt und als Momentaufnahmen in den Raum projiziert. Kunst, Klang und Körper werden so zu einem neuen Medium. Schließlich bietet der Digital Classroom Arbeitsblätter zum Download, mit denen sich Schüler und Lehrer auf ihren Museumsbesuch vorbereiten können und zu guter Letzt werden für die Sammlung online seit 2015 35.000 Graphiken, 2.150 Gemälde, 850 Skulpturen und 600 Werkkunst-Objekte sukzessive digitalisiert und entsprechend textlich aufbereitet – die wesentliche Grundlage des gesamten Digital-Konzepts! „Mit unserer digitalen Strategie eröffnen sich neue Handlungs- und Wirkungsfelder. Neben das analoge Museum als einzigartigen Erlebnisraum tritt nun das digitale Museum mit seinen Vorteilen im Kontextualisieren von Wissen, im Teilen und Vergemeinschaften und im kreativen Selbsttun. Nutzer werden hier zu aktiven Gestaltern und Produzenten neuer Inhalte. Sie schöpfen Werte und bilden Gemeinschaften, von denen das Museum nur profitieren kann“, erläutert Lorenz ihren Ansatz.

 

Museum des 21. Jahrhunderts

Neue Ausrichtung, neue Architektur, neue Medien – obwohl der Neubau viel Veränderungen mit sich bringt, ist das Museum dennoch dem Leitsatz des ersten Kunstdirektors Fritz Wichert treu geblieben: Es ist, beziehungsweise soll künftig sogar noch mehr eine „Kunsthalle für alle“ sein. Durch spannende Exponate digitaler Natur ist das „Museum der Zukunft“ hier bereits in Ansätzen erkennbar und die Kunsthalle entpuppt sich als Underdog, der sich doch locker mit den Großen – in London, Dubai oder Berlin – messen kann. Mannheims Kulturschaffende sind demnach absolut auf der Höhe der Zeit: Mit der Positionierung der digitalen Strategie beweisen sie, dass sie die Wichtigkeit dieser erkannt haben und der Überzeugung sind, analoge und digitale Kunst vermöge sich zu bereichern und dank der Arbeit von Klangerfinder gar eine Einheit zu bilden. Und sie haben eines verstanden: Digitalisierung gehört zum Museum des 21. Jahrhunderts genauso wie die Mona Lisa zu da Vincis Meisterwerken.

Die Sammlung online finden Sie unter www.sammlung-online.kuma.art.

FACTS

Projekt:

Kunsthalle Mannheim, Mannheim

Gestaltung/Architektur:

gmp Generalplanungsgesellschaft mbH, Hamburg (DE) > www.gmp-architekten.de

Gestaltung/Digitale Strategie:

Klangerfinder GmbH & Co. KG, Stuttgart (DE) > www.klangerfinder.de

Standort:

Friedrichsplatz 4, Mannheim (DE)

Zeitrahmen:

seit Juni 2018

Auftraggeber:

Kunsthalle Mannheim, Mannheim (DE) > www.kuma.art

Fotos:

HGEsch Photography, Hennef (DE) > www.hgesch.de
Stefan Schilling/Kunsthalle Mannheim, Mannheim (DE) > www.kuma.art
Dietrich Bechtel/Kunsthalle Mannheim, Mannheim (DE) > www.kuma.art