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Die Zukunft der Szenografie der Zukunft

POSTED 22 January 2019
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Die Zukunft der Szenografie ist blau: Sie lebt vom LED-Licht, von digitalen Räumen und der Möglichkeit, in jene immersiv einzutauchen. Dies ist zumindest der erste Gedanke, der den meisten in den Kopf schießt, wenn sie über die Weiterentwicklung dieser interdisziplinären Gestaltungshaltung philosophieren. Doch bei längerem Nachdenken scheint eine allein „blaue Szenografie“ keine zukunftstaugliche Alternative zu sein – zu eingeschränkt sind die Möglichkeiten der gemeinsamen Kommunikation bzw. des Erlebens von (räumlichen) Inhalten. Also wie sieht sie wirklich aus die Zukunft der Szenografie?
Ein Annäherungsversuch …


von Janina Poesch

 

Um sich ein Bild von der Zukunft der Szenografie zu machen, ist es wohl sinnvoll, sich zuerst mit der gegenwärtigen Zukunft an sich auseinanderzusetzen: Denn noch nie waren wir so unsicher ob der Dinge, die auf uns zukommen werden, und es fällt uns wesentlich leichter, düstere Dystopien zu formulieren als über ernstgemeinte Träume von einer besseren Welt zu sinnieren. Dabei entwickeln wir Menschen seit jeher Utopien – Gedankenkonstrukte über eine fiktive Gesellschaftsordnung, die sich zu einem Wunsch- oder Angstbild verdichten. Utopien kritisieren bestehende Institutionen sowie sozialpolitische Verhältnisse und zeichnen eine durchdachte Alternative auf. Bei alldem machen sie den Menschen zu einem aktiven, gestalterischen Wesen und schreiben jedem Individuum die gleichen Rechte zu. Nun behauptet der marxistische Zyniker Slavoj Žižek jedoch, dass wir aktuell zum ersten Mal in einem Zeitalter leben, in dem es gar keine Utopien mehr gibt, und der schwedische Künstler Alexander Bard formuliert, dass wir uns längst in einer hyperzynischen Ära befinden – und unsere Wünsche, Hoffnungen, Träume nicht mehr ernst nehmen. Haben wir etwa schon aufgegeben? Beugen wir uns der Gegenwart und lassen sie ganz ohne eigenes Handeln geschehen? Was bedeutet dies für unsere Zukunft? Wenn wir keine Utopien mehr entwerfen, haben wir denn dann noch Visionen?
Visionen spiegeln wider, was wir jetzt wollen und was wir jetzt für uns als wichtig erachten, was jetzt Herausforderungen und Probleme sind und was jetzt zu tun ist, um die Chance auf ein besseres Morgen zu ergreifen. Die Zukunft ist ein Ort für Wünsche, Hoffnungen und Möglichkeiten, die Gegenwart demnach unabdingbar ein Ort des Handelns – und die Vergangenheit wird damit zum Ort, von dem wir lernen können. Unsere Visionen sollten nicht dominiert werden von Ängsten und Schreckensbildern, die so manche Dystopien zeichnen, wir brauchen vielmehr Visionen, die uns wieder befähigen, die Zusammenhänge neu zu denken, und uns wieder für die Zukunft zu faszinieren. Dabei ist es das Beste, uns unentwegt Fragen zu stellen und entlang dieser Fragen weiterzudenken. Wir sollten unsere Neugier walten lassen und nicht der Eitelkeit verfallen, zu denken, dass wir ohnehin schon alles wissen: Wie wollen wir in Zukunft leben, wohnen, arbeiten, kommunizieren, uns fortbewegen und mit unseren Ressourcen umgehen? Was sind die individuellen und gesellschaftlichen Themenfelder von morgen? Wie lassen sich Räume für eine visionäre Zukunft öffnen? Wie sieht die Zukunft aus, an die wir uns im Jahr 2039 erinnern wollen? Wann kommt der Zeitpunkt, an dem die Dinge, wie wir sie heute kennen, nicht mehr funktionieren – und was sind die Alternativen? Unsere Antworten bilden dann die Ausgangslage für neue Fragen und unser dementsprechendes Handeln die Basis für unsere Zukunft. Zukunft ist also kein Zufall, sondern durchaus gestaltbar!
Wir können das, was kommt, also schon heute (mit-)prägen: Wir können bereits jetzt den Grundstein für wirtschaftliche, ökologische, politische und gesellschaftliche Innovationen legen und die Zukunft damit zu einem angenehmeren Ort machen. Dafür müssen wir allerdings eine umfassende Sicht darauf entwickeln, wie die Technologie unser Leben beeinflusst und unsere ökonomische, soziale, kulturelle und menschliche Umwelt verändert. Wir müssen den Umbruch zulassen und den Wandel formen. Am besten gelingt uns dies, wenn wir die besten Seiten der menschlichen Natur – Empathie, Verantwortungsgefühl und Kreativität – vereinen und systemischer Kommunikation mit Werten und Persönlichkeiten begegnen. Wir sollten uns also verstärkt wieder uns Menschen widmen und uns und unsere (nachhaltigen) Bedürfnisse in das Zentrum jeglicher Betrachtungen rücken.

Was heißt das nun für die Szenografie? Sobald wir beginnen, unsere Zukunft aktiv mitzugestalten, wird sich auch unsere räumliche Kommunikation verändern: Raum an sich wird wertvoller werden, denn er wird nicht nur Träger von Inhalten, sondern vielmehr zum Ort für gemeinsamen Diskurs, der regelmäßigen Zusammenkunft und des direkten Austauschs. Egal ob auf der Messe, im Museum, auf der Bühne oder im öffentlichen Raum: Wir Menschen werden kreative Räume nutzen, in denen unmittelbar mit der Zukunft gearbeitet werden kann – Räume, die es ermöglichen, dass wir interdisziplinäre Allianzen schmieden und uns direkt mit Themen, Werten, Produkten und Marken auseinandersetzen, sie im Reallabor und in „Echtzeit“ stattfinden lassen und damit auch veränderbar machen. Wir werden mit unseren neu inszenierten Räumen viel häufiger Prozesse gestalten, sie selbst zum Gestaltungswerkzeug machen und als Individuen wesentlicher Teil davon werden. In der Tat werden moderne Technologien bei der Vermittlung von Inhalten durchaus wertvoll bleiben und in Zukunft auch keinesfalls verschwinden, sie werden sich im Idealfall aber eher einer mehr oder minder komplexen Strategie unterordnen, den Raum somit nicht dominieren, sondern die Inhalte vielmehr stärken bzw. unterstreichen. Die Gestaltung unserer szenischen Räume wird damit flexibel veränder- und an die jeweiligen Bedürfnisse der Nutzer anpassbar. Aus der nonverbalen Vermittlung von Inhalten und der Schnelllebigkeit von visuellen Eindrücken, der Unverbindlichkeit von Scheinwelten und der Benebelung durch Sinnesüberreizung wird eine inszenierte Präsentation mit nachhaltiger Wirkung – ein Ort der verbalen Konfrontation und der persönlichen Begegnung. Aus Erlebnisräumen werden Experimentierräume für das Leben: Jeder Einzelne kann mitforschen, mitdebattieren, mitentscheiden und mitgestalten.
Vielleicht ist diese Prognose aber auch nur eine Utopie – oder aber auch ein Anfang. Ein Anfang von etwas Größerem, das uns mehr Freude bereitet als es lediglich auf Instagram zu teilen, das nachhaltiger ist für Institutionen, Marken und Menschen und uns deutlich vor Augen führt, was wir wirklich erreichen können, wenn wir uns intensiv mit Themen auseinandersetzen, die für unser aller gesellschaftliches Leben relevant sind.
Natürlich werden Ausstellungen, Messestände, Shops, Events, Bühnenbilder und räumliche Interventionen auch weiterhin einen Erzählstrang brauchen – eine Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende, die dramaturgisch spannend bleibt und ihre „Leser“ mit auf eine Reise nimmt. Diese Passagen werden sich auch zukünftig durch sinnliche und sinnvolle Erlebniswelten auszeichnen, die begeistern. Jedoch werden die Grenzen immer mehr verschmelzen: Der Markenraum wird zum Museum, Ausstellungshäuser zu Bühnen und der urbane Raum zum Einkaufsparadies. Die unterschiedlichen Disziplinen der Szenografie werden immer mehr ineinandergreifen, um am Ende ein immersives, liquides sowie dynamisches Gesamtkunstwerk zu kreieren, das – gleich ob real, digital oder in einer Kombination daraus – Nutzer in seinen Bann zieht, künstliche Intelligenzen choreografiert und Teil einer komplett vernetzten Welt ist.

Womit wir wieder bei der anfänglichen These wären: Mit Sicherheit ist die Zukunft der Szenografie blau – sie ist aber auch rosig, wenn es ihren Gestaltern gelingt, sich neben leuchtenden interaktiven Welten auf die Dinge zu konzentrieren, die Herz, Seele und Verstand in inszenierten Räumen zulassen. Denn nur mit Werten, Mitgefühl, unabhängigem Denken und Überzeugungen können wir Geräten, Apparaten und automatisierten Prozessen überlegen bleiben. Und nur in solchen Räumen können wir dann unser aller Zukunft und damit auch die Zukunft der Szenografie nachhaltig beeinflussen …

FACTS

Fotos:

Bilder 1–5: teamLab, Tokio (JP) > www.teamlab.art
Bilder 6–10: Ali Ghandtschi, Berlin (DE) > www.ghandtschi.de
Jan Windszus, Berlin (DE) > www.janwindszus.com