INSZENIERUNGEN IM RAUM AUSSTELLUNGSGESTALTUNG MARKENWELTEN FILM- & BÜHNENARCHITEKTUR NEUE WELTEN
Submit a PLOT
PLOT
deutschenglish
GO

Inszenierungen im Raum

Retrotopia – Deutschland im Reagenzbecken

POSTED 25. April 2018
PICTURE
PICTURE 1
 
PICTURE 2
 
PICTURE 3
 
PICTURE 4
 
PICTURE 5
 

Mit Theaterinszenierungen im öffentlichen Raum werden nicht nur soziale Strukturen und städtische (Un-)Orte experimentell erobert, auch gesellschaftliche Sujets können hier auf packende Weise thematisiert werden. So nimmt sich etwa das Stuttgarter Kollektiv LOKSTOFF! seit 2003 die Freiheit, dort zu spielen, wo das Leben stattfindet – wie mit seiner neuesten Produktion: In Kooperation mit dem Hallenbad Heslach inszeniert die Gruppe um Kathrin Hildebrand, Wilhelm Schneck und Alexa Steinbrenner ein Stück, das ungewöhnlicher den Ort betreffend sowie gesellschaftskritischer kaum sein könnte: ,,Retrotopia – Deutschland im Reagenzbecken“. Dabei verwandelt sich das alltägliche Springerbecken des denkmalgeschützten Bads in den Schauplatz einer kuriosen Geschichte. Es wird zum Reagenzglas umfunktioniert, in dem zwei Extreme unserer gesellschaftlichen Strömungen im verdichteten Raum aufeinandertreffen. Das besondere dabei: Die Aufführung findet während des laufenden Betriebs statt, sodass nicht nur den interessierten Zuschauern, sondern auch den Badegästen ein Spiegel vorgehalten wird. Eingepackt in Bademäntel und ausgestattet mit Audioguides, nehmen erstere um das rund vier Meter tiefe Becken Platz. Im Vergleich zur Größe der Halle wirkt dieses tatsächlich wie eine eigene kleine Welt – ideal für Experimente. In dem kräftigen Blau des bis zu 32 Grad warmen Wassers spiegeln sich die kalten Betonrundbögen, denen sich die Akteure mit ihren strahlend roten Badesachen entgegenstellen. Alle Gegensätze werden hervorgehoben und zugespitzt dargestellt, sodass auch die Besucher des Mehrzweckbeckens aufschrecken müssen, wenn einer der Protagonisten wütend vom Fünfmeterturm springt. Es werden diejenigen gezeigt, die ihre Ruhe und das Heil der vermeintlich besseren Vergangenheit im schützenden Wasser finden, sowie jene Selbstausbeuter, die hier ihrem Fitnesswahn huldigen und alles was früher galt, fortspülen wollen. So kommt es im Laufe der Handlung zum spannenden Kampf zwischen den beiden unterschiedlichen Gruppierungen: auf der einen Seite die Zukunftsverweigerer, auf der anderen die Vergangenheitsvergessenden. Doch ohne die Hilfe des Wassers würde diese nackte und ehrliche Konfrontation nicht stattfinden können. Nur durch die Grenzen des Spielraums sowie dank der aktiven Einbringung des Wassers wird den Besuchern mit jedem Sinneseindruck verdeutlicht, was die Gestalter des Schauspiels vermitteln möchten.

Unter der Verwendung von „Wassererzählungen“ des Schriftstellers John von Düffel und weiteren Texten der Dramaturgen Werner Kolk und Dieter Nelle wird dementsprechend untersucht, welche chemischen Reaktionen sich beim Aufeinandertreffen der ungeschützten Antagonisten ergeben und durch welche diese abgemildert werden können. Der Schauplatz selbst unterstützt die Dramaturgie des Stücks mit seiner rohen Ehrlichkeit des Betons, der glatten Spiegelung der weißen Kacheln, die keinen Makel ungesehen lassen, und dem Wasser, das den Raum mit einer Wärme und Sehnsucht füllt, die geradezu greifbar ist. Egal ob die Darbietung nun friedlich oder mit einem großen Knall zu Ende geht – es handelt sich auf jeden Fall um einen chlorreichen Auftritt!

FACTS

Projekt:

Retrotopia – Deutschland im Reagenzbecken

Gestaltung:

LOKSTOFF! Theater im öffentlichen Raum e.V. > www.lokstoff.com

Akteure:

Kathrin Hildebrand, Simon Kubat, Natanael Lienhard, Wilhelm Schneck, Alexa Steinbrenner

Produktionsteam:

Regie: Heidi Mottl
Dramaturgie: Werner Kolk, Dieter Nelle
Ausstattung: Maria Martinez Pena
Ausstattungsassistentin: Estela García Ballesteros
Musik: Boris Lechelt
Musikalische Leitung: Alexander Reutter
Produktionsleitung: Anemarija Soldo-Blickle
Regieassistenz: Lina Rieth
Hospitanz: Paula Sammeck
Technik: Oliver Cordes

Standort:

Hallenbad Heslach, Stuttgart (DE) > www.stuttgart.de

Zeitrahmen:

15.11.2017–18.07.2018

Fotos:

Alex Wunsch > www.alexwunsch.com