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Ausstellungsgestaltung

DEUSCTHLAND: Eine Ausstellung von Jan Böhmermann und btf

POSTED 28. November 2017
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Während sich die Branche Ende November 2017 selbst feiert und sich gegenseitig auf die Schultern klopft, waren wir im Düsseldorfer NRW-Forum, haben auf das erste museale Werk von Jan Böhmermann und seiner Produktionsfirma Bildundtonfabrik einen Blick geworfen und damit geschaut, wie es um Deutschland im Superwahljahr wirklich steht. Mithilfe der Bildenden Kunst zementiert das Kollektiv hinter der satirischen Late-Night-Show „Neo Magazin Royale“ hier den Status Quo Deutschlands und geht der Frage nach „wenn das alles echt und kein quatsch ist in was für eine zeit & land & welt leben wir überhaupt?“ So vong politischer Einstellung her …

von Janina Poesch

 

Ein mulmiges Gefühl macht sich breit als wir die Räume des NRW-Forums betreten: Deutsche links. Ausländer rechts. Passkontrolle. Wirklich? Sind das die neuen Standards, um ins Museum zu kommen? Wobei: Jan Böhmermann, umstrittener TV-Satiriker und sich nicht zu schade, dort anzuecken wo es wehtut, stand die letzten Monate stark unter Beschuss und es ist durchaus zu glauben, dass er seit seinem Schmähgedicht auf den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan einfach auf Nummer sicher geht. Anscheinend zurecht, denn kurz vor dem Eingang kommt ein Besucher, der sein Messer wieder abholen möchte – ein Blick in die Taschen kann also offensichtlich nicht schaden. Gedrängel, Geschubse, genervte Menschenmengen, die in der Kälte stehen und endlich rein wollen. Doch so einfach geht das nicht: „Wir haben uns mit dem NRW-FORUM und der Polizei NRW auf eine Obergrenze für Besucher geeinigt“, schreibt Böhmermann zeitgleich auf Twitter. „Geht zurück dahin wo Ihr herkommt!“ Und so stehen am Tag der Eröffnung knapp 1.500 Gestrandete, Verzeihung Interessierte, vor den Toren von „DEUSCTHLAND“ und erhalten keinen Zutritt. Bäm! Und schon sind wir mitten im Thema: Es geht um uns, unser Land, darum, wie wir gegenwärtig mit Politik und Gesellschaft umgehen und ohne dabei etwas zu tun, wesentlicher Teil davon sind.

 

Der Nationalsozialismus als Themenpark

Einmal durch die strenge Sicherheitskontrolle, lichtet sich der Nebel: Im Inneren erwartet uns ein etwa 100 Quadratmeter großer, nüchterner Raum mit etwa einem Dutzend Exponate. Wenke Husmann von ZEIT ONLINE schreibt: „Wenn man alles liest, anschaut und anfasst, ist man in einer guten halben Stunde mit der Ausstellung durch. Lautes Lachen hat man während der Vorbesichtigung nicht gehört. Leises auch nicht. [Böhmermann] kann nichts für die Erwartungen der Besucher. Satire? Revolution? Pech, wenn einer mehr erhofft hat.“ Genauso ist es und wir fragen uns: „Ist das noch Satire oder schon Revolution?“ Wir sind verunsichert, kommen aber aus dem ersten Kopfschütteln einfach nicht heraus. Denn das erste Exponat, auf das wir zielgerichtet zusteuern, zeigt den „Reichspark“: Der Südtiroler Unternehmer Raphael Gamper, CEO der Offenbacher HG BusinessConsulting, will die dunkelsten Jahre Deutschlands hautnah erlebbar machen und den ersten NS-Themenpark errichten: Getreu dem Motto „Living History“ soll Geschichte hier zum Anfassen werden und „Groß und Klein in eine unvergessliche Zeitreise eintauchen“. Im „Warland“, „History Land“, „Remember Land“ und in „Alt Berlin“ werden „die Geschehnisse der Jahre 1933 bis 1945 auf ein modernes Level gehoben und sollen einen neuen, nie dagewesenen intensiven Zugang zur Nachempfindung ermöglichen“, die Auseinandersetzung mit der Thematik stärken und Erinnerungskultur aufleben lassen. Ist klar! Angezogen von Ekel und Entsetzen befinden wir uns also schon mittendrin: Im Raum steht ein übergroßes Modell des 52 Hektar umfassenden „Freizeitparks“, von dem „reichlich Abstand“ gehalten werden soll, daneben ein rudimentärer Messestand mit weiterem Infomaterial, das Jan Böhmermann freundlicher Weise für die Ausstellung überlassen wurde, da der Initiator sein „Unternehmen Reichspark“ nun doch nicht realisieren konnte – was allein der investigativen Arbeit Jan Böhmermanns sowie seines Kollegens Ralf Kabelka für das aktuelle „Neo Magazin Royale“ zu verdanken ist. Mithilfe einer VR-Anwendung können die Besucher aber dennoch durch das Projekt „flanieren“ und in einer Geisterbahn geht es rasant durch den Nationalsozialismus: von der Reichskanzlei, zum Führerbunker, vorbei an der Wolfschanze bis nach Stalingrad. Wir wissen nicht, ob wir dieser Geschichte Glauben schenken sollen – zu absurd scheint dieses Projekt: Wer will denn die Jahre des Zweiten Weltkriegs wieder aufleben lassen? Wer will ein „Erlebnis-Konzentrationslager“ in Brandenburg an der Havel als Beitrag „gegen das Vergessen“ errichten? Wer ist so verrückt, dass er mit dieser Idee so weit kommt und reale Anhänger findet? Wir schütteln immer noch den Kopf und fragen uns, ist es mit Deutschland wirklich schon (wieder) so weit gekommen? Oder sitzen wir hier einem riesengroßen Schwindel auf? Ist es Böhmermann wieder einmal gelungen, unsere Nation mit einer Behauptung wachzurütteln? Wundern würden wir uns nicht: Es ist nicht das erste Mal, dass der Mann, der Kunst und Satire in einer Person vereint, uns verunsichert – denken wir nur an VarouFake oder VeraFake. Und schließlich ist auch in der Ausstellung nicht alles für bare Münze zu nehmen: In der „Nationalgalerie“ werden hinter einer grünen Kordel von ihm „eigens“ angefertigte Ölschinken gezeigt, deren Exponattexte aus dem Handy einer 17-Jährigen zu stammen scheinen: „… und dann habe ich Mutti den Typen einfach ausgespannt! LOL!“ Abgebildet sind Merkel und Steinmeier, vergnügt im Kreise der ranghöchsten Vertreter des Springer-Verlags. Große Kunst! Nebenan wird in einem „rechtsfreien Raum“ dem Fall Erdoğan Platz eingeräumt und der Rechtsstreit mitsamt der vom Landgericht Hamburg beanstandeten Gedicht-Passagen dokumentiert. So zeigt ein Bildschirm den Abgeordneten Detlef Seif (CDU) im Bundestag, der hier das Schmähgedicht vorträgt. Dieser Film ist öffentlich zugänglich und liefert den Kontext: nicht die Lyrik, sondern die juristische Auseinandersetzung. Mit einem Drucker, der sekündlich Tweets von Politikern ausspuckt, wird die Ausstellung in Echtzeit aktualisiert. Mit Merkel können wir dank Urlaubsfotos und textiler Relikte auf „Tuchfühlung mit der Macht“ gehen und schließlich für einen Euro einen Hetz-Keks in einem Automaten kaufen und Hassbotschaften lesen, die sich als Twitter-Beiträge unter anderem gegen den Kölner Moderator selbst richten.

 

Verunsicherung ist Böhmermanns Kunst

So schließt sich der Kreis von 1933 bis heute: „DEUSCTHLAND“ besteht aus Anfeindungen, wird zunehmend hässlich und der scheinbare Schreibfehler macht deutlich: Etwas ist nach rechts gerückt. Laut der Initiatoren können diese „rasenden Veränderungen der Welt, die neblige Verunsicherung der Menschen in Deutschland und die Gegenwart [nur] mit Kunst bezwungen und gefasst werden“. Und genau diese Verunsicherung schwingt bis heute in uns nach: Ist das nun Satire oder gar Revolution? Oder ist das Kunst? „Die ganze Ausstellung kann auch eine Behauptung sein“, sagt Böhmermann selbst. Zum Glück, denken wir: Dann ist dieser Reichspark doch nicht echt und Raphael Gamper in Wirklichkeit der Schauspieler Piet Fuchs, der von Böhmermann eingesetzt wurde, um schlussendlich ranghohen AfD-Politikern die Stirn zu bieten: Mit Blick auf den Nationalsozialismus hatte Alexander Gauland vor einiger Zeit getönt: „Man muss uns diese zwölf Jahre nicht mehr vorhalten. Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr.“ Und so zeigt das „Projekt Reichspark“ jetzt, was dies konkret bedeute, wenn seine Forderungen ernst genommen würden: „Das Gedenken an den Holocaust würde aufgehen in einer Event-Kultur, in der die Verbrechen der NS-Zeit den Besuchern lediglich einen wohligen Schauer über den Rücken laufen ließen.“

Insofern ist die Ausstellung ein großer Coup, denn wir wurden einmal mehr wachgerüttelt, nicht alles zu glauben, was wir sehen. Als passionierten Museumsbesuchern und Ausstellungsgängern fiel uns das allerdings nicht leicht – schließlich schwören wir auf das Medium der Ausstellung zur inszenierten Kulturvermittlung. Aber genau das beherrscht Jan Böhmermann bis ins Detail: die pure Inszenierung – nun auch im Raum!

 

Wir empfehlen allen, sich einen eigenen Blick von der Schau zu machen. Bis zum 4. Februar 2018 ist die Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem edi – Exhibition Design Institut entstanden ist, noch im NRW-Forum zu sehen und wird zudem von einem Rahmenprogramm mit Abendveranstaltungen begleitet.

FACTS

Projekt:

DEUSCTHLAND: Eine Ausstellung von Jan Böhmermann und btf

Gestaltung:

Bildundtonfabrik, Köln (DE) > btf.de
edi – Exhibition Design Institut, Düsseldorf (DE) > hs-duesseldorf.de

Standort:

NRW-Forum, Düsseldorf (DE) > www.nrw-forum.de

Zeitrahmen:

14.11.2017–04.02.2018

Auftraggeber:

NRW-Forum, Düsseldorf (DE) > www.nrw-forum.de

Fotos:

NRW-Forum, Düsseldorf (DE) > www.nrw-forum.de