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Neue Welten

Cloud Cities

POSTED 2 January 2012
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In der Arbeit des argentinischen Künstlers Saraceno sind die mit Seilen verknüpften „Raumkapseln“ ein wiederkehrendes Motiv. Dabei handelt es sich um an Seifenblasen erinnernde ballonähnliche Gebilde – die zur Zeit im Hamburger Bahnhof, Berlin – zwischen Boden und Decke eingespannt sind.

von Sebastian Scheller

Manche der im Hamburger Bahnhog gespannten, zum Teil raumhohen Kugeln enthalten kleinere aus Seilen und Schnüren gespannte Blasen, manche sind von Pflanzen besiedelt und zwei der Kapseln können von den Besuchern sogar betreten werden: Eine Treppe führt jeweils ins Innere eines Ballons. Vorsichtig kann auf einer durch Luftdruck gespannten transparenten Folie umher gekrabbelt – oder besser gesagt „gerobbt“ – und auf die Besucher, die sich am Boden des großen Ballons bewegen, herabgeschaut werden. Der mit Spiegelfolie ausgelegte Boden verdoppelt die Höhe und erzeugt ein erhebendes Gefühl der Schwerelosigkeit, das sich mit der möglichen Angst eines Absturzes aus der fragilen Konstruktion vermischt. Durch Saracenos Methodik wird ganz bewusst die emotionale Gleichzeitigkeit und Ambivalenz der Gefühle provoziert: Wechselnde Perspektiven, Gleichzeitig- und Widersprüchlichkeiten sind Teil des Konzepts.

In manchen der Kapseln, hängen – schwebend wie Artefakte – Pflanzen. Ihre Präsentation suggeriert eine Unabhängigkeit, die tatsächlich nicht gegeben ist. Um Überleben zu können, müssen sie über eine aufwendige Verkabelung von außen bewässert werden. Wert und Verletzlichkeit des Mikrobiotops kommen so gleichzeitig zum Ausdruck: Damit (pflanzliches) Leben in einer artfremden Umgebung existieren kann, bedarf es eines großen Aufwands und externer Fürsorge zum Erhalt der notwendigen Lebensbedingungen. Die Einbindung der einzelnen Raumkapseln in eine Art Spinnennetz verweist dabei auf die Komplexität und die gegenseitigen Abhängigkeiten innerhalb eines Gesamtsystems.

Der Besucher der Installation kann verschiedene Positionen in, auf, vor, unter und zwischen den Raumkapseln einnehmen. Durch den ständig wechselnden Standpunkt entsteht zwischen den Besuchern und den Ballons eine Art der Kommunikation, welche die Installation belebt. So verbinden sich die einzelnen Kapseln zu einer übergeordneten Struktur und die Rolle des Besuchers wandelt sich von der eines Beobachters zu der eines Teilnehmers des Raumexperiments.

Für den Entwurf seiner Utopie einer alternativen Lebensform führt Tomás Saraceno verschiedene Teilbereiche aus Kunst, Architektur und Naturwissenschaften zu etwas Neuem zusammen. Angesicht einer immer weiter voranschreitenden Umweltzerstörung nimmt der Druck zur Erforschung und Gestaltung solcher Utopien immer stärker zu. Die zu bewältigenden Probleme sind dabei so groß, dass sie nicht von einer Disziplin allein bewältigt werden können sondern ein gemeinsames, interdisziplinäres Vorgehen nötig machen. Die Grundlage der Zusammenarbeit ist dabei die Kommunikation die durch Cloud Cities angeregt wird. Sie bietet dem Besucher sensorische, emotionale und rationale Anknüpfungspunkte, der er intuitiv begreift und zur spielerischen Imagination eigener Utopien jenseits architektonischer und technischer Zwänge nutzen kann. Dass Utopien ebenso scheitern wie eine große suggestive Kraft zur Veränderung der Zustände erreichen können, diese Erkenntnis wird beim Besuch der „Cloud Cities“ schnell erlangt: Zwischen Hoffnung und Apokalypse ist alles möglich.

FACTS

Project:

Cloud Cities

Design:

Tomás Saraceno, Berlin (DE)> www.tomassaraceno.com

Parties involved: :

Dornbracht Installation Projects, Iserlohn (DE) > www.dornbracht.com
Verein der Freunde der Nationalgalerie, Berlin (DE) > www.freunde-der-nationalgalerie.de
Outset, London (UK) > www.outset.org.uk

Location:

Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin (DE) > www.hamburgerbahnhof.de

Time frame:

15.09.2011-19.02.2012

Pictures:

1 – 3 Tomás Saraceno > www.tomassaraceno.com
4 – 6 Simon Busse, Stuttgart (DE) > www.simon-busse.com