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Ausstellungsgestaltung

MUSEUM FÜR KOMMUNIKATION

POSTED 29. November 2017
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Kommunikation ist eines der wandelbarsten sowie flüchtigsten Themen unserer Zeit: Wo vorgestern noch ein Brief die Menschen miteinander verbunden und glücklich gemacht hat, reicht es heute nicht mehr, nur mit einem Profil in den unzähligen sozialen Netzwerken unterwegs zu sein. Spielerisch verbinden wir uns um die ganze Welt und haben dabei doch verlernt, persönlich miteinander zu sprechen. Mit der radikalen Neugestaltung seiner Dauerausstellung nahm sich das Museum für Kommunikation in Bern nun dieser Thematik neu an und entwickelte mit den Amsterdamer Gestaltern von Kossmann.dejong fünf Jahre lang ein neues Museumskonzept, das dank interaktiver Stationen das abstrakte Sujet nicht nur perfekt in den Raum übersetzt, sondern mit den sogenannten Kommunikatoren zudem ein höchst persönliches Besuchserlebnis verspricht.

 

von Janina Poesch

 

Mit der Verfügung No. 51 kündigte die Schweizerische Postverwaltung am 19. Juni 1907 offiziell die Eröffnung des Postmuseums an: „Die Oberpostdirektion hat seit einigen Jahren die Gegenstände, die sich auf das alte Verkehrs- und Postwesen unseres Landes beziehen, gesammelt, um an Hand dieser Objekte die Entwicklung des schweizerischen Postwesens bis zur Gegenwart vor Augen führen zu können. […] Die Sammlungen sind vom 22. dieses Monats an nach Massgabe des gegenwärtig zur Verfügung stehenden Raumes im I. Stock, Zimmer Nr. 50, des neuen Postgebäudes in Bern zur Besichtigung ausgestellt und können täglich von 10–12 Uhr vormittags unentgeltlich besucht werden.“ Damit war der Grundstein für eine lange, wenn auch wechselhafte Geschichte gelegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Museum um Bestände aus dem Fernmeldewesen – Telefone, Telegrafen und Objekte des radioelektrischen Nachrichtenverkehrs – ergänzt und das Haus 1949 in Schweizerisches PTT-Museum umbenannt. Seit 1997 heißt dieses nun Museum für Kommunikation. Neue Sammlungsschwerpunkte wie „Computer und neue Medien“, „Geschichte des Schreibens“ oder „Kunst und Kommunikation“ kamen hinzu und Besucher können sich seit der Gesamterneuerung im Jahr 2007 interaktiv mit der Geschichte der Kommunikation auseinandersetzen. Doch jene befindet sich im steten und vor allem schnellen Wandel, und so war es nötig, sowohl die Ausstellungsinhalte als auch die Institution Museum neu zu denken. Mit einem rundum aufgefrischten Haus wurde dementsprechend im August 2017 ein neues Kapitel in der 110-jährigen Geschichte des Museums aufgeschlagen.

 

Kommunikation erlebbar machen

Für den Radikalumbau des Gebäudes hat sich das Team um Direktorin Jacqueline Strauss fünf Jahre Zeit genommen und elf Millionen Franken investiert. In enger Zusammenarbeit mit Kossmann.dejong ist dabei ein Ausstellungskonzept entstanden, das fähig ist, dem rasanten Veränderungstempo unserer Kommunikationsgewohnheiten Rechnung zu tragen: Bei Bedarf kann die neue Dauerausstellung ganz elegant aktualisiert und erweitert werden – sogar bis 2030. Den Ausgangspunkt für den Gestaltungsansatz der Amsterdamer Kreativen bildeten verschiedene Grundsatzfragen wie: Warum kommuniziere ich überhaupt? Mit wem? Was braucht es, damit wir uns verstehen? Und wie lebe ich in der sich schnell verändernden Welt der Kommunikation? Die Antworten darauf finden Interessierte auf 2.000 Quadratmetern und drei Etagen, die nun nicht mehr chronologisch, sondern thematisch gegliedert sind.

Dabei gelangen die Museumsgäste über einen roten Teppich in die Ausstellung – gesäumt von persönlichen Geschichten Schweizer Bürger, anhand derer die verschiedenen Arten von Kommunikation zu allen Lebensphasen erlebbar gemacht werden sollen. Vorbei an einer langen Vitrine mit collageartig angeordneten Artefakten werden sie schließlich ins „Kommunikationslabor“ geführt. Hier sollen die Besucher „aktiviert“ und miteinander in Kontakt gebracht werden: An unterschiedlichen Stationen können sie zum Beispiel gemeinsam ein Labyrinth-Puzzle lösen, beim Filmkaraoke berühmte Szenen nachspielen oder mit Mike am gedeckten Tisch sitzen und zu Abend essen – nur dass Mike nicht real, sondern ein in das Sitzmöbel integriertes Tablet ist. Damit soll verdeutlicht werden, dass auch Zuhören eine Form von Kommunikation ist. So bleibt sich das Berner Museum beim interaktiven Vermittlungsformat treu, mit dem sich Interessierte selbst einbringen und intensiv mit allen Facetten der Kommunikation auseinandersetzen können. „Wir haben ein Credo: erleben, erfahren, begreifen. Uns geht es darum, dass Besucher nicht zuerst lesen müssen, sondern Kommunikation direkt erleben können“, begründet Kurator Christian Rohner diese konzeptionelle Entscheidung. „Denn vor allem das Erlebte wird reflektiert, und unsere Gäste erhalten somit Denkanstöße – vertiefende Informationen bekommen sie dann an den Wänden.“

Eine Etage tiefer öffnet sich die „Welt der Erinnerungen“: Aus einer zentralen Skulptur, die ein abstraktes Gehirn darstellt, entwächst ein Gewirr aus Nervendrähten, die an sogenannte Erinnerungsboxen sowie Hands-on-Exponate gekoppelt sind. Hier sollen Fragen geklärt werden wie etwa: Was merken wir uns, und warum merken wir uns etwas? Oder: Welche Erinnerungen werden bei bestimmten Gerüchen oder Geräuschen aufgerufen? In diesem Archiv darf der Klassiker – das unerträglich laute Posthorn – natürlich nicht fehlen … Die angrenzende Themenwelt soll dagegen ein komplexes „Datenzentrum“ visualisieren, in dem aktuelle Entwicklungen der Digitalisierung wie Big Data, Privatsphäre oder die Schattenseiten unserer mobilen Endgeräte im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen: Die Besucher sollen sich mit ethischen Fragen zum Wert der scheinbar unbegrenzten Verfügbarkeit von Daten und deren Speicherung genauso beschäftigen wie mit den Folgen gemeinschaftlicher Netzwerke. „Dieser Raum der Ausstellung wird wohl am schnellsten überholt sein“, ist sich Christian Rohner bewusst: „Das ist die Zone, in der wahrscheinlich bereits nach einem Jahr schon neue Objekte und Geschichten ergänzt werden müssen.“

Im untersten Geschoss begeben sich die Museumsgäste anschließend auf eine chronologische Reise durch die „Kommunikationsrevolution“ – mit Exponaten von der Postkutsche bis zur Drohne, die dank Bildern und Zitaten der jeweils ersten Nutzer in einen geschichtlichen Kontext gesetzt werden. Filmmaterial und interaktive Stationen lassen die Besucher tiefer in die Themen eintauchen und machen zudem die fortwährende Veränderung der Kommunikationsmittel bewusst, die mit ihrem ersten Erscheinen nicht selten von entweder Angst oder Euphorie begleitet waren. Nach einem visionären „Blick in die Zukunft“ wird diese Entdeckungsreise zum eigenen kommunizierenden Selbst schließlich an der Abmeldestation abgeschlossen: Hier hängt jeder Gast das Bild seines Profils, das er zu Beginn erstellen konnte, an eine große Fotowand, wodurch ein sich konstant veränderndes Kunstwerk entsteht. So wird auf metaphorische Weise deutlich, worum es bei der Ausstellung eigentlich geht: „Es dreht sich alles um dich – und du bist nicht allein!“

 

Menschliche Interaktionen

Neben all den interaktiven Stationen, überraschenden Objekten und großformatigen Videoprojektionen ist die größte Neuerung des Museums jedoch die Tatsache, dass der Museumsbesuch an sich nun zur persönlichen Begegnung wird: Sogenannte Kommunikatoren begleiten die Besucher, laden sie zum Gespräch ein, stellen herausfordernde Fragen, erzählen einen Witz, führen zusammen mit Interessierten Aufträge aus und vermitteln Hintergrundinformationen zu den etwa 1.000 Exponaten. Zudem kennen sie ein paar Geheimgriffe, um spezielle „Zückerchen“ im Museum zugänglich zu machen. So bringen sie den direkten Dialog in die Ausstellung und lassen jeden Rundgang zu einem individuellen Erlebnis werden. Jacqueline Strauss wagt damit ein neues Format, das es in der Schweiz bisher noch nicht gegeben hat: „Die neue Ausstellung ist nicht nur eine über Kommunikation, sondern macht sie auch direkt erfahrbar.“ Damit die Kommunikatoren auf diesen anspruchsvollen Job auch gut vorbereitet sind, haben sie eine aufwendige, eigens vom Museum konzipierte Ausbildung durchlaufen, die zusammen mit einem Erwachsenenbildner entwickelt wurde.

Pünktlich zur Neueröffnung wartet das Museum zudem mit einem neuen Corporate Design auf. Verantwortlich für den unkonventionellen Auftritt zeichnet dabei das junge Grafikbüro B&R von Noah Bonsma und Dimitri Reist. Die beiden Berner Kommunikationsgestalter entwickelten eine neue Wort-Bild-Marke, die vor allem durch ihr reduziertes Erscheinungsbild überzeugt: Drei Punkte stehen für den Kommunikationsraum, den das Museum öffnet – ein vertrautes Symbol, das sowohl in der analogen als auch in der digitalen Welt als Platzhalter für mehr Informationen verstanden wird …

 

FACTS

Projekt:

MUSEUM FÜR KOMMUNIKATION | BERN

Gestaltung:

Kossmann.dejong, Amsterdam (NL) > www.kossmanndejong.nl
B&R, Visuelle Kommunikation, Bern (CH) > www.bundr.ch

Standort:

Museum für Kommunikation, Bern (CH) > www.mfk.ch

Zeitrahmen:

2017

Auftraggeber:

Museum für Kommunikation, Bern (CH) > www.mfk.ch

Fotos:

B&R, Visuelle Kommunikation, Bern (CH) > www.bundr.ch
Beat Schweizer, Museum für Kommunikation, Bern (CH) > www.mfk.ch
Thijs Wolzak, Amsterdam (NL) > thijswolzak.nl
Tamara Janes, Bern (CH) > www.tamarajanes.ch

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