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Ausstellungsgestaltung

DEUTSCHER KOLONIALISMUS | BERLIN

POSTED 11. Mai 2017
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Von 1884 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918 war das Deutsche Reich eine der großen europäischen Kolonialmächte. Diese koloniale Vergangenheit ist längst nicht aufgearbeitet – weder von der deutschen Gesellschaft, noch von ihren Institutionen: Die Konsequenzen und Denkmuster jener Zeit ziehen sich durch unsere Geschichte bis hinein in die Gegenwart. Mit seiner aktuellen Sonderausstellung „Deutscher Kolonialismus“ setzt sich das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin nun nicht nur das Ziel, sich der Vergangenheit stellen, sondern dies außerdem im Rahmen inklusiver Ausstellungsgestaltung zu tun. PLOT war neugierig und hat der Schau einen Besuch abgestattet.

von Anja Neidhardt

Schon seit mehreren Jahren stand das DHM in der Kritik, sich nicht angemessen mit der kolonialen Vergangenheit unseres Landes auseinanderzusetzen. Da die Dauerausstellung im Obergeschoss des Museums, die sich dem deutschen Kaiserreich widmet, den deutschen Kolonialismus lange Zeit lediglich in einer einzigen Vitrine behandelte, taten sich 2009 fünf kritische, unabhängige Historiker zusammen, um das Projekt „Kolonialismus im Kasten“ zu gründen. Sie entwarfen einen Audioguide, mit dem erklärt wird, dass die Darstellung des Kolonialismus in dieser Dauerausstellung problematisch ist, weil sie beispielweise keine Zusammenhänge zwischen Kolonialismus und Populärkultur, Reichstagsdebatten und Wissenschaften aufzeigt. Bis heute steht dieser Audioguide Interessierten kostenlos zum Download zur Verfügung.

An dem Beispiel des Kastens wird schnell deutlich, dass Inhalt und Gestaltung einer Ausstellung Hand in Hand gehen: Wenn Kolonialismus in einer Dauerausstellung über das deutsche Kaiserreich nur am Rande behandelt wird und deswegen in einem abgeschlossen – wortwörtlichen – „Kasten“ landet, dann ist das ein Sinnbild für den Stand der Aufarbeitung des Themas. Ist es nun das Ziel, diesen Kasten aufzubrechen und Verbindungen zu anderen Exponaten des Museums aufzuzeigen, dann kann das in aktiver Zusammenarbeit von kritischen Geschichtsexperten, Kuratoren und Gestaltern durchaus gelingen. Doch hält die aktuelle Sonderausstellung des DHM, was sie verspricht? Wird der Kasten aufgebrochen und der deutsche Kolonialismus aufgearbeitet? Und inwiefern ist die Ausstellung inklusiv gestaltet?

Dass sich das Deutsche Historische Museum nun erstmals selbst aktiv mit dem deutschen Kolonialismus auseinandersetzt, ist ein wichtiger Schritt – und in großen Institutionen werden gerade Veränderungen eher langsam vollzogen. Dabei ist die Sonderausstellung generell die bisher umfangreichste zum Thema und das Ziel der Kuratoren Sebastian Gottschalk und Heike Hartmann war es, sowohl „die Motive der Missionare, Beamten, Militärs, Siedler und Kaufleute auf deutscher Seite“, als auch „die Interessen der Kolonisierten“ aufzuzeigen. So werden Fragen zur Perspektive der Kolonisierten in historischen Überlieferungen, aber auch zum Ursprung der Sammlungen und Archive deutscher Institutionen (die in der Kolonialzeit entstanden und die Machtverhältnisse stützten) behandelt. Die Ausstellung geht zudem weit über das Ende des Ersten Weltkriegs hinaus, denn das koloniale Bewusstsein hielt noch lange an und sowohl rassistische Denkmuster als auch Auswirkungen wirtschaftlicher Ausbeutung lassen sich bis heute verfolgen.

Um das Thema allen Besuchern zugänglich zu machen, hat sich das DHM außerdem für eine inklusive Ausstellungsgestaltung entschieden. Die Gestalter Nadine Rasche, Werner Schulte und Mara Spieth setzen auf „Kommunikationsstationen“, die barrierefrei und inklusiv sein sollen. Sie bieten gleichberechtigt angeordnete Texte in deutscher, englischer, Leichter Sprache und in Brailleschrift, sowie Videos in deutscher Gebärdensprache und Audiodeskriptionen. An jeder der 16 Stationen wird ein Objekt (stellvertretend für ein Thema) präsentiert, das angefasst werden kann und somit viele Sinne gleichzeitig anspricht und die Geschichte leichter verständlich machen soll. Alle Stationen sind durch ein taktiles Bodenleitsystem miteinander verbunden, das bereits am Eingang der Ausstellungshalle beginnt und zur Kasse, zur Ausgabe der Audiogeräte und zur Ausstellung selbst führt. Das Ziel ist es, Blinden und sehbehinderten Menschen so einen eigenständigen Ausstellungsrundgang zu ermöglichen. Ein taktiler Grundriss im Eingangsbereich der Ausstellung soll außerdem Orientierungshilfe bieten. Alle Stationen verfügen zudem über eine spezielle Halterung für Geh- und Langstöcke.

Die Ausstellung selbst ist als Rundgang angelegt: Die Besucher werden gleich am Anfang nach links und vom Eingang weggeführt, wodurch leider der größte Teil der Ausstellung zunächst „unsichtbar“ bleibt und sich die Museumsgäste keinen Überblick verschaffen können. Das wäre allerdings absolut notwendig, denn die Ausstellungsmacher verfolgen eindeutig das Ziel, so viele Informationen wie möglich zu vermitteln. Den Besuchern bleibt jedoch weder genug Zeit noch Raum, um sich ausführlich mit allem auseinanderzusetzen. Insgesamt ist das Organisationsprinzip des Rundgangs streng gehalten: Große Nummern führen von einer Station zur nächsten, deren Gestaltung wiederum suggeriert, dass zuerst der jeweilige Text zu lesen und dann die dazugehörigen Objekte anzuschauen sind. Das macht es Besuchern schwer, individuelle Wege zu gehen oder gar Abkürzungen zu nehmen.

In der Führung durch die Ausstellung und der Wahrnehmung des Raums wird des Weiteren deutlich, was auch auf inhaltlicher Ebene ein Problem ist: Die Aufteilung nach zeitlicher Abfolge von Ereignissen und nach territorialen Gebieten führt teilweise zu Wiederholungen (alle Gebiete wurden erobert, die Kolonialisierten enteignet, Rohstoffe ausgebeutet, …) und macht es den Besuchern außerdem schwer, Verbindungen zu erkennen. Wäre die Ausstellung dagegen nach „Mustern“ aufgeteilt, die sich in der Geschichte aller Kolonien finden lassen, könnten sich Interessierte ein besseres Gesamtbild machen und außerdem lernen, wie sie selbst solche Muster erkennen können. Solche Muster könnten sein: Eroberung und Aneignung von Gebieten, Enteignung der Bevölkerung, Zwangsarbeit und Konzentrationslager (mit Verweisen zu Nationalsozialismus, Stalin und anderen), Wissenschaft (hunderte von Ärzten führten Experimente durch, von denen Europäer später profitierten; Museumssammlungen wurden mit gestohlenen Objekten gegründet, etc.) und andere.

Im Rahmen der Veranstaltung „Ausgestellter Kolonialismus“ mit dem Politologen Joshua Kwesi Aikins, am 13. April 2017 (vom August Bebel Institut in Berlin organisiert), wurde deutlich, dass die Ausstellung noch weitere Mängel aufweist: Um allen Perspektiven gerecht zu werden, müsste sich die Blickumkehrung, die gleich am Eingang mit Holzfiguren, die Kolonialisten aus der Perspektive von Kolonialisierten zeigen, erreicht wird, durch die gesamte Ausstellung ziehen. Verbindungen wie die zum Nationalsozialismus in Deutschland oder zum Apartheitssystem in Südafrika müssten besser aufgearbeitet und deutlicher aufgezeigt werden. Ganz unbeantwortet bleibt in der Ausstellung auch die Frage, wie die Gebiete eigentlich aussahen bevor die Kolonialmächte ankamen. Ein Bild der Zeit vorher würde dabei helfen, den Besuchern die Gewalt und Brutalität des Kolonialismus deutlicher vor Augen zu führen. Sie würden erfahren, welches Wissen, welche Kulturen, Strukturen und Systeme zerstört wurden, und besser verstehen, welche weitreichenden Folgen diese Verluste bis heute haben.

Auch ihrem selbst gesetzten Ziel, barrierefrei und inklusiv zu sein, wird die Ausstellung nicht vollkommen gerecht: Das Licht im Ausstellungsraum ist beispielsweise relativ dämmrig, wahrscheinlich um das Papier der ausgestellten Schriftdokumente zu schützen. Darunter leiden allerdings die Lesbarkeit der Texte und die Erkennbarkeit der Objekte – und Besucher bekommen den Eindruck, dass hier die Interessen Sehbehinderter außen vor gelassen wurden. Die Frage ist nicht nur, ob dies eine bewusste Entscheidung war und inwieweit sie sich mit dem Anspruch einer inklusiven Gestaltung vereinbaren lässt, sondern auch, ob sich nicht in einer Zusammenarbeit aller Beteiligten (Kuratoren, Konservatoren und Gestaltern) eine Lösung finden ließe, die beide – Betrachter und Betrachtungsobjekt – gleichberechtig behandelt.

Barrierefreiheit und Inklusion sollten sich außerdem nicht allein auf 16 „inklusive Kommunikationsstationen“ konzentrieren, sondern umfassend gedacht und umgesetzt werden. Hilfreich für alle Besucher wäre eine bewusste Entscheidung, welche Teile der Ausstellung wichtig und welche weniger relevant sind. Dafür muss ein Thema nicht nur ausführlich aufgearbeitet, sondern auch auf das Wesentliche reduziert werden. Das ist durch einen engen Austausch von Kuratoren und Gestaltern möglich. Und: Warum nicht auch kritische Stimmen wie die von Joshua Kwesi Aikins von Tag eins an einbinden und ernst nehmen? Warum nicht Menschen mit Behinderung zu aktiven Beratern machen, die das Projekt von Anfang an begleiten? Von einer solchen, konstruktiven Zusammenarbeit könnten die Ausstellung, ihre Besucher und nicht zuletzt auch das Museum selbst profitieren.

In einer Veranstaltung des DHM mit dem Aktivisten und Berater für Inklusion und Barrierefreiheit Raúl Krauthausen am 15. März 2017 wurde deutlich, dass die Institution auch in Zukunft ihre Ausstellungen inklusiv und barrierefrei gestalten will. Das ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Dass es jedoch keinem Mitglied des Kuratorenteams möglich war, an der durchaus konstruktiven Diskussionsrunde im August Bebel Institut teilzunehmen, ist bedauerlich. Es bleibt zu hoffen, dass neben der inklusiven Ausstellungsgestaltung auch die Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus weiterhin aktiv angegangen wird. Wünschenswert wäre, dass sowohl eine inklusive Gestaltung als auch die kritische Auseinandersetzung mit der Kolonialvergangenheit schon bald Eingang in die Dauerausstellung fänden und selbstverständlich mitgedacht und in alle Erzählstränge eingearbeitet würden. Einen Anfang hat das Museum immerhin schon gemacht.

FACTS

Projekt:

Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart, Berlin (DE)

Gestaltung:

Nadine Rasche, Werner Schulte und Mara Spieth/DHM, Berlin (DE) > www.dhm.de

Standort:

Deutsches Historisches Museum, Berlin (DE) > www.dhm.de

Zeitrahmen:

14.10.2016 – 14.05.2017

Auftraggeber:

Deutsches Historisches Museum, Berlin (DE) > www.dhm.de

Fotos:

Susan Vaupel/DHM, Berlin (DE) > www.dhm.de

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