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Neue Welten

Geometrien des Bewusstseins

POSTED 31. Juli 2019
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Dunkelheit und Stille – das sind die ersten Eindrücke beim Betreten von Alfredo Jaars unterirdischer Installation „Geometría de la Conciencia“ (Geometrie des Bewusstseins), die sich direkt neben dem 2010 eröffneten „Museo de la Memoria y los Derechos Humanos“ (Museum für Erinnerung und Menschenrechte) in Santiago de Chile befindet. Und diese Konfrontation mit dem Nichts kann ziemlich beklemmend sein: Es ist so dunkel, dass eine visuelle Orientierung unmöglich ist. Nach dem Schließen der automatischen Tür wissen die Besucher lediglich, dass diese Erfahrung fünf Minuten andauern wird. Ungewiss ist jedoch, in welchem Raum sie sich befinden und was in dieser Zeit passiert. Jene Delokalisierung im Schweigen ist dabei wichtiger Teil des inhaltlichen Konzepts des chilenischen Künstlers: Dunkelheit, Stille, Gefühle von Unsicherheit, Beklemmung und Klaustrophobie – all diese Eindrücke stellen eine Beziehung zur Erfahrung der Verhafteten und Gefolterten unter der Diktatur von Augusto Pinochet in den Jahren von 1973 bis 1990 her: Nach einer Festnahme wurden ihnen die Augen verbunden, damit sie nicht nachvollziehen konnten, wohin sie gebracht werden. Mit diesen Augenbinden mussten sie eine Ewigkeit in Stille und Dunkelheit ausharren ohne zu wissen, was sie erwartet, um schließlich von einem plötzlichen Verhör sowie Folter in gleißendem Licht aus dieser Situation „befreit“ zu werden.

Nach einigen Minuten haben sich die Augen der Besucher allmählich an die Dunkelheit gewöhnt, als an der Wand gegenüber des Eingangs plötzlich unzählige, leuchtende Silhouetten von Gesichtern auftauchen. Durch die links und rechts angebrachten Spiegelwände scheinen sich jene dabei ins Unendliche fortzusetzen. Die Wand ist mit schwarzen PVC-Hartschaum-Platten bedeckt, aus denen die entsprechenden Silhouetten ausgelasert und mit opakem Acrylglas hinterkleidet sind. So erscheinen die Silhouetten nicht als Schatten, sondern als leuchtende Gesichter: jedes individuell, aber geometrisch in Reih und Glied angeordnet. Die 500 zufällig ausgewählten Silhouetten gehören zu Menschen, die während der Diktatur verhaftet und ermordet wurden. Nach kurzer Zeit verschwinden sie wieder und es herrscht erneut komplette Dunkelheit. Der Wechsel zwischen Licht und Dunkel, die reduzierten visuellen Eindrücke sowie die Stille machen nachdenklich und lassen die Besucher innehalten. So erinnert dieses Erscheinen und Verschwinden auf eindrückliche Weise an die über 40.000 Opfer der chilenischen Diktatur. Und es macht deutlich, wie wichtig es ist, sie vor dem Vergessen zu bewahren und ein Bewusstsein (Conciencia) zu entwickeln.

Alfredo Jaars Werk ermöglicht somit, die Erfahrung eines Besuchs des vorwiegend auf Informationen und Dokumenten basierten Museums zu komplementieren. Es ist eine Erfahrung, die berührt, die den Betrachter auf sensorischer und körperlicher Ebene anspricht, Emotionen und Assoziationen weckt – eine zeitlose Erfahrung, die auch nach neun Jahren des Bestehens des Museums nichts an Intensität eingebüßt hat.

FACTS

Projekt:

Geometría de la Conciencia (Geometrie des Bewusstseins), Santiago de Chile

Gestaltung:

Alfredo Jaar, New York (USA) > www.alfredojaar.net

Standort:

Museo de la Memoria y los Derechos Humanos, Santiago de Chile (CL)

Fertigstellung:

seit Februar 2010

Auftraggeber:

Museo de la Memoria y los Derechos Humanos, Santiago de Chile (CL) > www.museodelamemoria.cl

Fotos:

Archivo Museo de la Memoria
Sophia Firgau