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Interviews

Ralf Nähring über das feuerwehr.erlebnis.museum

POSTED 20. März 2015
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„Das Wesentliche bleibt aber vor allem: relevanter Inhalt!“

 

Mit dem feuerwehr.erlebnis.museum hat sich die Agentur dreiform aus Köln auf neues Terrain gewagt: War sie bislang eher für räumliche Markenkommunikation bekannt, haben die Gestalter nun ihr Debüt im Bereich der Ausstellungsgestaltung gegeben. Wir wollten mehr über den Formatwechsel und das Projekt feuerwehr.erlebnis.museum erfahren und haben den Geschäftsführer Ralf Nähring zum Interview gebeten.


Die Fragen stellte Anna Bühling

 

Herr Nähring, Ihre Agentur ist schwerpunktmäßig eigentlich im Bereich der räumlichen Markenkommunikation angesiedelt. Das feuerwehr.erlebnis.museum war nun Ihr erstes Museumsprojekt. Wie kam es dazu?

Wir wurden den Initiatoren des Museums – also der Stadt und dem Förderverein – als mögliche Partner empfohlen. Uns hat es einfach gereizt, eine dauerhafte Erlebnisausstellung zu einem so spannenden Thema wie Feuerwehr von A bis Z zu entwickeln. In einem Konzeptwettbewerb konnten wir uns schließlich mit der Leitidee einer didaktischen Klammer über die fünf wesentlichen inhaltlichen Bausteine durchsetzen. Und dann begann das längste Projekt in der dreiform-Geschichte.

 

Hat sich der Formatwechsel bemerkbar gemacht – etwa in einer für Ihre Mitarbeiter neuen Herangehens- und Arbeitsweise?

In jedem Fall war der Projektablauf anders als in Projekten für Unternehmenskunden. Oft steht bei Markenauftritten in Shops, Showrooms oder auf Messen eine zeitliche Deadline im Vordergrund und erfordert ein extrem zielgerichtetes Arbeiten – manchmal ohne Zeit zum Ausprobieren. Häufig wird das Erscheinungsbild durch Corporate-Design-Vorgaben in eine bestimmte Richtung gelenkt, in dem ein ausgewähltes Produkt oder Thema bestmöglich für eine klar definierte Zielgruppe präsentiert werden soll. Für dieses neu entstehende Museum existierten solche Vorgaben beziehungsweise Einschränkungen jedoch nicht. Es gab lediglich eine umfangreiche Exponatsammlung – hauptsächlich mit Fahrzeugen, Uniformen und Werkzeugen. Das war’s. Insofern war es bestimmt von Vorteil, dass wir hier mit unserem Erfahrungsschatz im Markenbereich andocken konnten, um aus dem Museum langfristig ein „Marke“ machen zu können.

 

Der Prozess von der Idee eines neuen Feuerwehrmuseums in Hermeskeil bis hin zur Eröffnung war ungewöhnlich lange. Welche Herausforderungen und Hürden haben sich ergeben?

Das stimmt: Von der ersten Idee bis zur Eröffnung sind sieben Jahre vergangen. Das hatte mehrere Gründe: Von der Kommunalpolitik mit zwei Wahlen und Bürgermeisterwechseln über diverse Auftritte vor städtischen Gremien bis zum Austausch der Führungsspitze des Fördervereins war eigentlich alles dabei. Es gab auch Monate, in denen das Projekt komplett brach lag, da wieder auf eine Entscheidung von außen – zum Beispiel die Bewilligung von Fördermitteln – gewartet werden musste. Besonders schwierig war es in dieser Zeit die Motivation und Lust auf das Projekt im Team hochzuhalten. Aber gerade die Wiederaufnahme der Arbeit hat an einigen Stellen für eine kritische Reflektion und am Ende für ein vielleicht besseres Ergebnis gesorgt. In jedem Fall ist das feuerwehr.erlebnis.museum unser meist diskutiertes Projekt – sowohl intern als auch extern.

 

Wie hat sich im Verlauf des Projekts die Zusammenarbeit mit der Stadt, dem Land, dem Trägerverein und anderen Interessengruppen gestaltet?

Am Anfang standen gemeinsame Workshops mit der Stadt und dem Förderverein im Vordergrund. Auch der Museumsverband Rheinland-Pfalz war involviert und hier wurden die Meilensteine festgezurrt: die inhaltliche Didaktik für die Ausstellung, die Definition von Zielgruppen und die Einigung auf eine Tonalität in der Besucheransprache. Dann haben wir Raum für Raum entwickelt und sehr plastisch als Modell präsentiert. In anderen dreiform-Projekten wird alles in 3D modelliert und animiert, das feuerwehr.erlebnis.museum gibt es allerdings nicht als 3D-Datei. Trotzdem war das Museum dem ganzen Team sehr präsent, da es als reales Modell immer sichtbar und immer wieder im Einsatz bei Stadtratssitzungen und Feuerwehrfesten war.

 

Wie hat sich die Kooperation mit dem Architekten Christoph Eiden gestaltet? Hatten Sie die Möglichkeit, das Gebäude und die Raumaufteilung ganzheitlich zu konzipieren?

Das Projekt war vom Auftrag her klar aufgeteilt: Hier die Architektur mit dem Neubau und der Sanierung des Altbaus, dort die „Museumseinrichtung“, in die sowohl das Konzept als auch die Umsetzung aller raumbildenden Elemente, der Grafik und der Medien fiel. Es war für uns natürlich toll, bauliche Entscheidungen im Dialog mit dem Architekten mitbeeinflussen zu können: Die schwarze Decke im Obergeschoss und die Entscheidungen bei der Auswahl des Bodenmaterials sind Beispiele dafür. Unsere Idee für eine mediale Feuerbespielung des Eingangsbereichs kam aber leider aus Budgetgründen nicht zum Tragen. Dafür wurden hier als Alternatividee vollflächig rote Folien auf die Glasfassade kaschiert.

 

Wie haben Sie die Inhalte und Räume der Ausstellung entwickelt?

Bei dreiform entwickeln wir Oberflächen mit Tiefe – und insbesondere in diesem Projekt war es definitiv wichtig, in die Tiefe zu recherchieren, um vielfältige Aha-Erlebnisse für die Besucher entwickeln zu können. Ausgangspunkt war oft die Frage: Wie werden komplexe Sachverhalte für Familien und Kinder erlebbar und bieten auch dem Fachbesucher – wie zum Beispiel einem freiwilligen Feuerwehrmann – einen Mehrwert. Dazu war es notwendig, sich sowohl mit den physikalischen Grundlagen zum Thema Feuer, mit der historischen Entwicklung der Feuerwehr vom alten Rom bis heute als auch mit der gesellschaftlichen Relevanz des Berufs auseinanderzusetzen und diese unterschiedlichen Themen in eine erzählerische Linie zu bringen.

 

Gab es im Team von dreiform eine besondere Herangehesnweise an die Aufgabe der Wissensvermittlung? Wie wird Wissen im feuerwehr.erlebnis.museum vermittelt und wie ist die enge Einbeziehung der Besucher in die Ausstellung gelungen?

Ziel war von Anfang an, ein Museum für die gesamte Familie und nicht nur für Feuerwehrleute zu gestalten. Dementsprechend ging es generell darum, die Besucher zu involvieren, um durch eigenes Erleben auch eine Sensibilisierung für das Thema zu erreichen. Das beginnt direkt am Anfang mit dem Thema „Feuer“, das jedem Besucher vertraut ist. Jeder kann nachvollziehen wie Feuer entsteht. Dann wird die Brücke zum Schadfeuer geschlagen und zur Notwendigkeit, sich gegen dieses zu wehren. Und schon ist der Besucher mitten im Thema und im nächsten Erlebnisraum: den „Ereignissen“, anhand derer die Entwicklung des Feuerwehrwesens als Raumgrafik abgelesen werden kann. Es folgen die „Protagonisten“ – die sich plakativ gegenüberstehenden Opfer und Retter – der Bereich der „Tätigkeiten“, in dem die Besucher selbst Hand anlegen müssen und zum Abschluss im Untergeschoss die Halle mit den „Werkzeugen“, vom Atemschutz bis zum Spreizer und „Fahrzeugen“, in die sich die Besucher hinein(ver)setzen können.

 

Sie setzen in der Ausstellung stark auf die Interaktion mit Exponaten. Welche Vor- und Nachteile hat eine erlebnisorientierte Wissensvermittlung aus Ihrer Sicht? Wie gut vertragen die Exponate die ständige Beanspruchung?

Nur wenige Exponate befinden sich geschützt hinter Glas – die meisten Objekte sollen angefasst, angezogen und ausprobiert werden. Insbesondere im Bereich der Ausrüstung kann so ganz körperlich spürbar werden, welche physischen und psychischen Anstrengungen mit Feuerwehreinsätzen verbunden sind. Die Feuerwehr agiert immer unter Zeitdruck, teilweise unter Einsatz des eigenen Lebens – insofern sind kleine Wettbewerbe für Schulklassen, in denen sekundenschnelles Entscheiden gefordert ist, eine gute Möglichkeit, solche Situationen zu simulieren. Denn das Erleben ist die Grundlage für das Verstehen. Wenn es uns mit der Ausstellung so gelingt, die Besucher zu sensibilisieren und ein wenig „Brandschutzerziehung“ zu betreiben, freuen wir uns natürlich.

 

Wie kam es dazu, dass dreiform neben der Ausstellung auch die Corporate Identity, den Namen und die Merchandising-Produkte entwickelt hat?

Uns war es einfach wichtig, dass das Museum auch nach außen einen professionellen Auftritt erhält, der inzwischen vom Förderverein eigenständig gepflegt wird. Wenn ich mit meiner Familie einen Ausflug plane, schaue ich doch zuerst ins Internet – also fängt der Besuch logischerweise dort an. Der kurze Erklärfilm gibt den potentiellen Besuchern zudem einen kleinen Eindruck, bevor sie sich dann hoffentlich auf den Weg nach Hermeskeil machen.

 

Welches ist Ihr persönliches Highlight in der Ausstellung und warum?

Da gibt es einige! Toll finde ich die Möglichkeit, die „weiche Seite“ der Retter zu entdecken, indem ich mich an die Rückseite der Großbuchstaben anlehne und dadurch einen Film auslöse, in dem ich etwas über Motivation aber auch Ängste erfahre. Das ist teilweise sehr persönlich. Auch das stilisierte Haus im Zentrum von „Ereignisse“ ist ein Highlight, dessen räumliche Wirkung aus jeder Blickrichtung unterschiedlich ausfällt.

 

Wird es künftig weitere von dreiform gestaltete Ausstellungen geben oder geht es eher wieder zurück zur Markenkommunikation?

Da sind wir total offen. In jedem Fall müssen wir uns mit dem Thema identifizieren können, nur so kann am Ende eine gute Gestaltung entstehen.

 

An welchen Projekten arbeiten Sie aktuell?

Momentan arbeiten wir an vielen interaktiven Projekten, in denen sich unsere Kompetenzen aus dem Raum und der inhaltlichen Bespielung gut ergänzen: zum Beispiel an einer Ausstellung für einen Technologiekonzern, einem Visitor-Center für einen Lichthersteller, an Exponaten zum Thema „Smart Home“ für einen Energieversorger und an einem Flagshipstore für Gesundheitsschuhe in Kuwait.

 

Ein dreiform-eigenes Projekt ist der Salon D – eine Plattform für den Designdiskurs. Die zweite Veranstaltung des Formats hatte das Thema „Real – Digital“. Welche Entwicklungen sehen Sie in diesem Bereich auf uns zukommen?

Salon D steht für Design, Diskurs und DJ, wobei uns letzteres ist besonders wichtig ist. Wir sehen in fast allen Projekten die Verknüpfung von realer Welt und digitaler Überlagerung. Das betrifft heutiges Produktdesign genauso wie Ausstellungen, die wir planen. Das Wesentliche bleibt aber vor allem: relevanter Inhalt. Aus diesem Grund haben wir unsere eigene Unit CCC ins Leben gerufen. Das steht für Creative Content und Coding. Hier betreiben wir unter anderem Prototyping mit neuen Hilfsmitteln, um andersartige Formen der Wahrnehmung und Teilhabe auszuprobieren, die später in unsere Projekte einfließen können.


Ralf Nähring, vielen Dank für das Gespräch!

 

Zur Person

Ralf Nähring, Jahrgang 1972, studierte nach seiner Tischlerlehre Produktdesign in Münster und San Francisco. Gemeinsam mit Clemens von Gizycki gründete er 2001 die Kreativschmiede dreiform. Unter dem Dach der Kölner Agentur arbeitet inzwischen ein 20-köpfiges interdisziplinäres Team an Projekten aus dem Bereich der räumlichen Kommunikation.

FACTS

Kontakt:

Ralf Nähring, dreiform, Köln> www.dreiform.de

Fotos:

Stefan Schilling, Köln> www.stefan-schilling.de