{"id":46613,"date":"2020-10-28T16:17:33","date_gmt":"2020-10-28T15:17:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=46613"},"modified":"2020-11-06T17:40:52","modified_gmt":"2020-11-06T16:40:52","slug":"vom-glueck-vergessen-chur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2020\/10\/vom-glueck-vergessen-chur\/","title":{"rendered":"VOM GL\u00dcCK VERGESSEN. F\u00dcRSORGERISCHE ZWANGSMASSNAHMEN IN GRAUB\u00dcNDEN, CHUR"},"content":{"rendered":"<p>Fremdplatziert, verdingt, entm\u00fcndigt, in Anstalten versorgt, zwangsadoptiert oder sterilisiert: Bis in die 1970er-Jahre waren in der Schweiz zehntausende Kinder, Jugendliche und Erwachsene von f\u00fcrsorgerischen Zwangsma\u00dfnahmen betroffen. In Graub\u00fcnden waren es mehrere Tausend. Viele kamen aus schwierigen sozialen und wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnissen und ihre von b\u00fcrgerlichen Normen abweichende Lebensweise war Grund f\u00fcr massive Eingriffe und repressive Ma\u00dfnahmen. Seit einigen Jahren erheben Betroffene nun verst\u00e4rkt ihre Stimme: Sie berichten vom Erlittenen und fordern Aufarbeitung. Dass ihnen Unrecht geschah, wird heute offiziell anerkannt \u2013 2017 sprach die B\u00fcndner Regierung eine Entschuldigung aus. Dementsprechend soll mit der Ausstellung \u201eVom Gl\u00fcck vergessen. F\u00fcrsorgerische Zwangsma\u00dfnahmen in Graub\u00fcnden\u201c im R\u00e4tisches Museum Chur nun Aufkl\u00e4rung betrieben und dieser Teil der Schweizer Geschichte aufbereitet werden.<\/p>\n<p>Im Zentrum der Sonderausstellung stehen dabei f\u00fcnf Betroffene, geboren zwischen 1881 und 1957. Ihre Lebensgeschichten sind je in einem H\u00f6rst\u00fcck verdichtet, wodurch Schl\u00fcsselmomente und Kernthemen nachempfindbar werden sollen. Damit Besuchende sich auf diese Geschichten einlassen k\u00f6nnen, hat die Szenografin Karin Bucher f\u00fcr jede Lebensgeschichte einen entsprechenden, intimen, abgeschlossenen Raum entworfen. Diese \u201eKammern\u201c sollen die Erz\u00e4hlung illustrieren, sie erlebbar machen und ein immersives Eintauchen in eine andere Zeit mithilfe verschiedener Medien zulassen: Originaldokumente k\u00f6nnen zur Hand genommen und gelesen werden und reale Objekte verordnen die Geschichte in der Zeit. Um einen Perspektivwechsel zu erm\u00f6glichen, wird auf einer der Au\u00dfenw\u00e4nde dieser R\u00e4ume jeweils der historische Kontext dargestellt, denn jede Biografie ist beeinflusst vom sozialen und politischen Umfeld. Fragmentarisch werden hier zudem das Zeitgeschehen, die politischen und rechtlichen Grundlagen lose auf angelehnten Tafeln erz\u00e4hlt. Schicht um Schicht legen sich so die kollektiven Geschichten auf den Au\u00dfenw\u00e4nden um die individuellen Biografien im Inneren. Erg\u00e4nzt werden die f\u00fcnf Erz\u00e4hlr\u00e4ume schlie\u00dflich von einem sechsten: Er ist als offene Fl\u00e4che gestaltet und nur mit einem B\u00fccherregal begrenzt, in dem sich weitere Biografien versammeln. Denn Reden, Schreiben und Zuh\u00f6ren kann Erlebtes ver\u00e4ndern und manchmal sogar heilen.<\/p>\n<p>Gestalterisch hat Karin Bucher dabei komplett auf das Material Karton gesetzt: \u201eBrauner Verpackungskarton dient uns meist nur kurzfristig, um etwas f\u00fcr einen Transport zusammen zu halten oder zu sch\u00fctzen. Danach landet er im Altpapier, hin und wieder regt er die Spiele der Kinder an oder wird als w\u00e4rmende Unterlage genutzt. Zusammen mit dem Team des Museums habe ich mit viel Hingabe und Geduld aus braunem Karton eine neue, liebevoll nachempfundene Welt erschaffen, um die Biografien aufzufangen. Die Objekte sind detailhaft nachgebaut und orientieren sich an den jeweiligen historischen Zeitabschnitten. Zugleich bieten sie durch ihre unbeschriebene Oberfl\u00e4che einen Freiraum f\u00fcr eigene Empfindungen, Gedanken und Assoziationen sowie eine offene Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr Erinnerungen\u201c, beschreibt sie ihr Gestaltungskonzept. Und es wird schnell klar: Auch wenn der Werkstoff auf den ersten Blick stark robust erscheint, so wei\u00df jeder, dass Karton durchaus sensibel ist und auf st\u00e4ndige Beanspruchung empfindlich reagiert, wenn nicht sogar zusammenbricht \u2013 genau wie die Seele eines belasteten Menschen &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fremdplatziert, verdingt, entm\u00fcndigt, in Anstalten versorgt, zwangsadoptiert oder sterilisiert: Bis in die 1970er-Jahre waren in der Schweiz zehntausende Kinder, Jugendliche und Erwachsene von f\u00fcrsorgerischen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4],"tags":[2383,2382],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/46613"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=46613"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/46613\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":46616,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/46613\/revisions\/46616"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=46613"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=46613"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=46613"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}