{"id":45807,"date":"2020-05-29T17:00:35","date_gmt":"2020-05-29T15:00:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=45807"},"modified":"2020-09-30T16:31:56","modified_gmt":"2020-09-30T14:31:56","slug":"wolfgang-menardi-ueber-mitspielende-poetische-raume-intuition-und-aengste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2020\/05\/wolfgang-menardi-ueber-mitspielende-poetische-raume-intuition-und-aengste\/","title":{"rendered":"WOLFGANG MENARDI \u00dcBER MITSPIELENDE, POETISCHE R\u00c4UME, INTUITION UND \u00dcBER \u00c4NGSTE"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eEigentlich denke ich immer aus einer assoziativen, poetischen Dunkelheit heraus.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wolfgang Menardi<\/strong><strong>, Wahlberliner aus Tirol, ist ein Spezialfall unter den B\u00fchnenbildnern im deutschsprachigen Theaterraum. Denn er war lange Schauspieler und hat erst nach und nach angefangen, auch als B\u00fchnenbildner zu arbeiten. Innerhalb k\u00fcrzester Zeit wurde er jedoch zu einem der gefragtesten Akteure seines Metiers und f\u00e4llt seit einigen Jahren mit einer unglaublichen F\u00fclle an Projekten auf, die eine sehr anziehende \u00c4sthetik auszeichnet \u2013 wobei nicht nur die Anzahl, sondern vor allem auch die Vielf\u00e4ltigkeit seiner Entw\u00fcrfe schwer beeindruckt. Dementsprechend waren wir sehr gespannt darauf, was ihn antreibt, wie er \u00fcber seinen Beruf denkt und wie er mit Raum umgeht \u2013 und entdeckten einen ungeheuer neugierigen und ehrlichen K\u00fcnstler und Kollegen.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Die Fragen stellte Thea Hoffmann-Axthelm.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wolfgang Menardi<\/strong><strong>, w\u00e4hrend wir uns mit Deinem Portfolio besch\u00e4ftigten, ist uns fast als erstes aufgefallen, dass Du sehr viel arbeitest. Das liegt wahrscheinlich mitunter daran, dass Du mit unterschiedlichen Regisseuren kooperierst \u2013 wie etwa <\/strong><strong>Thorleifur \u00d6rn Arnarsson, Milo\u0161 Loli\u0107, Thom Luz oder Yael Ronen<\/strong><strong>, um nur einige zu nennen. Wie funktioniert dieses \u201esich jedes Mal neu einlassen\u201c? Und dann auch noch bei dem hohen Tempo?<\/strong><\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich interessiert es mich immer, neue Arbeitszusammenh\u00e4nge auszuprobieren. Ich treffe Entscheidungen eher aus dem Bauch heraus und lege dann dementsprechend fest, mit wem es mich interessiert, zusammen zu arbeiten. Ich bin au\u00dferdem \u00fcberhaupt kein \u201eErf\u00fcllungsb\u00fchnenbildner\u201c und suche mir eigentlich immer Leute (oder die Leute suchen mich), die mir den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Freiraum lassen. Wenn das gegeben ist, kann ich mich total auf unterschiedliche Regie-Handschriften einlassen \u2013 selbst, wenn diese nicht immer unbedingt f\u00fcr das Theater stehen, das mich als Zuschauer am meisten interessiert. Ich denke dann, gerade das k\u00f6nnte doch spannend sein, wenn sich unterschiedliche Herangehensweisen oder Theater\u00e4sthetiken mischen. Zudem schaue ich mir an, wie andere B\u00fchnen von fr\u00fcheren Projekten der jeweiligen Regisseurin oder des jeweiligen Regisseurs aussehen und \u00fcberlege, was ich von mir dazugeben kann, das dann gemeinsam zu etwas Neuem wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie w\u00fcrdest Du Deine Arbeitsweise w\u00e4hrend der Entwurfsphase beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p>Ich will am Anfang nicht zu viel wissen, sondern arbeite erst einmal alleine an einen Entwurf, den ich dann pr\u00e4sentiere. Ich bin nicht so gut mit Worten, also zeige ich lieber zu einem fr\u00fchen Zeitpunkt eine Konzeption, die das beschreibt, was mich am jeweiligen St\u00fcck interessiert \u2013 auch, wenn sie noch nicht als Endprodukt, sondern vielmehr als Gespr\u00e4chsangebot zu verstehen ist. Dieser erste Entwurf kann meistens viel zu viel, da ich versuche, alles in ein Bild zu packen. Also finden wir dann gemeinsam heraus, wo es \u00dcberschneidungen gibt oder Punkte, an denen Reibung entstehen oder etwas abstrahiert werden kann. Zum Gl\u00fcck lassen sich die meisten Regisseure, die ich bisher kennengelernt habe, auf diesen Prozess ein. Ansonsten stelle ich mir den Raum immer als Mitspieler vor \u2013 das ist wahrscheinlich der Tatsache geschuldet, dass ich Schauspieler bin &#8230; \u2013 und bringe meistens relativ konkrete Ideen mit, wie damit gespielt werden kann \u2013 wobei ich versuche, sehr viele Spielm\u00f6glichkeiten zu schaffen.<\/p>\n<p>Es gibt aber auch Projekte, bei denen dieser Prozess etwas schwieriger ist: zum Beispiel bei St\u00fcck-Entwicklungen, bei denen es noch gar keinen Text, sondern vielleicht nur ein Thema gibt. Das hatte ich in letzter Zeit oft, wie gerade bei \u201eIn My Room\u201c von Falk Richter am Berliner Maxim Gorki Theater. Da frage ich nat\u00fcrlich schon mal nach einem Ansatz, wenn ich nicht weiterkomme. Bei solchen Projekten habe ich andererseits aber auch gerade dadurch die gr\u00f6\u00dfte Freiheit und eine ganz andere Verantwortung, weil ich der erste bin, der etwas abgeben also auch festlegen muss. Die Regisseure m\u00fcssen dann mit meiner Setzung umgehen. Nat\u00fcrlich denke ich hier oft mit und wei\u00df, dass sich der Inhalt noch in eine andere Richtung entwickeln kann, wie beispielsweise wenn ich mit Yael Ronen arbeite, wie jetzt gerade f\u00fcr \u201e(R)Evolution\u201c am Hamburger Thalia Theater, wo es gut sein kann, dass sich das Thema w\u00e4hrend der Probenzeit um 180 Grad dreht. Dementsprechend versuche ich etwas zu entwerfen, was ich nochmal umarbeiten kann und was eine gewisse inhaltliche Flexibilit\u00e4t mitbringt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wenn Du sagst, Du hast beim Entwurf die Bespielbarkeit im Kopf, meinst Du das im Sinne von konkreten Szenen oder eher als allgemeines Spielangebot, vielleicht auch an Dich selbst?<\/strong><\/p>\n<p>Meist stelle ich mir mich selbst in dem Entwurf vor und frage mich, was ich darin machen w\u00fcrde \u2013 als Schauspieler. Ich denke dar\u00fcber nach, was mir helfen oder was mir Hindernisse bieten w\u00fcrde, die ja f\u00fcr die Schauspieler immer das Beste sind. Ich sehe die B\u00fchne einfach als einen weiteren Mitspieler. So spiele ich trotzdem noch mit (auch wenn nicht mehr als Schauspieler arbeite) und kann au\u00dferdem dramaturgisch und inhaltlich Einfluss nehmen. Mir gef\u00e4llt, dass ich \u00fcber die R\u00e4ume eine weitere Bedeutungsebene legen kann, die der Regisseur vielleicht gar nicht mitbedenkt oder mitbedenken muss, und damit eine emotionale Komponente einbringe. Das gibt im besten Fall dem Ganzen noch ein zus\u00e4tzliches Geheimnis. Und Geheimnisse sind genau das, nach dem ich oft suche. Denn meistens gibt es im B\u00fchnenentwurf etwas, das sich nicht klar deuten l\u00e4sst und ein Angebot sowohl an die Spielenden als auch an die Zuschauenden ist, die eigene Fantasie anzuwerfen. Mich interessiert die Subjektivit\u00e4t im Blick: Das Gesehene soll individuell erfahrbar sein. Eine B\u00fchne, die ich in Bezug darauf gerne mag, ist die f\u00fcr \u201eLazarus\u201c am Volkstheater in Wien: Hier drehen sich pl\u00f6tzlich die B\u00fchnen, da ist noch was und noch was zu entdecken, alles ist immer wieder neu \u2013 auch f\u00fcr mich. Bei diesem Entwurf wollte ich mich selbst \u00fcberraschen und nicht alles zu Ende denken. Also habe ich Versatzst\u00fccke und Gedankenfetzen zum Stoff auf der B\u00fchne realisieren lassen, und w\u00e4hrend der Proben miteinander kombiniert. Ich wollte eine Art Traumlogik erreichen, ohne schon vorher alles zu wissen. Erst jetzt, im Nachhinein, kann ich zu allem sagen, warum das genau so ist, wie es ist. Es hat mich total gefreut, zu merken, dass es sich ausgezahlt hat, mich auf meine Intuition zu verlassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was w\u00fcrdest Du sagen, macht Dich bzw. Deine Arbeit \u2013 bei aller Unterschiedlichkeit der Projekte \u2013 am meisten aus?<\/strong><\/p>\n<p>Ich versuche stets eine poetische Ann\u00e4herung an die St\u00fccke und denke eigentlich immer aus einer assoziativen, poetischen Dunkelheit heraus. Mir geht es um Stimmung und Atmosph\u00e4re. Womit ich diese Atmosph\u00e4re schlussendlich erreiche, ist dabei immer anders: Zum Beispiel, indem einem realistischen Raum im Entwurf etwas eingeschrieben wird, was sich damit reibt \u2013 sei es eine Art Unlogik in der Weise, wie er bespielt wird oder eine Entfremdung des eigentlichen Zwecks. Oder aber es handelt sich um einen abstrakten Raum, der durch seine Bespielbarkeit wieder eine Konkretheit bekommt, was wiederum von einer poetischen Entr\u00fccktheit zeugt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was gibt es noch f\u00fcr Inhalte oder Themen, die Du mit Deiner Arbeit verfolgst?<\/strong><\/p>\n<p>Ich versuche oft, noch weitere Perspektiven auf etwas zu schaffen: beispielsweise einen inneren Zustand oder einen weiteren eigenen Assoziationsraum, der auch jenseits der Inszenierung funktionieren kann \u2013 einen Raum im Inneren eines Kopfes. \u201eIn My Room\u201c funktioniert vielleicht so: Das B\u00fchnenbild ist eine Mischung aus einem realen Raum, den ich jedoch nicht verstehe: Es ist Sportplatz, aber auch Kirche und es stehen merkw\u00fcrdige Figuren darin herum \u2013 wie in einer Familienaufstellung. Und dann gibt es eben noch die Schauspieler, die sich darin bewegen. Diese Komponenten ergeben immer neue Konstellationen und Verbindungen, obwohl es an sich Dinge sind, die erst einmal nicht zusammenpassen. Im Moment ist es genau dieses collagenartige Aufeinanderschichten, das mich am meisten interessiert. Ich benutze au\u00dferdem immer wieder Spiegel bzw. Spiegelungen, Verdopplungen und Verdreifachungen. Damit haben auch diese Skulpturen zu tun, die sich als Geister auf die B\u00fchne schleichen. Womit wir wieder beim Thema Poesie w\u00e4ren &#8230; Dieser Versuch, einen Moment des Lebens einzufrieren bzw. zu konservieren, ist in seiner Vergeblichkeit einfach so unglaublich traurig und sch\u00f6n zugleich. F\u00fcr mich hat das sehr viel mit Theater zu tun.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielt das Licht in diesen atmosph\u00e4rischen und assoziativen R\u00e4umen?<\/strong><\/p>\n<p>Licht ist mir vom ersten Nachdenken an mit das Wichtigste, denn ich kann es gar nicht separat vom Raum denken. Deswegen gibt es auch bei fast allen meiner Entw\u00fcrfe Licht-Einbauten. Mein Traum w\u00e4re ja (aber das ist sehr schwer durchsetzbar), \u00fcberhaupt nicht mehr mit Scheinwerfern, sondern nur noch mit Lichtquellen auf der B\u00fchne zu arbeiten. Dabei habe ich beispielsweise gar kein \u00fcberm\u00e4\u00dfiges \u00e4sthetisches Faible f\u00fcr Leuchtstoffr\u00f6hren, obwohl ich sie viel verwende. Ich liebe einfach die Klarheit, die dieses Licht auf der B\u00fchne erzeugt. Durch nichts k\u00f6nnen bessere Rahmungen erzielt werden als durch Licht: Du kannst Grenzen setzen, das Geschehen von der Au\u00dfenwelt abtrennen \u2013 oder zusammenf\u00fchren. Es gibt nichts, was schneller verwandelt und auch nichts, mit dem sich mehr zaubern l\u00e4sst. So.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gibt es etwas, das Du durch die Arbeit \u00fcber die Arbeit gelernt hast?<\/strong><\/p>\n<p>Oh ja: Ich habe gelernt, die technischen Gewerke und Werkst\u00e4tten nie nur als ausf\u00fchrendes Organ Deiner Entw\u00fcrfe anzusehen, sondern sie immer als Partner auf Augenh\u00f6he zu betrachten. Und dass ein dickes Fell hilft, wenn es mal nicht so einfach ist. Als ich noch als Schauspieler gearbeitet habe, kannte ich die Mitarbeiter der technischen Abteilungen kaum. Diese Trennung zwischen \u201eKunst\u201c und \u201eTechnik\u201c finde ich schwierig, die wird aber an vielen H\u00e4usern praktiziert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie sch\u00e4tzt Du die Situation unseres Berufsstands ein: Wie prek\u00e4r oder angstbehaftet? Wie zukunftstr\u00e4chtig? Bzw. mit welchen Schwierigkeiten auf der Kehrseite des Freiseins hast Du zu tun?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist auf jeden Fall viel schwieriger als in einem festen Zusammenhang zu arbeiten. Es ist auch schwieriger abzuschalten, da B\u00fchnenbildner mit den ganzen Deadlines und Abgaben sehr viel Verantwortung haben. Und dann gibt es immer wieder die Angst, dass einem nichts einf\u00e4llt: Ich hatte schon schlimme Monate, weil ich mit einer Idee nicht zufrieden war. Und ich habe Versagensangst. Das liegt auch daran, dass ich im Moment Gl\u00fcck habe und mir keine Sorgen machen muss, ob ich genug arbeite, aber auch genau wei\u00df, dass sich das schnell wieder \u00e4ndern kann. Denn das hat ja nicht nur mit K\u00f6nnen zu tun, sondern auch damit, wer gerade angesagt ist. Ich wei\u00df, dass dies auch einen anderen Gang nehmen kann: Es werden zum Beispiel j\u00fcngere B\u00fchnenbildner nachkommen, und dann geht es auch bei denen, die jetzt topaktuell sind, irgendwann wieder runter (au\u00dfer bei recht wenigen Ausnahmen). Sich dessen bewusst zu sein, hilft, um dann gewappnet zu sein, wenn es passiert. Gerade habe ich aber das Gl\u00fcck, dass ich so verdiene, dass ich ganz gut davon leben kann. Aber die Gehaltsschere zwischen den Theatern ist unfassbar, und ich finde, dass es unter den Ausstattern und Szenografen zu wenig Transparenz gibt. Ich h\u00e4tte zum Beispiel \u00fcberhaupt kein Problem damit, zu sagen, was ich verdiene &#8230; Ansonsten ist das nat\u00fcrlich ein total prek\u00e4rer Beruf und es gibt \u2013 genauso wie in anderen Branchen \u2013 einfach viel zu viele, die das gerne machen wollen. Das soll jetzt alles gar nicht negativ klingen, aber: Nehmt Euch in Acht bei der Berufswahl! Das w\u00fcrde ich schon sagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was w\u00fcrdest Du auf einer Theaterb\u00fchne gerne mal sehen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde gerne beobachten, dass diese Kluft zwischen Bildender Kunst, B\u00fchnenbild, Raum, Performance und Theater schmilzt. Eigentlich war ich damals ganz neugierig, als es hie\u00df, Chris Dercon \u00fcbernimmt die Volksb\u00fchne Berlin. Ich wusste \u00fcberhaupt nicht, was seine Beziehung zum Theater ist, aber ich dachte, die Kunstformen k\u00f6nnten sich ja gegenseitig befruchten, was ja leider gar nicht funktioniert hat. Aber das w\u00fcrde ich einfach gerne mal sehen, dass sich dies einl\u00f6st.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und zu guter Letzt wollen wir nat\u00fcrlich auch wissen, wie die COVID-19-Pandemie Deine <\/strong><strong>Arbeit beeinflusst hat bzw. weiterhin beeinflussen wird. Was w\u00fcrdest Du Dir f\u00fcr das Theater nach Corona w\u00fcnschen?<\/strong><\/p>\n<p>Durch die sich zuspitzende Corona-Situation wurde ich im M\u00e4rz 2020 mitten aus den Proben zu \u201ePeer Gynt\u201c am Wiener Burgtheater gerissen und bin quasi \u00fcber Nacht aus \u00d6sterreich \u201egeflohen\u201c. Zu Beginn der Krise habe ich mich wie ein Kind oder Jugendlicher gef\u00fchlt, der etwas ganz Neues erf\u00e4hrt und ganz unbekannte Gef\u00fchle und Sensationen entwickelt. So etwas hatte ich lange nicht mehr und obwohl ich mir durchaus dem Ernst der Lage bewusst war, konnte ich eine Art Erregung in mir sp\u00fcren, die mir aber auch Kraft gab. Es war wie ein Loch in der Zeit \u2013 ein \u201eReboot\u201c in meinem Leben. Ich habe versucht, das als Chance zu sehen und bin aufs Land gefahren, wo ich seit dem Beginn der Ma\u00dfnahmen bin. Die erste Zeit konnte ich sogar genie\u00dfen, da jeglicher sozialer und beruflicher Druck auf einen Schlag weg war und ich das Gef\u00fchl hatte, nicht produktiv sein zu m\u00fcssen, sondern \u201estaatlich\u201c Stillstand verordnet bekommen hatte, den ich mir selbst nicht gew\u00e4hrt h\u00e4tte. Ich konnte und wollte nicht \u00fcber Theater nachdenken, sondern \u00fcber mich, mein Leben und vor allem dar\u00fcber, was mein Leben bedeutet ohne dieses Medium, das doch einen Gro\u00dfteil meiner Lebenszeit einnimmt. Wer bin ich, wenn mir das Theater genommen wird? Was interessiert mich? Kann ich auf die Best\u00e4tigung verzichten? Auf das Erfinden, auf diese Flucht in andere Welten? Ich habe gemerkt, dass ich gar nicht mehr so genau wei\u00df, wer ich bin, wenn mir das Theater genommen wird, da ich in den letzten Jahren zu viel gearbeitet habe. Dar\u00fcber war ich erschrocken.<\/p>\n<p>Irgendwann dachte ich, jetzt m\u00fcsste ich weiterarbeiten, da ja noch ein paar Bauproben anstehen in dieser Spielzeit. Mein Kopf konnte sich aber nicht wirklich frei machen in dieser Situation. Meine Kreativit\u00e4t war auf einem Nullpunkt. Ich habe mich innerlich gewehrt, etwas zu erfinden, da ich immer dachte, das ist alles gerade nicht wichtig. Ich konnte mich nicht an den Computer, an ein Modell setzten oder in einem St\u00fcck lesen. Dann wurden Dinge abgesagt, Bauproben verschoben und auch jetzt h\u00f6re ich fast jeden Tag, dass sich meine Proben und andere Termine verschieben werden, dass B\u00fchnenbilder adaptiert und Stoffe neu \u00fcberdacht werden m\u00fcssen. Das sind nat\u00fcrlich Gr\u00fcnde von Au\u00dfen, die es einem schwer machen, aber auch innerlich bin ich noch immer nicht bereit, zu \u201eBusiness as usual\u201c zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Aber ich bin \u00fcberzeugt davon, dass wir als B\u00fchnenbildner in der n\u00e4chsten Zeit eine unglaublich wichtige Aufgabe bekommen werden: N\u00e4mlich herauszufinden, wie wir R\u00e4ume konzeptionell neu denken k\u00f6nnen, um so \u2013 inhaltlich wie vor allem formal \u2013 auf die Beschr\u00e4nkungen, die auf uns zukommen, eingehen zu k\u00f6nnen. Mich interessiert es deswegen gerade sehr, diese \u201egef\u00fchlte Einschr\u00e4nkung\u201c als eine spannende Herausforderung zu sehen. Und genau das m\u00fcssen wir nutzen, um den Regisseuren und Schauspielern R\u00e4ume anzubieten, die nach diesen Regeln funktionieren, Hindernisse zu geben, Herausforderungen zu schaffen und im besten Fall ganz neue M\u00f6glichkeiten sowie neue r\u00e4umliche und poetische Situationen zu erzeugen, die formal zwar mit den Gegebenheiten umgehen, ohne aber Corona bis ins Detail zu thematisieren. Daher habe ich mich gerade noch sehr davor gescheut, B\u00fchnenbilder einfach so einzut\u00fcten, denn die Situation \u00e4ndert sich dauernd und ich will partout nicht, dass ich etwas mache, das dann mit den neuen vorgegebenen Hygieneregeln irgendwie bespielt wird. Ich m\u00f6chte etwas, das r\u00e4umlich aktiv eingreift, das zum Beispiel N\u00e4he ohne k\u00f6rperliche N\u00e4he zul\u00e4sst. Hier gibt es tausend M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Dennoch f\u00fchle mich gerade etwas gel\u00e4hmt, da ich diesbez\u00fcglich zu wenig Informationen von den Theatern bekomme, die ja auch alle in einer merkw\u00fcrdigen Situation stecken. Also versuche ich jetzt auch meine Bauproben alle weiter nach hinten zu verschieben. Zwei gro\u00dfe Projekte sind abgesagt, ein anderes unbegrenzt verschoben. Vertr\u00e4ge lassen auf sich warten und Theater reagieren nicht auf Fragen meinerseits. Die Verschiebung einzelner Positionen k\u00f6nnte es mir unm\u00f6glich machen, alle vereinbarten St\u00fccke zu realisieren. Es w\u00e4re toll, wenn die Theater jetzt umso transparenter in ihren Vorg\u00e4ngen w\u00e4ren. Und gerade jetzt sollten wir B\u00fchnenbildner eigentlich f\u00fcr diese Theater eine Position darstellen, die wirklich einen absolut wichtigen Beitrag leisten kann f\u00fcr ein Theater in dieser Zeit. Aber gerade scheinen wir f\u00fcr die Theater keine Priorit\u00e4t zu haben. Leider &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wolfgang Menardi<\/strong><strong>, vielen Dank f\u00fcr das sehr ehrliche Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zur Person<\/strong><\/p>\n<p>Wolfgang Menardi, Jahrgang 1977, war nach seinem Schauspiel-Studium an der Otto Falckenberg Schule M\u00fcnchen bei den M\u00fcnchner Kammerspielen, am Th\u00e9\u00e2tre National de la Colline Paris, am Th\u00e9\u00e2tre National de Strasbourg, am Thalia Theater Hamburg, am Schauspiel K\u00f6ln und bei der Ruhrtriennale engagiert. Bis 2012 war er Ensemblemitglied des Bayerischen Staatsschauspiels M\u00fcnchen, seit 2012 arbeitet er freischaffend. 2005 begann er ein Studium der Architektur an der Universit\u00e4t der K\u00fcnste Berlin und so entstanden parallel zu seiner T\u00e4tigkeit als Schauspieler ab 2007 Arbeiten als B\u00fchnen- und Kost\u00fcmbildner. F\u00fcr die Ausstattung von Goethes \u201eUrfaust\u201c (2014) und f\u00fcr das B\u00fchnenbild von \u201eLSD \u2013 Mein Sorgenkind\u201c (2015) wurde er in der Fachzeitschrift Theater heute als bester Nachwuchsk\u00fcnstler und B\u00fchnenbildner nominiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEigentlich denke ich immer aus einer assoziativen, poetischen Dunkelheit heraus.&#8221; &nbsp; Wolfgang Menardi, Wahlberliner aus Tirol, ist ein Spezialfall unter den B\u00fchnenbildnern im deutschsprachigen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1353],"tags":[880],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45807"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45807"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45807\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":45809,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45807\/revisions\/45809"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45807"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45807"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45807"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}