{"id":45716,"date":"2020-05-19T08:30:49","date_gmt":"2020-05-19T06:30:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=45716"},"modified":"2020-06-02T10:30:39","modified_gmt":"2020-06-02T08:30:39","slug":"evelyn-hribersek-ueber-mixed-reality-und-das-potenzial-digitaler-theaterformate","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2020\/05\/evelyn-hribersek-ueber-mixed-reality-und-das-potenzial-digitaler-theaterformate\/","title":{"rendered":"EVELYN HRIBER\u0160EK \u00dcBER MIXED REALITY UND DAS POTENZIAL DIGITALER THEATERFORMATE"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eWenn Menschen einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Situation ausgesetzt werden und sie weder unter Beobachtung noch unter Kontrolle sind, dann zeigt sich oft ihr wahres Gesicht. Ich hoffe, dass wir durch Corona zu einer besseren Gesellschaft werden, die sich selbst, Tier und Natur in Zukunft mit Respekt begegnet.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>An der Schnittstelle von Oper, Theater und Gaming: Mit ihren Mixed-Reality-Arbeiten bringt die Regisseurin und Autorin Evelyn Hriber\u0161ek die Grenzen von Virtualit\u00e4t und Realit\u00e4t kunstvoll zum Verschwimmen und erschafft unter Einsatz von VR- und AR-Technologien spannende, immersive Inszenierungen, die nicht nur im Kunst- und Theaterkosmos, sondern auch in der Gaming-Szene f\u00fcr Aufsehen sorgen. Aufgrund der aktuellen COVID-19-Pandemie musste das f\u00fcr April geplante NRW-Deb\u00fct ihrer neuesten Arbeit <\/strong><a href=\"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2020\/02\/eurydike-dortmund\/\"><strong>EURYDIKE<\/strong><\/a><strong> am Theater Dortmund verschoben werden. Dies nahmen wir zum Anlass, um mit ihr \u00fcber Potenziale und Probleme neuer Technologieformate sowie den Kulturbetrieb in Zeiten von \u201eSocial Distancing\u201c zu sprechen.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Die Fragen stellte <\/em><em>Julia Ihls.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Evelyn Hriber\u0161ek, nach Deiner ersten, vielfach pr\u00e4mierten Arbeit O.R.PHEUS (2012) steigst Du nun auch mit EURYDIKE (2017) wieder in die Tiefen der griechischen Sagenwelt hinab. Was reizt Dich daran, diesen antiken Stoff in virtuellen Mythologien zu verarbeiten?<\/strong><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich habe ich ein gro\u00dfes Faible f\u00fcr Mystery, Fantasy und SciFi \u2013 wom\u00f6glich deshalb, da sich darin h\u00e4ufig die gro\u00dfen, zum Teil ungekl\u00e4rten Fragen der Menschheit in einem stets anderen Gewand wiederfinden. Jedoch suche ich nie explizit nach einem Stoff, es ist eher umgekehrt: Der Stoff findet mich. Meine Faszination f\u00fcr den morbiden und archaischen Mythos um Orpheus und Eurydike empfand ich lange als irritierend. Inzwischen f\u00fcgen sich verschiedene Aspekte wie ein Puzzle zusammen: innerlich und \u00e4u\u00dferlich. Die Themen, die mich bewegen und stoffimanent sind \u2013 Grenz\u00fcberschreitung, Transformation und Transzendenz \u2013 kommen inhaltlich und formal zum Tragen. So konfrontiert <a href=\"http:\/\/www.eurydike.org\/orpheus\">O.R.PHEUS<\/a> angesichts der eigenen Sterblichkeit jene Versprechungen ewiger Jugend und Sch\u00f6nheit mit den fragw\u00fcrdigen Errungenschaften der Biotechnologie und den Ideen des Transhumanismus. In <a href=\"http:\/\/www.eurydike.org\/\">EURYDIKE<\/a> spiegeln sich hingegen Fragen nach T\u00e4ter und Opfer, Fremd- und Selbstbestimmung und ethischem Verhalten im Realen und Digitalen ausgehend von der zur Stummheit verdammten Frauenfigur. Beide Werke nutzen hierbei das Beste beider Welten \u2013 der Realit\u00e4t und der Virtualit\u00e4t. Technologie ist hier ein Bestandteil von vielen, um ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, das selbst zur Grenzerfahrung wird. Im \u00dcbrigen arbeite ich stets aus dem Inhalt heraus, wodurch sich die Notwendigkeit einer Form und die Wahl der Mittel ergibt. Erst ein Format zu kreieren \u2013 gerade sehr beliebt bei neuen Technologien \u2013 und dann einen Inhalt hineinzupressen oder \u00fcberzust\u00fclpen: Davon halte ich nicht viel!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>VR-Brillen, interaktive Schutzanz\u00fcge und AR-Marker inmitten dystopischer Requisiten: Obwohl Du sehr digital arbeitest und interaktive Technologien essentiell f\u00fcr Deine Inszenierungen sind, greifst Du dennoch immer wieder auf den physischen Raum zur\u00fcck. K\u00f6nnten Deine Arbeiten auch ohne diese analoge Komponente funktionieren oder braucht es f\u00fcr eine nachhaltige Erfahrung jene ganz eigene k\u00f6rperliche Verortung?<\/strong><\/p>\n<p>Sowohl bei O.R.PHEUS als auch bei EURYDIKE handelt es um \u201eMixed Reality Experiences\u201c, die auf die Durchdringung von Virtualit\u00e4t und Realit\u00e4t setzen und das sensuell-haptische Erleben bewusst einbinden. Entsprechend ben\u00f6tigt es auch die physische Anwesenheit des menschlichen K\u00f6rpers. Beide Inszenierungen sind hybride Welten, die sowohl im Realen als auch im Virtuellen erschaffen wurden: Die Ebenen Realit\u00e4t und Virtualit\u00e4t zu trennen, w\u00fcrde demnach bedeuten, die Kunstwerke zu zerst\u00f6ren. Diese besondere Art der individuellen Grenzerfahrung, zu der ich einlade und die sich die Besucher mitkreieren, kann also nicht durch ein rein digitales Erlebnis ersetzt werden. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen Inhalte, \u00c4sthetik und Interaktionen ins Virtuelle transformiert werden und die Experience w\u00fcrde sicher bis zu einem gewissen Punkt funktionieren, k\u00e4me jedoch fr\u00fcher oder sp\u00e4ter an ihre Grenzen. F\u00fcr die Art von k\u00f6rperlich-mentaler Erfahrung, die ich erschaffe und das, was ich den Rezipienten ans Hirn und Herz geben m\u00f6chte, reicht reine VR nicht aus \u2013 hierf\u00fcr ist das Medium zu begrenzt. Genau diese Begrenzungen sind in O.R.PHEUS und EURYDIKE au\u00dfer Kraft gesetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>In gegenw\u00e4rtigen Zeiten von \u201eSocial Distancing\u201c m\u00fcssen Kulturinstitutionen radikal ihre bisherigen Praktiken hinterfragen: Ausstellungen wurden tempor\u00e4r geschlossen, Konzerte und Auff\u00fchrungen abgesagt. Stattdessen hat sich ein Gro\u00dfteil des kulturellen wie k\u00fcnstlerischen Angebots ins Digitale verlagert. Wie sch\u00e4tzt Du diesen Transformationstrend ein: nur ein Notbehelf zur \u00dcberbr\u00fcckung oder ein Katalysator f\u00fcr neue Inszenierungsformen?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist nachvollziehbar, dass sich Akteure im Kunst- und Kulturbetrieb angesichts von Corona st\u00e4rker digital aufstellen, um im Virtuellen weiter zu existieren. Es stellt sich jedoch die Frage, mit welchen Inhalten und Formaten dies sinnvoll ist: Viele Kunstformen und Werke funktionieren in einer 1:1-\u00dcbersetzung vom Analogen ins Digitale einfach nicht. Da kann bei der Masse von \u00fcberst\u00fcrzt hingeschusterten Beitr\u00e4gen schnell ein schaler Beigeschmack entstehen. Zudem wird doch gerade durch die einhergehenden Einschr\u00e4nkungen der Pandemie sp\u00fcrbar, wie wichtig und unverzichtbar das Reale, das Analoge an sich ist: Die Sehnsucht nach dem Echten ist gr\u00f6\u00dfer denn je. Virtualit\u00e4t hinkt der Realit\u00e4t hinterher, reines Abbilden reicht auf Dauer nicht aus: Es wird sich daher mit der Zeit zeigen, was Bestand haben wird und was nicht. Als eine fragw\u00fcrdige, miteinhergehende Nebenentwicklung empfinde ich allerdings die Umsonst-Mentalit\u00e4t, die einerseits der Kunst und Kultur entgegengebracht, andererseits aber auch von dieser selbst im Digitalen praktiziert wird. Bei all den auch nachvollziehbaren Bewegungen ins Digitale fehlt mir aber vor allem ein verantwortungsvoller Umgang mit bereits vorhandenen als auch neuen Medien \u2013 Virtual Reality bildet da nur eine von vielen Technologien ab, bei der es an medienethischen Grundempfinden mangelt. Dieser Mangel an digitalen Kompetenzen sowie die Notwendigkeit von Aufkl\u00e4rung, Sensibilisierung und Transparenz ist auch ein Bedarf, der sich im kulturellen Bereich abzeichnet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kulturschaffende und Freiberufler sind derzeit ganz besonders von der Corona-Krise und ihren wirtschaftlichen Folgen betroffen. Wie stehst Du als K\u00fcnstlerin zu der aktuellen Situation? Hast Du f\u00fcr Dich schon produktive Umgangsweisen bzw. Ma\u00dfnahmen gefunden, die Du ergreifen m\u00f6chtest?<\/strong><\/p>\n<p>Normalerweise h\u00e4tte EURYDIKE im April das internationale Festival<a href=\"http:\/\/inbetween-festival.de\/\"> Inbetween <\/a>am Theater Dortmund er\u00f6ffnet. Und im Sommer h\u00e4tte ich im Rahmen der <a href=\"https:\/\/www.ruhrtriennale.de\/de\/home\/\">Ruhrtriennale<\/a> mein Wissen \u00fcber neue Technologien und Digitale Ethik geteilt. Durch Corona wurden beide Festivals abgesagt und es ist unklar, ob die Zusammenarbeit zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt nachgeholt werden kann. Eine Wiederaufnahme von O.R.PHEUS bei einem weiteren Festival h\u00e4ngt gerade zudem in der Schwebe. Nachdem ich mit der Entwicklung und Umsetzung von O.R.PHEUS und EURYDIKE bereits \u00fcber zehn Jahre meines Lebens verbracht habe, trifft mich das nat\u00fcrlich sehr. Ich habe mit der Kreation von immersiven Experiences unter Einbindung neuer Technologien zu einem Zeitpunkt begonnen, wo es noch keine Begrifflichkeiten f\u00fcr solche Formate gab und die technischen Tools erst erfunden werden mussten. Bei beiden Werken handelt es sich um freie Produktionen \u2013 ohne Auftraggeber oder Anbindung an eine gro\u00dfe Institution \u2013 neben Pionierarbeit ist hier also sehr viel Herzblut hineingeflossen. Bei EURYDIKE ber\u00fchrt mich zudem, dass sich das Schicksal der Namensgeberin \u2013 nicht geh\u00f6rt und nicht gesehen zu werden \u2013 erneut erf\u00fcllt. Bis dato war es eine Seltenheit, dass solch aufw\u00e4ndigen Singleplayer-Formate wie O.R.PHEUS oder EURYDIKE im Kontext eines Festivals oder Theaterbetriebs gezeigt wurden. Angesichts von Corona sind diese Werke jedoch genau das, was viele andere Veranstaltungen nicht sind: \u201eApokalypse-tauglich\u201c. Gerade bei EURYDIKE spiegelt sich das aktuelle Pandemie-Geschehen auf erstaunliche Weise in Thematik, \u00c4sthetik und Games-Mechanik. O.R.PHEUS und EURYDIKE sind sozusagen Kunstformen vor, f\u00fcr und nach der Krise. Entsprechend gehe ich davon aus, dass es gar nicht so lange dauern wird, bis die Arbeiten wieder live gezeigt werden k\u00f6nnen. Vielleicht werde ich auch selbst wieder zum Veranstalter: Voraussetzung hierf\u00fcr ist allerdings die Findung eines passenden Orts, gerne in Partnerschaft mit einer kulturellen Institution, um hier gemeinsame Wege zu gehen. Unabh\u00e4ngig davon sind einige Dinge in der Mache und es poppen auch viele alte Ideen neu auf, f\u00fcr die vielleicht nun die Zeit gekommen ist. Wer hier up-to-date bleiben m\u00f6chte, sei herzlich eingeladen, mir auf <a href=\"http:\/\/www.instagram.com\/evelyn.hribersek\/\">Instagram<\/a> zu folgen \u2013 ein Kanal f\u00fcr den ich nun auch endlich Zeit finde und den ich beibehalten werde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Auch wenn es ja momentan nicht an utopischen\/dystopischen Visionen oder wilden Spekulationen mangelt, aber wie schaut Dein pers\u00f6nlicher Blick in die Zukunft aus? Du sagtest <\/strong><a href=\"https:\/\/www.mediennetzwerk-bayern.de\/14254\/eurydike\/\"><strong>an anderer Stelle<\/strong><\/a><strong> bereits, dass Du gerne in Dreiteilern arbeitest. Gibt es vielleicht bald eine rein digitale Fortsetzung deiner Mythos-Reihe?<\/strong><\/p>\n<p>Meine k\u00fcnstlerische Praxis geht mit kritischer Zukunftsforschung einher. So nimmt EURYDIKE als SciFi-Apokalypse nicht nur die #MeToo-Debatte, sondern auch ethische Fragestellungen und menschliche Verhaltensweisen vorweg, die sich aktuell angesichts von Corona in unserer Gesellschaft widerspiegeln. Ein k\u00fcnstlerisches Statement meinerseits habe ich vor kurzem f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/kultur\/kulturzeit\/kultur-trotzt-corona-evelyn-hribersek-100.html\">KULTURZEIT<\/a> verfasst. Wenn ich solch radikalen Szenarien in einem k\u00fcnstlerischen Kontext erschaffe, dann tue ich das mit gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Vorsicht innerhalb eines klar definierten Rahmens, jedoch mit gen\u00fcgend Freiraum f\u00fcr den Einzelnen. Die Besucher meiner Welten respektieren diese offene Einladung und gehen meist mit sich selbst und der k\u00fcnstlich geschaffenen Umgebung vorsichtig um. Es gibt jedoch immer wieder Ausrei\u00dfer: diejenigen, die trotz Warnungen und Regeln meinen, sie m\u00fcssten jede vern\u00fcnftig-rationale oder physisch-mentale Grenze ausloten \u2013 Situationen, in denen Spieltrieb und b\u00f6swillige Absicht kaum zu unterscheiden sind. Wenn Menschen einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Situation ausgesetzt werden und sie weder unter Beobachtung noch unter Kontrolle sind, dann zeigt sich oft ihr wahres Gesicht. Ich hoffe, dass wir durch Corona zu einer besseren Gesellschaft werden, die sich selbst, Tier und Natur in Zukunft mit Respekt begegnet. Das f\u00fchrt mich zur\u00fcck zu meiner Kunst, die danach strebt, Kratzer in den K\u00f6pfen und Herzen zu hinterlassen und die Rezipienten ver\u00e4ndert zur\u00fcck in die reale Welt zu schicken \u2013 ob dies rein virtuell gelingen kann, wage ich jedoch zu bezweifeln &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Evelyn Hriber\u0161ek, herzlichen Dank f\u00fcr das zukunftsweisende Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zur Person<\/strong><\/p>\n<p>Evelyn Hriber\u0161ek erschafft interaktive, hybride Welten und multisensorische, immersive Kunstwerke an der Schnittstelle von Realit\u00e4t und Virtualit\u00e4t f\u00fcr ein Publikum von Hochkultur bis Mainstream. Durch einen Mix aus Bildender und Darstellender Kunst sowie Gaming und Hightech entstehen so spielerische, bewusstseinsver\u00e4ndernde Grenzerfahrungen, die \u201eKratzer in den K\u00f6pfen und Herzen hinterlassen und Rezipienten ver\u00e4ndert zur\u00fcck in die reale Welt schicken\u201c. Hierzu z\u00e4hlen die zukunftsweisenden und preisgekr\u00f6nten \u201eMixed Reality Experiences\u201c O.R.PHEUS und EURYDIKE. Die XR-Pionierin spricht sich zudem f\u00fcr Ethik und Verantwortung im Umgang mit neuen Medien und Technologien aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWenn Menschen einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Situation ausgesetzt werden und sie weder unter Beobachtung noch unter Kontrolle sind, dann zeigt sich oft ihr wahres Gesicht. 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