{"id":44110,"date":"2019-11-22T13:54:16","date_gmt":"2019-11-22T12:54:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=44110"},"modified":"2019-12-02T16:18:30","modified_gmt":"2019-12-02T15:18:30","slug":"katrin-brack-ueber-ephemere-raeume","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2019\/11\/katrin-brack-ueber-ephemere-raeume\/","title":{"rendered":"KATRIN BRACK \u00dcBER EPHEMERE R\u00c4UME"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eReduziert sind die Mittel und Materialien. Jedoch bem\u00fche ich mich um eine starke Bildidee. Die Wirkung meiner B\u00fchnenbilder ist dagegen vielf\u00e4ltig.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie ist die B\u00fchnenbildnerin, die das Denken einer ganzen Generation von jungen Ausstattern erweitert hat: Katrin Brack f\u00fcllt R\u00e4ume mit Materialien, die Schauspieler mit Poesie umwehen. Im deutschsprachigen Raum hat sie mittlerweile f\u00fcr alle gro\u00dfen B\u00fchnen gearbeitet, bekannt gemacht haben sie aber vor allem ihre Arbeiten mit Dimiter Gotscheff an der Volksb\u00fchne und dem Deutschen Theater in Berlin, mit <\/strong><strong>Luk Perceval <\/strong><strong>in M\u00fcnchen und Hamburg sowie ihre zahlreichen Projekte am Wiener Burgtheater. S<\/strong><strong>eit <\/strong><strong>2009 leitet sie die B\u00fchnenbildklasse an der <\/strong><strong>Akademie der Bildenden K\u00fcnste in M\u00fcnchen, 2017 wurde sie auf der Theater-Biennale in Venedig f\u00fcr ihr Lebenswerk mit dem Goldenen L\u00f6wen ausgezeichnet<\/strong><strong>. Mit uns hat sie \u00fcber ihre minimalistischen Arbeiten gesprochen, die meist eine Referenz zur Bildenden Kunst suchen. Auch wenn sie selbst sagt: \u201e<\/strong><strong>Meine R\u00e4ume denken nicht dar\u00fcber nach, ob sie Kunst sind.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Die Fragen stellte <\/em><em>Thea Hoffmann-Axthelm.*<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Katrin Brack<\/strong><strong>, ich hatte das Gl\u00fcck, 2006 bei Dir zu hospitieren als Du das B\u00fchnenbild f\u00fcr \u201eDas gro\u00dfe Fressen\u201c <\/strong><strong>an der Volksb\u00fchne Berlin konzipiert hast. Da habe ich zum ersten Mal verstanden, dass es bei B\u00fchnenbild nicht unbedingt darum gehen muss, eine Architektur zu bauen, sondern dass auch eine Idee einen Raum einnehmen kann. In diesem Fall f\u00fcllte \u201ezuf\u00e4llig\u201c Schaum die B\u00fchne. Wie kamst Du auf dieses Material? Gibt es ein Gef\u00fchl, eine Idee oder ein Bild, das sich als Entscheidung kanalisiert?<\/strong><\/p>\n<p>Bei mir gibt es am Anfang immer alle m\u00f6glichen Ideen zum Text und da ist nat\u00fcrlich auch jede Menge Mist dabei. Das versuche ich dann meist auf eine einzelne zwingende Idee zu reduzieren \u2013 wie etwa bei \u201eKampf des Negers und der Hunde\u201c: Das St\u00fcck spielt auf einer franz\u00f6sischen Baustelle in Afrika, also habe ich nach etwas gesucht, das die Essenz all meiner damaligen \u00dcberlegungen zu Afrika abbildet. Etwas, das all meine Assoziationen, wie Kolonialismus, Ausbeutung, das Flirren der Luft, M\u00fcckenschw\u00e4rme, Hitze und vieles andere in ein einziges Bild \u00fcbersetzt. Bei mir geht das oft, oder fast immer, \u00fcber das Material. Und so bin ich eben auf das rieselnde Konfetti gekommen. F\u00fcr mich bleibt es zwar immer nur Material, wenn die Schauspieler aber so spielen als w\u00fcrden sie von M\u00fccken gestochen werden, dann entwickelt der Zuschauer nat\u00fcrlich sofort eine ganz bestimmte Assoziation zum Konfetti. Das Spiel der Schauspieler l\u00e4dt das Material also mit Bedeutung auf.<\/p>\n<p>Beim Schaum in \u201eDas gro\u00dfe Fressen\u201c war es ein \u00e4hnlicher Prozess: Ich hatte viele \u00dcberlegungen, musste dabei aber immer wieder an das M\u00e4rchen \u201eDer s\u00fc\u00dfe Brei\u201c denken und kam auf den Schaum, der sich auf der B\u00fchne ausbreitet und schlie\u00dflich alles unter sich begr\u00e4bt. Auch hier ergaben sich durch das Spiel der Schauspieler unterschiedliche Bedeutungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bei Deinen Arbeiten wird immer wieder von Minimalismus und Reduktion gesprochen, aber wenn ich mir das so anschaue, dann sehe ich eher Maximalismus \u2013 Purismus vielleicht, der aber den Raum maximal f\u00fcllt.<\/strong><\/p>\n<p>Na ja: Reduziert sind die Mittel und Materialien. Jedoch bem\u00fche ich mich um eine starke Bildidee. Die Wirkung meiner B\u00fchnenbilder ist dagegen vielf\u00e4ltig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Es ist schon beachtlich, dass eine Idee durch ihre schlichte Masse die B\u00fchne in all ihren Dimensionen f\u00fcllt und dabei keinen Raum f\u00fcr etwas anderes l\u00e4sst, au\u00dfer den Schauspielern, denen Du das Material zur Verf\u00fcgung stellst. Versuchst Du so die Kreativit\u00e4t der Schauspieler zu triggern?<\/strong><\/p>\n<p>Ich versuche ihnen eher Angebote zu machen \u2013 entweder im Sinne von Assoziationsangeboten oder ich agiere wie bei \u201eHerrmannschlacht\u201c: Hier habe ich Schaumstoffw\u00fcrfel und -quader wie zuf\u00e4llig auf die B\u00fchne geworfen. Das war, wenn man so will, eine rein konzeptuelle Arbeit. Die Quader waren schwer und unhandlich, aber damit haben sich die Schauspieler selbst ihre R\u00e4ume ausgedacht und gebaut. Das mochte ich sehr gerne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Schauspieler m\u00fcssen auf der B\u00fchne die ganze Zeit und damit manchmal auch sehr spontan mit dem ausgew\u00e4hlten Material umgehen. <\/strong><strong>Wie viel von diesem \u201eUmgang\u201c ist beabsichtigt? Und w<\/strong><strong>as ist, wenn es den Schauspielern zu viel wird?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wurde bei den Proben oft und viel \u00fcber meine Absichten und die Auswirkungen auf das Spiel diskutiert. Widerstand an sich gab es keinen, aber es gab bestimmt einige B\u00fchnenbilder, die nicht einfach im Umgang waren. Der Regen bei \u201ePrinz Friedrich von Homburg\u201c war f\u00fcr die Schauspieler zum Beispiel extrem unangenehm, da er in die Kleidung und in die Augen lief. Das macht Dich nervlich auf Dauer nat\u00fcrlich kaputt. Aber das war ja auch die Intention: Im St\u00fcck herrscht schlie\u00dflich Krieg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und bei \u201eKrankenzimmer No. 6\u201c: War es da nicht sehr hei\u00df unter den Scheinwerfern?<\/strong><\/p>\n<p>Auf \u201eKrankenzimmer No. 6\u201c bin ich sehr stolz \u2013 ich liebe dieses B\u00fchnenbild. Da habe ich ja gar nichts auf die B\u00fchne gebracht: Die Beleuchtungsbr\u00fccken, an denen die gro\u00dfen Scheinwerfer fix befestigt sind, h\u00e4ngen normalerweise auch dort \u2013 nur eben au\u00dferhalb der Sicht des Zuschauerraums. Meine Idee war: Wir fahren die m\u00e4chtigen Br\u00fccken in Sicht und lassen sie sich bewegen, \u00fcber die gesamte L\u00e4nge der Inszenierung, ganz langsam und unterschiedlich, teilweise bis auf den Boden. Gleichzeitig sollten die Scheinwerfer auf die Schauspieler reagieren und mit ihnen kommunizieren \u2013 oder umgekehrt. Kurz vor Ende der Vorstellung fuhren alle Br\u00fccken nach oben \u2013 also au\u00dfer Sicht \u2013 und die B\u00fchne war leer. So hat mich das ganze B\u00fchnenbild im Grunde genommen nichts gekostet &#8230;<\/p>\n<p>Ah, und ich erinnere mich: Bei einer Probe haben wir einen gro\u00dfen Scheinwerfer ganz weit heruntergefahren. Unten stand Samuel Finzi und der Beleuchtungschef sagte schon \u201eStop, dem brennt gleich die Birne weg!\u201c und ich sagte nur: \u201eDer kann doch weggehen, wenn es ihm zu hei\u00df wird. Fahrt weiter runter!\u201c Ein Schritt und er w\u00e4re au\u00dferhalb des Scheinwerfers gewesen! Aber er ist da stehengeblieben. Toll!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Als B\u00fchnenbildner l\u00e4sst sich durch etwas Unsichtbares wie Geruch oder Temperatur gro\u00dfen Einfluss auf das Spiel nehmen \u2013 nat\u00fcrlich nur, wenn diesem Zustand auch gen\u00fcgend Platz einger\u00e4umt oder die B\u00fchne sogar ausgef\u00fcllt wird mit etwas, das sich im Raum als Idee manifestiert.<\/strong><\/p>\n<p>Ich mag das Ephemere, aber es hat nat\u00fcrlich mit dem jeweiligen St\u00fcck zu tun. Manchmal ist das B\u00fchnenbild bewusst statisch und ver\u00e4ndert sich nur durch das Licht wie etwa bei \u201eSchande\u201c. Ich mag es, wenn die Zuschauer zu Beginn die leere B\u00fchne sehen und das B\u00fchnenbild \u2013 genau wie ein Schauspieler \u2013 auftritt und zum Ende der Inszenierung wieder abtritt. So kam beispielsweise auch der Nebel bei \u201eIwanow\u201c mit den Darstellern und verschwand sogar noch vor ihnen. Ich mag es auch, wenn das B\u00fchnenbild leicht und unaufwendig aussieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was es nicht unbedingt ist, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Gerade bei dem Nebel konnte sich niemand auf irgendetwas verlassen: Das ist eben kein B\u00fchnenbild, das einfach hingestellt wird und bei dem jeder wei\u00df, was passiert. Andererseits erfordert dieser Umstand auch eine gewisse Spontaneit\u00e4t der Schauspieler und gerade das kann sehr spannend sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Raum entsteht jedes Mal neu, so wie die Schauspieler auch jedes Mal neue Situationen herstellen. Siehst Du das B\u00fchnenbild bewusst als Mitspieler, samt der Unberechenbarkeit, wenn sich der Nebel nicht an Verabredungen h\u00e4lt?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn so eine Wechselwirkung entsteht, ist das schon toll. Trotzdem muss es mit dem St\u00fcck zu tun haben. Ich denke nicht dar\u00fcber nach, ob das B\u00fchnenbild ein Mitspieler ist, vielmehr ist der Nebel ein Mitspieler oder der Schaumstoff. Aber die Art wie etwas benutzt wird, entwickelt sich bei den Proben und ist nicht von Vornherein festgelegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Haben diese nicht-architektonischen Ideen vielleicht eher mit einer intuitiven Welt zu tun, die eben etwas ist, was sich sehr schwer in Worte, Theorien oder Erkl\u00e4rungen pressen l\u00e4sst?<\/strong><\/p>\n<p>Ja vielleicht: Ich suche nach einer Idee und versuche dann eine Form oder eine \u00dcbersetzung zu finden, die diese Idee transportiert. Idealerweise erkl\u00e4rt sich das Ergebnis dann von selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Katrin Brack<\/strong><strong>, vielen Dank f\u00fcr das raumf\u00fcllende Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>* Thea Hoffmann-Axthelm f\u00fchrte dieses <\/em><a href=\"http:\/\/www.ueberbuehne.de\/interview-no-10-katrin-brack\/\"><em>Interview<\/em><\/a><em> bereits 2015 f\u00fcr den Blog <\/em><a href=\"http:\/\/www.ueberbuehne.de\"><em>www.ueberbuehne.de<\/em><\/a><em>. Seit August 2019 ist sie zusammen mit Robert Kraatz bei PLOT f\u00fcr die Rubrik Film- und B\u00fchnenarchitektur zust\u00e4ndig.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zur Person<\/strong><\/p>\n<p>Katrin Brack, Jahrgang 1958, studierte von 1978 bis 1984 B\u00fchnenbild an der Kunstakademie D\u00fcsseldorf in der Klasse von Karl Kneidl. Nach dem Studium war sie Assistentin von Karl-Ernst Herrmann am Schauspielhaus Bochum unter der Intendanz von Claus Peymann. Sie arbeitete unter anderem am Deutschen Theater Berlin, am Maxim-Gorki-Theater Berlin, an der Schaub\u00fchne Berlin, an der Volksb\u00fchne Berlin, am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, am Thalia Theater Hamburg, an den M\u00fcnchner Kammerspielen und am Burgtheater Wien. Brack erhielt zahlreiche Auszeichnungen und wurde mehrfach zur B\u00fchnenbildnerin des Jahres gew\u00e4hlt. Seit 2009 ist sie Professorin f\u00fcr B\u00fchnenbild an der Akademie der Bildenden K\u00fcnste M\u00fcnchen und wurde 2017 auf der Theater-Biennale Venedig f\u00fcr ihr Lebenswerk mit dem Goldenen L\u00f6wen ausgezeichnet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eReduziert sind die Mittel und Materialien. Jedoch bem\u00fche ich mich um eine starke Bildidee. 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