{"id":44103,"date":"2019-11-22T13:22:53","date_gmt":"2019-11-22T12:22:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=44103"},"modified":"2020-02-06T12:44:44","modified_gmt":"2020-02-06T11:44:44","slug":"elizaveta-bam-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2019\/11\/elizaveta-bam-berlin\/","title":{"rendered":"ELIZAVETA BAM, BERLIN"},"content":{"rendered":"<p><em>von Thea Hoffmann-Axthelm, <\/em><a href=\"http:\/\/www.ueberbuehne.de\/\"><em>Ueberb\u00fchne<\/em><\/a><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Das habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Eigentlich seitdem ich als Kind mit meiner Mutter und den Nachbarinnen \u2013 jede von uns mit ihrem eigenen Plastikstuhl im Schlepptau \u2013 jeden Sommer zum Stra\u00dfentheater auf der Piazza unseres italienischen Fischerdorfs anl\u00e4sslich des j\u00e4hrlich gefeierten Wunders (die Madonna!) gegangen bin: ein echtes Kulissenb\u00fchnenbild! Und nun finde ich es im Berliner Maxim Gorki Theater wieder. Daniil Charms, ein von der stalinistischen Sowjet-F\u00fchrung verfolgter und verbotener avantgardistischer Autor, wird hier gegeben und sein absurdes St\u00fcck \u201eElizaveta Bam\u201c aufgef\u00fchrt, in dem (und das kann an dieser Stelle ruhig verraten werden) nicht viel passiert, au\u00dfer dass die junge Dame wegen Mordes angeklagt sowie von ihrem Mordopfer verhaftet und befragt wird, warum sie es umgebracht habe \u2013 was wir aber nat\u00fcrlich nie erfahren, denn wie Daniil Charms 1937 in sein Tagebuch schrieb: \u201eMich interessiert nur der \u201aQuatsch\u2018, was keinerlei praktischen Sinn hat. Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung.\u201c Quatsch als Mittel zum Ausdruck der realen Absurdit\u00e4t hat seitdem jedenfalls nicht an Kraft verloren. Und dass das funktioniert, liegt vor allem an den hervorragenden internationalen Spielenden des Exil Ensembles, an dem mitspielenden und zum Bespielen jeder Einzelheit einladenden B\u00fchnenbild von Julia Oschatz sowie an dem Musiker, der die absurden Kulissen mit T\u00f6nen live zum Leben erweckt (und dann stolz das selbstgebaute \u201eQuietschton-Herstellinstrument\u201c ausf\u00fchrlich vorf\u00fchrt).<\/p>\n<p>Im (Handlungs-)Raum stehen dabei die viel zu kleine T\u00fcr zu Elizavetas Wohnung, die jedes Mal herrlich quietscht, wenn sich wieder jemand unter allerlei Verrenkungen hindurchquetscht, der schr\u00e4ge Boden, auf dem es charmant kullert, die aufgemalte K\u00fcchenzeile, die nicht daran hindert, sich hier ausf\u00fchrlich die H\u00e4nde zu waschen oder per Magnet das Essen aufzusetzen, sowie der Schrank, der gleichzeitig auch ein Bett ist. S\u00e4mtliche Einbauten und M\u00f6bel, ja sogar die Klot\u00fcr, bieten dabei simultane Auftrittsm\u00f6glichkeiten \u2013 wie etwa die Kellerluke und das Fenster, das sich zum gro\u00dfen, absurden Finale nochmal als Tor zur Welt \u00f6ffnet. Das alles macht nicht nur beim Zuschauen unglaublich viel Spa\u00df, sondern verbreitet von Anfang an Vorfreude darauf, was den ungeheuer spielfreudigen und gelenkigen Spielern und Spielerinnen dazu wohl einfallen und welches Feuerwerk an albernen Ideen noch zum Zug kommen wird. (Wie um alles in der Welt bekommen vier Leute, eben noch verfeindet, zusammen einen Rollator durch die viel zu kleine Eingangst\u00fcr? Und wie ist jener \u00fcberhaupt da reingekommen?) Das alles macht den Raum zudem lebendig und heutig, trotz der vielleicht etwas altbackenen \u00c4sthetik. Auf jeden Fall wird der Abend so zu einem puren Theatergenuss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und hier noch ein titelloses Gedicht von Daniil Charms aus dem Jahr 1929. Es soll die Zerst\u00f6rtheit des Alltags zeigen, indem eigentlich \u201enichts\u201c gesagt wird:<\/p>\n<p><em>B\u00e4ume alle alle alle piff<\/em><\/p>\n<p><em>Steine alle alle alle paff<\/em><\/p>\n<p><em>Natur ganz ganz ganz puff<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>M\u00e4dchen alle alle alle piff<\/em><\/p>\n<p><em>M\u00e4nner alle alle alle paff<\/em><\/p>\n<p><em>Ehe ganz ganz ganz puff<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Slaven alle alle alle piff<\/em><\/p>\n<p><em>Juden alle alle alle paff<\/em><\/p>\n<p><em>Ru\u00dfland ganz ganz ganz puff<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Thea Hoffmann-Axthelm, Ueberb\u00fchne \u00a0 Das habe ich schon lange nicht mehr gesehen. 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