{"id":43858,"date":"2019-11-04T15:13:09","date_gmt":"2019-11-04T14:13:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=43858"},"modified":"2019-11-11T13:28:17","modified_gmt":"2019-11-11T12:28:17","slug":"pamela-scorzin-ueber-peter-weibel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2019\/11\/pamela-scorzin-ueber-peter-weibel\/","title":{"rendered":"PAMELA C. SCORZIN \u00dcBER PETER WEIBEL"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201ePeter Weibel scheint in Allem und Jedem immer einen Schritt voraus zu sein. Seine Entdeckerfreude und sein Erkenntnisdrang, seine Schaffenskraft und sein Kommunikationswille erscheinen grenzenlos.&#8221;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Peter Weibel wird 75. Der international bedeutende Medien- und Konzeptk\u00fcnstler hat eine beachtliche Karriere hinter sich und ist mit seinen Ideen noch lange nicht am Ende: Bis Dezember 2020 l\u00e4uft noch sein bereits verl\u00e4ngerter Vertrag als <\/strong><strong>k\u00fcnstlerischer und wissenschaftlicher Vorstand des Zentrums f\u00fcr Kunst und Medien (ZKM) Karlsruhe. Was danach passiert, ist offen \u2013 er selbst w\u00fcrde aber gerne noch weitermachen! Seit 1999 pr\u00e4gt er die Institution, hat <\/strong><strong>mit bahnbrechenden Werken entscheidende Entwicklungen in der Kunst des ausgehenden 20. und 21. Jahrhunderts vorweggenommen und g\u00e4ngige Vorstellungen radikal in Frage gestellt. Vor diesem Hintergrund zeigt das ZKM mit der Ausstellung \u201e<\/strong><a href=\"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2019\/09\/respektive_peter_weibel\/\"><strong>respektive Peter Weibel<\/strong><\/a><strong>\u201c nun erstmalig einen \u00dcberblick \u00fcber das Gesamtwerk des \u00f6sterreichischen Impulsgebers und gibt einen Einblick in die <\/strong><strong>Entfaltung seines k\u00fcnstlerischen Schaffens von der Wahrnehmungskritik \u00fcber die Sprachkritik und Medienkritik bis hin zur Wirklichkeitskritik.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das festliche Symposium zur Er\u00f6ffnung war dabei von Gru\u00dfworten, Vortr\u00e4gen und Interventionen bekannter K\u00fcnstler, Philosophen, Kuratoren, Wissenschaftler, Architekten, Schriftsteller und Leiter internationaler Institutionen gepr\u00e4gt \u2013 darunter Pamela C. Scorzin. Die Kunstwissenschaftlerin hatte das Gl\u00fcck, Peter Weibel erstmals 1999 f\u00fcr das K\u00dcNSTLER-Lexikon zu interviewen. Seitdem hat sie (fast) alle seine Ausstellungen interessiert verfolgt und ist mit ihm \u00fcber all die Jahre hinweg im intensiven Austausch \u00fcber Kunst und Kultur geblieben. Mit uns sprach die Kritikerin und Professorin f\u00fcr Kunstwissenschaft und Visuelle Kultur am Fachbereich Design der FH Dortmund \u00fcber den gro\u00dfen Respekt, den sie diesem Ausnahmek\u00fcnstler und -kurator zollt.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><br \/>\nDie Fragen stellte Janina Poesch.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Pamela C. Scorzin, Sie bezeichnen Peter Weibel als <\/strong><strong>Polyperformer. Was verstehen Sie darunter und was genau sch\u00e4tzen Sie an seinem Schaffen?<\/strong><\/p>\n<p>Obwohl, oder gerade weil Peter Weibels Hauptinteresse immer den klassischen und neuen Medien gegolten hat, steht doch auch der K\u00f6rper des K\u00fcnstlers im Zentrum seines langj\u00e4hrigen k\u00fcnstlerischen Wirkens. Theoretisch wie praktisch bildet die Analyse der Relation von K\u00f6rper, Raum und Zeit dabei ein Hauptthema in seinen Arbeiten. Performative Taktiken und selbstinszenierende Strategien durchziehen zudem seine respektable Karriere als \u201ePolyartist im Multiversum der K\u00fcnste\u201c, um gleich auch auf den bekannten \u201eWeibel-Sprech\u201c hinzuweisen, der nat\u00fcrlich nur ihm tonal am besten gelingt &#8230;<\/p>\n<p>Die Retrospektive von Peter Weibel in Karlsruhe beweist daher vor allem eins: Die bislang kaum gezeigten \u2013 weil sowohl vom internationalen Kunstmarkt wie auch von der -kritik bislang relativ ignorierten \u2013 konzeptuellen Medienwerke von Peter Weibel besitzen keine (kommerzielle) Warenf\u00f6rmigkeit: Sie sind zwar als autonome Kunstwerke ausstellbar, aber dennoch zugleich eng mit der Person des K\u00fcnstlers und Kritikers verbunden. Der K\u00f6rper ist f\u00fcr den Polyperformer Peter Weibel offensichtlich nicht nur lediglich ein Ausdrucksmittel, sondern auch das allererste Medium schlechthin, respektive prim\u00e4re Material. Umso mehr frappiert dann, dass viele seiner Arbeiten sich gleichzeitig um die Erweiterung und \u00dcberwindung der beschr\u00e4nkten menschlichen Physis drehen. Als zentrale Themen kehren daher Externalisierung, Exteriorisierung und Ekstasierung immer wieder.<\/p>\n<p>Mediale Prothesen und technische Apparate sind daf\u00fcr von Anfang an Bestandteile seiner szenischen Performances, beispielsweise Schreibmaschine, Magnetophon, Fotoapparat, Film- und Videokamera, Projektor, Megaphon oder Mikrophon. Ob in Realpr\u00e4senz oder delegiert in Medienpr\u00e4senz, gilt es obsessiv-ekstatisch mit dem K\u00f6rper zu performen, um sich gleichzeitig von ihm zu befreien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Peter Weibel hat eine sehr umfangreiche Vita \u2013 von den Anf\u00e4ngen bei den legend\u00e4ren Wiener Aktionisten bis hin zur unmittelbaren Gegenwart, in der er als inzwischen vielfach geehrter Hochschulprofessor und langj\u00e4hrig erfolgreicher Leiter des ZKM mit internationaler Strahlkraft wirkt. Welche seiner Schaffensetappen w\u00fcrden Sie besonders hervorheben?<\/strong><\/p>\n<p>Seit mehr als einem halben Jahrhundert tritt der \u00f6sterreichische K\u00fcnstler in Selbstbildnissen und Portr\u00e4ts, Videos und Filmen, Installationen und Aktionen im \u00f6ffentlichen Raum auch als h\u00f6chst leidenschaftlicher Polyperformer in Erscheinung, der sein Publikum als rebellischer Akteur dabei immer wieder neu entflammt, respektive intellektuell befeuert. Die Baseline des alten Doors-Hits \u201eLight my Fire\u201c scheint Peter Weibel in den 1970er-Jahren zu konzeptuellen Foto-Performances mit der \u00f6sterreichischen K\u00fcnstlerin und Partnerin Susanne Widl gleich in mehrfachem Sinne inspiriert zu haben &#8230;<\/p>\n<p>Unter den Bedingungen des medialen Zeitalters hat sein feurig-prometheischer Geist seit den 1960er-Jahren dabei ein h\u00f6chst umfangreiches und vielf\u00e4ltiges Gesamtwerk geschaffen, das k\u00fcnstlerisch-gestalterische Kreativit\u00e4t und Kunst konsequent als optional-offenes Handlungsfeld und gr\u00f6\u00dferes gesellschaftliches Netzwerk zu denken wagt, und das daf\u00fcr stets auch eines agilen Agenten und aktiven Akteurs bedarf. Es geht dem K\u00fcnstler offensichtlich stets um das Entz\u00fcnden von Denkprozessen und letztlich Erkenntnisgewinn. Ausgehend von semiotischen und linguistischen \u00dcberlegungen, die unter anderem die Interdependenz von Wirklichkeit und Zeichenrealit\u00e4t oder die Synthese von Biosph\u00e4re mit der Infosph\u00e4re diskutieren, entwickelte Peter Weibel daf\u00fcr eine singul\u00e4re k\u00fcnstlerische Meta-Sprache, die ihn Mitte der 1960er-Jahre von der experimentellen Literatur auch schnell zur (gesellschaftspolitischen) Performancekunst gef\u00fchrt hat. Verglichen mit dem gegenw\u00e4rtigen Hype um die Kunst der Performance in den verschiedensten Disziplinen der Kultur, von der bildenden Kunst \u00fcber Tanz und Theater bis hin zu Social Media, Politik und Popkultur, sollten wir uns vielleicht nochmals in Erinnerung rufen, dass die Hinwendung zu dieser Praxis in den 1960er- und 1970er-Jahren eher als rebellische Opposition und als revolution\u00e4ren \u201eAusstieg aus der Kunst\u201c verstanden werden muss \u2013 jedoch freilich immer unter Beibehaltung der Referenz zum etablierten Kunstsystem. In seinen szenisch-performativen Aktionen vor realem wie medialem Publikum untersuchte Peter Weibel nicht nur die \u201eMedien\u201c K\u00f6rper und Sprache, sondern gerade wiederum auch deren Expansionen in moderne Kommunikationstechniken wie beispielsweise Film, Video, Tonband und interaktive elektronische, sp\u00e4ter dann auch digitale Umgebungen. Kritisch, und f\u00fcr heute \u00fcberaus hellsichtig, analysierte, reflektierte und dekonstruierte Peter Weibel damals schon ihre Ontologie und ihre medienspezifischen Charakteristika f\u00fcr die Konstruktion und Fabrikation von Wirklichkeit. Oftmals bediente er sich daf\u00fcr paradoxer wie plakativer Umkehrungen bzw. frappierender Metalepsis-Stunts, die zun\u00e4chst zum Staunen verf\u00fchren, dann aber \u00fcber die Sinne die Kognition erreichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die epistemische Funktion der Kunst sowie Diskurstheorie scheinen Vorrang vor jedweder \u00c4sthetik im Weibel\u2019schen Werk zu haben, weshalb auch das per se Performative, das Provisorisch-Modellhafte, das Virtuell-Variable und das Konzeptuell-Demonstrative oder Viable die mannigfaltigen Kunstpraktiken von Peter Weibel kennzeichnen. Neben den ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Aktionen mit Vertretern der Wiener Gruppe und des Wiener Aktionismus \u2013 dem er wohl das Label gegeben hat und als deren Chronist er fungierte \u2013 sowie einer Reihe explosiver \u201eAnschl\u00e4ge\u201c (dokumentiert in Foto-Performances), erprobte Peter Weibel ab 1966 zusammen mit unter anderem Valie Export, Hans Scheugl und Ernst Schmidt Jr. ein \u201eerweitertes Kino\u201c, das die ideologischen und technologischen Bedingungen filmischer Darstellung systematisch analysieren und anschaulich dekonstruieren sollte, indem es mit Materialien und Menschen im Realraum hypostasiert wurde. Kopflastige Theorie wurde dabei aber auch anschaulich in eine sensualistische Szenografie \u00fcbersetzt \u2013 wie 1968 beispielsweise in \u201eNivea\u201c, die 2000 nochmals im ZKM re-enacted\/re-inszeniert wurde.<\/p>\n<p>Mit Weibels fr\u00fchen Fernsehaktionen, den \u201eteleaktionen\u201c, die das \u00d6sterreichische Fernsehen (ORF) 1972 im Rahmen der Sendung \u201eImpulse\u201c ausstrahlte, \u00fcberschreitet der Poet und Medienk\u00fcnstler danach als rebellischer und provokativer Performer wiederholt die Grenzen des Betriebssystems Kunst. Experimentell untersuchte er die nunmehr leicht verf\u00fcgbare Videotechnik in ihrer k\u00fcnstlerisch-gestalterischen Anwendung im damaligen Massenmedium Fernsehen. In den letzten Jahren tummelt sich Peter Weibel au\u00dferdem mit subversiv-ironischen bis konzeptuell-performativen Videoclips auch auf YouTube, die eine andere Form der zeitgen\u00f6ssischen Kunstkritik bilden, zum Beispiel am k\u00fcrzlichen Boom der \u201eCrapstraction\u201c. Die J\u00fcngeren der Millenial-Generation werden jetzt vielleicht fragen, ob der legend\u00e4re Performer und begnadete Selbstdarsteller Peter Weibel vielleicht auch schon das Selfie auf Instagram mit Filtern dekonstruiert und hypostasiert hat? Er hat es leider wohl Cindy Sherman \u00fcberlassen, die er als Kurator f\u00fcr Konzeptuelle Fotografie schon fr\u00fch entdeckt und ausgestellt hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4re das aber alles nicht schon an medialem Auftrittswillen genug, wendete sich Peter Weibel neben der Schauspielerei auch noch der Musik und dem Sound zu: 1978 zun\u00e4chst der Austria Punk- und Rockmusik, etwas sp\u00e4ter dann auch der elektronischen (Medien-)Oper. Zusammen mit Loys Egg gr\u00fcndete er die Band \u201eHotel Morphila Orchester\u201c, der damals \u2013 so der Rumor \u2013 auch der legend\u00e4re Falco in Wien zu F\u00fc\u00dfen gelegen haben soll. Mit Punkrock-Songs wie \u201eSex in der Stadt\u201c und \u201eDead in the Head\u201c punktete er aber nicht nur in der Szene, sondern experimentierte gleichzeitig auch mit extremen musikalischen Performances \u2013 lange vor Rammstein. \u201eDead in his Head\u201c war Peter Weibel freilich nie \u2013 die Musik-Video-Performanz tut jedoch bis heute immer noch beim Betrachten weh, ob der vermeintlichen Selbstgei\u00dfelung von Peter Weibel vor Publikum mit dem Mikrophon. Drastische, nahezu selbstmasochistische Selbstverletzungen oder der riskante volle K\u00f6rpereinsatz gingen allerdings schon in verschiedenen Foto-Performances voran \u2013 beispielsweise f\u00fcr die Hautgedichte seines \u201eCodex Cutis\u201c (1971\/2014). Erinnert sei hier au\u00dferdem noch an das Verbrennen der Hand bei seiner \u201eBrandrede\u201c im H\u00f6rsaal 1 der Wiener Universit\u00e4t w\u00e4hrend der Aktion \u201eKunst und Revolution\u201c (1968), ferner an den gef\u00e4hrlichen Aderlass in der teleaktion \u201eZeitblut\u201c (1972) oder an das schmerzhafte Einbetonieren der Sprechzunge in einer Foto-Aktion von 1973.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Jahrzehnt sp\u00e4ter, stets im Gleichschritt mit den medientechnologischen Entwicklungen, f\u00fcr die er als Gr\u00fcnder und Leiter des Instituts f\u00fcr Neue Medien in Frankfurt am Main auf dem weiten Feld der bildenden K\u00fcnste nicht ohne gewissen Widerstand \u2013 insbesondere der Maler- und Bildhauerkollegen \u2013 international auch zum ma\u00dfgeblichen Schrittgeber wurde, entwarf, konzipierte und realisierte Peter Weibel fr\u00fche interaktive, computerbasierte Installationen, mit denen er wiederum das Verh\u00e4ltnis von Medien und Wirklichkeitskonstruktion, Wirklichkeit und Zeichenrealit\u00e4t thematisiert und heutige Entwicklungen in hybriden Realit\u00e4ten wie VR\/AR konzeptuell vorweg genommen hat.<\/p>\n<p>In zahlreichen Vortr\u00e4gen, Artikeln und B\u00fcchern publiziert Peter Weibel als \u201euomo universale\u201c der \u201eRenaissance 2.0\u201c ferner inzwischen seit Jahrzehnten Ma\u00dfgebliches zur zeitgen\u00f6ssischen Kunst, Mediengeschichte, Medientheorie, zu Film, Fotografie, Videokunst und Philosophie. Das manische Forschen und unerm\u00fcdliche Schreiben findet sich dabei als Ausdruck in Portr\u00e4ts wieder, die Peter Weibel als produktiven Denker inmitten chaotischer B\u00fccherlandschaften und imposanten Bibliotheken zeigen.<\/p>\n<p>Als Wissenschaftler, Theoretiker, Kritiker, Kurator und Akteur setzt sich Peter Weibel weiter f\u00fcr eine bildende Kunst und eine Kunstgeschichtsschreibung ein, die Technikgeschichte und Wissenschaftsgeschichte ber\u00fccksichtigt, Theorie und Praxis verschr\u00e4nkt. Und w\u00e4hrend alle noch \u00fcber Globalisierung und Digitalisierung diskutieren, hat Peter Weibel l\u00e4ngst im ZKM die algorithmische Revolution ausgerufen und artikuliert seit langem sein Interesse f\u00fcr die Quantentechnologie und k\u00fcnstliche Intelligenz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Inwiefern ist es ihm gelungen, die <\/strong><strong>algorithmische Revolution auszurufen? Was genau meinen Sie damit?<\/strong><\/p>\n<p>Mit der Ausstellung <a href=\"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2019\/11\/open-codes-die-welt-als-datenfeld-karlsruhe\/\">\u201eOpen Codes. Die Welt als Datenfeld\u201c<\/a> hat er zuletzt beispielsweise nicht nur inhaltlich, sondern meines Erachtens auch szenografisch Geschichte geschrieben: Der museale Ausstellungsraum konvergierte hier effektiv mit dem Labor, dem Konferenzraum, der Lounge, dem Co-Working-Space, dem Showroom f\u00fcr B\u00fcrom\u00f6beldesign sowie der hippen Work-Station, dem sozialen Treffpunkt und spielerischen Mitmachraum. Und Peter Weibel konnte hier immer selbst auch live als Cicerone erlebt werden, der unerm\u00fcdlich argumentiert: \u201edie medien helfen, die technologische entwicklung zu entdecken und begleiten sie gleichzeitig kritisch. die aufgabe der kunst besteht darin, t\u00fcren zu \u00f6ffnen, wo sie keiner sieht. der k\u00fcnstler h\u00e4lt optionale handlungsfelder offen \u2013 als kritischer spiegel oder utopisches reservoir. die gesellschaft schafft sich in galerien und museen mit der kunst einen institutionellen rahmen, wo andere produktionsweisen und weltsichten m\u00f6glich sind. dort sammelt sich kritisches potenzial, mit dem g\u00e4ngige gesellschaftliche institutionen untersucht bzw. transformiert werden.\u201c<\/p>\n<p>Nicht mehr allein die kritische Hinterfragung des modernen Museums selbst steht dabei im Mittelpunkt, sondern es gilt vielmehr durch Transformation und Transgression, seine unerkannten Potenziale zu erloten und somit neue Wirkungsfelder zu erproben. Mit dem szenografischen Konzept dieser Ausstellung wird in der Institution strategisch ein relationales Feld aufgespannt, das auf der Struktur, Organisation und Konfiguration eines flexiblen und interaktiven Netzwerks basiert, in dem dann jeweils tempor\u00e4r Performanzen des K\u00fcnstlerisch-Gestalterischen stattfinden k\u00f6nnen. Innerhalb des objektiv-physikalischen Raums wird somit durch performativ-inszenatorische Zeigepraktiken ein jeweils tempor\u00e4rer, prozessual ereignishafter, holistischer Raum in der Funktion einer kreativen Produktionsst\u00e4tte, eines handelnden Museums, aktualisiert. Auch hier entsteht wiederum ein Turn und Twist von der Repr\u00e4sentation zur Realit\u00e4t, der f\u00fcr Weibels Performanzen insgesamt \u00fcberaus charakteristisch ist. Kunst und Kreativit\u00e4t werden nicht nur blo\u00df ausgestellt, sondern vielmehr (demokratisch) erm\u00f6glicht und initiiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was sch\u00e4tzen Sie an Peter Weibels umfangreichen Schaffen au\u00dferdem?<\/strong><\/p>\n<p>In seiner Funktion und Rolle als engagierter Lehrer an renommierten Kunstuniversit\u00e4ten und langj\u00e4hriger Leiter von Institutionen wie der Ars Electronica in Linz, dem Institut f\u00fcr Neue Medien in Frankfurt am Main und nicht zuletzt dem ZKM in Karlsruhe, stimulierte der 1944 in Odessa Geborene die globale Szene der Medienkunst durch viele internationale Konferenzen, Ausstellungen und Publikationen. Als inzwischen mit hohen Ehrungen vielfach ausgezeichneter Medien- und Konzeptk\u00fcnstler, als vielseitig vernetzter Kurator und weitsichtiger Theoretiker widmete sich Peter Weibel dabei immer auch den klassischen k\u00fcnstlerischen Gattungen wie Malerei und Skulptur. Mit viel Gesp\u00fcr zeigte und schrieb er \u00fcber junge K\u00fcnstler ebenso wie \u00fcber vergessene oder \u00fcbersehene Protagonisten, oft lange bevor diese vom Kunstmarkt oder den Museen \u00fcberhaupt (wieder-)entdeckt wurden. Und schon fr\u00fch arbeitete er an einer Neubeschreibung der Moderne und widmete sich in Ausstellungen der Global Art. Peter Weibel scheint in Allem und Jedem immer einen Schritt voraus zu sein. Seine Entdeckerfreude und sein Erkenntnisdrang, seine Schaffenskraft und sein Kommunikationswille erscheinen grenzenlos \u2013 und, um an das am Anfang zitierte Feuer zur\u00fcck zu kommen, als prometheisch.<\/p>\n<p>Daher m\u00f6chte ich noch Weibels Aktivit\u00e4ten als Wissenschaftler, Entwickler und Gr\u00fcnder hervorheben: Seit 2017 ist er Direktor des Peter Weibel Forschungsinstituts f\u00fcr digitale Kulturen an der Universit\u00e4t f\u00fcr angewandte Kunst Wien. Auf der <a href=\"https:\/\/www.dieangewandte.at\/institute\/peterweibel\">Startseite<\/a> der dazugeh\u00f6rigen Website des neu gegr\u00fcndeten Instituts findet sich unter dem Titel \u201eDreidimensionale Notation\u201c die j\u00fcngste interaktive Mixed-Media-Installation, die Peter Weibel in Kooperation mit Christian Loelkes und Adam Slowik entworfen und realisiert hat. Sie war auch im Rahmen der bereits erw\u00e4hnten epochalen Ausstellung \u201eOpen Codes. Die Welt als Datenfeld\u201c in Karlsruhe zu erleben: Ein dynamischer, interaktiver computerbasierter Alphabet-Raum wurde hier zur spielerischen Challenge f\u00fcr die User: Hantierten sie geschickt mit einem vierfach gewinkelten Metallrohr im Realraum, in dem wie in unseren Smartphones ein Lagemesser integriert war, zeigte ein Screen zeitgleich an der Wand, je nach Position und Lage des Artefakts im dreidimensionalen Raum, seinen zweidimensionalen \u201eSchattenriss\u201c als digitalen schwarzen Buchstaben an. Buchstabe f\u00fcr Buchstabe konnten so im Ausstellungsraum ganze Botschaften und Nachrichten gesendet werden. Ein Zitat trifft dabei sehr gut den k\u00fcnstlerisch-gestalterischen Anspruch des Projektkonzepts, das modellhaft einem Quantensprung gleicht: \u201eDie Frage, ob es m\u00f6glich ist, dass der Mensch, der doch ein Produkt der Natur ist, diese \u00fcberlisten kann, beantworte ich mit einem klaren Ja. Und wenn auch im Rahmen herrschender Naturgesetze eingesperrt, erweitern wir das Universum durch die Entdeckung neuer Naturgesetze. Beispielsweise haben wir gelernt, dass wir nur mit zwei Ziffern (0 und 1) alle Rechenoperationen ausf\u00fchren k\u00f6nnen. Wir werden aber entdecken, dass wir, sobald wir das Wort \u201aZahlenraum\u2018 buchst\u00e4blich nehmen, feststellen, dass wir bisher nur auf der zweidimensionalen Fl\u00e4che zahlenm\u00e4\u00dfig operiert haben, ebenso wie die Schrift, jetzt bestehend aus 26 Buchstaben und Sonderzeichen, nur auf der zweidimensionalen Fl\u00e4che kodiert war. Auch hier werden wir neue, im Raum operierende, mit neuen Ger\u00e4ten produzierte und rezipierbare Schriften und Zahlensysteme entwickeln.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So bleibt mir eigentlich nur noch, mit einem von einer k\u00fcnstlichen Intelligenz generierten Anagramm als Orakel diesen Beitrag zu schlie\u00dfen: Peter Weibel, <strong>respektive<\/strong> alles ist m\u00f6glich: \u201eLEB WIE PETER!\u201c In diesem Sinne: Respekt, lieber Peter Weibel!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Pamela C. Scorzin, vielen Dank f\u00fcr das umfassende und sehr spannende Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/p>\n<p><strong><br \/>\nZur Person<\/strong><\/p>\n<p>Prof. Dr. Pamela C. Scorzin M.A., ist Kritikerin und Professorin f\u00fcr Kunstwissenschaft und Visuelle Kultur an der Fachhochschule Dortmund. Sie studierte Europ\u00e4ische Kunstgeschichte, Philosophie, Geschichte und Anglistik\/Amerikanistik und promovierte 1994 an der Ruprecht-Karls-Universit\u00e4t in Heidelberg. 2001 habilitierte sie am Fachbereich Architektur der Technischen Universit\u00e4t Darmstadt, diverse Professur-Vertretungen folgten. Seit 2008 lehrt sie in Dortmund und ist nebenbei international als freie Kunst-, Design- und Medientheoretikerin t\u00e4tig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201ePeter Weibel scheint in Allem und Jedem immer einen Schritt voraus zu sein. 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