{"id":43854,"date":"2019-11-04T14:51:45","date_gmt":"2019-11-04T13:51:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=43854"},"modified":"2019-11-19T14:59:55","modified_gmt":"2019-11-19T13:59:55","slug":"oedoen-von-horvath-und-das-theater-muenchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2019\/11\/oedoen-von-horvath-und-das-theater-muenchen\/","title":{"rendered":"\u00d6D\u00d6N VON HORV\u00c1TH UND DAS THEATER, M\u00dcNCHEN"},"content":{"rendered":"<p>Das Leben und Werk von Theaterschaffenden im musealen Raum auszustellen ist eine delikate Angelegenheit: Die Schau konkurriert in gewisser Weise immer mit dem wesentlich ausdrucksst\u00e4rkeren \u201eAusstellungsraum\u201c Theater, der mit B\u00fchne und Schauspiel nicht nur das eigentliche Medium f\u00fcr das Publikum ist, sondern auch der Verhandlungs- und Erfahrungsraum, um die Werke zu interpretieren, weiterzuentwickeln und nahbar zu machen. Gelungen ist dieses Unterfangen nun dem Deutschen Theatermuseum in M\u00fcnchen, das sich mit seiner aktuellen Ausstellung \u00d6d\u00f6n von Horv\u00e1th widmet \u2013 einer der meistgespieltesten Theaterautoren, der zudem sowohl die deutsche Literatur nach 1945 als auch die Gegenwartsliteratur ma\u00dfgeblich beeinflusst hat. Bei der Konzeption der Schau ging das Kuratoren-Duo Nicole Streitler-Kastberger und Martin Vejvar dabei einen klugen wie naheliegenden Weg und entwickelte zusammen mit dem Wiener B\u00fchnenbildner und Ausstellungsgestalter Peter Karlhuber ein Format, das den informativen Zugang eines Museums mit dem dramaturgisch-r\u00e4umlichen Zugriff der Theaterpraxis geschickt collagiert.<\/p>\n<p>Entstanden sind drei R\u00e4ume, die sich gestalterisch und inhaltlich jeweils einem wichtigen Werk Horv\u00e1ths sowie einem \u00fcbergeordneten Begriff \u2013 \u00d6konomie, Erotik und Politik \u2013 widmen. Dar\u00fcber hinaus werden Einblicke in die Entstehung und Rezeption seiner St\u00fccke gegeben. Noch bevor der erste Raum jedoch richtig betreten wird, l\u00e4chelt einen in gewisser Weise schon das Ende an: Unter einem \u00fcber den K\u00f6pfen h\u00e4ngenden Ast k\u00f6nnen sich Besucher \u00fcber Horv\u00e1ths kuriosen Tod informieren, der im Juni 1938 auf der Pariser Champs-\u00c9lys\u00e9es von einem herabfallenden Ast erschlagen wurde. Nach diesem kuratorischen Flick-Flack von quasi Prolog zu Epilog, \u00f6ffnet sich ein gr\u00f6\u00dferer Raum voller Bierzeltgarnituren und Bierkr\u00fcgen. Was nach einem ausgelassenen Gezeche aussieht, bezieht sich auf Horv\u00e1ths St\u00fcck \u201eItalienische Nacht\u201c anhand dessen die politischen und gesellschaftlichen Br\u00fcche nach dem Ersten Weltkrieg bis hin zur Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten und deren Einfluss auf Horvaths Politisierung in Werk und Persona skizziert werden. Als Requisiten dienen dabei zeitgeschichtliche Fotos und Illustrationen. Bierkr\u00fcge sind mit Zitaten bedruckt und Entw\u00fcrfe des B\u00fchnen- und Kost\u00fcmbildners Gerhard Jax aus den 1970er-Jahren kontextualisieren zudem Zeitgeschehen und Zugriff. W\u00e4hrend die Besucher bei ihrem Rundgang im Treppenhaus von weiteren bedruckten Bierkr\u00fcgen, Dialogen, die Horv\u00e1ths distinktive Sprache aufzeigen, Zitaten und Familienfotos begleiten werden, tut sich auf der zweiten Etage ein Jahrmarktszenario auf, das dem St\u00fcck \u201eKasimir und Karoline\u201c entsprungen scheint. Und auch hier arbeiten die Ausstellungsmacher mit historischen Illustrationen und Gegenst\u00e4nden sowie B\u00fchnenbildzeichnungen von Caspar Neher, um sowohl das Werk an sich als auch den thematischen Schwerpunkt von Geschlecht und Geschlechterverh\u00e4ltnissen in Horv\u00e1ths Arbeiten zu beleuchten. Dabei findet in diesem Raum auch seine Affinit\u00e4t zur \u201eFolklore\u201c ihr Echo: Ein Karussell spannt sich in den Raum und verschwindet halb in der Wand. Im letzten Raum steht schlie\u00dflich Horv\u00e1ths erster gro\u00dfer Erfolg im Mittelpunkt des Geschehens: \u201eGeschichten aus dem Wiener Wald\u201c. Besucher finden hier zum einen eine stilisierte Fleischerei, zum anderen einen mit Puppenk\u00f6pfen bzw. -masken ausgestatteten Raum, mit dem auf die entsprechenden Handlungsorte im St\u00fcck verwiesen werden soll. Unter dem Topos der \u00d6konomie werden dabei verschiedene Facetten der \u201estillen Stra\u00dfe\u201c exponiert, wie etwa der Mittelstand und seine \u00f6konomische und politische Verfasstheit, die Frau als Ware und analog dazu der Mann als Fleischhauer sowie Horv\u00e1ths Umgang mit dem Wien-Klischee.<\/p>\n<p>So lohnt es sich in jedem Fall, diese reich bebilderte und klar strukturierte Ausstellung zu besuchen: Zeithistorische Dokumente, Plakate, Videos von Inszenierungen und nicht zuletzt die szenografische Gestaltung erlauben einen vielf\u00e4ltigen Zugriff auf das Werk des Autoren, seine politische Substanz sowie die brisante Aktualit\u00e4t seiner St\u00fccke. Allerdings bleibt ein kleiner Wehmutstropfen und damit eine Frage offen: Wo war die Musik bzw. die \u201emusikalische Untermalung\u201c, die in Horv\u00e1ths Werk doch so wichtig war? Sie h\u00e4tte dem collagenhaften Charakter der Ausstellung entsprochen und den \u201eklassischen Museumsraum\u201c um ein paar Empfindungen reicher gemacht &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Leben und Werk von Theaterschaffenden im musealen Raum auszustellen ist eine delikate Angelegenheit: Die Schau konkurriert in gewisser Weise immer mit dem wesentlich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4],"tags":[54,2260],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43854"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=43854"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43854\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":43857,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/43854\/revisions\/43857"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=43854"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=43854"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=43854"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}