{"id":41922,"date":"2019-07-31T12:20:54","date_gmt":"2019-07-31T10:20:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=41922"},"modified":"2019-12-02T16:23:08","modified_gmt":"2019-12-02T15:23:08","slug":"geometrien-des-bewusstseins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2019\/07\/geometrien-des-bewusstseins\/","title":{"rendered":"Geometrien des Bewusstseins"},"content":{"rendered":"<p>Dunkelheit und Stille \u2013 das sind die ersten Eindr\u00fccke beim Betreten von Alfredo Jaars unterirdischer Installation \u201eGeometr\u00eda de la Conciencia\u201c (Geometrie des Bewusstseins), die sich direkt neben dem 2010 er\u00f6ffneten \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Museo_de_la_Memoria_y_los_Derechos_Humanos\">Museo de la Memoria y los Derechos Humanos<\/a>\u201c (Museum f\u00fcr Erinnerung und Menschenrechte) in Santiago de Chile befindet. Und diese Konfrontation mit dem Nichts kann ziemlich beklemmend sein: Es ist so dunkel, dass eine visuelle Orientierung unm\u00f6glich ist. Nach dem Schlie\u00dfen der automatischen T\u00fcr wissen die Besucher lediglich, dass diese Erfahrung f\u00fcnf Minuten andauern wird. Ungewiss ist jedoch, in welchem Raum sie sich befinden und was in dieser Zeit passiert. Jene Delokalisierung im Schweigen ist dabei wichtiger Teil des inhaltlichen Konzepts des chilenischen K\u00fcnstlers: Dunkelheit, Stille, Gef\u00fchle von Unsicherheit, Beklemmung und Klaustrophobie \u2013 all diese Eindr\u00fccke stellen eine Beziehung zur Erfahrung der Verhafteten und Gefolterten unter der Diktatur von Augusto Pinochet in den Jahren von 1973 bis 1990 her: Nach einer Festnahme wurden ihnen die Augen verbunden, damit sie nicht nachvollziehen konnten, wohin sie gebracht werden. Mit diesen Augenbinden mussten sie eine Ewigkeit in Stille und Dunkelheit ausharren ohne zu wissen, was sie erwartet, um schlie\u00dflich von einem pl\u00f6tzlichen Verh\u00f6r sowie Folter in glei\u00dfendem Licht aus dieser Situation \u201ebefreit\u201c zu werden.<\/p>\n<p>Nach einigen Minuten haben sich die Augen der Besucher allm\u00e4hlich an die Dunkelheit gew\u00f6hnt, als an der Wand gegen\u00fcber des Eingangs pl\u00f6tzlich unz\u00e4hlige, leuchtende Silhouetten von Gesichtern auftauchen. Durch die links und rechts angebrachten Spiegelw\u00e4nde scheinen sich jene dabei ins Unendliche fortzusetzen. Die Wand ist mit schwarzen PVC-Hartschaum-Platten bedeckt, aus denen die entsprechenden Silhouetten ausgelasert und mit opakem Acrylglas hinterkleidet sind. So erscheinen die Silhouetten nicht als Schatten, sondern als leuchtende Gesichter: jedes individuell, aber geometrisch in Reih und Glied angeordnet. Die 500 zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlten Silhouetten geh\u00f6ren zu Menschen, die w\u00e4hrend der Diktatur verhaftet und ermordet wurden. Nach kurzer Zeit verschwinden sie wieder und es herrscht erneut komplette Dunkelheit. Der Wechsel zwischen Licht und Dunkel, die reduzierten visuellen Eindr\u00fccke sowie die Stille machen nachdenklich und lassen die Besucher innehalten. So erinnert dieses Erscheinen und Verschwinden auf eindr\u00fcckliche Weise an die \u00fcber 40.000 Opfer der chilenischen Diktatur. Und es macht deutlich, wie wichtig es ist, sie vor dem Vergessen zu bewahren und ein Bewusstsein (Conciencia) zu entwickeln.<\/p>\n<p>Alfredo Jaars Werk erm\u00f6glicht somit, die Erfahrung eines Besuchs des vorwiegend auf Informationen und Dokumenten basierten Museums zu komplementieren. Es ist eine Erfahrung, die ber\u00fchrt, die den Betrachter auf sensorischer und k\u00f6rperlicher Ebene anspricht, Emotionen und Assoziationen weckt \u2013 eine zeitlose Erfahrung, die auch nach neun Jahren des Bestehens des Museums nichts an Intensit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dunkelheit und Stille \u2013 das sind die ersten Eindr\u00fccke beim Betreten von Alfredo Jaars unterirdischer Installation \u201eGeometr\u00eda de la Conciencia\u201c (Geometrie des Bewusstseins), die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[2195,562],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41922"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=41922"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41922\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":41959,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41922\/revisions\/41959"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=41922"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=41922"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=41922"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}