{"id":39650,"date":"2019-04-30T13:26:36","date_gmt":"2019-04-30T11:26:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=39650"},"modified":"2019-12-30T11:50:51","modified_gmt":"2019-12-30T10:50:51","slug":"momoe-schweizer-mosterei-und-brennereimuseum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2019\/04\/momoe-schweizer-mosterei-und-brennereimuseum\/","title":{"rendered":"MoM\u00f6 \u2013 Schweizer Mosterei- und Brennereimuseum"},"content":{"rendered":"<p><strong>Augenzwinkernd auch als \u201eMostindien\u201c bekannt, geh\u00f6rt der Kanton Thurgau zu den bedeutendsten Mostobstgebieten in der Schweiz. Inmitten jener Idylle aus Streuobstwiesen und Alpenpanorama er\u00f6ffnete im kleinen Ort Arbon Ende 2018 das neue Mosterei- und Brennereimuseum, kurz MoM\u00f6 genannt. Bereits 1895 von Hans Georg M\u00f6hl und seiner Frau gegr\u00fcndet, wurde die ehemalige Mosterei nun um ein Museum erweitert, das nicht nur das Thema \u201eApfel und Mosterei\u201c, sondern auch die Geschichte des mittlerweile in f\u00fcnfter Generation gef\u00fchrten Familienbetriebs authentisch pr\u00e4sentiert. Auf welch kreative Weise hierbei architektonische sowie szenografische Vermittlungsebenen zum Einsatz kommen, hat sich PLOT einmal genauer angeschaut.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>von Julia Ihls und Leoni Mutschler<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie kann ein Traditionsunternehmen zukunftsorientiert auf gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen reagieren und zugleich die eigene, langj\u00e4hrige Kompetenz einer breiten \u00d6ffentlichkeit authentisch vermitteln? Mit dieser Frage sah sich die Familie M\u00f6hl w\u00e4hrend der Planung eines neuen Lagerkellers im Jahr 2013 konfrontiert. So kam es neben dem Kellerausbau zu der Idee, die Mosterei zu einer Plattform weiterzuentwickeln, die gleichsam der eigenen Markenpr\u00e4sentation wie auch der historischen Wissensvermittlung rund um das Thema Apfel und den bisher noch wenig aufgearbeiteten Schweizer Obstbau dient. Auf diese Weise entstand eine transdisziplin\u00e4re Begegnungsst\u00e4tte, die sowohl Museum als auch Eventlocation und Gastronomie unter einem Dach vereint. Nach etwa f\u00fcnfj\u00e4hriger Planungs- und Realisierungszeit hat das MoM\u00f6 nun im Oktober 2018 er\u00f6ffnet und kann im Februar 2019 bereits knapp 10.000 Besucher verzeichnen. Schon der moderne Museumsbau, der hierf\u00fcr in Zusammenarbeit von Harder Spreyermann Architekten, Z\u00fcrich realisiert wurde, verhandelt dabei jenen Dialog aus Traditionsbewusstsein und Innovation. So erinnert das Geb\u00e4ude an eine Mischung aus Scheune und Industriehalle und passt sich damit harmonisch in die Umgebung ein. Und auch bei der Gestaltung des Innenraums wird der gelungene Spagat zwischen nachhaltiger Regionalit\u00e4t und Fortschritt in der Verwendung der Materialien und der Art der Inszenierung fortgef\u00fchrt: Beim Eintreten in das \u201eMuseum of Modern \u00d6pfel\u201c (ja, der Wink zur gro\u00dfen Schwester in \u201eBig Apple\u201c ist durchaus gewollt) ist ein Apfel das erste Exponat, das die Besucher erwartet. Jener liegt frei auf einem Sockel aus Holz von Thurgauer W\u00e4ldern und verleitet dazu, einfach mitgenommen zu werden. Die Anspielung auf die Geschichte des Apfels als verbotene Paradiesfrucht f\u00fchrt geschickt ins Thema ein, macht neugierig auf die Ausstellung und l\u00e4sst die Besucher bereits beim \u00dcbertreten der Schwelle zu einem Teil des M\u00f6hl-Kosmos werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zuerst folgt jedoch ein gro\u00dfz\u00fcgiger Eingangsbereich: Dunkle Holzvert\u00e4felungen an W\u00e4nden und Decke schaffen eine angenehme Atmosph\u00e4re und lenken die Aufmerksamkeit auf die detaillierte Gestaltung von Museumsshop und Gastrobar, deren Form aus aufgestapelten H\u00f6lzern auf die Dohlen beim Lagerfassbau referiert. Vom hellen Entr\u00e9e kommen die G\u00e4ste anschlie\u00dfend in einen abgedunkelten Gang, der fokussierend auf den etwa 1.000 Quadratmeter gro\u00dfen Ausstellungsbereich einstimmt: Das Konzept, das die Z\u00fcrcher Kreativen von aroma hierf\u00fcr erarbeiteten, \u00fcberzeugt dabei nicht nur mit einer harmonisch abgestimmten Gestaltung, sondern auch durch verschiedene, spielerisch angelegte Zugangsebenen. \u201eNicht zu edukativ sollte das Ganze sein\u201c, erl\u00e4utert Michael Hollstein, Kreativ-Direktor und Leiter der Konzeption bei aroma. Vielmehr war es das erkl\u00e4rte Ziel der Szenografen, den Besuchern das Thema \u201eApfel und Mosterei\u201c sinnlich und intuitiv n\u00e4her zu bringen. So bietet bereits der Auftakt der Schau mit seiner rund geformten Holzverkleidung allerlei zu entdecken: Die sogenannte Geschichtswand gibt hier einen historischen Einblick in die Geschichte der Familie M\u00f6hl. Wer allerdings bei dem Wort \u201eGeschichtswand\u201c an langweilige Zahlentabellen denkt, der wird gleich zu Beginn eines Besseren belehrt: Anstelle von langen Texten warten neben Videos und Audio-Stationen unz\u00e4hlige Klappen, Kurbelr\u00e4dchen und sogar liebevoll gestaltete Puppenspiele auf ihre Erkundung. Schr\u00e4g gegen\u00fcber befindet sich die \u201eProzesswand\u201c, die noch einmal mit kunstvoll ausgefr\u00e4sten Illustrationen den gesamten Mostprozess vom Apfel bis zur Flasche \u00fcbersichtlich veranschaulicht. Doch auch die monochrom gehaltene, matte Nanotech-Oberfl\u00e4che mit ihren minimalistischen Grafiken h\u00e4lt noch so manche interaktive \u00dcberraschung bereit. So falten sich hinter dezenten Klappt\u00fcren weitere explorative Vermittlungsebenen auf, wie beispielsweise olfaktorische Apfelaromen-Exponate oder ein \u201eFoto-Fass\u201c, in dem die G\u00e4ste ihr individuelles MoM\u00f6-Flaschenetikett erstellen k\u00f6nnen. Anschlie\u00dfend werden die Besucher in den offenen Hauptraum der Ausstellung gef\u00fchrt, in dem die \u201eMostfabrik\u201c als das zentrale, partizipative Herzst\u00fcck der Ausstellung thront. Alle f\u00fcr den Mostprozess relevanten Ger\u00e4te und Funktionen wurden daf\u00fcr kunstvoll zu einem surrealen Maschinen-Regalaufbau zusammengef\u00fcgt, der \u00fcber einen interaktiven Projektionstisch via RFID-Technologie gesteuert werden kann. Dabei werden die Besucher einmal mehr auf unterschiedlichen Vermittlungsebenen angesprochen \u2013 sei es kognitiv, haptisch oder visuell. So lassen sich spielerisch die digital und analog verschr\u00e4nkten Schritte des Mostherstellungsprozesses in jener kunstvollen Anordnung nachvollziehen und rekapitulieren. Mit verschiebbaren Kl\u00f6tzchen k\u00f6nnen die einzelnen Produktionskomponenten in einem in Echtzeit ablaufenden Infografik-Video auf dem Tisch angew\u00e4hlt werden, w\u00e4hrend zugleich die daf\u00fcr ben\u00f6tigten, in der Skulptur verbauten Exponate angestrahlt sind. Werden dabei die falschen Werkzeuge oder nicht die richtige Reihenfolge gew\u00e4hlt, reagiert die Projektion umgehend mit entsprechend realen \u201eFehlermeldungen\u201c wie leeren F\u00e4ssern oder einer \u00fcberlaufenden Saftpresse. Wenn sich die Besucher mittels Versuch und Irrtum zur Gen\u00fcge mit dem Mosthandwerk auseinandergesetzt haben, k\u00f6nnen sie sich anschlie\u00dfend in das \u201eM\u00e4rli-Fass\u201c zur\u00fcckziehen \u2013 einem vergr\u00f6\u00dferten, mit B\u00e4nken ausgestatteten Holzfass, in dem H\u00f6rspiele von lokalen M\u00e4rchen abgespielt werden. Eine Destillerie-Station mit Kolonnenbrennerei f\u00fcr Vorf\u00fchrungen und Tastings runden das Apfelmost-Erlebnis im Erdgeschoss ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das Konzept hier als Dauerausstellung angelegt ist, bietet das Obergeschoss hingegen M\u00f6glichkeiten f\u00fcr tempor\u00e4re Experimente und Wechselausstellungen. Als Galerie konzipiert, verbindet es zum einen die Ausstellungshalle \u00fcber zwei gro\u00dfz\u00fcgige Treppen mit dem Eingangsbereich und stellt zugleich einen funktionalen Bereich dazwischen dar: Der aus Sichtbeton konstruierte Riegel schafft Zugang von der Museumshalle zum darunterliegenden Lagerkeller und den Produktionshallen. Um die Funktion der vielen Exponate auch in Aktion kennenzulernen, bietet das Museum Interessierten eine F\u00fchrung durch die Werkst\u00e4tten an. Auch beim Rundgang wird einmal mehr deutlich, dass Nahbarkeit und sinnliches Erleben Teil des Museumskonzepts sind: So k\u00f6nnen die Besucher im Au\u00dfenbereich bei der Anlieferung des Obsts auf einer Empore zuschauen, oder den in der Ausstellung bereits erl\u00e4uterten Wasch- und Pressvorgang aus n\u00e4chster N\u00e4he erleben und eine Aroma-Probe aus der Mikrodestillerie entnehmen. Das Betreten der Lagerkeller, in denen riesige, moderne Metalltanks genauso wie alte Eichenholzf\u00e4sser emporragen, ist zudem ein eindr\u00fcckliches Erlebnis und gibt den Besuchern eine bessere Vorstellung von den bis zu 15 Millionen Liter Saft, die hier j\u00e4hrlich aus der Ernte von 25.000 bis 40.000 Tonnen Mostobst gewonnen werden. Vorbei an der sogenannten Cider-Werkstatt, in der an neuen Kreationen gearbeitet wird, endet der Rundgang im Fasskeller, auf dessen gro\u00dfe Eichenholzf\u00e4sser die Besucher bereits zu Beginn der F\u00fchrung hinabblicken konnten. In einem kleinen Kinoraum wird das Erlebte dann zum Ende des Museumsbesuchs noch einmal zusammengefasst: Gestaltet mit W\u00e4nden, die von indirekt beleuchteten Etiketten s\u00e4mtlicher Schweizer Mostereien ges\u00e4umt sind, wird hier ein von Ernst M\u00f6hl eingesprochener Imagefilm gezeigt, der den Jahresablauf des Unternehmens erl\u00e4utert und die Geschichte der Apfelwelt anschaulich vermittelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch all dies ist nur der Anfang. Denn die Visionen und Ziele der M\u00f6hls sind noch l\u00e4ngst nicht ausgesch\u00f6pft: Vielmehr sehen die Pl\u00e4ne, die bereits bis ins Jahr 2030 reichen, vor, mit dem MoM\u00f6 vom Besucherzentrum nach und nach zum Kompetenzzentrum f\u00fcr Most, Saft und Spirituosen zu avancieren. Dabei soll unter anderem auch ein wohl \u00fcberlegtes Au\u00dfenprogramm wie die Nutzung des neu angelegten Gartens als Wildbienenhabitat mit Erlebnistrails, sowie ein abwechslungsreiches Kulturprogramm das Museumsangebot erweitern. So wird Arbon mit dem MoM\u00f6 nicht nur um eine kulturelle Touristenattraktion im Thurgau bereichert, sondern erh\u00e4lt f\u00fcr die etwa 15.000 Einwohner auch einen Treffpunkt der etwas anderen Art, der sich flexibel an die Bed\u00fcrfnisse der jeweiligen Zielgruppen anpasst \u2013 ein agiles, zeitgem\u00e4\u00dfes und durchaus mutiges Konzept, das wir als besonders gelungen empfinden.<br \/>\nSo l\u00e4sst sich abschlie\u00dfend wohl sagen: Egal ob nur ein kleines Glas Most an der Bar oder bei der intensiven Auseinandersetzung im Ausstellungsraum: Das MoM\u00f6 ist ein Ort des spielerischen Entdeckens, belebt durch die Familie M\u00f6hl, die mit ihrer Nahbarkeit und Authentizit\u00e4t fast selbst zum lebenden Exponat wird und die Besucher mit ihrer Begeisterung ansteckt. Wir sind auf jeden Fall schon sehr gespannt, was das \u201eMuseum of Modern \u00d6pfel\u201c in Zukunft noch an innovativen Ideen und \u00dcberraschungen bereith\u00e4lt und bedanken uns f\u00fcr diese wunderbare Entdeckung: Wir kommen sehr gerne wieder!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Augenzwinkernd auch als \u201eMostindien\u201c bekannt, geh\u00f6rt der Kanton Thurgau zu den bedeutendsten Mostobstgebieten in der Schweiz. 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