{"id":38401,"date":"2019-03-05T17:12:06","date_gmt":"2019-03-05T16:12:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=38401"},"modified":"2019-07-24T11:41:18","modified_gmt":"2019-07-24T09:41:18","slug":"laut-die-welt-hoeren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2019\/03\/laut-die-welt-hoeren\/","title":{"rendered":"[LAUT] DIE WELT H\u00d6REN, BERLIN"},"content":{"rendered":"<p><strong>Klang trifft uns unmittelbar und ist doch fl\u00fcchtig. Er l\u00f6st tiefe Emotionen aus und ist lebendiger Austausch. Klang fordert und bewegt uns \u2013 in jeder Kultur, in jeder Zeit. Dieser Faszination sowie dem unterschiedlichen Umgang mit Kl\u00e4ngen wurde nun die Ausstellung \u201e[laut] Die Welt h\u00f6ren\u201c in der Berliner Humboldt-Box gerecht und T\u00f6ne hier in einer breiten Frequenz h\u00f6r- und erlebbar gemacht. Dabei wird mit der Schau gezeigt, wie Musik und andere Kl\u00e4nge \u00fcber verschiedene Kulturen und Epochen hinweg aufgezeichnet und miteinander geteilt, wie Melodien und Rhythmen weitergetragen werden und sich dadurch wandeln k\u00f6nnen. Doch wie l\u00e4sst sich Ton als immaterielles Gut eigentlich ausstellen? Den Berliner Kreativen von <\/strong><strong>T<\/strong><strong>heGreenEyl<\/strong><strong> ist dies auf sensible Weise gelungen \u2013 und dank des spannenden 3D-Audio-Systems von <\/strong><strong>usomo<\/strong><strong> werden zudem Raum und Zeit gekonnt miteinander verbunden.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>von Kristina von B\u00fclow und Janina Poesch<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kl\u00e4nge sind prozesshaft, unbest\u00e4ndig und verg\u00e4nglich. Das gilt auch f\u00fcr menschliche Kl\u00e4nge, f\u00fcr Sprache und Musik. Erst mit der Erfindung des Phonographen 1877 lie\u00dfen sich Schallereignisse mechanisch umwandeln, speichern und r\u00e4umlich sowie auch zeitlich getrennt von ihrem Entstehen abspielen. Dies er\u00f6ffnete neue M\u00f6glichkeiten \u2013 unter anderem f\u00fcr Wissenschaft und Forschung: Mithilfe dieser neuen Technik konnten Ethnologen Kl\u00e4nge einfangen und deren spezifische Bedeutung f\u00fcr die jeweilige Kultur und ihre \u00dcberlieferungswege beschreiben. Klangarchive entstanden und s\u00e4mtliche Aufnahmen wurden gesammelt und systematisiert \u2013 stets von der Hoffnung geleitet, anhand von Sprach- und Musikaufnahmen Kulturen identifizieren und vergleichen zu k\u00f6nnen. Doch wer darf wessen Kl\u00e4nge eigentlich aufzeichnen, aufbewahren und weiterverwenden? Inwiefern lassen sich einzelne Musikkulturen voneinander abgrenzen? Was eint etwa die von der AMAR Foundation gesammelte Musik der arabischen Welt: Steht sie f\u00fcr eine spezifische Identit\u00e4t? Solchen Fragen m\u00fcssen sich Klangarchive heute stellen, besonders wenn es um sensible Sammlungen geht \u2013 wie etwa Aufnahmen der Navajo-Indianer oder den Kriegsgefangenen-Aufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg.<\/p>\n<p>Dementsprechend behutsam werden in der Ausstellung \u201e[laut] Die Welt h\u00f6ren\u201c die Klang- und Musikaufnahmen aus drei Archiven pr\u00e4sentiert: dem Phonogramm-Archiv des Ethnologischen Museums, dem Lautarchiv der Humboldt-Universit\u00e4t und dem Archiv arabischer Musik der AMAR Foundation aus Beirut. Und Besucher k\u00f6nnen hier \u00fcber zwei Etagen hinweg erleben, was Forschungsreisende seit Ende des 19. Jahrhunderts in der ganzen Welt unter anderem auf Klangwalzen aufgenommen haben. Dabei wird auf 800 Quadratmetern eine Ansammlung von beinahe allen erdenklichen Aspekten gezeigt, die einem bei der Archivierung von Klang, Sprache, Musik und Ger\u00e4uschen aus historischer und aktueller Perspektive in den Sinn kommen: In einer archiv\u00e4hnlichen Architektur aus Aluminiumregalen \u2013 gestaltet von den Berliner Kreativen von TheGreenEyl \u2013 finden sich in Vitrinen zahlreiche Texttafeln und verschiedenste Exponate zu den beiden Berliner Lautarchiven und deren Sammlungen, der technischen Entwicklung von Aufnahme- und Speichermedien, der Visualisierung von Klang, dem Vertrieb, der Frage nach dem Urheberrecht, der heutigen Verwendung von Tonaufnahmen in der Dialektforschung und vieles mehr. Da die zentralen Objekte der Ausstellung jedoch weder sicht- noch haptisch erlebbar sind, bekommen jene eine ganz besondere Pr\u00e4senz. So \u00fcberlagert eine l\u00fcckenlose auditive Ebene die Ausstellungsarchitektur, in welche die Besucher \u00fcber ein intelligentes Kopfh\u00f6rersystem eintauchen k\u00f6nnen. Zu entdecken sind darin pr\u00e4zis verortete Kl\u00e4nge, die sich im Zusammenspiel mit den Bildern, Filmen und Exponaten zu einer ganz besonders sinnlichen Erfahrung entfalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Auf interaktiven Klangspuren<\/strong><\/p>\n<p>Ein interaktives Audio-System ist dabei der ideale digitale Begleiter: Ausgestattet mit einem Kopfh\u00f6rer, an dem ein Trackingmodul angebracht ist, und einem Smartphone machen sich Interessierte auf den Weg durch den Raum und m\u00fcssen nichts weiter tun, als wahrzunehmen. Der Weg, den sie einschlagen, ist ihnen dabei v\u00f6llig selbst \u00fcberlassen: Es gibt keine festgelegte Route, sie wandeln auf ganz eigenen, intuitiven Pfaden. Je nachdem vor welchem Objekt sie sich gerade aufhalten oder in welchen Ausstellungsbereich sie sich hineinbewegen, werden dann Musik und Stimmen automatisch abgespielt: Sie werden lauter oder leiser und ver\u00e4ndern sich. Dies gelingt, weil die Kl\u00e4nge nicht von statischen, im Raum fest verankerten Soundquellen kommen, sondern dank eines 3D-Audio-Systems h\u00f6rbar gemacht werden. Entwickelt von den Berliner Experten von usomo, reagiert jenes in Echtzeit auf die Bewegung und Position der Menschen im Raum: Der Sound folgt den H\u00f6renden, umgibt sie von allen Seiten und l\u00e4sst sie vollkommen in die digitalen Klangwelten eintauchen.<\/p>\n<p>Besonders eindr\u00fccklich wird dieser immersive Effekt in einer Videoinstallation im Bereich des Klangarchivs der AMAR Foundation vermittelt. Die Besucher stehen hier \u2013 umgeben von drei relativ dicht zueinander aufgestellten Screens \u2013 inmitten von bewegten Bildern und sehen die Szenen um sie herum ablaufen: vor allem Close-ups von Gesichtern einer zu Percussion und Gesang in Trance tanzenden Menge. Sie werden regelrecht in die Szenerie hineingezogen: Sie h\u00f6ren die Kl\u00e4nge exakt von dort kommen, wo die verschiedenen, aber miteinander korrespondierenden Bilder es vorgeben. Drehen sie sich schlie\u00dflich wieder ab und tauchen aus der Szene wieder auf, ver\u00e4ndern sich auch die Kl\u00e4nge und das Gef\u00fchl macht sich breit, einen realen Schauplatz zu verlassen.<br \/>\nAuch zu allen Objekten, die hier im Obergeschoss der Humboldt-Box ausgestellt sind, werden die passenden Sounds positionsabh\u00e4ngig im Kopfh\u00f6rer zugespielt \u2013 wobei sie flie\u00dfend in die Sounds der folgenden \u00fcbergehen. Egal, ob sich die Besucher an Reihen von rechtwinklig zur Wand h\u00e4ngenden Schallplatten, an Vitrinen mit detailliert beschrifteten und stark vergilbten Musik- und Videokassetten sowie handschriftlichen Transkripten vorbeibewegen. Semi-transparente Gazestoffe mit arabischer Ornamentik fungieren zudem als Raumteiler und suggerieren als Unterst\u00fctzung zum akustisch immersiven Effekt, sich im selben Zimmer wie der Geschichtenerz\u00e4hler im hier abgespielten Film zu befinden. Nach einigen gr\u00f6\u00dferen informativen und unterhaltsamen Stationen, werden die Besucher schlie\u00dflich dank interaktiver Hotspots in den B\u00f6den spielerisch entlang einer imagin\u00e4ren Route durch arabische und europ\u00e4ische Kulturen und Epochen geleitet \u2013 eine Route, deren roter Faden ein sehr altes Lied ist, das den H\u00f6renden wie auf einer Zeitreise in die Gegenwart folgt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klang trifft uns unmittelbar und ist doch fl\u00fcchtig. 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