{"id":38171,"date":"2019-02-18T13:05:07","date_gmt":"2019-02-18T12:05:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=38171"},"modified":"2019-05-21T13:47:19","modified_gmt":"2019-05-21T11:47:19","slug":"die-stille-der-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2019\/02\/die-stille-der-stadt\/","title":{"rendered":"Die Stille der Stadt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Entwickeln leere R\u00e4ume ein Eigenleben, wenn sie sich selbst und \u201eder Kunst\u201c \u00fcberlassen werden? Und wie w\u00fcrde Stuttgart aussehen, wenn Autoindustrie und Konzernmogule der Stadt den R\u00fccken kehrten? Diesen Fragen ging das <\/strong><a href=\"https:\/\/www.citizenkane.de\/\"><strong>Citizen.Kane.Kollektiv<\/strong><\/a><strong> mit dem Mikro-Theater \u201eDie Stille der Stadt\u201c nach und kreierte in einem Abrissgeb\u00e4ude im Stuttgarter Osten ein spannendes Mash-up aus Installationen, Performances und Austauschplattform, das sich sowohl inhaltlich als auch szenografisch fernab der ausgetretenen Pfade bewegte. Wie genau das aussah, haben wir uns von PLOT genauer angeschaut &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>von Julia Ihls<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die grauen, heruntergekommenen Hausfassaden und das hintergr\u00fcndige Brummen der allgegenw\u00e4rtigen Fahrzeuge auf der Hauptstra\u00dfe er\u00f6ffnen bereits das Pr\u00e4ludium der Inszenierung. Verlassen sieht es aus, das leerstehende Geb\u00e4ude in der Rotenbergstra\u00dfe 170 beim alten Schlachthof \u2013 ein trauriger Zeuge vergangener Zeiten. Wo fr\u00fcher noch ein Asiamarkt, Mietwohnungen und eine Weinstube die R\u00e4ume mit Leben f\u00fcllten, herrscht nun bedr\u00fcckende Stille. Stille, Leerstelle und Leerstand \u2013 welch kreatives Potenzial jene Frakturen und Br\u00fcche hervorbringen k\u00f6nnen, erforschte das Stuttgarter Citizen.Kane.Kollektiv nun \u00fcber einen Zeitraum von vier Monaten und experimentierte in dem Geb\u00e4ude, das den K\u00fcnstlern von der Stadt bis zum Abriss im Sommer 2019 f\u00fcr kreative Interventionen \u00fcberlassen wurde. Um den Zugang zum Thema m\u00f6glichst offen und heterogen zu gestalten, wurden die drei Stockwerke mit insgesamt 13 leerstehenden R\u00e4umen in den vergangenen Monaten vorerst als experimentelles Labor f\u00fcr Kreative und Publikum genutzt \u2013 sei es in Form von \u00f6ffentlichen Drohnen-Racings oder Ausgrabungen. Die Recherche-Ergebnisse flossen dann mit den eigenen Erkundungen und r\u00e4umlichen Interpretationen des Kollektivs im Mikro-Theater \u201eDie Stille der Stadt\u201c zusammen \u2013 ein Format, das urspr\u00fcnglich aus Spanien stammt: In Zeiten der Wirtschaftskrise, in denen kulturelle F\u00f6rdergelder gestrichen wurden, etablierte sich in Madrid anstelle gro\u00dfer, kostenaufw\u00e4ndiger Inszenierungen jene Form kurzer Performances, die sich die Besucher je nach Geldbeutel und Zeit individuell zusammenstellen k\u00f6nnen. In Stuttgart wurde dieses ern\u00fcchternde theatrale Format nun mit der Dystopie Detroits kombiniert: Die ehemalige Autoindustrie-Stadt in Michigan stellt sozusagen einen realen Blick auf eine m\u00f6gliche, negative Zukunft des Stuttgarter Kessels dar, verwandelte sie sich doch mit Abwanderung von Industrie und Wirtschaft innerhalb der letzten 50 Jahre in eine kriminelle Geisterstadt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Stille der Stadt<\/strong><\/p>\n<p>So schreiben wir nun also Stuttgart im Jahr 2052: Die Stadtautobahn ist stumm, sie ist nur noch eine Erinnerung an Geschwindigkeit und gesellschaftlichen Aufstieg im Schatten des Gaskessels. Die H\u00e4user stehen leer \u2013 verfallen und \u00fcberwuchert: In diesem Setting betreten die Besucher den Eingang der Rotenbergstra\u00dfe 170. Gleich zu Beginn werden sie von den, mit archaischen Pelzm\u00e4nteln gekleideten, K\u00fcnstlern in Kleingruppen aufgeteilt und in \u201eDie Bar\u201c im zweiten Stockwerk geleitet. Der Versammlungsraum, in dem das Kollektiv mit Snacks und Getr\u00e4nken aufwartet, stellt den gemeinsamen Beginn- und Endpunkt der Inszenierung dar. Nach einer musikalischen Einstimmung mit elektronisch verzerrten Kl\u00e4ngen und Sprechgesang teilt sich das Publikum in die zugewiesenen Gruppen auf. Jede folgt dabei ihrem eigenen Zeitplan, der vorgibt, wann und wo welche Performance zu sehen ist. Dementsprechend geht es auf dem Weg zur ersten Inszenierung durch leere Korridore, vorbei an halboffenen T\u00fcren und flackernden Lichtern. In einer gro\u00dfen Halle h\u00e4ngen gro\u00dfformatige \u00d6lgem\u00e4lde, die Alltagsszenen in kalter Realismus-Manier zeigen, dahinter eine netzartige Rauminstallation. Wie ein Labyrinth f\u00e4chern sich die R\u00e4ume auf, mal wartet eine Pilzaufzucht in einer Sauna oder Ausgrabungsfunde hinter der n\u00e4chsten Ecke, mal die Installation eines verlassenen Zimmers inklusive Bett, Polaroids und Mantel an der Wand. \u00dcber all dem h\u00e4ngt die bedr\u00fcckende Ahnung einer anwesenden Abwesenheit der fr\u00fcheren Bewohner, durchmischt mit gegenw\u00e4rtiger Leere. Denn obwohl sich mehrere Dutzend Menschen in dem Geb\u00e4ude bewegen, kommt es aufgrund der separierten Wegf\u00fchrung nur zu wenigen Begegnungen. Gleich den tausend Plateaus nach Deleuze und Guattari entfaltet sich eine plurale Heterogenit\u00e4t, deren Ebenen nebeneinander existieren. Die Erz\u00e4hlungen und Inszenierungen der einzelnen R\u00e4ume stehen f\u00fcr sich und wurden unabh\u00e4ngig voneinander konzipiert. Und dennoch kreieren deren Wechselwirkungen und Assoziationen untereinander im Vorbeigehen ein Gesamtnarrativ, das sich vielleicht als \u201enomadische Wissensproduktion\u201c beschreiben lie\u00dfe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Von Schwanenknochen und einer gealterten Hure<\/strong><\/p>\n<p>Dabei wird das Raumerlebnis im Verlauf des Abends von vier Performances rhythmisiert: So versammelt sich die Gruppe im Mikro-St\u00fcck \u201eSchwanenknochen\u201c (Jonas Bolle) im Kreise eines Wohnzimmers um einen Haufen stilisierter Gebeine. Was w\u00e4re, wenn die verbliebenen hungernden Stadt-Menschen die Schw\u00e4ne im Schlossgarten jagten? W\u00fcrden deren abgenagte Knochen nach tausenden von Jahren gefunden werden und Zeugnis \u00fcber den Untergang unserer Zivilisation liefern? Die Fragen verschmelzen mit verzerrten, synthetischen Kl\u00e4ngen, in welche die Besucher mit ihren \u201eSchwanenknochen-Fl\u00f6ten\u201c einstimmen. \u00c4hnlich rituell verh\u00e4lt es sich bei der Inszenierung \u201eThe Hole\u201c (Ema Staicut): Nach einer Wanderung durch dunkle Treppenh\u00e4user f\u00fchrt ein Pfad aus Erde zu einer Feuerstelle inmitten einer d\u00fcsteren Halle. Im Kreis sitzend, lauschen die Besucher im Kerzenschein der Erz\u00e4hlung vom Untergang der Kessel-Stadt sowie der hoffnungsvollen alternativen Lebensweise, die sich daraus entwickelte. In \u201eGran Turismo\u201c (J\u00fcrgen K\u00e4rcher) hingegen kriechen die Zuschauer-Gruppen in eine Einsiedler-H\u00f6hle aus goldenen Rettungsdecken. Untermalt von der Autofahrt aus Claude Lelouchs Film \u201eC\u2019\u00e9tait un rendez-vous\u201c und fernab der gef\u00e4hrlichen Welt \u201eda drau\u00dfen\u201c wird hier eine Ode an die Geschwindigkeit pr\u00e4sentiert. Im Keller wiederum erwartet die Besucher in \u201eDie Stadt als Hure\u201c (Andrea Leonetti) Stuttgart selbst: Auf einem Bett aus Fellen liegt die sterbende Stadt in Person einer gealterten Prostituierten. Unter Husten und St\u00f6hnen schw\u00e4rmt sie von den goldenen Zeiten, als die Industrie-Freier noch regelm\u00e4\u00dfig und gierig zu ihr kamen bis sie v\u00f6llig verbraucht war. Kurz flammt noch einmal ihre Hoffnung auf, ob sich unter den Besuchern nicht vielleicht doch noch ein neuer Interessent befindet, um schlie\u00dflich desillusioniert und dahinsiechend das Ende zu erwarten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Raum als Leerstelle<\/strong><\/p>\n<p>Wie unterschiedlich die Inszenierungen, Kunstwerke und Installationen jedoch auch sein m\u00f6gen, so haben sie dennoch einen gemeinsamen Nenner: den verlassenen Raum. Zwar l\u00e4sst sich kaum bestreiten, dass R\u00e4ume von jeher Handlungsmacht besitzen, allerdings f\u00e4llt diese bei Leerstand noch einmal besonders ins Auge. Seien es Kinderzeichnungen an den W\u00e4nden oder eine vorinstallierte Bar \u2013 K\u00fcnstler wie Zuschauer begeben sich auf eine Spurensuche, in der Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschmelzen. Jene Spuren und unerz\u00e4hlte Geschichten werden so zu r\u00e4umlichen Akteuren, die dem Horror Vacui (die Angst vor der Leere) eine hoffnungsstiftende Produktivit\u00e4t entgegensetzen. Auf diese Weise flie\u00dft das r\u00e4umliche Eigenleben nicht nur in den Inhalt des St\u00fccks \u201eDie Stille der Stadt\u201c mit ein, sondern aktiviert auch die Besucher. Denn wie bereits in der Rezeptions\u00e4sthetik oder dem Konzept der Unbestimmtheitsstelle von Roman Ingarden beschrieben, erscheint die Leerstelle als Ort der Sinnstiftung, an dem der Rezipient selbst neue Beziehungen herstellen muss. So werden die Besucher trotz der d\u00fcsteren Stimmung, die das Theaterkollektiv mit den Mikro-Inszenierungen heraufbeschw\u00f6rt, nicht hoffnungslos zur\u00fcckgelassen: \u201eWir sind da, um euch zu beruhigen.\u201c Mit diesen Worten beschlie\u00dfen die K\u00fcnstler die Auff\u00fchrung. Utopie und Dystopie \u2013 beides sind nichts als positive oder negative \u00dcbersteigerungen einer Realit\u00e4t, die sich noch im Kommen befindet und die sich nie ganz verwirklichen kann. \u201eDie Stille der Stadt\u201c verharrt entsprechend in einem Zustand irgendwo dazwischen, der sich vielleicht als \u201ekonkrete Utopie\u201c (Ernst Bloch) bezeichnen lie\u00dfe \u2013 eine gepr\u00fcfte Hoffnung, ein Optimismus mit Trauerflor. So entstand in der Rotenbergstra\u00dfe 170 ein tempor\u00e4res Experimental-Labor, das in einem dialektischen Verh\u00e4ltnis von Theorie und Praxis die Zukunft erkundet. Wir sind da, um euch zu beruhigen!<\/p>\n<p>PS: F\u00fcr alle, die dieses Experiment verpasst haben, gibt es Hoffnung: Die mikro-theatralen Plateaus werden in den n\u00e4chsten Monaten zu einer einheitlichen Plattform geb\u00fcndelt: \u201eWRACKSTADT\u201c ist f\u00fcr Sommer 2019 geplant. Wir d\u00fcrfen also gespannt sein!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Entwickeln leere R\u00e4ume ein Eigenleben, wenn sie sich selbst und \u201eder Kunst\u201c \u00fcberlassen werden? 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