{"id":37757,"date":"2019-01-22T17:20:08","date_gmt":"2019-01-22T16:20:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=37757"},"modified":"2019-11-19T15:01:07","modified_gmt":"2019-11-19T14:01:07","slug":"die-zukunft-der-szenografie-der-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2019\/01\/die-zukunft-der-szenografie-der-zukunft\/","title":{"rendered":"Die Zukunft der Szenografie der Zukunft"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Zukunft der Szenografie ist blau: Sie lebt vom LED-Licht, von digitalen R\u00e4umen und der M\u00f6glichkeit, in jene immersiv einzutauchen. Dies ist zumindest der erste Gedanke, der den meisten in den Kopf schie\u00dft, wenn sie \u00fcber die Weiterentwicklung dieser interdisziplin\u00e4ren Gestaltungshaltung philosophieren. Doch bei l\u00e4ngerem Nachdenken scheint eine allein \u201eblaue Szenografie\u201c keine zukunftstaugliche Alternative zu sein \u2013 zu eingeschr\u00e4nkt sind die M\u00f6glichkeiten der gemeinsamen Kommunikation bzw. des Erlebens von (r\u00e4umlichen) Inhalten. Also wie sieht sie wirklich aus die Zukunft der Szenografie?<br \/>\nEin Ann\u00e4herungsversuch &#8230; <\/strong><\/p>\n<p><em><br \/>\nvon Janina Poesch<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um sich ein Bild von der Zukunft der Szenografie zu machen, ist es wohl sinnvoll, sich zuerst mit der gegenw\u00e4rtigen Zukunft an sich auseinanderzusetzen: Denn noch nie waren wir so unsicher ob der Dinge, die auf uns zukommen werden, und es f\u00e4llt uns wesentlich leichter, d\u00fcstere Dystopien zu formulieren als \u00fcber ernstgemeinte Tr\u00e4ume von einer besseren Welt zu sinnieren. Dabei entwickeln wir Menschen seit jeher Utopien \u2013 Gedankenkonstrukte \u00fcber eine fiktive Gesellschaftsordnung, die sich zu einem Wunsch- oder Angstbild verdichten. Utopien kritisieren bestehende Institutionen sowie sozialpolitische Verh\u00e4ltnisse und zeichnen eine durchdachte Alternative auf. Bei alldem machen sie den Menschen zu einem aktiven, gestalterischen Wesen und schreiben jedem Individuum die gleichen Rechte zu. Nun behauptet der marxistische Zyniker Slavoj \u017di\u017eek jedoch, dass wir aktuell zum ersten Mal in einem Zeitalter leben, in dem es gar keine Utopien mehr gibt, und der schwedische K\u00fcnstler Alexander Bard formuliert, dass wir uns l\u00e4ngst in einer hyperzynischen \u00c4ra befinden \u2013 und unsere W\u00fcnsche, Hoffnungen, Tr\u00e4ume nicht mehr ernst nehmen. Haben wir etwa schon aufgegeben? Beugen wir uns der Gegenwart und lassen sie ganz ohne eigenes Handeln geschehen? Was bedeutet dies f\u00fcr unsere Zukunft? Wenn wir keine Utopien mehr entwerfen, haben wir denn dann noch Visionen?<br \/>\nVisionen spiegeln wider, was wir jetzt wollen und was wir jetzt f\u00fcr uns als wichtig erachten, was jetzt Herausforderungen und Probleme sind und was jetzt zu tun ist, um die Chance auf ein besseres Morgen zu ergreifen. Die Zukunft ist ein Ort f\u00fcr W\u00fcnsche, Hoffnungen und M\u00f6glichkeiten, die Gegenwart demnach unabdingbar ein Ort des Handelns \u2013 und die Vergangenheit wird damit zum Ort, von dem wir lernen k\u00f6nnen. Unsere Visionen sollten nicht dominiert werden von \u00c4ngsten und Schreckensbildern, die so manche Dystopien zeichnen, wir brauchen vielmehr Visionen, die uns wieder bef\u00e4higen, die Zusammenh\u00e4nge neu zu denken, und uns wieder f\u00fcr die Zukunft zu faszinieren. Dabei ist es das Beste, uns unentwegt Fragen zu stellen und entlang dieser Fragen weiterzudenken. Wir sollten unsere Neugier walten lassen und nicht der Eitelkeit verfallen, zu denken, dass wir ohnehin schon alles wissen: Wie wollen wir in Zukunft leben, wohnen, arbeiten, kommunizieren, uns fortbewegen und mit unseren Ressourcen umgehen? Was sind die individuellen und gesellschaftlichen Themenfelder von morgen? Wie lassen sich R\u00e4ume f\u00fcr eine vision\u00e4re Zukunft \u00f6ffnen? Wie sieht die Zukunft aus, an die wir uns im Jahr 2039 erinnern wollen? Wann kommt der Zeitpunkt, an dem die Dinge, wie wir sie heute kennen, nicht mehr funktionieren \u2013 und was sind die Alternativen? Unsere Antworten bilden dann die Ausgangslage f\u00fcr neue Fragen und unser dementsprechendes Handeln die Basis f\u00fcr unsere Zukunft. Zukunft ist also kein Zufall, sondern durchaus gestaltbar!<br \/>\nWir k\u00f6nnen das, was kommt, also schon heute (mit-)pr\u00e4gen: Wir k\u00f6nnen bereits jetzt den Grundstein f\u00fcr wirtschaftliche, \u00f6kologische, politische und gesellschaftliche Innovationen legen und die Zukunft damit zu einem angenehmeren Ort machen. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir allerdings eine umfassende Sicht darauf entwickeln, wie die Technologie unser Leben beeinflusst und unsere \u00f6konomische, soziale, kulturelle und menschliche Umwelt ver\u00e4ndert. Wir m\u00fcssen den Umbruch zulassen und den Wandel formen. Am besten gelingt uns dies, wenn wir die besten Seiten der menschlichen Natur \u2013 Empathie, Verantwortungsgef\u00fchl und Kreativit\u00e4t \u2013 vereinen und systemischer Kommunikation mit Werten und Pers\u00f6nlichkeiten begegnen. Wir sollten uns also verst\u00e4rkt wieder uns Menschen widmen und uns und unsere (nachhaltigen) Bed\u00fcrfnisse in das Zentrum jeglicher Betrachtungen r\u00fccken.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft das nun f\u00fcr die Szenografie? Sobald wir beginnen, unsere Zukunft aktiv mitzugestalten, wird sich auch unsere r\u00e4umliche Kommunikation ver\u00e4ndern: Raum an sich wird wertvoller werden, denn er wird nicht nur Tr\u00e4ger von Inhalten, sondern vielmehr zum Ort f\u00fcr gemeinsamen Diskurs, der regelm\u00e4\u00dfigen Zusammenkunft und des direkten Austauschs. Egal ob auf der Messe, im Museum, auf der B\u00fchne oder im \u00f6ffentlichen Raum: Wir Menschen werden kreative R\u00e4ume nutzen, in denen unmittelbar mit der Zukunft gearbeitet werden kann \u2013 R\u00e4ume, die es erm\u00f6glichen, dass wir interdisziplin\u00e4re Allianzen schmieden und uns direkt mit Themen, Werten, Produkten und Marken auseinandersetzen, sie im Reallabor und in \u201eEchtzeit\u201c stattfinden lassen und damit auch ver\u00e4nderbar machen. Wir werden mit unseren neu inszenierten R\u00e4umen viel h\u00e4ufiger Prozesse gestalten, sie selbst zum Gestaltungswerkzeug machen und als Individuen wesentlicher Teil davon werden. In der Tat werden moderne Technologien bei der Vermittlung von Inhalten durchaus wertvoll bleiben und in Zukunft auch keinesfalls verschwinden, sie werden sich im Idealfall aber eher einer mehr oder minder komplexen Strategie unterordnen, den Raum somit nicht dominieren, sondern die Inhalte vielmehr st\u00e4rken bzw. unterstreichen. Die Gestaltung unserer szenischen R\u00e4ume wird damit flexibel ver\u00e4nder- und an die jeweiligen Bed\u00fcrfnisse der Nutzer anpassbar. Aus der nonverbalen Vermittlung von Inhalten und der Schnelllebigkeit von visuellen Eindr\u00fccken, der Unverbindlichkeit von Scheinwelten und der Benebelung durch Sinnes\u00fcberreizung wird eine inszenierte Pr\u00e4sentation mit nachhaltiger Wirkung \u2013 ein Ort der verbalen Konfrontation und der pers\u00f6nlichen Begegnung. Aus Erlebnisr\u00e4umen werden Experimentierr\u00e4ume f\u00fcr das Leben: Jeder Einzelne kann mitforschen, mitdebattieren, mitentscheiden und mitgestalten.<br \/>\nVielleicht ist diese Prognose aber auch nur eine Utopie \u2013 oder aber auch ein Anfang. Ein Anfang von etwas Gr\u00f6\u00dferem, das uns mehr Freude bereitet als es lediglich auf Instagram zu teilen, das nachhaltiger ist f\u00fcr Institutionen, Marken und Menschen und uns deutlich vor Augen f\u00fchrt, was wir wirklich erreichen k\u00f6nnen, wenn wir uns intensiv mit Themen auseinandersetzen, die f\u00fcr unser aller gesellschaftliches Leben relevant sind.<br \/>\nNat\u00fcrlich werden Ausstellungen, Messest\u00e4nde, Shops, Events, B\u00fchnenbilder und r\u00e4umliche Interventionen auch weiterhin einen Erz\u00e4hlstrang brauchen \u2013 eine Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende, die dramaturgisch spannend bleibt und ihre \u201eLeser\u201c mit auf eine Reise nimmt. Diese Passagen werden sich auch zuk\u00fcnftig durch sinnliche und sinnvolle Erlebniswelten auszeichnen, die begeistern. Jedoch werden die Grenzen immer mehr verschmelzen: Der Markenraum wird zum Museum, Ausstellungsh\u00e4user zu B\u00fchnen und der urbane Raum zum Einkaufsparadies. Die unterschiedlichen Disziplinen der Szenografie werden immer mehr ineinandergreifen, um am Ende ein immersives, liquides sowie dynamisches Gesamtkunstwerk zu kreieren, das \u2013 gleich ob real, digital oder in einer Kombination daraus \u2013 Nutzer in seinen Bann zieht, k\u00fcnstliche Intelligenzen choreografiert und Teil einer komplett vernetzten Welt ist.<\/p>\n<p>Womit wir wieder bei der anf\u00e4nglichen These w\u00e4ren: Mit Sicherheit ist die Zukunft der Szenografie blau \u2013 sie ist aber auch rosig, wenn es ihren Gestaltern gelingt, sich neben leuchtenden interaktiven Welten auf die Dinge zu konzentrieren, die Herz, Seele und Verstand in inszenierten R\u00e4umen zulassen. Denn nur mit Werten, Mitgef\u00fchl, unabh\u00e4ngigem Denken und \u00dcberzeugungen k\u00f6nnen wir Ger\u00e4ten, Apparaten und automatisierten Prozessen \u00fcberlegen bleiben. Und nur in solchen R\u00e4umen k\u00f6nnen wir dann unser aller Zukunft und damit auch die Zukunft der Szenografie nachhaltig beeinflussen &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zukunft der Szenografie ist blau: Sie lebt vom LED-Licht, von digitalen R\u00e4umen und der M\u00f6glichkeit, in jene immersiv einzutauchen. 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