{"id":34663,"date":"2018-04-25T09:44:00","date_gmt":"2018-04-25T09:44:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=28321"},"modified":"2020-03-10T15:02:56","modified_gmt":"2020-03-10T14:02:56","slug":"retrotopia-deutschland-im-reagenzbecken-lockstoff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2018\/04\/retrotopia-deutschland-im-reagenzbecken-lockstoff\/","title":{"rendered":"Retrotopia \u2013 Deutschland im Reagenzbecken"},"content":{"rendered":"<p>Mit Theaterinszenierungen im \u00f6ffentlichen Raum werden nicht nur soziale Strukturen und st\u00e4dtische (Un-)Orte experimentell erobert, auch gesellschaftliche Sujets k\u00f6nnen hier auf packende Weise thematisiert werden. So nimmt sich etwa das Stuttgarter Kollektiv LOKSTOFF! seit 2003 die Freiheit, dort zu spielen, wo das Leben stattfindet &#8211; wie mit seiner neuesten Produktion: In Kooperation mit dem Hallenbad Heslach inszeniert die Gruppe um Kathrin Hildebrand, Wilhelm Schneck und Alexa Steinbrenner ein St\u00fcck, das ungew\u00f6hnlicher den Ort betreffend sowie gesellschaftskritischer kaum sein k\u00f6nnte: ,,Retrotopia \u2013 Deutschland im Reagenzbecken\u201c. Dabei verwandelt sich das allt\u00e4gliche Springerbecken des denkmalgesch\u00fctzten Bads in den Schauplatz einer kuriosen Geschichte. Es wird zum Reagenzglas umfunktioniert, in dem zwei Extreme unserer gesellschaftlichen Str\u00f6mungen im verdichteten Raum aufeinandertreffen. Das besondere dabei: Die Auff\u00fchrung findet w\u00e4hrend des laufenden Betriebs statt, sodass nicht nur den interessierten Zuschauern, sondern auch den Badeg\u00e4sten ein Spiegel vorgehalten wird. Eingepackt in Badem\u00e4ntel und ausgestattet mit Audioguides, nehmen erstere um das rund vier Meter tiefe Becken Platz. Im Vergleich zur Gr\u00f6\u00dfe der Halle wirkt dieses tats\u00e4chlich wie eine eigene kleine Welt \u2013 ideal f\u00fcr Experimente. In dem kr\u00e4ftigen Blau des bis zu 32 Grad warmen Wassers spiegeln sich die kalten Betonrundb\u00f6gen, denen sich die Akteure mit ihren strahlend roten Badesachen entgegenstellen. Alle Gegens\u00e4tze werden hervorgehoben und zugespitzt dargestellt, sodass auch die Besucher des Mehrzweckbeckens aufschrecken m\u00fcssen, wenn einer der Protagonisten w\u00fctend vom F\u00fcnfmeterturm springt. Es werden diejenigen gezeigt, die ihre Ruhe und das Heil der vermeintlich besseren Vergangenheit im sch\u00fctzenden Wasser finden, sowie jene Selbstausbeuter, die hier ihrem Fitnesswahn huldigen und alles was fr\u00fcher galt, fortsp\u00fclen wollen. So kommt es im Laufe der Handlung zum spannenden Kampf zwischen den beiden unterschiedlichen Gruppierungen: auf der einen Seite die Zukunftsverweigerer, auf der anderen die Vergangenheitsvergessenden. Doch ohne die Hilfe des Wassers w\u00fcrde diese nackte und ehrliche Konfrontation nicht stattfinden k\u00f6nnen. Nur durch die Grenzen des Spielraums sowie dank der aktiven Einbringung des Wassers wird den Besuchern mit jedem Sinneseindruck verdeutlicht, was die Gestalter des Schauspiels vermitteln m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Unter der Verwendung von \u201eWassererz\u00e4hlungen\u201c des Schriftstellers John von D\u00fcffel und weiteren Texten der Dramaturgen Werner Kolk und Dieter Nelle wird dementsprechend untersucht, welche chemischen Reaktionen sich beim Aufeinandertreffen der ungesch\u00fctzten Antagonisten ergeben und durch welche diese abgemildert werden k\u00f6nnen. Der Schauplatz selbst unterst\u00fctzt die Dramaturgie des St\u00fccks mit seiner rohen Ehrlichkeit des Betons, der glatten Spiegelung der wei\u00dfen Kacheln, die keinen Makel ungesehen lassen, und dem Wasser, das den Raum mit einer W\u00e4rme und Sehnsucht f\u00fcllt, die geradezu greifbar ist. Egal ob die Darbietung nun friedlich oder mit einem gro\u00dfen Knall zu Ende geht \u2013 es handelt sich auf jeden Fall um einen chlorreichen Auftritt!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Theaterinszenierungen im \u00f6ffentlichen Raum werden nicht nur soziale Strukturen und st\u00e4dtische (Un-)Orte experimentell erobert, auch gesellschaftliche Sujets k\u00f6nnen hier auf packende Weise thematisiert [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,8],"tags":[1870,38],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34663"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=34663"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34663\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34673,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34663\/revisions\/34673"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=34663"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=34663"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=34663"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}