{"id":33785,"date":"2018-01-15T09:31:34","date_gmt":"2018-01-15T09:31:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=28321"},"modified":"2019-03-13T10:30:06","modified_gmt":"2019-03-13T09:30:06","slug":"elementar-abtei-otterberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2018\/01\/elementar-abtei-otterberg\/","title":{"rendered":"Elementar_die inszenierte Abtei"},"content":{"rendered":"<p><strong>An sich bedarf der Vorplatz der Otterberger Abtei-Kirche keiner zus\u00e4tzlichen Inszenierung: Das 875 Jahre alte ehemalige Zisterzienserkloster spricht f\u00fcr sich. Die zweitgr\u00f6\u00dfte Kirche der Pfalz ist neben dem Pf\u00e4lzer Wald einer der gro\u00dfen touristischen Magnete der Region. In Kooperation mit KulturArt Otterberg e.V. und der Stadt Otterberg inszenierten Studierende der Hochschule Kaiserslautern im September 2017 dennoch eine visuelle Hommage an die reiche Geschichte des Klosters. PLOT war vor Ort und hat \u201eElementar_die inszenierte Abtei\u201c auf sich wirken lassen.<\/strong><\/p>\n<p><em><br \/>\nvon Lena Meyerhoff<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eFr\u00fcher wurde zum Filmabend eingeladen, heute zum Projection-Mapping\u201c, scherzt Werner Glas \u2013 und trifft damit den Nerv der Zeit. Der Hochschuldozent, F\u00f6rderer und Initiator des Projekts hatte das richtige Gesp\u00fcr als er entschied, in ein scheinbar verschlafenes Pf\u00e4lzer \u00d6rtchen wie Otterberg etwas k\u00fcnstlerisch-digitale Gegenwart zu tragen. Als \u201eein Wechselspiel zwischen realer und virtueller Architektur\u201c k\u00fcndigte er den Abend an. Und zu sehen bekamen die Besucher am 8. September 2017 eine interdisziplin\u00e4re Licht- und Klang-Inszenierung, mit der die wechselvolle Geschichte der Abtei-Kirche auf ihre historische Kirchenfassade \u00fcbersetzt wurde.<\/p>\n<p>Um Punkt 22 Uhr fahren Lichtpunkte und -linien nacheinander die Konturen der Fassade ab und erinnern dabei an das Aufbl\u00e4ttern des Disney-Logos aus dem Vorspann alter Trickfilm-Klassiker \u2013 eine Hinf\u00fchrung zu einer gro\u00dfen Geschichte. Begleitet von einer Rock-Version des bekannten Tetris-Themas fallen zun\u00e4chst grobe Sandsteine vom Kirchendach herab und bauen die Fassade St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck auf: schnell, punktuell und laut. Dramaturgisch folgen mit den einzelnen Sequenzen inhaltlich und formal regelm\u00e4\u00dfige Br\u00fcche. So startet der erste Abschnitt mit rhythmisch schwingenden Fassadenelementen, die an vibrierende B\u00e4sse erinnern, und m\u00fcndet als n\u00e4chstes in eine sakrale und ehrf\u00fcrchtige Stimmung mit aufleuchtenden Steinmetzzeichen und lateinischen M\u00f6nchsges\u00e4ngen. Es folgt ein langsam schwingendes Weihrauchpendel, das tief in die Fassade hinein und heraus \u00fcber die K\u00f6pfe der Besucher hinweg dichten Nebel verbreitet, der sich auf der Front entlanghangelt und schnell in psychedelischen, kaleidoskop\u00e4hnlichen Illustrationen verschwindet. Schlie\u00dflich l\u00f6sen entgegenfliegende Tauben den Spannungsbogen auf. Den Studierenden ist es hier gelungen, Tiefenwirkung mit Grafischem sowie Surreales mit naturgetreuen Abbildungen zu verbinden.<br \/>\nImmer wieder berufen sich die Gestalter in ihrer konzeptionellen Umsetzung auf die geschichtlichen Hintergr\u00fcnde der Abtei: Die Zisterzienser-M\u00f6nche waren unter anderem daf\u00fcr bekannt, eigenen Wein anzubauen. So kringeln sich in einem dem Element Erde gewidmeten Akt Weinranken entlang der Fassade, dazu spielt leise Klaviermusik von der Live-B\u00fchne. Diese begleitet die Besucher weiter in den virtuellen Regen, der jetzt die Fassade verh\u00fcllt, den Wasser-Akt ank\u00fcndigt und nur gelegentlich balletttanzende Silhouetten freigibt. Dabei bespielen die Projektionen stets das Zentrum der beleuchteten Geb\u00e4udefl\u00e4che: ein Rundfenster mit circa vier Metern Durchmesser, dessen organische Ornamente im Kontrast zu den oft abstrakten, grafischen Lichtelementen stehen. Und da Wasser gleicherma\u00dfen Zartheit und Kraft verk\u00f6rpert, folgt auf den anf\u00e4nglich z\u00f6gerlichen Regenguss eine gro\u00dfe Flut, wie sie sich in der Kirchengeschichte ereignete. Begleitet von aggressiven Wellengesten und E-Gitarrenkl\u00e4ngen erinnert die Szene an eine Rock-Version des Zauberlehrlings und erreicht in ihrer Dramaturgie einen ersten H\u00f6hepunkt. Abrupt endet sie in einem St\u00f6rbild.<\/p>\n<p>Das letzte Viertel der Inszenierung wird eingel\u00e4utet durch ein virtuelles Gewitter: Ein Blitz scheint in den Bau einzuschlagen und leises Knistern sowie Flammen sind durch das Rundfenster zu sehen \u2013 das letzte Element ist an der Reihe. Langsam baut sich ein Feuer aus dem Innenraum der Kirche auf, kriecht aus dem Rundfenster an die Au\u00dfenfassade bis die Kirche unter Rauch und Glutfunken entlang ihrer Konturen komplett in Flammen steht \u2013 so wie 1670, als sie nach einem Blitzeinschlag tats\u00e4chlich teilweise abbrannte. Unter Xylophonkl\u00e4ngen \u00f6ffnen sich schlie\u00dflich die Frontt\u00fcren des Baus: Mit einer Choreografie aus tanzenden Leuchtkugeln m\u00fcndet die Inszenierung in ein analoges Finale, bei dem auch die Studierenden selbst noch einmal Teil des Ganzen werden.<\/p>\n<p>Das Event wurde von 16 Studierenden der F\u00e4cher Innenarchitektur und Virtual Design der Hochschule Kaiserslautern konzipiert und dann mittels Photogrammetrie \u2013 eine Form der Bildvermessung \u2013 umgesetzt. Dazu musste die gesamte Fassade zentimetergenau digital erfasst werden, um die Installationen dann auf die Architektur abstimmen zu k\u00f6nnen. Eine Art Filmbearbeitungssoftware rechnete die 2D-Aufnahmen aus verschiedenen Perspektiven dann zu einem ganzheitlichen 3D-Modell zusammen, welches im n\u00e4chsten Schritt als White Cube f\u00fcr den Entwurf diente. Auf einer Fl\u00e4che von 14 auf 27 Metern wurde die Inszenierung schlie\u00dflich von zwei Hochleistungsbeamern auf die abgedunkelte Fassade projiziert.<\/p>\n<p>Jene ist \u201eeine F\u00fchrung durch die Geschichte des Zisterzienserklosters, die wir auf moderne Weise szenisch \u00fcbersetzen und den Besuchern n\u00e4her bringen wollten\u201c, so Tirsa Reeh, Virtual-Design-Studentin und Teilnehmerin des Projekts. In wochenlanger Kleinstarbeit arbeiteten sie und ihre Kommilitonen an Konzept, Storyboard und technischer Umsetzung. Vier Elemente, drei Arbeitsgruppen: Als das Konzept stand, folgte der assoziative Part der Musiker der Emerich-Smola-Musikschule Kaiserslautern, die eigens f\u00fcr diesen Abend in st\u00e4ndigem Austausch mit den Konzeptionern die passende Musik komponierten. Patrick M\u00fcller, David und Max Punstein sowie Benedikt Rauch schrieben das akustische St\u00fcck auf Schlagw\u00f6rter, Stimmungen und grobe Vorgaben der Richtung und Geschwindigkeiten. Eine andere Herausforderung f\u00fcr die Musiker war die Live-Inszenierung vor Publikum: \u201eEs war eine ungewohnte Situation, da wir beim Spielen weder Bildschirm, noch Sicht auf die Fassade hatten. Das Metronom im Ohr gab uns Hinweise zum Szenenwechsel, ansonsten haben wir blind gespielt\u201c, so Patrick M\u00fcller.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Professor Christian Schmachtenberg f\u00fcr die Konzeption der Inszenierung verantwortlich zeichnete, leitete Professor Matthias Pfaff die technische Umsetzung. Dabei hielt er die Studierenden an, alles bis ins Detail durchzuplanen \u2013 etwa wenn es um die perspektivische Anpassung der Projektion auf die Durchschnittsaugenh\u00f6he der Zuschauer ging. Voraussetzung f\u00fcr einwandfrei inszeniertes Project-Mapping ist jedoch vor allem die \u201eKommunikation\u201c zwischen Beamer und Programm. So wurde die Hardware vor Ort installiert und in steter Korrektur der Mapping-Software w\u00e4hrend der Show immer wieder neu positioniert. Kommunikation war auch f\u00fcr die Studierenden der Schl\u00fcssel einer gelungenen Zusammenarbeit: In Wechselwirkung mit den f\u00fcr die Dramaturgie verantwortlichen Innenarchitektur-Studentinnen arbeiteten die Virtual Designer so ein ganzes Semester lang an dem Projekt \u2013 bis hin zum letzten Endspurt der Generalprobe bis vier Uhr in die Nacht hinein. So konnten die Zuschauer an diesem Abend eine Gesamtinszenierung bestehend aus 30 Sequenzen \u00e0 120 Stunden Rechenleistung erleben, mit welcher die Fassade f\u00fcr 30 Minuten bespielt wurde.<\/p>\n<p>Akteure des Anfang des Jahres gegr\u00fcndeten Vereins KulturArt Otterberg e. V. setzten sich mit diesem Abend zum Ziel, Kunst und Kultur in der Region zu f\u00f6rdern und Menschen mit Interesse an kulturellen Veranstaltungen nach Otterberg holen \u2013 Einzelhandel und lokale Gastronomie sollten so gest\u00e4rkt werden. Mit Erfolg, denn so konnte die \u00fcber die Jahrhunderte wechselvolle Geschichte der Abtei in der Darstellung der vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft an diesem Abend k\u00fcnstlerisch \u00fcbersetzt und Otterberg mit seiner reichen Historie in neues Licht ger\u00fcckt werden.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/SlLKMogevzs?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An sich bedarf der Vorplatz der Otterberger Abtei-Kirche keiner zus\u00e4tzlichen Inszenierung: Das 875 Jahre alte ehemalige Zisterzienserkloster spricht f\u00fcr sich. 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