{"id":33387,"date":"2017-11-16T12:37:56","date_gmt":"2017-11-16T12:37:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=19485"},"modified":"2018-10-24T07:27:07","modified_gmt":"2018-10-24T05:27:07","slug":"serebrennikov-haensel-gretel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2017\/11\/serebrennikov-haensel-gretel\/","title":{"rendered":"Engelbert Humperdincks \u201eH\u00e4nsel und Gretel\u201c | Stuttgart"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie wird eine Geschichte in der Geschichte \u00fcbersetzt? Wie wird der doppelte Boden auf die B\u00fchne gebracht und wie sieht ein B\u00fchnenbild aus, das nicht f\u00fcr sich selbst steht, sondern durch sein Fehlen die politischen Hintergr\u00fcnde in den Raum \u00fcbersetzt? Die Oper Stuttgart hat sich diesen Fragen sowie dem Experiment einer Inszenierung ohne B\u00fchnenbild, ohne Kost\u00fcme und ohne Regisseur angenommen und eine L\u00fccke visuell \u00fcbersetzt. PLOT war bei der Musiktheater-Premiere von \u201eH\u00e4nsel und Gretel\u201c an der Stuttgarter Staatsoper anwesend und hat sich von der \u201eNicht-Inszenierung\u201c ein Bild gemacht.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>von Lena Meyerhoff<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"CENTER\"><em>\u201eJeder Mensch sollte seinen Weg durch den Wald finden. Es geht in der Geschichte nicht nur um Kinder.\u201c (Kirill Serebrennikov)<\/em><\/p>\n<p>Der Protest \u201eFree Kirill\u201c zieht weite Kreise \u2013 zuletzt mit dem Staatsbesuch von Frank Walter Steinmeier im Oktober 2017 in Russland. Sowohl \u00f6ffentlich als auch unter vier Augen mit Wladimir Putin sprach sich der Bundespr\u00e4sident f\u00fcr die Freilassung des Film-, Theater- und Opern-Regisseurs Kirill Serebrennikov aus. Dieser sollte an der Stuttgarter Staatsoper Humperdincks \u201eH\u00e4nsel und Gretel\u201c inszenieren, bis die Beh\u00f6rden vor seiner Moskauer Wohnung standen und ihn wegen Verdachts auf Steuerhinterziehung mitnahmen. Am Tag der Verhandlung protestierten schlie\u00dflich hunderte Demonstranten vorm Gericht im Zentrum Moskaus gegen die Festnahme Serebrennikovs, der nun seit August 2017 unter Hausarrest steht.<\/p>\n<p>Als \u201eInstrument des Machterhalts\u201c benennt Chefdramaturg Sergio Morabito die russische Justiz \u2013 und verurteilt das Vorgehen scharf. Tats\u00e4chlich ist \u00fcber Serebrennikovs Schuld noch nicht befunden und es deutet einiges darauf hin, dass es sich bei der Inhaftierung um eine unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Vorverurteilung handelt \u2013 ein Zustand, der die internationale Kulturlandschaft seit Wochen besch\u00e4ftigt. Nach dreimonatigem Hausarrest in seiner Moskauer Privatwohnung wurde zuletzt nach sechsst\u00fcndigen Verhandlungen eine Verl\u00e4ngerung der Strafe um weitere drei Monate durchgesetzt \u2013 bis zum 19. Januar 2018.<\/p>\n<p>Dementsprechend m\u00f6chte jetzt auch das Stuttgarter Haus Haltung zeigen \u2013 im Sinne des K\u00fcnstlers und der freien Gesellschaft. Denn Kirill Serebrennikov ist in seinen Inszenierungen stets bestrebt, freien Impulsen zu folgen und sich nicht einschr\u00e4nken zu lassen. Also pr\u00e4sentiert die Stuttgarter Oper \u00fcber ihre derzeitige \u201eErsatz-Inszenierung\u201c von Humperdincks \u201eH\u00e4nsel und Gretel\u201c hinaus eine breite Retrospektive: vergangene Werke Serebrennikovs, Fotodokumentationen, Podiumsdiskussionen zu aktuellen politischen Entwicklungen oder eine Ausstellung mit Bezug zu politischen Hintergr\u00fcnden. Fragmentarisch und doch ganzheitlich inszeniert, sind die Akteure hier bem\u00fcht, eine m\u00f6glichst umfassende \u00dcbersicht der Geschehnisse zu liefern.<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt der B\u00fchnenproduktion steht ein abendf\u00fcllender Spielfilm des russischen Regisseurs. Er erz\u00e4hlt das M\u00e4rchen von H\u00e4nsel und Gretel im Kontext der Globalisierung \u2013 am Schicksal von zwei afrikanischen Kindern aus Ruanda, die auf der Suche nach dem Gl\u00fcck in die Welt des Konsums nach Stuttgart gelangen. Es ist eine globalisierte und zeitgen\u00f6ssische Interpretation der Humperdink`schen Oper \u201eH\u00e4nsel und Gretel\u201c, die neben dem Thema Suche auch Angst und \u00dcberwachung zum Leitmotiv der Geschichte erhebt.<\/p>\n<p>Dabei wollte Serebrennikov Afrika-Klischees um jeden Preis vermeiden und suchte am Drehort bewusst den ruandischen Alltag. So l\u00e4sst es der Dokumentarfilm von Hannah Fischer, welche die Dreharbeiten des internationalen Teams in Afrika ebenfalls filmisch begleitete, jedenfalls erahnen. Was beispielsweise die Kleidung der Protagonisten angeht, hatte sich der Regisseur etwas Traditionelleres vorgestellt: \u201eDie Kleidung der Kinder sieht aus wie eine billige Europa-Kopie.\u201c Sie tragen keine ethno-gemusterten Klischees \u2013 die Realit\u00e4t in Ruanda sieht anders aus. Und so bildete das Team sie dann auch ab.<\/p>\n<p>Der Film, der zu Beginn der Inszenierung an die von der Decke abgeh\u00e4ngte Leinwand geworfen wird, spielt in Kigali, Hauptstadt des ostafrikanischen Staats. Dynamisch l\u00e4uft die Steady-Kamera die h\u00fcgelige Szenerie ab, folgt einem Fischer von seinem Boot \u00fcber den Steg in Richtung Dorf. Nachdem er ein paar Waldpfade durchquert hat, gelangt er in eine Lehmh\u00fcttensiedlung neben Feldern und einem St\u00fcck Wald \u2013 hier wohnen H\u00e4nsel und Gretel zusammen mit ihren Eltern in einem bescheidenen Haus. Anstatt sich um die anstehende Arbeit zu k\u00fcmmern, spielen die Kinder in Abwesenheit der Erwachsenen auf dem Hof \u2013 vor allem auch, um sich vom Hunger abzulenken. Es folgt eine wunderbar szenische Aufnahme: Mit Reisigbesen fegen die 14-j\u00e4hrige Ariane als Gretel und der 13-j\u00e4hrige David als H\u00e4nsel den Staub an den W\u00e4nden auf und jagen Lichtpunkte w\u00e4hrend die Kamera Gegenlicht und Unsch\u00e4rfe zelebriert.<br \/>\nAls die Mutter sie beim Herumalbern erwischt, jagt sie ihre Kinder die Stra\u00dfe hinab und schickt sie auf Nahrungssuche. Nicht im Wald, wohl aber im Dickicht der Stadt gehen H\u00e4nsel und Gretel verloren. Von ihrem Hungerwahnsinn getrieben, treffen die Kinder in einer Nebengasse auf den Sandmann \u2013 eine zwielichtige Figur, die ihnen hellen Staub auf die Gesichter reibt. Langsam in den Traum entschwindend, begegnen sie noch den 14 Englein, die bei Humperdinck den Abendsegen einl\u00e4uten. Die filmischen Engel mit ihren traditionellen Holzmasken erl\u00f6sen H\u00e4nsel und Gretel von ihrer Suche, dem Hunger sowie der Verunsicherung und begleiten sie in den Schlaf.<\/p>\n<p>Eines der \u00e4ltesten und bekanntesten europ\u00e4ischen M\u00e4rchen \u00fcber Armut und Suche in die Gegenwart zu \u00fcbersetzen bedeutet im Falle dieser Inszenierung, zwei aus Ruanda stammende Kinder in Stuttgart auf der K\u00f6nigstra\u00dfe Fahrrad fahren und Sahnetorte essen zu lassen. Und die b\u00f6se Hexe? In der Grimm`schen Erz\u00e4hlung ist sie erbarmungslos gezeichnet: Suchende, arme Kinder werden gem\u00e4stet und gegessen. Der Zaun, der ihr H\u00e4uschen umgibt, besteht aus Kinderk\u00f6pfen \u2013 eine Existenz auf Raubbau. Die Rolle der Hexe, die Verk\u00f6rperlichung alles Fremden und B\u00f6sen, kann nach Serebrennikovs Ursprungsidee nur ein \u00fcbergeordnetes System einnehmen \u2013 in unserer Welt ist das der Kapitalismus. Und wo st\u00fcnde ein Hexenhaus dessen besser, als auf der Stuttgarter Einkaufsmeile direkt im Konsum-Schlaraffenland? Somit lockt es H\u00e4nsel und Gretel im Film in eine \u00fcppig gef\u00fcllte Konditorei, in deren Fenster Sahnetorten gl\u00e4nzen, die gr\u00f6\u00dfer sind als ihre K\u00f6pfe.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Der Regisseur und sein Team setzten die Kinderschauspieler Ariane und David echten Situationen aus und filmten sie dabei aus der Distanz. F\u00fcr die beiden, die am Abend der Premiere in Stuttgart ebenfalls zu Gast waren, sei es ein \u201ekontrollierter Kulturschock\u201c gewesen, so Ann-Christine Mecke, Dramaturgin von \u201eH\u00e4nsel und Gretel\u201c.<\/p>\n<p>Ein Gro\u00dfteil des Filmrohschnitts ist schon im Juli 2017 fertiggestellt worden. Jedoch folgte keine gro\u00dfe Weiterbearbeitung: Das Material wie Serebrennikov es zur\u00fcckgelassen hat, blieb unver\u00e4ndert und ist nun Kern des Stuttgarter St\u00fccks \u2013 eine Inszenierung, die nicht aus der Feder des Regisseurs stammt und auch nicht behauptet, dies zu sein. \u201eDie Art und Weise, wie einem K\u00fcnstler verboten wird zu arbeiten, ist ersch\u00fctternd\u201c, sagt Opernintendant Jossi Wieler \u00fcber die Absage der russsischen Staatsanwaltschaft gegen\u00fcber der Weiterarbeit an Serebrennikovs Filmarbeiten in Haft. Der Bitte, den Film parallel w\u00e4hrend der Haft fertigstellen zu k\u00f6nnen, wurde nicht nachgekommen. Die gesamte Arbeit an der Inszenierung wurde deshalb von Serebrennikov autorisiert: \u00dcber einen Anwalt konnte das Haus mit ihm Kontakt halten und gemeinsam beschlie\u00dfen, die Ursprungsideen unber\u00fchrt zu lassen. Auch B\u00fchnen- und Kost\u00fcmbild, die bereits fertiggestellt waren, werden bis zur R\u00fcckkehr des Regisseurs aufbewahrt.<\/p>\n<p>Auf der B\u00fchne findet der vorproduzierte Stummfilm am Abend der Premiere Begleitung durch ein Live-Orchester, das Humperdincks Oper nach dessen Sinne inszeniert. Generell gelingt den Akteuren mit ihrer Inszenierung eine Befreiung von fast jeglicher Gegenst\u00e4ndlichkeit: kein Wald, kein Baum, kein wortw\u00f6rtliches Hexenhaus. Nur f\u00fcr die B\u00fchne entschied die Dramaturgie \u2013 alternativ zu Serebrennikovs Gedanken \u2013 die Hexe doch zu verk\u00f6rpern: m\u00e4nnlich, als Tenor und in ungew\u00f6hnlicher Interpretation \u2026<\/p>\n<p>Das St\u00fcck ist haupts\u00e4chlich Medium f\u00fcr die Geschichte in der Geschichte in der Geschichte. Einen Schutzraum f\u00fcr die Kunst schaffen \u2013 das k\u00fcndigte die k\u00fcnstlerische Leitung des Opernhauses schon Wochen vor der Premiere als Ziel an. \u201eWir inszenieren kein Requiem und auch kein Trauerereignis. Wir wollen Kirill und seine Arbeit feiern\u201c, betont Ann-Christine Mecke.<\/p>\n<p>Was auf die B\u00fchne gebracht wurde, ist demnach eine neue Form von Musiktheater, in diesem Fall \u00fcber das Grimm`sche M\u00e4rchen hinaus mit doppelter Handlung. Es ist \u201eeine Erz\u00e4hlung \u00fcber unseren Erz\u00e4hler, der beim Erz\u00e4hlen unterbrochen wurde\u201c, so Jossi Wieler \u2013 ein experimentelles Ablaufen von Grenzen, Interdisziplinarit\u00e4t sowie k\u00fcnstlerischem und politischem Gewissen. So zieht sich die Allegorie der Suche tats\u00e4chlich aus der Erz\u00e4hlung heraus und windet sich in die Umsetzung, denn niemand im Ensemble wusste so recht, wo die Reise hingehen w\u00fcrde. \u201eZu sehen sein wird eine \u201aNicht-Inszenierung\u2018 . Es kann auch sein, dass wir grandios scheitern. Wir trauen uns aber f\u00fcr die Kunst der Oper\u201c, so Wieler kurz vor der Premiere.<\/p>\n<p>Ein Scheitern dieser Art war nie m\u00f6glich \u2013 das Handeln des Hauses ist aus inszenatorischer Sicht und im philosophischen Sinne Philipp Ruchs vom Zentrum f\u00fcr politische Sch\u00f6nheit (ZPS) im Wortsinn als \u201eAkt der politischen Sch\u00f6nheit\u201c einzuordnen. Eine \u201eNicht-Inszenierung\u201c macht daher auch eine Rezension nicht m\u00f6glich. Die Arbeit entzieht sich jeder Bewertung. Sie ist eine Geste, welche die Qualit\u00e4t Serebrennikovs Inszenierung anteasert und eine teilszenische Neuform hervorbringt. Aus den politisch ges\u00e4ten Repressionen lie\u00df das Ensemble eine bewusst improvisierte Collage wachsen, die am Premierenabend zurecht mit stehenden Ovationen entlohnt wurde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie wird eine Geschichte in der Geschichte \u00fcbersetzt? Wie wird der doppelte Boden auf die B\u00fchne gebracht und wie sieht ein B\u00fchnenbild aus, das [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5],"tags":[1798,38],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33387"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33387"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33387\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33979,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33387\/revisions\/33979"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33387"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33387"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33387"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}