{"id":32872,"date":"2017-09-14T15:13:34","date_gmt":"2017-09-14T13:13:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=28321"},"modified":"2018-04-20T10:10:38","modified_gmt":"2018-04-20T08:10:38","slug":"costruzioni-del-corpo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2017\/09\/costruzioni-del-corpo\/","title":{"rendered":"Costruzioni del Corpo"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eWir versuchen das Altern und die nat\u00fcrlichen k\u00f6rperlichen Ver\u00e4nderungen zu \u00fcberwinden. Wir m\u00f6chten nicht altern, nicht krank werden und wir wollen nicht sterben. Um den gesellschaftlichen Normen zu entsprechen, ver\u00e4ndern wir dann unsere \u00e4u\u00dfere H\u00fclle.\u201c Mit ihrer transhumanistischen Rauminstallation \u201eCostruzioni del corpo\u201c (in etwa \u201eK\u00f6rper-Baukasten\u201c) besch\u00e4ftigt sich die K\u00fcnstlerin Valeria Abendroth im Rahmen der documenta14 mit der Frage nach der Entwicklung des menschlichen K\u00f6rpers: Welche Materialien werden den biologischen K\u00f6rper ersetzen? Wie werden wir sp\u00e4ter einmal aussehen? Und: Werden wir die traditionelle Konzeption des Menschen neu \u00fcberdenken m\u00fcssen? Dabei gibt sie keine konkreten Antworten, sondern gestaltet vielmehr eine Wunderkammer, die Mensch und Maschine in einem surrealen Rollentausch inszeniert.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>von Lena Meyerhoff<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist Samstagnachmittag, Passanten laufen die Kassler K\u00f6nigsstra\u00dfe entlang, viele von ihnen vertieft in die gro\u00dfen \u00dcbersichtskarten. F\u00fcr die documenta14 verzeichneten die Organisatoren der Veranstaltung schon zur Halbzeit Besucherrekorde, welche die 200.000-Einwohner-Stadt kaum verstecken kann: Lange Schlangen bilden sich vor den Museen, und rund um die Freilichtinstallationen scharen sich Kunsttouristen und machen Fotos. Auf H\u00f6he des Friedrichsplatzes auf der oberen K\u00f6nigsstra\u00dfe vermischen sich Interessierte mit Wochenendeink\u00e4ufern \u2013 es ist voll. Vor einem Schaufenster des Kaufhauses Galeria Kaufhof bleiben Passanten h\u00e4ngen: Eink\u00e4ufer wie Kunstsuchende schauen durch das Glas. Eine Art Zuckerwatte-Manufaktur ist dort drapiert \u2013 ein rosarotes Suchbild. Lieblich ist der erste Eindruck: Die pastelligen T\u00f6ne von Unterw\u00e4sche und Kosmetikartikeln erf\u00fcllen die Erwartungen beim ersten Blick in ein Kaufhaus-Schaufenster. Auf den zweiten Blick entsteht allerdings ein unbehagliches Gef\u00fchl, denn die k\u00fcnstliche Stimmung scheint in diesem Rahmen widerspr\u00fcchlich: Eigenartige Materialien, Formen und schwer definierbare Objekte, hautfarbene Lackfolie, ein Roboterarm, klinisch-k\u00fchle Stahlrohr-M\u00f6bel, Gl\u00e4ser, Halterungen und Schl\u00e4uche \u2013 Laborinventar bestimmt den kleinen Raum. Beim noch n\u00e4heren Hinsehen kommen Assoziationen hoch: eine Szenerie aus \u201eDas Schweigen der L\u00e4mmer\u201c, ein Hinterzimmer von \u201eBuffalo Bill\u201c vielleicht?<\/p>\n<p>Mitten in dieser Kulisse sind zwei Roboter integriert, sogenannte Animatronics. Einer h\u00e4ngt von der Decke \u2013 eine schwer definierbare Konstruktion, die einem Tentakel, Schwanz oder einer Wirbels\u00e4ule, vielleicht aber auch einer Sonde \u00e4hnelt. Zitternd kr\u00e4uselt sich das Getier in alle Richtungen wie ein Wurm aus Messingscheiben am Haken. Eine Art Roboterarm ist zudem auf einem Edelstahl-Rollwagen platziert. Seine Bewegungen \u00e4hneln einer perfekt und pr\u00e4zise durchgef\u00fchrten chirurgischen Operation. Mit langen Fingern greift der sogenannte Movemaster den Gips-Abguss einer menschlichen Zunge, taucht ihn in einen Beh\u00e4lter mit hei\u00dfem, rosafarbenem Wachs und setzt die fertige Groteske anschlie\u00dfend wieder in ihre Halterung. Es scheint als empf\u00e4nde er selbst Ekel dabei, dennoch wiederholt der Animatronic die Bewegung mit jeder Zunge behutsam, und es entstehen zarte Hautschichten, die sich von Mal zu Mal um die wei\u00dfen Formen legen und jedem vormals toten K\u00f6rperteil die Abstraktion nehmen.<\/p>\n<p>In der Zwischenzeit sch\u00e4lt sich der Maschinenbau-Student Kyle Kenney zwischen Instrumentenwagen und einem zentral inszenierten St\u00fcck Wirbels\u00e4ule aus dem 3D-Drucker vom Hinterraum in das Fenster und werkelt an dem Roboterarm. \u201eF\u00fcr mich ist immer noch unfassbar, welche Kreativit\u00e4t bei der L\u00f6sung von konstruktiven Problemen gefordert ist. Erworbenes Wissen immer wieder situativ anwenden \u2013 das ist eine Form von Kreativit\u00e4t und f\u00fcr mich das Wichtigste an meiner Arbeit.\u201c Neben seinem Studium arbeitete der geb\u00fcrtige Kanadier mit verschiedenen K\u00fcnstlern zusammen. Seine kreative Leistung als angehender Ingenieur und Programmierer fokussiert er dabei auf seine Animatronics \u2013 Roboter, die in einem bestimmten Kontext der Unterhaltung dienen sollen und zuweilen auch von ihren Gestaltern vermenschlicht werden.<\/p>\n<p>Der Unterhaltung dienlich waren auch die geschichtstr\u00e4chtigen Boudoirs aus der Renaissance, die laut Valeria Abendroth die Grundidee f\u00fcr die Gestaltung ihrer Arbeit lieferten: Es waren solche kleinen R\u00e4ume, in die sich die Damen des Hauses zur\u00fcckzogen, um sich mit sich selbst und vor allem ihrem \u00c4u\u00dferen zu besch\u00e4ftigen. Interessiert an der Einwirkung des Lebensumfelds auf die Psyche und Physis, besch\u00e4ftigt sich die K\u00fcnstlerin mit der Bedeutung des Frauenbilds, Herkunft, Identit\u00e4t, K\u00f6rperlichkeit und Tradition in einem gesellschaftlich-sozialen Kontext. In diesem Zusammenhang entstand auch ihre Zusammenarbeit mit Kyle Kenney auf der documenta14, der das Thema zwar aus einer v\u00f6llig anderen Richtung, aber mit \u00e4hnlicher Intention anging: Die \u00c4ngste der eigenen Unzul\u00e4nglichkeit, die Industrialisierung und Digitalisierung seit \u00fcber eineinhalb Jahrhunderten in den Menschen zu wecken scheinen, sieht Kenney in der gemeinsamen Arbeit durch seine Roboter dargestellt: \u201eDer Animatronic macht sehr viel in dieser Installation. Die Maschine kann unendlich lange arbeiten, ohne m\u00fcde zu werden, ist pr\u00e4zise, schnell und muss nicht bezahlt werden. Und so, inszeniert hinter Glas, zeigt er vielleicht einmal mehr die Gefahr der Ersetzbarkeit, die viele Leute auch erlebt haben. Roboter empfinden viele \u2013 verst\u00e4ndlicher Weise \u2013 als Gefahr: Sie k\u00f6nnen Menschen ersetzen, und teilweise tun sie das nat\u00fcrlich auch schon. Das Sch\u00f6ne daran? Sie sind nicht kreativ! Das ist das, was die Menschen von ihnen unterscheidet.\u201c Kenney selbst sieht allerdings keine von Robotern ausgehende Gefahr, sondern vielmehr eine Zusammenarbeit: \u201eMit der Arbeit wollte ich zeigen, dass meine Maschinen Teil eines kreativen Prozesses sein k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Mit ihrer Installation \u201eCostruzioni del Corpo\u201c balanciert Valeria Abendroth die Fragen nach der Menschlichkeit der Maschine sowie der Optimierung und Technologisierung des menschlichen K\u00f6rpers aus. Zu sehen bekommen die Passanten ein rosafarbenes Gruselkabinett aus Werkstoffen, die dem menschlichen K\u00f6rper nachzueifern scheinen. \u201eEs sind k\u00fcnstliche, aber biokompatible Materialien, die Anspruch auf Lebendigkeit erheben und unseren K\u00f6rper vielleicht irgendwann ersetzen\u201c, so die russischst\u00e4mmige Gestalterin. Des Weiteren inszenierte sie Equipment aus einem Dentallabor, mit dem Zahnprothesen hergestellt werden. Vor ihrem Studium der Bildenden Kunst war Valeria Abendroth mehrere Jahre als Zahntechnikerin besch\u00e4ftigt, was die Laboraffinit\u00e4t in ihrer k\u00fcnstlerischen Entwicklung erkl\u00e4rt: Sie sammelte ausgesonderte Materialien und Werkstoffe wie Prothesenkunststoff, Zirkoniumoxid-Rohlinge, Kunststoffz\u00e4hne, Silikon und Wachs. Und so entstehen die an K\u00f6rper und Innereien erinnernden Skulpturen, die biomorph zu wachsen oder gar lebendig zu sein scheinen.<\/p>\n<p>So geht der Mensch \u2013 mit technischen, pharmazeutischen und kosmetischen Mitteln \u2013 von der Pr\u00e4senz in die Ersetzbarkeit und von der Natur in die K\u00fcnstlichkeit \u00fcber, um das Vollkommenheitsideal zu erreichen. Was die Arbeit \u201eCostruzioni del Corpo\u201c auch zeigt: Letzten Endes ist menschliche Identit\u00e4t auch abh\u00e4ngig von der Eigenwahrnehmung des K\u00f6rpers, denn unser K\u00f6rperbild wird auch dadurch bestimmt, was wir durch ihn erleben und empfinden. Auch deswegen kam Valeria Abendroth nicht umhin, ein weiteres besonderes Element in ihr Kunstprojekt zu integrieren: In einem Plastikbecher mit einem orangefarbenen Deckel befindet sich ein St\u00fcckchen abgetrennte Bandscheibe der K\u00fcnstlerin, das ihr vor der Ausstellung entfernt wurde, da es auf einen Nerv dr\u00fcckte. Der jungen Frau war es wichtig, einen Entwicklungsprozess sowie ein bewegtes, lebendiges Bild darzustellen. Durch die Zusammenarbeit mit Kyle Kenney ist eine Art Visualisierung der k\u00fcnstlichen Lebendigkeit gelungen: Entstanden ist ein Raum des inszenierten Kreationsvorgangs, eine Pastell-Version von Frankensteins Labor, in dem rosafarbene Zungen, Lippen und andere K\u00f6rperteile zwischen Stangenware vom Band gehen. Die beiden Gestalter haben den Akt der Ver\u00e4nderung und Entwicklung auf symbolische Weise zu visualisieren gewusst, ohne dabei in Kitsch oder Pathetik abzurutschen. Was den Menschen ausmacht, machen sie mit ihrer Arbeit gerade durch das Fehlen dessen deutlich: Nur Haut, H\u00fclle und eine dienende Maschine nehmen seinen Platz ein und erz\u00e4hlen stellvertretend im Rahmen dieses Kammerspiels eine Geschichte \u00fcber Identit\u00e4t, Ideal und Endlichkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWir versuchen das Altern und die nat\u00fcrlichen k\u00f6rperlichen Ver\u00e4nderungen zu \u00fcberwinden. Wir m\u00f6chten nicht altern, nicht krank werden und wir wollen nicht sterben. Um [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[8,7],"tags":[1350,1777],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32872"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=32872"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32872\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32976,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32872\/revisions\/32976"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=32872"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=32872"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=32872"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}