{"id":28416,"date":"2016-09-26T13:55:32","date_gmt":"2016-09-26T13:55:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=19896"},"modified":"2019-11-08T12:17:33","modified_gmt":"2019-11-08T11:17:33","slug":"invisible_cities","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2016\/09\/invisible_cities\/","title":{"rendered":"Invisible Cities | Los Angeles"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dass es kein gro\u00dfes Opernhaus braucht, um eine gro\u00dfartige Oper aufzuf\u00fchren, zeigen der amerikanische Komponist Christopher Cerrone und der Regisseur Yuval Sharon mit der Inszenierung \u201eInvisible Cities\u201c: Manchmal gen\u00fcgt auch ein gro\u00dfer Bahnhof \u2013 und eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Idee &#8230;<\/strong><\/p>\n<p><em>von Myriam Guedey<br \/>\n<\/em><br \/>\nDie Union Station in Los Angeles ist einer der gro\u00dfen alten Bahnh\u00f6fe der Vereinigten Staaten \u2013 mit einem riesigen Wartesaal und einer get\u00e4felten Holzdecke, von der opulente Leuchter h\u00e4ngen. Hier herrscht gesch\u00e4ftiges Treiben, eine Durchsage nach der anderen schallt durch den Raum, unz\u00e4hlige Reisende mit Rollkoffern eilen umher, w\u00e4hrend andere wartend in den \u00fcberdimensionalen Sesseln versinken. Es ist eigentlich wie immer \u2013 bis einer der Wartenden seine Zeitung weglegt und beginnt, aus voller Brust zu singen. Jetzt fallen auch ein paar Passanten auf, die sich seltsam bewegen und \u00fcber den Boden w\u00e4lzen, zudem erscheinen immer mehr Menschen mit Kopfh\u00f6rern.<br \/>\nEin Flashmob? Nicht wirklich: Es ist die Oper \u201eInvisible Cities\u201c \u2013 die unsichtbaren St\u00e4dte \u2013, die hier uraufgef\u00fchrt wird. Das St\u00fcck basiert dabei auf Italo Calvinos gleichnamiger Erz\u00e4hlung aus dem Jahr 1972. Darin berichtet der Entdecker Marco Polo dem alternden Mongolenherrscher Kublai Khan von den St\u00e4dten, die er auf seinen Reisen durch das chinesische Reich besuchte. Es sind allesamt fiktive Orte, die vom schleichenden Verfall des Kaiserreichs k\u00fcnden.<\/p>\n<p>Wie passend erscheint da \u2013 zumal in der Autostadt L.A. \u2013 ein historischer Bahnhof als B\u00fchne f\u00fcr die philosophischen Kurztexte, die der Komponist Christopher Cerrone adaptiert und in eine Oper \u00fcberf\u00fchrt hat. \u201eUngew\u00f6hnlich leise und eindringlich ist sie, genau richtig\u201c, befand der Regisseur Yuval Sharon, um eine lang gehegte Idee zum Leben zu erwecken: eine Oper f\u00fcr Kopfh\u00f6rer. Und jene stellen das \u201ePrinzip Oper\u201c im wahrsten Sinne auf den Kopf: Ist es sonst die B\u00fchne, das Bild, das quasi vollst\u00e4ndiger Kontrolle unterliegt, w\u00e4hrend Ton und Musik je nach Umgebung an jedem Platz im Raum anders klingen, so ist es bei \u201eInvisible Cities\u201c gerade umgekehrt. T\u00e4nzer und S\u00e4nger bewegen sich v\u00f6llig frei durch die riesige Halle, die benachbarten R\u00e4ume und die begr\u00fcnten Innenh\u00f6fe. Die Zuschauer folgen ihnen, ebenso frei in der Wahl ihrer Perspektive, denn der Gesang und das Orchester, das in einem Nebenraum spielt, werden \u00fcber Mikrofone aufgenommen und drahtlos an die Kopfh\u00f6rer \u00fcbertragen. Jeder h\u00f6rt exakt dasselbe, sieht aber etwas anderes.<\/p>\n<p>\u201eDie Inszenierung liegt beim Betrachter\u201c, sagt Yuval Sharon in Anlehnung an Marcel Duchamp. Daher \u201egibt es auch keine richtige oder falsche Position, keine festgelegten Wege, keinen zentralen Fluchtpunkt\u201c. Inmitten von T\u00e4nzern, S\u00e4ngern und Reisenden wird der Opernbesucher zum Regisseur des eigenen Blicks auf das Geschehen. Zwei Parallelwelten, Oper und Alltag, \u00fcberlagern und durchdringen sich so auf fantastische Weise. Obwohl keiner der Zuschauer jemals die gesamte B\u00fchne \u00fcberblickt, bleibt doch jeder durch die Kopfh\u00f6rer mit allem verbunden. Zudem macht die Technik etwas m\u00f6glich, was Oper sonst kaum realisieren kann: extrem leise T\u00f6ne. Die S\u00e4nger singen stellenweise so leise, dass kaum mehr als ein Atmen wahrnehmbar ist. Marco Polo fl\u00fcstert uns ins Ohr. Raum und Geschichte der Inszenierung entfalten sich letztendlich im Kopf des Besuchers. Imagin\u00e4r, wie Calvinos unsichtbare St\u00e4dte.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/89632194?dnt=1&amp;app_id=122963\" width=\"500\" height=\"281\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen\" allowfullscreen title=\"INVISIBLE CITIES: An invisible opera for wireless headphones (trailer)\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass es kein gro\u00dfes Opernhaus braucht, um eine gro\u00dfartige Oper aufzuf\u00fchren, zeigen der amerikanische Komponist Christopher Cerrone und der Regisseur Yuval Sharon mit der [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5],"tags":[410,1520],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28416"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=28416"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28416\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34981,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28416\/revisions\/34981"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=28416"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=28416"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=28416"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}