{"id":28408,"date":"2016-09-23T10:41:42","date_gmt":"2016-09-23T10:41:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=19896"},"modified":"2019-07-19T12:57:56","modified_gmt":"2019-07-19T10:57:56","slug":"el-mundo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2016\/09\/el-mundo\/","title":{"rendered":"EL MUNDO &#8211; A CLASSICAL MUSIC CONCERT"},"content":{"rendered":"<p><strong>Beim Stichwort \u201eklassische Musik\u201c erscheinen vor dem geistigen Auge meist pr\u00e4chtige Konzerts\u00e4le und kuschelige Kammertheater mit Samtvorh\u00e4ngen. Der \u00f6sterreichisch-amerikanische K\u00fcnstler Rainer Ganahl hat f\u00fcr seine Version des klassischen Konzerts allerdings eine andere B\u00fchne gew\u00e4hlt: \u201eEl Mundo\u201c \u2013 ein Discounter in East Harlem, dessen Raum seine ruhmreichen Zeiten offensichtlich schon hinter sich hat \u2026<\/strong><\/p>\n<p><em>von Myriam Guedey<\/em><\/p>\n<p>Eine blaue LED-Anzeige \u00fcber der Eingangst\u00fcr preist die Schn\u00e4ppchen des Tages an. Drinnen gibt es von allem viel zu viel: billige Kleidung, Glaswaren aus China, Alu-T\u00f6pfe, Gummilatschen, gepolsterte Klodeckel. Die Regale biegen sich durch. Aufgerissene Kartons stapeln sich bis unter die Decke, von den W\u00e4nden h\u00e4ngen allerlei Gardinen und Duschvorh\u00e4nge. Kaum vorstellbar, dass es etwas gibt, das es hier nicht gibt: El Mundo, die Welt.<\/p>\n<p>El Mundo ist dabei nicht nur ein Billigmarkt in East Harlem, der typisch f\u00fcr das Sozialviertel Manhattans ist, sondern auch der Name eines Ad-hoc-Projekts des K\u00fcnstlers Rainer Ganahl, der lange in East Harlem lebte und eines Tages das Schild am Laden entdeckte: \u201eSchlie\u00dfen in 14 Tagen, alles muss raus!\u201c Ganahl reagierte prompt und kontaktierte eine befreundete Musikerin der Juilliard School, die ihrerseits einige Freunde zusammentrommelte. Keiner der Beteiligten wusste genau, worauf er sich einlie\u00df: weder die Musiker, die ihre \u201eB\u00fchne\u201c am Abend der Auff\u00fchrung zum ersten Mal sahen, noch die Besitzer und Mitarbeiter des Discounters.<\/p>\n<p>Wobei das Vorhaben auf den ersten Blick sonderbar wirkt: ein klassisches Konzert in einem Billigmarkt. Nur wer genau hinsieht, kann zwischen Leuchtstoffr\u00f6hren und geschichtetem Kitsch den alten Stuck an Decken und W\u00e4nden entdecken. Tats\u00e4chlich war dies einmal das Eagle Theater \u2013 ein 1927 er\u00f6ffneter Filmpalast mit 1.294 Sitzen; 1927, als Filmvorf\u00fchrungen noch von Live-Musik und Showeinlagen begleitet wurden. Vom Glanz vergangener Tage ist heute allerdings nichts mehr zu sp\u00fcren. Seit das Geb\u00e4ude in den fr\u00fchen 1980er-Jahren geschlossen wurde, br\u00f6ckelt der Putz, die Farbe platzt ab und Schimmel breitet sich aus. Die pr\u00e4chtigen Jahre liegen hinter uns, my dear. Alles ist verg\u00e4nglich.<\/p>\n<p>An einem Mittwochabend nach Ladenschluss ist es schlie\u00dflich soweit: Im El Mundo \u2013 mitten in all dem Chaos \u2013 ist ein Ufo gelandet. Hier steht ein gro\u00dfer Konzertfl\u00fcgel, S\u00e4nger und Musiker in eleganter Kleidung sind gekommen. Gespielt werden Puccini und Schubert. Die Zuh\u00f6rer dr\u00fccken sich zwischen Regalen und Kleiderst\u00e4ndern herum, manche von ihnen tragen Pelz und Louis-Vuitton-Tasche, \u00fcberall M\u00fctzen, M\u00e4ntel, Schals. Kein Wunder: Es ist der 23. Januar 2013 \u2013 einer der k\u00e4ltesten Tage des Jahres, und die lauten Heizl\u00fcfter mussten wegen der Musik abgeschaltet werden. Der Kontrast k\u00f6nnte gr\u00f6\u00dfer nicht sein: Auf der einen Seite die totale visuelle Kakofonie, auf der anderen die konzentrierte Ruhe eines klassischen Konzerts. Allein die Akustik des Raums verr\u00e4t seine urspr\u00fcngliche Funktion. Nach einer Stunde ist alles wieder vorbei, was bleibt, sind die Erinnerung und eine Dokumentation.<\/p>\n<p>Die sogenannte Hochkultur und das Unterprivilegierte \u2013 das sind zwei Sph\u00e4ren, die sich nur selten durchdringen. Im El Mundo gehen sie an diesem Abend eine fast magische Verbindung ein, in der sich Vergangenes und Gegenw\u00e4rtiges ber\u00fchren. Wie in der Verfilmung von H.G. Wells\u2019 Zeitmaschine, die ihren Protagonisten durch die Epochen beamt und dadurch sichtbar macht, was sonst nur langsam ins Bewusstsein vordringt: die politischen, \u00f6konomischen und kulturellen Wandlungen eines Orts, die immer auch ein Spiegel der herrschenden Machtverh\u00e4ltnisse sind.<\/p>\n<p>Seit der Zwangsr\u00e4umung des El Mundo steht das Geb\u00e4ude in der 3rd Avenue nun leer. Was zuk\u00fcnftig damit passieren soll, scheint unklar. Rainer Ganahl hat so seine Vermutung: \u201eFr\u00fcher oder sp\u00e4ter wird der alte Bau abgerissen werden, um Eigentumswohnungen Platz zu machen. Die Gentrifizierung ist l\u00e4ngst angekommen in East Harlem.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/zMxkJoQvdpY?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Stichwort \u201eklassische Musik\u201c erscheinen vor dem geistigen Auge meist pr\u00e4chtige Konzerts\u00e4le und kuschelige Kammertheater mit Samtvorh\u00e4ngen. 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