{"id":26788,"date":"2016-06-23T10:35:56","date_gmt":"2016-06-23T10:35:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=19896"},"modified":"2018-03-08T09:08:03","modified_gmt":"2018-03-08T08:08:03","slug":"lichtgrenze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2016\/06\/lichtgrenze\/","title":{"rendered":"LICHTGRENZE"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im November 2014 gestalteten Christopher und Marc Bauder f\u00fcr die Kulturprojekte Berlin GmbH zum 25. Jahrestag des Mauerfalls eine Lichtinstallation entlang des innerst\u00e4dtischen Verlaufs der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Als bislang gr\u00f6\u00dfte Kunstinstallation im \u00f6ffentlichen Raum ist die \u201eLichtgrenze\u201c seitdem nicht nur in aller Munde, sondern auch Wort des Jahres 2014: Der Begriff spiegele \u201ein besonderer Weise die gro\u00dfen Emotionen wider, die das Ende der DDR im Herbst 1989 auch 25 Jahre sp\u00e4ter noch in ganz Deutschland hervorruft\u201c, hie\u00df es zur Begr\u00fcndung.<\/strong><br \/>\n<strong>PLOT hat Christopher Bauder besucht und ihm nicht nur zum Gelingen des Mammut-Projekts gratuliert, sondern auch gefragt, wie die \u201eLichtgrenze\u201c eigentlich zustande kam.<\/strong><\/p>\n<p><em>von Bettina Krause<\/em><\/p>\n<p>Drei Tage lang wurde anhand von 8.000 wei\u00dfleuchtenden Ballons der Verlauf der Berliner Mauer auf \u00fcber 15 Kilometern nachgezeichnet, um diese ehemalige Grenze am Abend des 9. November 2014 aufzul\u00f6sen und die Leuchtk\u00f6rper in die Luft steigen zu lassen. Christopher Bauder, Lichtdesigner und Gr\u00fcnder der Berliner Kreativschmiede WHITEvoid, hat die Idee zur \u201eLichtgrenze\u201c gemeinsam mit seinem Bruder Marc, Dokumentarfilmer und Inhaber von bauderfilm, entwickelt und umgesetzt: \u201eWir wollten das Erinnern an die Mauer f\u00fcr einen kurzen Moment noch mal in die K\u00f6pfe der Leute bringen. Einerseits, um nicht zu vergessen, was sie f\u00fcr die Menschen bedeutet hat, andererseits, um auf die positiven Aspekte hinzuweisen, die der Mauerfall gebracht hat. Denn durch den Fall der Mauer ist Berlin zu dem geworden, was es heute ist.\u201c Als Christopher vor knapp 20 Jahren aus S\u00fcddeutschland nach Berlin zog, war von der Mauer schon nichts mehr zu sehen. Er empfand den fast kompletten Abbau als zu \u00fcberhastet: \u201eF\u00fcr mich ist das Projekt auch im Sinne der Verortung in der Stadt wichtig: Heute wei\u00df ich oft gar nicht mehr genau, ob ich mich gerade im Osten oder im Westen befinde. Unsere Idee war es, dies mit einer tempor\u00e4ren Markierung aus Licht nochmal deutlich zu machen.\u201c<\/p>\n<p>Erste Gedanken zur \u201eLichtgrenze\u201c entwickelten die Br\u00fcder schon vor \u00fcber sieben Jahren. Damals \u00fcberlegten sie, mit 43.000 Ballons den kompletten Mauerverlauf als tempor\u00e4res Licht-Kunstwerk f\u00fcr nur einen Abend zum Leuchten zu bringen. Zwei Jahre sp\u00e4ter suchte die Kulturprojekte Berlin GmbH dann eine Idee f\u00fcr die Feier zum 25. Jahrestag des Mauerfalls und war sofort begeistert von Bauders Visionen. \u201eAllerdings wollten die Initiatoren eine Aktion f\u00fcr ein ganzes Wochenende. Und mit dieser Erkenntnis potenzierte sich der Schwierigkeitsgrad der Aufgabe mit dem Faktor Hundert. Denn wir mussten etwas bauen, das leicht zu transportieren ist, drei Tage lang gleich hell leuchtet, bei Regen, Sturm oder Hagel stabil steht, um dann am dritten Tag locker-leicht davonzufliegen \u2013 eigentlich unm\u00f6glich. Also haben wir anderthalb Jahre an der L\u00f6sung gearbeitet.\u201c Zuerst wurde die urspr\u00fcngliche Strecke auf 15 Kilometer \u2013 zwischen Bornholmer Stra\u00dfe und Oberbaumbr\u00fccke f\u00fchrt der Installationsverlauf mitten durch das Zentrum Berlins, vorbei am Mauerpark, entlang der Bernauer Stra\u00dfe bis zum Brandenburger Tor, \u00fcber den Potsdamer Platz zum Checkpoint Charlie und zur East Side Gallery \u2013 gek\u00fcrzt. Dann wurde probiert, experimentiert und entwickelt: Wie k\u00f6nnen die Stelen aussehen? Welchen Abstand m\u00fcssen sie haben? Wie kann der Ballon so aussehen, als w\u00fcrde er von Innen leuchten? Wie kann dieser \u201ewegfliegen\u201c, ohne dass Batterie und LED mit abheben? Wie muss der Ausl\u00f6se-Mechanismus gestaltetet sein, damit er nicht schon vorher mit einem Schraubenzieher bedient werden kann? Welche Gr\u00f6\u00dfe brauchen die Ballons, wie hell m\u00fcssen sie leuchten und welche Batterie ist die beste? Es stellten sich sehr viele Fragen \u2026<br \/>\nSo nahm das Mammut-Projekt Fahrt auf und am Ende waren mehrere tausend Menschen darin involviert. In einem Forschungsprojekt mit der Universit\u00e4t Hannover wurde dabei ein biologisch abbaubarer Kunststoff-Verschluss eigens f\u00fcr die \u201eLichtgrenze\u201c entwickelt: Das umweltvertr\u00e4gliche Produkt l\u00f6st sich r\u00fcckstandslos auf, genauso wie die Ballons aus Natur-Kautschuk, die etwa so viel Zeit im Abbau ben\u00f6tigen wie ein Eichenblatt. Die Montage der \u00fcber 40 Einzelteile pro Stele \u2013 also fast 400.000 Teile insgesamt \u2013 \u00fcbernahm eine Behindertenwerkstatt, die mehr als drei Monate daran arbeitete. Ein Standfu\u00df aus Kunststoff, der sich mit 20 Litern Wasser bef\u00fcllen lie\u00df, sorgte f\u00fcr die notwendige Standfestigkeit in der Stadt. Jener enthielt dabei sowohl die Batterie f\u00fcr eine drei Tage andauernde, gleichm\u00e4\u00dfige Stromversorgung sowie den Ausl\u00f6se-Mechanismus, der nur mit einem speziellen Schl\u00fcssel zu bet\u00e4tigen war, um den Ballon am Ende wegfliegen zu lassen. Durch ein langes d\u00fcnnes Karbon-Rohr war der Fu\u00df sehr flexibel mit einer trichterf\u00f6rmigen Halterung f\u00fcr die ringf\u00f6rmige LED-Beleuchtung sowie die Ballonhalterung verbunden. Wobei jeder einzelne Ballon zun\u00e4chst f\u00fcr zwei Tage mit Luft gef\u00fcllt und am letzten Tag gegen einen Helium-Ballon ausgetauscht wurde. Statische Pr\u00fcfungen gew\u00e4hrleisteten zudem, dass die Leucht- und Flugk\u00f6rper Temperaturschwankungen (von -10 bis +30 Grad) sowie starken Wind (bis zu 60 km\/h Geschwindigkeit) \u00fcberstanden. Am letzten Abend der Installation lie\u00dfen 8.000 Ballonpaten dann ihren pers\u00f6nlichen Ballon \u2013 versehen mit einer individuellen Nachricht \u2013 in den Berliner Nachthimmel aufsteigen. Somit wurde die Mauer aus Licht mit Hilfe der B\u00fcrger buchst\u00e4blich wieder in Luft aufgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Vom ersten Moment der Illumination der Ballons glich die \u201eLichtgrenze\u201c mit ihren Millionen Besuchern einem Pilgerweg. Dabei zog kein einzelner Ort die Menschen an, sondern die ganze Strecke wurde als Highlight erlebt: \u201eDas war meinem Bruder und mir immer wichtig, dass es sich um eine Gedenkveranstaltung handelt, die komplett entlang dieses besonderen Orts stattfindet \u2013 und zwar gleichzeitig und \u00fcberall. Das war auch das Sch\u00f6ne an der Aufsteige-Aktion: \u00dcberall war viel los und es hat \u00fcberall gleich gut funktioniert.\u201c Eine vertiefende Ebene des Erinnerns ergab sich zudem aus dem Dreiklang der neutralen Ballons mit Informationstafeln der Robert-Havemann-Gesellschaft e.V. sowie gro\u00dfformatigen LED-Screens, auf denen die Film-Collage \u201eMauerst\u00fccke\u201c von Marc Bauder zu sehen war. Das historische Filmmaterial \u2013 vom Mauerbau bis zum -fall \u2013 zeigte entlang der Strecke Szenen, die sich an Ort und Stelle zugetragen hatten und holte so die Geschichte in den Raum zur\u00fcck.<br \/>\nTrotz der Massen an Besuchern war \u2013 f\u00fcr Berlin untypisch \u2013 Vandalismus kein Problem: Von 8.000 Stelen mussten nur etwa 100 ausgetauscht werden. Erst in der dritten Nacht zeigte sich Berlin gewohnt dreist: \u201eWir haben am Sonntagabend noch am Engelbecken gefeiert und ich dachte: Komisch, bauen die schon ab? Denn ich konnte im Dunkeln sehen, dass die Lichter wie von Ameisen wegtragen wurden: Innerhalb von zwei Stunden stand da auf einmal keine einzige Stele mehr. Und am Ende wurden insgesamt nur noch 3.000 Stelen abgebaut, der Rest war schon geklaut. Menschen haben ihr Kind aus dem Kinderwagen genommen und die Stele hineingelegt \u2013 sensationell, das fand ich super!\u201c Am n\u00e4chsten Tag titelten viele Zeitungen mit dem Vergleich zu den Mauer-Spechten von vor 25 Jahren. \u201eWir empfanden dies als umso gr\u00f6\u00dferes Kompliment, dass Leute einen Teil der \u201aLichtgrenze\u2018 mitnehmen wollten, weil mit den Stelen alleine ja eigentlich niemand etwas anfangen kann. Au\u00dfer in Prenzlauer Berg: Hier steht nun eine vor einem Restaurant, hat wieder einen Ballon oben drauf, ist mit Strom versorgt und sch\u00f6n angekettet, damit sie keiner klaut \u2013 ist aber nat\u00fcrlich selbst von irgendwo mitgenommen worden \u2026\u201c<\/p>\n<p>Der nachhaltige Effekt der \u201eLichtgrenze\u201c auf die Stadt ist dabei unbestritten: \u201eMein Bruder sagt immer, wenn jeder, der die \u201aLichtgrenze\u2018 erlebt hat eine neue Frage oder Erkenntnis f\u00fcr sich mitnimmt, haben wir unser Ziel erreicht. Mein Hauptanliegen war die Verortung der Mauer im st\u00e4dtischen Gef\u00fcge und zu zeigen, wie sich die Stadt seit dem Mauerfall ver\u00e4ndert hat. Und f\u00fcr uns beide war die \u201aLichtgrenze\u2018 eine neutrale Markierung, die wir anbieten. Was Menschen, die den Bau und den Fall der Mauer tats\u00e4chlich erlebt haben, dabei empfinden, k\u00f6nnen wir weder vorgeben, noch beeinflussen. Aber was wir als Feedback bekommen haben zeigt, dass es f\u00fcr alle gleicherma\u00dfen gut funktioniert hat \u2013 egal welche Beziehung jeder einzelne zur Mauer hatte oder nicht.\u201c<br \/>\nDass die Ballons nicht mehr leuchteten als sie am Sonntagabend in die Luft stiegen, \u00fcberraschte manchen Zuschauer. Wobei nicht nur \u00f6kologische Gr\u00fcnde daf\u00fcr ausschlaggebend waren: \u201eWir fanden es gut, dass das Licht am Ende der Aktion ausgeht \u2013 warum sollte die Mauer weiterleuchten, wenn sie davonfliegt? F\u00fcr uns war dies der Schlusspunkt: Das Licht geht aus, die \u201aLichtgrenze\u2018 l\u00f6st sich auf und verschwindet.\u201c F\u00fcr den eindrucksvollsten Blick auf die leuchtenden Ballons, h\u00e4tten Besucher allerdings selbst kurzzeitig abheben m\u00fcssen: \u201eWir haben mit airberlin einen Presse-Rundflug veranstaltet und konnten die \u201aLichtgrenze\u2018 tats\u00e4chlich von oben sehen \u2013 als d\u00fcnne Linie, die aber sehr scharf und in einem sehr starken Wei\u00df geleuchtet hat. Es war eine krasse Erkenntnis zu sehen, welchen Eingriff wir im Stadtbild produziert haben. Das war sicher in der Dimension und Intensit\u00e4t eine einmalige Sache. Viel mehr geht nicht \u2013 glaube ich.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im November 2014 gestalteten Christopher und Marc Bauder f\u00fcr die Kulturprojekte Berlin GmbH zum 25. 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