{"id":26644,"date":"2016-06-17T10:46:48","date_gmt":"2016-06-17T10:46:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=19896"},"modified":"2017-04-19T10:06:19","modified_gmt":"2017-04-19T08:06:19","slug":"polizeimuseum-stuttgart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2016\/06\/polizeimuseum-stuttgart\/","title":{"rendered":"POLIZEIMUSEUM STUTTGART"},"content":{"rendered":"<p><strong>Was Stuttgart betrifft, muss f\u00fcr ortsunkundige Menschen erw\u00e4hnt sein: Am Polizeipr\u00e4sidium kommen Stadtbewohner nicht mal eben so vorbei. An den n\u00f6rdlichen Stadtweinbergen angrenzend und in einem ehemaligen Krankenhaus einquartiert, befindet es sich an einer gro\u00dfen Bundesstra\u00dfe, an der sich Spazierg\u00e4nge eher weniger lohnen. Was also im und um das Geb\u00e4ude passiert, bleibt der breiten \u00d6ffentlichkeit weitestgehend verborgen. Seit Ende Februar 2015 gibt es f\u00fcr die B\u00fcrger jedoch einen guten Grund, sich auf den Weg dorthin zu machen: das Polizeimuseum Stuttgart.<br \/>\n<\/strong><br \/>\n<em>von Elisa Eichner<\/em><\/p>\n<p>Initiiert von Michael K\u00fchner, pensionierter Polizist und Erster Vorsitzender des Polizeihistorischen Vereins Stuttgart e.V., hat genannte Institution eigens f\u00fcr das Vorhaben im Jahr 2007 gegr\u00fcndet. Er und die weiteren 250 Mitglieder d\u00fcrfen sich dabei besonders engagiert nennen: Sie haben \u2013 ehrenamtlich versteht sich \u2013 120.000 Euro gesammelt und mehr als 9.000 Arbeitsstunden investiert, um das Museum nach fast acht Jahren Planungszeit in einem alten Heizungskeller des Pr\u00e4sidiums zu er\u00f6ffnen. Doch es f\u00e4llt schwer, hier den Stempel \u201eMarke Eigenbau\u201c aufzudr\u00fccken: Durch die Mitwirkung des Architekten Bernhard Abele sowie des Grafikers Lutz Eberle wurde das historische Material in einem Ausstellungskonzept ansprechend aufbereitet und wirkt daher professionell. Inhaltlich werden die Besucher durch sechs Themeninseln gef\u00fchrt, die in den niedrigen R\u00e4umen und Fluren des 220 Quadratmeter gro\u00dfen Untergeschosses angeordnet sind. Der Keller-Atmosph\u00e4re wurde entgegengewirkt, indem die Bodenflie\u00dfen mit hellgrauem Epoxidharz fugenlos \u00fcbergossen, Decken und Rohre wei\u00df gestrichen und mit Platten abgedeckt sowie gro\u00dffl\u00e4chige Fotografien und Grafiken an den W\u00e4nden umgesetzt angebracht wurden. Bei der Aufbereitung des Inhalts war es ein Anliegen K\u00fchners, aus einer Auswahl des umfangreichen Fundus an Originalexponaten \u2013 darunter 70.000 historische Bilder, etwa 300 Ton- und Filmdokumente sowie eine Bibliothek aus mehr als 1.000 Printprodukten \u2013 die Geschichten der Stuttgarter Polizei nachvollziehbar und im gesellschaftlichen Kontext zu vermitteln. Denn damit wird gleichzeitig ein St\u00fcck Geschichte der Landeshauptstadt, deren B\u00fcrger, Beamte, Politiker und damit auch des jeweiligen kulturellen Zeitgeists abgebildet. Die Exponate sprechen jedoch nicht allein f\u00fcr sich: Ein Besuch im Polizeimuseum ist nur mit einer gebuchten F\u00fchrung m\u00f6glich, und so werden die Geschichten pers\u00f6nlich erz\u00e4hlt \u2013 unter anderem von Michael K\u00fchner, der teilweise aus eigener Erfahrung spricht \u2013 so geschehen auch bei der F\u00fchrung, der PLOT selbst beiwohnte.<\/p>\n<p>Im Empfangsbereich sehen sich die Besucher gleich bei Eintritt in das Museum einer Polizeiwache aus den 1960er-Jahren gegen\u00fcber. Nicht nur, dass die Einrichtung mit Wachb\u00fcchern und Originaldokumenten ein authentisches Bild abgibt, die Exponate wie Schreibmaschine und Fernschreiber funktionieren tats\u00e4chlich noch, wie K\u00fchner demonstriert. Dass die Ausstellungsgestalter dabei auf Details achteten, l\u00e4sst sich auch an den Fenstern erkennen, die mit einer Folie beschichtet sind und eine Stuttgarter Stra\u00dfenszene abbilden. Im n\u00e4chsten Raum befindet sich der eigentliche Prolog: Auf allen W\u00e4nden sind Digitaldruck-Tapeten angebracht, die Fotografien historischer Szenen in Stuttgart (mit einem h\u00f6heren Polizeiaufgebot) zeigen. Auch im weiteren Verlauf der Ausstellung wurde viel mit Foto-Tapete gearbeitet: K\u00fchner spricht offen an, dass dies aus einer Kosten-Nutzen-Wirken-Perspektive heraus entstand. So k\u00f6nnen Besucher im n\u00e4chsten Raum, der das Thema Stra\u00dfenverkehr behandelt, eindr\u00fccklich Aufnahmen von Verkehrsunf\u00e4llen begutachten \u2013 zum Gl\u00fcck meist in Schwarz-Wei\u00df. Au\u00dferdem ist eine funktionierende Ampel mit manueller Schaltung, \u00dcberwachungsger\u00e4te wie der legend\u00e4re M\u00fclltonnen-Blitzer sowie eine echte Polizei-Harley, die Ende der 1940er-Jahre auf der Stra\u00dfe war, ausgestellt. Erw\u00e4hnenswert ist ebenfalls die Dokumentation der Polizeiarbeit zur Zeit des \u00dcbergangs von Kutschen- zum Autoverkehr \u2013 mit einer ersten Unfallbilanz aus dem Jahr 1912.<\/p>\n<p>Im folgenden Bereich zeigt sich ein ganz besonderer Teil der Stuttgarter Polizeigeschichte, der einen Schwerpunkt in der Ausstellung ausmacht: Stuttgart und die RAF. Schleyer-Entf\u00fchrung, Baader-Meinhof-Prozess, Aufenthalt der ersten RAF-Generation in der Justizanstalt Stammheim sowie die kollektiven Selbstmorde von Baader, Ensslin und Raspe werden anhand originaler Polizei-Berichte, Fotografien und (sehr viel) Text auf signalfarbenem Orange dargestellt. Vor allem in diesem Teil zeigt sich der einzig gro\u00dfe Wermutstropfen f\u00fcr Besucher, den sie beim Rundgang schlucken m\u00fcssen: Sie werden kaum in den Genuss kommen, die vielen Texte zu lesen, denn der Besuch ist an eine F\u00fchrung gekoppelt, die einen Alleingang nicht vorsieht. Doch die unterhaltsame Erz\u00e4hlweise K\u00fchners tr\u00f6stet dar\u00fcber hinweg. Nach einem kleinen Bereich zum Thema Falschgeld, das in einer Regal-Vitrine aufgereiht liegt, beherbergt der anschlie\u00dfende, gr\u00f6\u00dfte Raum als Mitte des Rundgangs wohl den H\u00f6hepunkt des Museums: ber\u00fchmte Stuttgarter Kriminalf\u00e4lle. Hier kommen freistehende, wei\u00dfe Vitrinen zum Einsatz, in denen zum Beispiel die Hammer des \u201eHammerm\u00f6rders\u201c aus den 1980er-Jahren ausgestellt sind (der selbst ein Polizeibeamter war), oder via Lautsprecher den Funkverkehr einer Streife von vor 25 Jahren ert\u00f6nen lassen, die kurze Zeit sp\u00e4ter Augenzeuge eines Schusswechsel auf der Gaisburger Br\u00fccke wird und den Tod von zwei Kollegen miterlebt. Ersch\u00fctternd ist auch das Beton-Exponat, das den R\u00fcckenabdruck eines ermordeten und einbetonierten Abiturienten aus dem Jahr 2007 zeigt. Eine k\u00fchlblaue Grundfarbe steht dem teilweise sehr brutalen Inhalt in einer makabren Ambivalenz gegen\u00fcber.<br \/>\nAm anderen Ende des Raums, an einer bordeauxroten Wand, werden die unterschiedlichen, technischen Verfahren erl\u00e4utert, die der Polizei in der Geschichte bis heute zur Aufkl\u00e4rung von F\u00e4llen helfen: Verbrecheralben, Daktyloskopie, DNA und das inzwischen sehr mittelalterlich wirkende Bertillon\u2019sche K\u00f6rpermessverfahren. In dem \u00fcbergehenden, schmalen Flur befindet sich auf der einen Seite bis zum Boden verglast die Ausstellung von Uniformen \u2013 immer im Kontext der jeweiligen Zeitgeschichte: die zus\u00e4tzliche Waffenhalterung durch die Geschehnisse der RAF, die zum Milit\u00e4r angepassten Uniformen aus der Zeit des Nationalsozialismus und die laut K\u00fchner gef\u00fchlt zweiw\u00f6chige Einf\u00fchrung eines Polizei-Rocks f\u00fcr Frauen im Jahr 1990. Auf der anderen Seite gehen vom Flur noch zwei kleine R\u00e4ume ab: Der eine ist eine Waffenkammer, in der auf den beiden langen W\u00e4nden in Vitrinen die Modelle aufgereiht positioniert und entsprechende technische Daten auf anthrazitfarbenem Grund aufgedruckt sind. Das wahrhaftig dunkelste Kapitel der Polizeigeschichte befindet sich jedoch in der anderen Kammer: die Polizei im Nationalsozialismus. Von den beiden Ausstellungsgestaltern Abele und Eberle ist der Raum absichtlich unangenehm konzipiert worden, denn um die Originaldokumente und Fotografien betrachten zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen sich die Besucher etwas b\u00fccken \u2013 die Informationen sind nach hinten versetzt, nur durch ein tiefes, scheibenlosen Fenster zu sehen. Einzelne Beamte wurden dabei herausgegriffen und eine Biografie gezeigt, die deren moralischen Abstieg von der Juden-Deportations-Organisation zu Massenm\u00f6rdern beweisen.<\/p>\n<p>Werbung f\u00fcr das Museum musste der Verein kaum machen: Nach der Er\u00f6ffnungsfeier mit dem Innenminister Gall als Schirmherr und der Berichterstattung in den lokalen Zeitungen kam das Museum bei der \u201eLangen Nacht der Museen\u201c Anfang April 2016 erstmals an seine logistischen Grenzen: Sie seien regelrecht \u201e\u00fcberrannt worden\u201c, so K\u00fchner. W\u00e4hrend sie im Normalbetrieb zwischen 30 und 50 Besucher einlassen w\u00fcrden, mussten sie das Museum in dieser Nacht f\u00fcr 210 Menschen gleichzeitig freigeben \u2013 was bei 2.000 Interessierten teilweise zwei Stunden Wartezeit ausmachte. Seitdem ist es auf Monate im Voraus ausgebucht. F\u00fcr die terminliche Organisation wurde inzwischen sogar eine Museumsmanagerin angestellt.<\/p>\n<p>Wir von PLOT haben die F\u00fchrung sehr genie\u00dfen k\u00f6nnen \u2013 nicht nur weil es Freude macht, mit Michael K\u00fchner einen bemerkenswerten Geschichten-Erz\u00e4hler zu erleben, sondern weil die Ausstellung ein sch\u00f6nes Beispiel daf\u00fcr ist, wie mit kleinem Budget und gro\u00dfem Herzblut ein sehenswertes Projekt entstanden ist. Daher ist das Polizeimuseum Stuttgart nicht nur empfehlenswert f\u00fcr die Bewohner der schw\u00e4bischen Hauptstadt, sondern f\u00fcr jegliche Besucher, die einen unterhaltenden und informativen Blick hinter die geschichtstr\u00e4chtigen Kulissen der Stuttgarter Polizeiarbeit haben m\u00f6chten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was Stuttgart betrifft, muss f\u00fcr ortsunkundige Menschen erw\u00e4hnt sein: Am Polizeipr\u00e4sidium kommen Stadtbewohner nicht mal eben so vorbei. 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