{"id":26465,"date":"2016-06-01T15:03:27","date_gmt":"2016-06-01T15:03:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=20199"},"modified":"2017-07-06T11:12:44","modified_gmt":"2017-07-06T09:12:44","slug":"ruedibaueridentitaetskrisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2016\/06\/ruedibaueridentitaetskrisen\/","title":{"rendered":"RUEDI BAUR \u00dcBER IDENTIT\u00c4TSKRISEN UND ORIENTIERUNG IM RAUM"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eIch versuche Design und Gestaltung zu benutzen, um die Gesellschaft zu ver\u00e4ndern.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Um seine konzeptionelle Haltung zu umschreiben, w\u00e4hlte Ruedi Baur in einer 2009 ver\u00f6ffentlichten Publikation die sieben Begriffe Antizipieren, Hinterfragen, Einschreiben, Irritieren, Orientieren, Unterscheiden und \u00dcbersetzen. Auch heute ist seine Arbeit in den Bereichen Identifikations- und Orientierungssysteme, Installationen im \u00f6ffentlichen Raum und Szenografie stark von diesen Vokabeln gepr\u00e4gt. Dabei ist es das Anliegen seines interdisziplin\u00e4ren Ateliers Int\u00e9gral, Informationen und Zeichen im Raum so aufeinander abzustimmen, dass es den Nutzern m\u00f6glich wird, R\u00e4ume, Geschichten und Beziehungen zu begreifen und sich darin zu orientieren. Was dem \u201eGro\u00dfmeister der Grafik im Raum\u201c selbst die Orientierung erleichtert, hat er uns im Interview verraten.<\/strong><\/p>\n<p><em><br \/>\nDie Fragen stellten Sabine Marinescu und Janina Poesch.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Herr Baur, f\u00fcr die europ\u00e4ische Biennale f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst in Z\u00fcrich \u2013 <a href=\"http:\/\/m11.manifesta.org\/de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Manifesta 11<\/a> \u2013 haben Sie gerade das Erscheinungsbild entwickelt. Welche Gedanken stecken hinter Ihrem Konzept?<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang k\u00f6nnten wir gerne l\u00e4nger \u00fcber das Wort \u201eErscheinungsbild\u201c sprechen, denn eigentlich w\u00fcrde ich viel lieber den Begriff \u201evisuelle Sprache\u201c benutzen. Hierbei geht es um die Koordination verschiedener Erscheinungen, die trotzdem als eine Ganzheit erkennbar bleiben. Und so wird auch in Z\u00fcrich \u201edas Gesamte\u201c ein Portrait der Stadt ergeben \u2013 immer in Relation zum Thema \u201eArbeit\u201c und damit auch indirekt zum Geld. Dieses Jahr wird jeder Auftritt der Manifesta mit einer kleinen sozialen Geschichte begleitet: Die einzelnen visuellen Erz\u00e4hlungen sind kurze Momentaufnahmen aus verschiedenen Z\u00fcrcher Arbeitswelten \u2013 vom Bettler bis zum unversch\u00e4mt Reichen, vom Hundefriseur bis zum Polizisten. Diese Arbeit begleitet nicht nur die k\u00fcnstlerischen Intentionen der Manifesta 11, in der Summe bilden diese Erz\u00e4hlungen auch eine Hommage an den bekannten Wiener Soziologen Otto Neurath, der versuchte, die Gesellschaft des Fr\u00fchkapitalismus darzustellen. Wir zeigen nun eine der reichsten St\u00e4dte der Welt 80 Jahre sp\u00e4ter \u2013 gekennzeichnet durch weniger Arbeiter, mehr Polizisten, mehr Beamte und leider immer noch arme Menschen. Aber die Beziehung zur Arbeit hat sich dabei wesentlich weiterentwickelt: Besonders in einer so reichen Stadt gibt es heutzutage mehr Leute, die aus ihrem Hobby einen Beruf machen konnten. Also wird unsere Frage nun sein, ob es uns mit unseren Kommunikationsma\u00dfnahmen auch gelingt, in Dimensionen zu gelangen, welche die B\u00fcrger und Besucher der Kunstausstellung anregen k\u00f6nnen, \u00fcber Fragen nachzudenken wie: Was mache ich \u00fcberhaupt beruflich? Wie viel muss ich f\u00fcr mein Geld arbeiten? M\u00f6chte ich noch mehr Geld verdienen, und was w\u00e4re ich bereit, daf\u00fcr zu tun?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Unter dem Motto \u201eWhat People Do For Money: Some Joint Ventures\u201c stellt der diesj\u00e4hrige Kurator der Manifesta 11 \u2013 der K\u00fcnstler Christian Jankowski \u2013 die Frage, welchen Bezug jedes Individuum zu seinem Beruf hat. Was ist Ihr Bezug? Wof\u00fcr arbeiten Sie?<\/strong><\/p>\n<p>Ganz klar: Ich versuche Design und Gestaltung zu benutzen, um die Gesellschaft zu ver\u00e4ndern. Design transformiert, und ohne Ver\u00e4nderung existiert kein Design. Und genau das treibt mich an. Gewisse Designer oder K\u00fcnstler ver\u00e4ndern Dinge und\/oder Zust\u00e4nde f\u00fcr sich selbst und hoffen, dass andere dies dann gut finden. Andere Gestalter, besonders in den Agenturen, ver\u00e4ndern etwas f\u00fcr den Kunden und hoffen, dass er zahlt. Ich versuche f\u00fcr den B\u00fcrger der Welt zu arbeiten. Ich liebe meinen Beruf, weil er es mir permanent erm\u00f6glicht, zu lernen und neue Experimente zu wagen. Der Faktor Geld ist dabei nicht wesentlich. Aber unsere Arbeit muss es uns dennoch erm\u00f6glichen, etwa 20 Menschen zu ern\u00e4hren. Das schaffen wir zum Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was ist das f\u00fcr ein Gef\u00fchl, zu wissen, dass Sie das Stadtbild einiger St\u00e4dte wesentlich beeinflusst und damit auch die Wahrnehmung der hier lebenden Bewohner \u2013 also der Gesellschaft \u2013 ver\u00e4ndert haben? Sind Sie stolz?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, da gilt es, bescheiden zu bleiben \u2013 schlie\u00dflich sind auch unsere Ans\u00e4tze an Ver\u00e4nderungen zur\u00fcckhaltend. Diese Zur\u00fcckhaltung ist aber das Spannende: L\u00e4sst sich alleine mit einem Bild, einem Zeichen, einer Installation oder einem System die komplette Wahrnehmung \u00e4ndern, ohne deswegen manipulierend zu sein? Ich denke, wir haben als Informationsgestalter eine extrem wichtige Rolle in einer Gesellschaft, die oft Sichtbarkeit mit Verst\u00e4ndlichkeit verwechselt. Die B\u00fcrger wollen keine Strategie und Manipulation mehr, kein Branding. Sie m\u00f6chten nur Zugang zu klaren und ehrlichen Informationen. Und das ist nicht so einfach: Daf\u00fcr m\u00fcssen aktuelle Verfahren wie \u201eBranding\u201c oder auch \u201eCorporate Identity\u201c tief in Frage gestellt und es muss \u00fcber Alternativen nachgedacht werden. Die Stadt, die ich liebe, ist plural offen und lebendig. Wie kann so etwas repr\u00e4sentiert werden? Sicher nicht mit einem Markenzeichen und einem sich immer wieder wiederholenden Slogan. Der Plan einer Stadt sagt viel mehr als ein Stadtbild. Diese Komplexit\u00e4t lesbar zu machen ist spannender, als sie zu einem Markenzeichen zu reduzieren. Wobei diese Komplexit\u00e4t immer noch gesteigert werden kann, zum Beispiel durch Interventionen innerhalb des Systems. In diesem Sinne bin ich nat\u00fcrlich stolz, wenn ich einer Stadt ein zus\u00e4tzliches Bild bringen und sie mit diesem Ansatz \u00f6ffnen kann. Nie h\u00e4tte ich gehofft, dass das Deserteurdenkmal in K\u00f6ln in einem Stadtf\u00fchrer aufgenommen werden w\u00fcrde. Diese Art der Best\u00e4tigung meiner Arbeit bringt mir nat\u00fcrlich Freude. Im Moment arbeiten wir in Paris an neuen U-Bahn-Linien, die zwischen 2022 und 2030 eine neue Sicht auf Paris geben und vielleicht auch das Stadtbild ver\u00e4ndern werden. Auch so ein Projekt macht bescheiden \u2013 vor allem die Komplexit\u00e4t eines Prozesses, mit dem wir vielleicht dauerhaft Einfluss auf die Bewohner nehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie haben Ihr grafisches Handwerk an der Hochschule f\u00fcr Gestaltung in Z\u00fcrich erlernt. Damals war der Beruf klassischerweise noch im zweidimensionalen Bereich angesiedelt. Wie kam die dritte Dimension dazu? Welche Rolle spielt f\u00fcr Sie die Architektur?<\/strong><\/p>\n<p>Ich komme aus einer Architekten- und Ingenieur-Familie. Als ich damals angefangen habe, dar\u00fcber nachzudenken, was f\u00fcr mich beruflich \u00fcberhaupt in Frage kommen w\u00fcrde, war die Versuchung nat\u00fcrlich gro\u00df, einfach genauso weiterzumachen, wie es schon drei Generationen vor mir getan haben. Doch dann kam die Krise von 1974 \u2013 eine Krise, unter der wir gesellschaftlich heute noch leiden. Damals war es das erste Mal, dass wir das Wort \u201eKrise\u201c \u00fcberhaupt geh\u00f6rt und gemerkt haben, dass es vielleicht doch nicht immer aufw\u00e4rts geht. Und so gab es im Bereich der Architektur pl\u00f6tzlich nicht mehr so viel Arbeit und ich habe angefangen, mir \u00fcber Alternativen Gedanken zu machen. Also habe ich nach meiner Matur eine Lehre bei dem Gestalter Michael Baviera absolviert und anschlie\u00dfend in einem B\u00fcro gearbeitet, das Grafik, Architektur, Kunst und Design miteinander verband. Hier habe ich gelernt, die verschiedenen Disziplinen in Beziehung und nicht getrennt voneinander zu betrachten. Denn genau an solchen Grenzen wird es ja spannend: an den Grenzen zwischen 2D und 3D, zwischen tempor\u00e4r und permanent, zwischen situiert, kontextuell und reproduziert oder zwischen wiederholt und narrativ. Im Moment suche ich Grenzen oder \u00dcberlappungsfelder zwischen Grafik und Film.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>In der Analysis steht Integral f\u00fcr einen Grenzwert beziehungsweise f\u00fcr die L\u00f6sungsfunktion einer Differentialgleichung. Integral ist aber auch ein Gammastrahlen-Teleskop der Europ\u00e4ischen Weltraumorganisation ESA, eine Zugbaureihe und sogar eine spirituelle Weltanschauung. Welche Bedeutung hat Integral f\u00fcr Sie \u2013 es handelt sich schlie\u00dflich auch um den Namen Ihres Ateliers?<\/strong><\/p>\n<p>Der Name entstand 1989. Uns war da schon wichtig, dass wir interdisziplin\u00e4r arbeiten und als Gestalter den kompletten Prozess begleiten. Mein damaliger Gesch\u00e4ftspartner war Mathematiker und dementsprechend mit der Integralrechnung vertraut. \u201eDie Gesamtheit, die sich zwischen zwei Punkten befindet\u201c, w\u00e4re meine Definition. Schon damals waren wir fasziniert von komplexeren Systemen im Sinne der Abschaffung der reinen Wiederholung, die auch als Propaganda bezeichnet werden kann. Wir verstehen uns aber auch heute noch als Netzwerk mit unterschiedlichen Strukturen und Pers\u00f6nlichkeiten: Architekten, Verleger, Fotografen, Kuratoren, Designer, Ethno-Designer und Grafik-Designer, die alle auf ihre Art und Weise Grenzg\u00e4nger sind. Wir treffen uns von Zeit zu Zeit, nehmen an Wettbewerben teil, teilen uns Auftr\u00e4ge, sprechen miteinander, sind Freunde und gehen doch jeder seiner eigenen Arbeit nach \u2013 mit einer starken Verbindung und einer gemeinsamen Vision: Wir widmen uns der zentralen Frage, wie sich Differenzen zusammenbringen beziehungsweise so darstellen lassen, dass die unterschiedlichen Protagonisten von ihnen profitieren k\u00f6nnen. Mit unserer Arbeit wollen wir also gedankliche Grenzen einrei\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie sind in Frankreich aufgewachsen, haben Ihr Atelier in der Schweiz und realisieren weltweit Projekte. Sie sagen selbst, dass Multisprachigkeit f\u00fcr Sie und vor allem in Ihren Projekten eine gro\u00dfe Rolle spielt. Wie l\u00e4sst sich der typische \u201eLost in Translation\u201c-Effekt vermeiden?<\/strong><\/p>\n<p>Geboren bin ich in Paris von zwei Schweizer Eltern, die nicht die gleiche Sprache pflegten. Schon immer habe ich also mit mindestens drei Sprachen gelebt: Meine Mutter sprach mit ihrer Familie Romanisch \u2013 eine wundersch\u00f6ne Sprache, die nur noch von einer kleinen Minderheit benutzt wird. Und mein Vater sprach mit mir Schweizerdeutsch, in der Schule kam dann Franz\u00f6sisch hinzu, genauso wie Englisch und Deutsch. Hobbym\u00e4\u00dfig habe ich Italienisch gelernt, und ich liebe Katalanisch und Okzitanisch \u2013 alles wichtige europ\u00e4ische Sprachen: Jede tr\u00e4gt eine Kultur und erkl\u00e4rt die andere. Als Gestalter versuche ich, wo ich kann, diese Multisprachigkeit zu pflegen. Denn unter der Gefahr der Vereinfachung und Konformit\u00e4t, die \u00fcberall herrschen muss, gewinnt das Plurale zunehmend an Glaubw\u00fcrdigkeit. \u201eDer Unterschied ist nicht, was uns trennt. Es ist die Basis jeder Relation. Die Sch\u00f6nheit der Welt entsteht aus diesen Unterschieden\u201c, schrieb auch der franz\u00f6sische Dichter \u00c9douard Glissant. Ich f\u00fchle mich als B\u00fcrger der Welt und nicht als B\u00fcrger nur einer Nation. Dabei f\u00fcrchte ich nichts mehr als die Vereinfachung. Sprachen erm\u00f6glichen es uns, die Kultur der anderen L\u00e4nder zu verstehen. Englisch verschafft uns wohl nicht den Zugang zu allen Kulturen, es erm\u00f6glicht uns eher, uns auf eine praktische Art auszutauschen \u2013 nicht mehr und nicht weniger. Es w\u00e4re fatal, wenn Europa auf Englisch gedacht werden w\u00fcrde. Das w\u00e4re so etwas wie ein kleinster gemeinsamer Nenner und gleichzeitig ein kultureller Genozid des Kontinents.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was gibt Ihnen Orientierung im Leben?<\/strong><\/p>\n<p>Vieles. Mit f\u00fcnf noch jungen Kindern steht dabei zuerst die Zukunft im Vordergrund: Welche Welt hinterlassen wir der n\u00e4chsten Generation? K\u00f6nnen wir die demokratischen Systeme der Realit\u00e4t unserer Zeit anpassen? Unsere egoistischen Nationen aus dem Unsinn des 19. Jahrhunderts befreien? Ist der Wirtschaftskrieg die richtige Form, um zu mehr Humanismus zu gelangen? Die Welt, Europa, unsere L\u00e4nder, St\u00e4dte, Quartiere brauchen dringend eine radikalere Form der Demokratie. Eine Form, in der die Qualit\u00e4t des Lebens aller Menschen wieder die zentrale Rolle spielen w\u00fcrde. In der jeder B\u00fcrger richtig informiert w\u00e4re, nicht nur \u00fcber Aktualit\u00e4ten und Skandale, sondern \u00fcber das Funktionieren der Institutionen und Unternehmen. In der jeder B\u00fcrger auch wirklich entscheiden k\u00f6nnte, nicht nur w\u00e4hrend der mehrj\u00e4hrigen Maskerade der Wahlen. Dies hoffe ich f\u00fcr die Welt, f\u00fcr Europa, f\u00fcr meine Kinder, f\u00fcr die Menschheit, und dies versuche ich mitzugestalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie kreieren sowohl Visitenkarten als auch multidimensionale Erscheinungsbilder, Leitsysteme und gestalten sogar ganze Stadtteile um. Wo sehen Sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den unterschiedlichen Dimensionen der Projekte?<\/strong><\/p>\n<p>Meine zuvor erw\u00e4hnten Ziele definieren eine gestalterische Haltung, in die zus\u00e4tzlich noch Dimensionen wie \u00c4sthetik, Genuss, Humor und Selbsthinterfragung einflie\u00dfen. Durch Design kann die Qualit\u00e4t der Interaktion zwischen Menschen und Nicht-Menschen wesentlich beeinflusst werden \u2013 je nachdem, mit welcher Einstellung diese genannten Dimensionen gestaltet sind. Erst dann geht es um die Spezialisierung: Ich w\u00fcrde nie einen Stadtteil ohne Architekten, Stadtplaner, Lichtplaner, Landschaftsplaner und andere Gestalter konzipieren. An diesem Punkt wird es dann interessant, wie die Kapazit\u00e4ten transdisziplin\u00e4r im Team erarbeitet werden. Seit der Gr\u00fcndung von Int\u00e9gral kultivieren wir diese Arbeitsweise \u2013 so kam schlie\u00dflich auch der Name zustande.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie sagen, jedes Ihrer Projekte beginnt mit einer \u201eIdentit\u00e4tskrise\u201c. Was kann in derlei Krisen Positives stecken, und wie begleiten Sie den \u201eGenesungsprozess\u201c?<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Begriff wird genutzt, um jenen Zustand zu beschreiben, in dem man nicht mehr wei\u00df, wie man sich darstellen soll. Ich versuche meistens, das gef\u00e4hrliche Wort \u201eIdentit\u00e4t\u201c zu vermeiden. Was wir betreiben, hat viel mehr mit Identifikation und Repr\u00e4sentation zu tun. Wir versuchen f\u00fcr die jeweilige Institution ein erkennbares Ausdrucksmittel zu schaffen, das sowohl ihr als auch ihren Bed\u00fcrfnissen entspricht. Ich habe mich sehr intensiv mit Identit\u00e4t auseinandergesetzt und mich mit Philosophen sowie anderen Wissenschaftlern besch\u00e4ftigt, die diesen Begriff analysierten, besonders seit den 1980er-Jahren, als Rassismus und Nationalismus wieder Zuwachs bekommen haben. Zudem habe ich mich auch mit libanesischen und arabischen Autoren befasst, die sich mit Identit\u00e4tskonflikten auseinandersetzten. Und das alles beweist nun die Oberfl\u00e4chlichkeit, mit der unsere Disziplin dieses Konzept behandelt. Reale Identit\u00e4ten k\u00f6nnen zum Gl\u00fcck nicht einfach so ausgetauscht werden, nur weil sie anders gestaltet sind: Sie sind ja auch nicht automatisch ein anderer Mensch, nur weil Sie mal Wei\u00df tragen. All das basiert auf der Grundlage einer gigantischen L\u00fcge \u2013 die L\u00fcge der Bed\u00fcrfnisse sowie artifiziellen Werte innerhalb des Konsums. Eine \u201eIdentit\u00e4tskrise\u201c erm\u00f6glicht es uns, den Moment zu definieren, in dem existenzielle Fragen wieder erscheinen k\u00f6nnen: Wer bin ich? Wo liegt effektiv das Problem? Diesen Prozess, den ich auch gerne als Hinterfragen der Frage bezeichne, empfinde ich als wesentlich, um zu den richtigen Antworten zu gelangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mit dem 2011 gegr\u00fcndeten Institut Civic City betreiben Sie auch kritische Designforschung. Welche Rolle spielt diese Forschung f\u00fcr Ihre Arbeit?<\/strong><\/p>\n<p>Mit meiner Frau Vera Baur kultiviere ich seit Jahren diese T\u00e4tigkeit: Vor Civic City gab es schon Design2context und davor 2id \u2013 das Institut f\u00fcr Interdisziplin\u00e4res Design. Ich denke, dass sich unsere Disziplin zu wenig mit der Forschung besch\u00e4ftigt. Forschen ist nicht Experimentieren. Letzteres leistet hoffentlich jeder Gestalter, Ersteres ist nicht zwingend notwendig, um \u00fcberhaupt zu gestalten. Es erm\u00f6glicht uns aber, Wissen zu generieren, und dieses Wissen gestattet es uns, unsere Disziplin weiterzuentwickeln, was aber auch nur durch kritische Analysen dessen, was wir entwickeln, bewerkstelligt werden kann. Dies gilt eigentlich f\u00fcr jede Disziplin \u2013 auch f\u00fcr das Design. Wir arbeiten in einem Bereich, der sich selbst selten in Frage stellt. Design ist aber nicht nur positiv, Design kann auch gef\u00e4hrlich sein und von anderen manipuliert werden. Was die Gesellschaft von Design fordert, entspricht oft nicht dem, was Designer selbst gerne machen m\u00f6chten. Unser Fachgebiet muss verstanden werden, um zu neuen Ans\u00e4tzen zu gelangen. Dementsprechend interessiert mich, wie wir unsere Arbeit kritisch reflektieren und in Frage stellen k\u00f6nnen. Dazu ist es n\u00f6tig, auch anderen Disziplinen einen Blick \u00fcber die Schulter zu gew\u00e4hren. So ist 2005 auch die Publikation \u201eDas Gesetz und seine visuellen Folgen\u201c entstanden, in der die Schnittstelle zwischen \u00c4sthetik und Gesetz thematisiert wird. Hier haben wir eng mit Fachleuten aus der Rechtswissenschaft, der Politik und dem Design zusammengearbeitet. Es trafen Disziplinen aufeinander, die meist nur sehr pragmatisch miteinander in Ber\u00fchrung kamen, sich dann aber pl\u00f6tzlich zu verstehen begannen. Damit wollen wir den Dialog \u00f6ffnen und uns die Frage stellen: Wie k\u00f6nnen wir unsere verschiedenen Disziplinen fusionieren, damit wir f\u00fcr die gro\u00dfen gesellschaftlichen Probleme gewappnet sind?\u00a0Ein gro\u00dfer Fehler unserer Fachrichtung ist es, dass wir die Dinge beherrschen wollen, zum Beispiel, wenn wir Objekte m\u00f6glichst perfekt gestalten m\u00f6chten, aber vergessen, sie in Beziehung mit einem Kontext zu setzen. Auf Basis dieser Forschungshaltung haben wir uns nat\u00fcrlich nicht nur Freunde gemacht: Wir kritisieren, nehmen klare Positionen ein und irritieren damit nat\u00fcrlich auch ein wenig. Was unter anderem leider auch dazu gef\u00fchrt hat, dass unser Forschungsinstitut Design2context an der Z\u00fcrcher Hochschule der K\u00fcnste im Dezember 2011 geschlossen wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2017 soll die Hamburger <a href=\"http:\/\/irb-zurich.eu\/projekte\/#id147\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Elbphilharmonie<\/a> nun endlich er\u00f6ffnet werden, 2007 durfte Int\u00e9gral das Orientierungssystem und Erscheinungsbild gestalten. Wie gehen Sie damit um, dass zwischen Entwurf und Er\u00f6ffnung ganze zehn Jahre liegen? Ist Ihr damaliger Ansatz noch zeitgem\u00e4\u00df?<\/strong><\/p>\n<p>Damals dachten wir, dass wir ein Jahr vor der Er\u00f6ffnung das Erscheinungsbild konzipieren w\u00fcrden. H\u00e4tten wir gewusst, dass daraus zehn werden, h\u00e4tten wir eine andere Strategie gew\u00e4hlt: Wir h\u00e4tten nicht das Design des Erscheinungsbilds gestaltet, sondern der Entwicklungsprozesse. Wir h\u00e4tten uns die Frage gestellt, wie sich die einzelnen Elemente erneuern und weiterentwickeln lassen. Das ist jetzt nat\u00fcrlich nicht mehr m\u00f6glich, und ich habe das Gef\u00fchl, dass das Design ein wenig \u201everbraucht\u201c ist, noch bevor die Elbphilharmonie er\u00f6ffnen konnte. Marketing und Werbung haben unterdessen leider auch mehr Wichtigkeit in unserer hyperliberalen Gesellschaft und Kultur gewonnen. So nehmen heute auch Werbeagenturen den Platz der Gestalter in diesem Bereich ein, was sicherlich nicht immer zu gesellschaftlich relevanten kulturellen Aspekten f\u00fchrt. Anders haben wir es bei der Signaletik f\u00fcr die Pariser M\u00e9tro versucht: Hier haben wir bewusst geplant, dass sich jedes Element permanent ver\u00e4ndern kann und soll und sich damit auch der Zeit anpasst. Aktuell befinden wir uns hier in einer spannenden Phase, denn sieben Jahre vor der Er\u00f6ffnung m\u00fcssen wir mit den Architekten kl\u00e4ren, wo die Informationstr\u00e4ger installiert werden. Was seltsam ist, denn die Drucksachen m\u00fcssen ja quasi erst zwei Monate vor der Einweihung fertiggestellt sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zusammen mit der franz\u00f6sischen Journalistin Karelle M\u00e9nine haben Sie im belgischen Mons einen zehn Kilometer langen Satz \u2013 \u201eLa Phrase\u201c \u2013 durch die Stra\u00dfen der europ\u00e4ischen Kulturhauptstadt 2015 gef\u00fchrt. Die zusammengesetzten poetischen Werke wurden dabei in liebevoller Handarbeit auf Boden, Geb\u00e4ude und Mauern gemalt. Wie gehen Sie hier mit Gebrauchsspuren um? Sind diese Teil Ihrer Arbeit?<\/strong><\/p>\n<p>Keiner kann Dir vorher sagen, wie sich ein Projekt entwickeln wird. Mittlerweile haben wir mit Gebrauchsspuren aber ein wenig Erfahrung sammeln k\u00f6nnen. In Mons hatten wir anfangs Angst, denn an den ersten Tagen wurden hier Teile unserer Realisation zerst\u00f6rt, und wir mussten jeden Tag Meter um Meter erneuern. So langsam haben sich aber alle mit dem Kunstwerk arrangiert. Ich denke, das hat sicher mit dem Austausch der Bewohner untereinander zu tun. In solchen St\u00e4dten sind die Menschen oft alleine, haben selten Beziehungen zu ihren Nachbarn \u2013 geschweige denn zum B\u00fcrgermeister. Das hat sich nun ge\u00e4ndert: An Abenden, an denen wir Hausbesitzer und Mieter zusammengebracht und sie zum Gespr\u00e4ch gebeten haben, wurden wir mit Dank \u00fcberh\u00e4uft. Wir haben oft geh\u00f6rt, wir seien seit 20 Jahren die ersten, die sich mit den Bewohnern besch\u00e4ftigen und nicht nur kommen, um Geld zu kassieren, sondern etwas erreichen und ver\u00e4ndern wollen. Darum pl\u00e4diere ich so stark daf\u00fcr, Unn\u00f6tiges dringend in unsere St\u00e4dte einzuf\u00fcgen, denn genau das macht den Austausch erst m\u00f6glich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Funktionieren derartige Konzepte in kleinen St\u00e4dten denn besser als in gro\u00dfen Metropolen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, zurzeit sind Kleinst\u00e4dte von der Krise mehr \u201everletzt\u201c worden als die Gro\u00dfst\u00e4dte: In Metropolen ist die wirtschaftliche Lage oft nicht so prek\u00e4r, und die Jugend wandert nicht ab, weil sie eine gute Perspektive hat. Sozial gesehen, sind die Kleinst\u00e4dte also viel schlimmer dran. Aber genau hier liegt ja auch das Potenzial, denn in Krisenherden ist die Chance gr\u00f6\u00dfer, wirklich etwas ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen. Wenn die Bewohner sich wohlf\u00fchlen, haben sie nicht das Bed\u00fcrfnis nach Ver\u00e4nderung.#<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das sind dann die st\u00e4dtischen Identit\u00e4tskrisen?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, absolut! F\u00fcr einen kurzen Zeitraum k\u00f6nnen wir diese Krisen bew\u00e4ltigen und mit unseren Eingriffen zu kleinen Ver\u00e4nderungen beitragen. Unser Ziel ist es dabei, so lange wie m\u00f6glich positiv in Erinnerung zu bleiben. Aber wir versuchen am Anfang eines Vorhabens auch so ehrlich zu sein und zu sagen, dass das Projekt nur einen begrenzten Zeitraum andauern wird und nicht l\u00e4nger, damit keine falschen Erwartungen entstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zum Schluss w\u00fcrden wir Ihnen gerne noch eine allgemeine Frage stellen: Was w\u00fcrden Sie den Akteuren unserer Branche mit auf den Weg geben?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin der Meinung, die Epoche der gigantischen Inszenierungen ist vorbei. Der Druck der Politik wird immer gr\u00f6\u00dfer, Autoritarismus und \u00c4ngste sind sp\u00fcrbar, und wir arbeiten in keiner einfachen Zeit \u2013 das ist ganz klar. Dementsprechend sollten wir als Gestalter radikal bleiben, Experimente entwickeln, die Politiker nicht wagen, neue Visionen mit den B\u00fcrgern konzipieren und uns unbedingt mit der Beziehung zu neuen Technologien besch\u00e4ftigen, die uns heute und in Zukunft umgeben. Wenn wir diese Rolle als Advokaten der B\u00fcrger in der Gesellschaft nicht erf\u00fcllen, steuern wir in die Katastrophe. Gerade in den aktuellen Zeiten, in denen neue und extreme \u00c4ngste gesch\u00fcrt werden, m\u00fcssen wir den Menschen, die desorientiert sind, helfen, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. So machen wir die Welt St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck zu einem besseren Ort. Ich finde es spannend, was wir als Gestalter alles erreichen k\u00f6nnen, wenn wir es nur wollen &#8230;<\/p>\n<p><strong><br \/>\nRuedi Baur, vielen Dank f\u00fcr das offene Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zur Person<\/strong><\/p>\n<p>Ruedi Baur, Jahrgang 1956, lernte den Beruf des Grafikers an der Schule f\u00fcr Gestaltung in Z\u00fcrich. Nachdem er 1983 in Lyon das Atelier Bbv gr\u00fcndete, wurde er 1989 Mitbegr\u00fcnder des interdisziplin\u00e4ren Netzwerks Int\u00e9gral Concept und leitet seither die Ateliers Int\u00e9gral Ruedi Baur Paris\/Z\u00fcrich sowie das Laboratoire Irb. Seit 1987 \u00fcbernimmt er regelm\u00e4\u00dfig Lehraufgaben: Von 1989 bis 1996 koordinierte er in Lyon den Fachbereich Design an der \u00c9cole des Beaux-Arts, 1995 wurde er Professor in Leipzig an der Hochschule f\u00fcr Grafik und Buchkunst, deren Rektor er von 1997 bis 2000 war. Und 2004 gr\u00fcndete er das Forschungsinstitut Design2context an der Z\u00fcrcher Hochschule der K\u00fcnste, das er zusammen mit Vera Baur und Clemens Bellut leitete, bis es 2011 geschlossen und vom kritischen Forschungsinstitut und Netzwerk Civic City in Genf abgel\u00f6st wurde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch versuche Design und Gestaltung zu benutzen, um die Gesellschaft zu ver\u00e4ndern.\u201c &nbsp; Um seine konzeptionelle Haltung zu umschreiben, w\u00e4hlte Ruedi Baur in einer [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1353],"tags":[880],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26465"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26465"}],"version-history":[{"count":29,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26465\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32223,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26465\/revisions\/32223"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26465"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26465"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26465"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}