{"id":26042,"date":"2016-04-22T13:21:12","date_gmt":"2016-04-22T13:21:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=20199"},"modified":"2019-08-27T12:49:53","modified_gmt":"2019-08-27T10:49:53","slug":"interview-nils-wiberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2016\/04\/interview-nils-wiberg\/","title":{"rendered":"Nils Wiberg \u00fcber die Formbarkeit der Interaktionsgestaltung im musealen Kontext"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eWir glauben, wenn jeder schreit und Sie fl\u00fcstern, werden Sie geh\u00f6rt.&#8221;<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>1961 erreichte Juri Gagarin Ber\u00fchmtheit, in dem er als sowjetischer Kosmonaut der erste Mensch im Weltraum war. In der Szenografie-Szene macht sich nun eine kleine Medienagentur bemerkbar, die als Hommage seinen Namen tr\u00e4gt: Gagarin. Als Gewinner des European Design Award 2015 und j\u00fcngst des German Design Award 2016 f\u00fcr das <a href=\"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2016\/04\/wild_reindeer_exhibition\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wild Reindeer Museum<\/a> in Norwegen sowie das <a href=\"http:\/\/gagarin.is\/work\/canadian_museum_for_human_rights\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Canadian Museum for Human Rights<\/a> etabliert sich das kleine Team aus Reykjavik. Dabei betrachten sie ihre Arbeit selbst als \u201edigital sculpting\u201c. Anl\u00e4sslich des Vortrags, den Kristin Olafsdott\u00edr und Nils Wiberg, Art-Direktor und Interaktionsgestalter, im Februar 2016 im <a href=\"http:\/\/www.atelier-brueckner.de\/de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ATELIER BR\u00dcCKNER<\/a> \u00fcber ihre Arbeit hielten, konnten wir die Chance nutzen, sie anschlie\u00dfend zu interviewen.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><em><br \/>\nDie Fragen stellte Elisa Eichner.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Nils, im Vortrag bezeichnet Ihr Eure Arbeit als \u201edigital sculpting\u201c \u2013 digitale Bildhauerei. Wie l\u00e4sst sich Interaktionsgestaltung in Bezug auf diese\u00a0Kunstform erkl\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist eigentlich eine Idee, die aus dem Buch von Andrej Tarkowskij herr\u00fchrt: \u201eSculpting in time\u201c (Anm. der Red.: zu deutsch: \u201eDie versiegelte Zeit. Gedanken zur Kunst, zur \u00c4sthetik und Poetik des Films\u201c). In dieser Publikation versucht er zu erkl\u00e4ren, was das Kino-Handwerk f\u00fcr ihn bedeutet. Ich fragte mich, wenn das Kino seiner Meinung nach eine Art Formvariable der Zeit ist, was ist dann das formbare Material des Interaktionsdesigns? Bis heute eine unbeantwortete Frage &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Welcher formbaren Mittel bedient sich Gagarin?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es unser Ziel, so viel Poesie wie m\u00f6glich in diese Erfahrung einflie\u00dfen zu lassen. Wir finden derzeit eine Menge Inspiration in der Literatur und der Bildenden Kunst, in der Konzepte st\u00e4ndig in Raum und Sprache \u00fcbersetzt werden. Und wir \u00fcbersetzen sie in Zeit und Interaktivit\u00e4t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet dies f\u00fcr die Formbarkeit von Interaktionsgestaltung?<\/strong><\/p>\n<p>In der Filmindustrie dauerte es einige Jahrzehnte, eine allgemeing\u00fcltige Grammatik zu entwickeln, um Geschichten auf der Leinwand zu erz\u00e4hlen. Inzwischen sind die interaktiven Medien mehr als 20 Jahre alt und ihre allgemeing\u00fcltige \u201eSprache\u201c steckt immer noch in den Kinderschuhen \u2013 das ist es, was wir mit Formbarkeit in der Digitalit\u00e4t meinen. In Bezug darauf, was wir tun, sind wir mit der Arbeit Tarkowskijs vergleichbar. Er gestaltete Filme mit einer poetischen Bildsprache, w\u00e4hrend seine Kollegen D.W. Griffith und \u2013 um eine deutsche Referenz zu nennen \u2013 F.W. Murnau grotesk verzerrte und kontrastreich beleuchtete Filmb\u00fchnen schufen. Deutsche Expressionisten erkannten fr\u00fch die Regeln der filmischen Grammatik, die in Amerika entwickelt wurde, und hatten es geschafft, sie gekonnt zu brechen, um etwas Neues zu kreieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was ist der jetzige Stand dieser noch formbaren Entwicklung?<\/strong><\/p>\n<p>Bisher wird die Grammatik f\u00fcr die digitale Welt so zweckorientiert genutzt, wie sie entstanden ist. Es ist vergleichbar mit der Anschaffung eines Hundes, um sein eigenes Herz-Kreislauf-System zu verbessern: Digitale Str\u00f6me, die durch die Massen an Menschen verursacht werden, verfolgen nicht unbedingt das Ziel, deren Bed\u00fcrfnisse erf\u00fcllen zu wollen, sondern \u00fcberspringen das quasi \u201e\u00fcber deren Daumen\u201c hinweg, um an der Oberfl\u00e4che sichtbar zu bleiben \u2013 wie Kieselsteine, die \u00fcber Wasser geworfen werden: Nutzer liken symboltr\u00e4chtig mit einem Daumen Inhalte (und benutzen daf\u00fcr auch nur diesen) oder verlinken sie, so bleiben sie im Umlauf. Die Verteilung wird von Computern und Algorithmen generiert, daher werden entsprechende Inhalte nicht notwendigerweise auf den Menschen abgestimmt, auch wenn diese urspr\u00fcnglich von ihm stammen. Posts werden mit maschineller Geschwindigkeit sortiert, verbreitet und transformieren die Nutzer selbst in Maschinen: in Like-Maschinen wie vom Flie\u00dfband.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Im Hinblick auf diese Angewohnheit: Wie gestaltet Ihr im Gegenzug?<\/strong><\/p>\n<p>Wir versuchen es anders anzugehen: Unserer Meinung nach, kreieren wir profunde Erfahrungen, die sich auf die Reflexion der Besucher und die Plausibilit\u00e4t des Inhalts st\u00fctzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnen wir uns das vorstellen?<\/strong><\/p>\n<p>Im Hinblick auf die Wechselwirkungen, die wir mit dem Inhalt erstellen, versuchen wir immer eine grundlegende, metaphorische Kontinuit\u00e4t zu haben. F\u00fcr die Interaktionsgestaltung eines kulturellen Erbes \u2013 oder jede andere museale Erfahrung \u2013 ist es optimal, dass wir, bevor wir als Gestalter unsere Interpretation \u201everr\u00e4umlichen\u201c und damit \u00e4u\u00dfern, den Themen eine interaktive Metapher geben, die \u00fcbergeordnet f\u00fcr die gesamte Erfahrung steht. Auf die gleiche Weise wie die visuelle \u00c4sthetik Hand in Hand mit dem Thema geht, muss es die formale \u00c4sthetik gleich tun.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das klingt theoretisch einleuchtend, aber wie setzt Ihr das in einer Ausstellungsumgebung um?<\/strong><\/p>\n<p>Als wir zum Beispiel eine Medienstation f\u00fcr das <a href=\"http:\/\/gagarin.is\/work\/sea_monster_table\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sea Monster Museum<\/a> in B\u00edldudalur im Norden von Island entwarfen war es wichtig, die Interaktion auf die gesamte Erz\u00e4hlung des Museums anzupassen. Das Konzept beinhaltete, in einem Zeitkapsel-Forschungszentrum \u00fcber die kryptozoologischen Vergangenheit der Seeungeheuer aus den isl\u00e4ndischen Westfjorden zu berichten. Es sollte so aussehen, als ob die Zeit um die Wende des 20. Jahrhunderts eingefroren wurde, um jetzt wiederentdeckt und ausgestellt zu werden. Die Erz\u00e4hlung fand dann auf einer Art Meta-Ebene der Anthropologie statt. Uns schien eine futuristische oder auch moderne Schnittstelle in einem solchen Kontext sehr anachronistisch, also passten wir stattdessen die \u00c4sthetik der Interaktion der mechanistischen Ideale der Zeit an und erweiterten sie mit der Kraft der Pixel.<br \/>\nAuch als wir gebeten wurden, ein Konzept rund um Elektrizit\u00e4t in einem Ausstellungskontext zu erkl\u00e4ren (Anm. der Red.: Ausstellung &#8220;<a href=\"http:\/\/gagarin.is\/work\/powering_the_future\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Powering the future<\/a>&#8220;,\u00a0Lj\u00f3safoss, Island) w\u00e4hlten wir als Mittel der Interaktion die menschliche Kraft: Mit einer einf\u00fchrenden Installation aus einer halbtransparenten Betonwand, die einen gro\u00dfen Bildschirm in sich eingebettet hatte, wurden die Besucher aufgefordert, Druck auf die Wand auszu\u00fcben. Visuell wurde die aufgewendete Kraft kommuniziert und stellte damit die \u00fcbergeordnete Metapher der Ausstellung dar. Denn nun war es leicht, alle weiteren Formen der Energie \u2013 die durch die Aus\u00fcbung des Kraftakts der Besucher schon \u00fcbermittelt wurde \u2013 wie Leistung, Arbeit, Energie und Strom \u2013 weiter zu erl\u00e4utern. Die Besucher waren in ihren Bewegungen frei, konnten anschlie\u00dfend die Informationen aus der Ausstellung intuitiv heben oder pumpen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was wird Gagarins roter Faden f\u00fcr die Zukunft sein?<\/strong><\/p>\n<p>Wir wollen in Zukunft R\u00e4ume schaffen f\u00fcr poetische, ruhige und reflektierende intellektuelle Diskurse in einer zunehmend rasanten, algorithmisierten und irgendwie \u00e4ngstlichen Welt. Wir glauben, wenn jeder schreit und Sie fl\u00fcstern, werden Sie geh\u00f6rt.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nNils Wiberg, vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Zur Person<\/strong><\/p>\n<p>Dass der schwedischst\u00e4mmige Interaktionsgestalter Nils Wiberg ein umfassendes Interesse f\u00fcr Bildende K\u00fcnste, Film und Literatur hegt, beweist auch sein Lebenslauf: Zwischen 2001 und 2009 hat er in Schweden die Universit\u00e4ten in Lund, Link\u00f6ping und Ume\u00e5 und in Reykjavik die Island Universit\u00e4t besucht und dabei jeweils F\u00e4cher in Design, Film, Literatur, Philosophie und Ausstellungsgestaltung belegt. Schlie\u00dflich hat er seine studentische Laufbahn mit zwei Master-Abschl\u00fcssen absolviert: in Cognitive Science an der Link\u00f6ping Universit\u00e4t 2008 und in Human Computer Interaction an der Ume\u00e5 Universit\u00e4t im Jahr 2009. Letzteres geschah schon in Zusammenarbeit mit Gagarin, wo er seit seinem Abschluss arbeitet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWir glauben, wenn jeder schreit und Sie fl\u00fcstern, werden Sie geh\u00f6rt.&#8221; &nbsp; 1961 erreichte Juri Gagarin Ber\u00fchmtheit, in dem er als sowjetischer Kosmonaut der [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1353],"tags":[33,880],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26042"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=26042"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26042\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":42193,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26042\/revisions\/42193"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=26042"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=26042"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=26042"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}