{"id":24796,"date":"2016-01-11T09:27:52","date_gmt":"2016-01-11T09:27:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=19896"},"modified":"2017-06-07T10:59:54","modified_gmt":"2017-06-07T08:59:54","slug":"david_bowie_is_die_suche_nach_einem_chamaeleon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2016\/01\/david_bowie_is_die_suche_nach_einem_chamaeleon\/","title":{"rendered":"David Bowie is &#8211; Die Suche nach einem Cham\u00e4leon"},"content":{"rendered":"<p><strong>David Bowie Ist nicht nur einer der bekanntesten Musiker der letzten vier Jahrzehnte, David Bowie Ist mehr: Seine Rollen \u2013 allen voran seine Alter Egos Ziggy Stardust, Aladdin Sane oder Thin White Duke \u2013 und die Wahrnehmung ebendieser sind vielf\u00e4ltig und wandeln sich bis heute stetig. Aber wer Ist dieser David Bowie nun tats\u00e4chlich? Eine Antwort auf diese Frage zu finden ist schwierig, doch die Kuratoren des Victoria and Albert Museums in London haben sich der Herausforderung gestellt und eine Ausstellung konzipiert, die dem Ph\u00e4nomen David Bowie in all seinen Facetten nachsp\u00fcrt.<\/strong><\/p>\n<p><em>von Sabine Marinescu<\/em><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht sofort ein Lied im Ohr oder ein Bild vor Augen hat, wenn er den Namen David Bowie h\u00f6rt. Aber so vielf\u00e4ltig und individuell diese sinnlichen Vorstellungen von dem in Gro\u00dfbritannien geborenen K\u00fcnstler sind, so unterschiedlich sind auch die von ihm generierten Bilder, die im Fr\u00fchjahr und Sommer 2013 in London gezeigt wurden. Der Titel der Ausstellung ist bewusst gew\u00e4hlt und genauso bewusst in seiner Gegenwartsform gehalten. Denn bei David Bowie Is handelt es sich nicht um eine klassische Retrospektive des ber\u00fchmten Musikers, sondern vielmehr um eine Auseinandersetzung mit seinem umfassenden sch\u00f6pferischen Werk, mit seinem Einfluss auf verschiedenste k\u00fcnstlerische und gesellschaftliche Prozesse und nicht zuletzt mit seiner Pers\u00f6nlichkeit. Victoria Broackes, Kuratorin, und Geoffrey Marsh, Direktor der Abteilung Theater und Performance des weltber\u00fchmten Museums f\u00fcr Kunstgewerbe und Design konzipierten eine thematisch strukturierte und nicht wie sonst h\u00e4ufig \u00fcblich chronologisch angelegte Reise durch die faszinierende Welt des David Bowie. Seine Musik spielte dabei \u2013 selbstverst\u00e4ndlich \u2013 eine wesentliche Rolle und so entwickelten die verantwortlichen Gestalter von 59 Productions und Real Studios eine vielschichtige Ausstellungsgestaltung, bei welcher der Klang eng mit den r\u00e4umlichen Gegebenheiten und den Exponaten verwoben wurde.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihr thematisch und inhaltlich sortiertes Konzept suchten Broakes und Marsh die gut 300 gezeigten Ausstellungsst\u00fccke eigenh\u00e4ndig aus dem Archiv des K\u00fcnstlers, dessen \u00fcber 60.000 St\u00fccke umfassende Sammlung von einem eigenen Archivar betreut werden. \u201eEin seltener Gl\u00fccksfall\u201c, so Marsh, \u201edenn Rockmusiker bewahren normalerweise nichts auf!\u201c Filmmaterial Fotografien, Zeichnungen, Texte und eine beachtliche Auswahl an Kost\u00fcmen fanden so ihren Weg nach London und waren Inspirationsquelle und Basis f\u00fcr die dreidimensionale Gestaltung der Ausstellung. Das interdisziplin\u00e4re Team der in London ans\u00e4ssigen B\u00fcros von 59 Productions und Real Studios kreierten zun\u00e4chst eine f\u00fcr die ganze Ausstellung einheitliche Form- und Farbensprache. Geometrisch facettierte Elemente und eine monochrome Farbpalette \u2013 von wei\u00df \u00fcber grau zu schwarz \u2013 mit Akzenten in \u201eZiggy Orange\u201c bilden die Grundlage f\u00fcr die ma\u00dfgeschneiderten Sequenzen, in denen sich die unterschiedlichen Themenbereiche pr\u00e4sentieren. Insgesamt 21 Bereiche durchl\u00e4uft der Besucher \u2013 jedoch nicht in einer strikt einzuhaltenden Abfolge. Er kann sich durch die Kaleidoskopartige Anordnung der Inhalte frei bewegen und so einen eigenen Weg zu David Bowie finden. Dennoch entwickelten Mark Grimmer, Art Director von 59 Productions, und Mike Hawkes, Projektleiter der Real Studios, eine durchdachte Choreografie der aufeinanderfolgenden Bereiche.<\/p>\n<p>Um an der richtigen Stelle jedoch auch den richtigen Sound in den eher beengten R\u00e4umlichkeiten zu vernehmen und dabei nicht in eine ungeregelte und disharmonische \u00dcberlagerung von Kl\u00e4ngen und Musik zu geraten, erhalten die Besucher speziell programmierte Audioguide-System von Sennheiser. Nicht nur individuell anw\u00e4hlbare Ausstellungstexte sind hier gespeichert und k\u00f6nnen jederzeit abgeh\u00f6rt werden: Die Besonderheit sind die musikalischen Sationen, die sich in einem abgegrenzten Bereich vor oder um ein Exponat befinden. Betritt der Besucher diesen H\u00f6r-Raum werden automatisch Signale an das tragbare Ger\u00e4t gesandt und in Echtzeit wird die auf die inhaltlichen Themen abgestimmte Musik f\u00fcr jeden einzelnen h\u00f6rbar.<\/p>\n<p>Die Ausstellung gliedert sich in zwei gro\u00dfe Bereiche, die im V&amp;A auch baulich voneinander getrennt sind: Die Gallery 39 und der North Court. So befinden sich in der ersten H\u00e4lfte David Bowies fr\u00fche Jahre, seine Entwicklung zum K\u00fcnstler, sein kommerzieller Durchbruch, seine Kollaborationen mit anderen K\u00fcnstlern und sein kreativer Prozess. Der zweite Teil zeigt Bowie als Darsteller \u2013 auf und hinter der B\u00fchne. Doch zun\u00e4chst betritt der Besucher die Ausstellung \u00fcber den Eingangsbereich, der sich wie ein konventioneller Ausstellungsraum gestaltet ist und drei Haupt-St\u00fccke zeigt: Ein skulptural anmutendes B\u00fchnenkost\u00fcm des Designers Kansai Yamamoto aus dem Jahr 1973, eine Installation aus pyramidenf\u00f6rmig gestapelten Orangen, \u201eSoul City\u201c, von Roelof Louw, die erstmals 1967 aufgebaut wurde und eine Skulptur von Carl Andr\u00e9 \u2013 ein Boden, schachbrettartig auslegt mit Fliesen, \u00fcber den die Besucher gehen k\u00f6nnen. Diese Anordnung der drei zun\u00e4chst sehr unterschiedlich erscheinender Exponate gepaart mit Liedtexten und weiteren kleineren St\u00fccken zeigt gleich zu Beginn den Bezug und die Einflussnahme Bowies auf die Kultur des sp\u00e4ten 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>So eingestimmt bewegt sich der Besucher durch die schier unz\u00e4hligen Welten eines K\u00fcnstlers, der nur schwer zu fassen scheint. Der Rundgang beginnt in der Londoner Nachkriegszeit, mit Bowies Geburtsjahr 1947. Hier werden in Vitrinen, Nischen oder Rahmen und mit Hilfe unterschiedlichster Exponaten, das Leben in der Londoner Vorstadt, die Neuerungen in Kunst, Technologie, Musik, Theater und Jugendkultur lebendig und zeichnen die pers\u00f6nlichen Einfl\u00fcsse auf Bowie bis zu seinem kommerziellen Durchbruch 1969 nach. Unter dem Titel \u201eDavid Bowie Is making himself up\u201c werden so auch die ersten Begegnungen des Teenagers David Robert Jones, Bowies Geburtsnamen, mit der damaligen Musik, seinen Idolen und seinen ersten Versuchen als Bandmitglied nachgesp\u00fcrt. In einer f\u00fcnfseitigen Projektion, die sich an den Innenseiten eines fiktiven Wohnraums zeigt, verwandelt sich Bowie in einem eigens produzierten Film in seine ersten Rollen: einen Musiker, eine Mimen, einen Maler oder Schriftsteller.<\/p>\n<p>Vorbei an einer von Stanley Kubricks \u201e2001: Odyssee im Weltraum\u201c inspirierten Szenerie und r\u00e4umlichen Darstellung des ersten Nummer-Eins-Hits Space Oddity gelangt der Besucher zu einem zentralen Exponat und der ersten Pr\u00e4sentation Bowies als perfekten (Selbst-) Darsteller auf der B\u00fchne. Bis heute ist sein Auftritt bei der englischen Fernsehsendung Top Of The Pops aus dem Jahr 1972 legend\u00e4r: Die Performance seines Songs \u201eStarman\u201c spiegelt f\u00fcr viele, vor allem junge, Zuschauer, die sich ver\u00e4ndernden gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten und den damit verbundenen Zeitgeist wieder. Es ist nicht nur der Text des Liedes, es ist vor allem Bowies B\u00fchnenpr\u00e4senz und sein fast au\u00dferirdisches und androgynes Aussehen, das ihn zum Idol vieler Teenager und ihrem Verlangen nach pers\u00f6nlicher sexueller Freiheit und individueller Ausdrucksweise macht. Zentral in einem Spiegelkabinett ist das vom Designer Freddie Burnett speziell f\u00fcr diesen Fernsehauftritt entworfene und von Kubricks Clockwork Orange inspirierte Outfit ausgestellt. So wird nicht nur das Kost\u00fcm und die im Hintergrund laufende Aufnahme zigfach gespiegelt \u2013 auch der Besucher sieht sich darin, wird von Bowie aufgefordert einzutreten und wird damit Teil der Inszenierung.<\/p>\n<p>In den folgenden Abschnitten kann sich der Besucher weiteren Themengebieten widmen, aber er begegnet vor allem den Inspirationen des K\u00fcnstlers und seiner inspirierenden Wirkung auf andere. Platten, handschriftlichen Liedtexte und Kost\u00fcme, aber auch B\u00fccher und Zeichnungen zeigen die Vielschichtigkeit seiner Interessen, der eigenen Darstellungen und die damit einhergehenden Rollen. Es wird klar, Davis Bowie Ist Musiker, Schauspieler, K\u00fcnstler, Provokateur, Impulsgeber \u2013 und wird es auch noch weiter bleiben. Damit endet der erste Teil der Ausstellung und der Besucher wird zum zweiten inhaltlichen Schwerpunkt geleitet: David Bowie auf unter hinter der B\u00fchne. Musikvideos, weitere Kost\u00fcme und die Darstellung seines Aufenthalts 1976-78 in Berlin, lassen seine Einflussnahme auf Musik- und Modestile, in denen sich David Bowie pr\u00e4sentiert hat, deutlich erkennen.<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt, inhaltlich ebenso wie gestalterisch und klanglich, stehen hier jedoch die so genannten \u201eShow Moments\u201c. Der Raum ist zwar in drei eigenst\u00e4ndige Bereiche gegliedert, aber die Projektionen auf den raumhohen Leinw\u00e4nden und eine genau abgestimmter Klangteppich f\u00fchren zu einem immersiven 360\u00b0 Raumerlebnis. Der Besucher wird hier zum Zuschauer einer gigantischen Show und wird eingeh\u00fcllt in eine aufw\u00e4ndige Abfolge von Songs, Videos und Liveauftritten Bowies, die den K\u00fcnstler in vielen seiner Facetten zeigen. Puppen in Original-B\u00fchnenkost\u00fcmen, die sich auf teilweise umgest\u00fcrzten Elementen vor den Leinw\u00e4nden positionieren vervollst\u00e4ndigen das Bild eines musikalischen und darstellerischen Cham\u00e4leons.<\/p>\n<p>Entlassen wird der Besucher durch den Besuch der letzten Bereiche, die sich deutlich abheben von der vorherigen Show, dennoch das Bild zu vervollst\u00e4ndigen versuchen. In klassischer musealer Art und Weise werden hier zun\u00e4chst eine Vielzahl von Fotografien pr\u00e4sentiert, die \u2013 meist von ebenso ber\u00fchmten Fotografen erstellten \u2013 Bilder von Bowies Verwandlungen in seine unterschiedlichen Charaktere zeigen. Desweitern werden in Bildern und Filmen mehr oder weniger ber\u00fchmte Personen, die sich von seinem Image und seinem Stil haben inspirieren lassen, vorgestellt.<\/p>\n<p>Nach dieser so intensiven Auseinandersetzung mit der Musik, der Arbeit und der Person David Bowie fragt sich der Besucher, sobald er das Museum verlassen hat, dennoch: Wer ist dieser David Bowie tats\u00e4chlich? Und auch wenn sich ein (oder mehrerer) Ohrw\u00fcrmer und alte und neue Bilder im Kopf festgesetzt haben, sicher ist: Niemand kann sich sicher sein, wer David Bowie Ist. Im Gegenteil: neue Fragen stellen sich. Aber genau das macht auch den Reiz und den Erfolg dieser Ausstellung aus, denn vielleicht Ist David Bowie Jeder.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Bowie Ist nicht nur einer der bekanntesten Musiker der letzten vier Jahrzehnte, David Bowie Ist mehr: Seine Rollen \u2013 allen voran seine Alter [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4],"tags":[1377,113,1376],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24796"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=24796"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24796\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27320,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24796\/revisions\/27320"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=24796"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=24796"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=24796"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}