{"id":24684,"date":"2015-12-22T11:05:47","date_gmt":"2015-12-22T10:05:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=20199"},"modified":"2017-07-06T11:17:54","modified_gmt":"2017-07-06T09:17:54","slug":"interview_rostasy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2015\/12\/interview_rostasy\/","title":{"rendered":"Andrea Rost\u00e1sy \u00fcber Computerspiele in Museen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eEin Computerspiel er\u00f6ffnet die M\u00f6glichkeit, sich spielerisch dem Inhalt zu n\u00e4hern. Es f\u00f6rdert Partizipation und Interaktion.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Der abenteuerliche Reisebericht des norwegischen Kapit\u00e4ns und Entdeckers Johan Adrian Jacobsen, der Ende des 19. Jahrhunderts im Auftrag des Berliner V\u00f6lkerkundemuseums die amerikanische Nordwestk\u00fcste und Alaska bereiste und rund 3000 Artefakte von dort mit nach Berlin brachte, war der Ausgangsunkt einer gleichnamigen Ausstellung im Berliner Humboldt Lab Dahlem. Dieses Zeitdokument seines Beutezugs soll im Humboldt Forum Teil eines Ausstellungsmoduls werden, das sich kritisch mit der eigenen Sammlungsgeschichte besch\u00e4ftigt. F\u00fcr Reisebericht schrieb das Humboldt Lab Dahlem, das bis Oktober 2015 die Neukonzeption der Ausstellungen des Ethnologischen Museums und des Museums f\u00fcr Asiatische Kunst im k\u00fcnftigen Humboldt Forum begleitete, einen zweistufigen Konzeptwettbewerb aus und beauftragte daraufhin zwei K\u00fcnstlergruppen, die sehr pers\u00f6nlichen Aufzeichnungen Jacobsens in ein zeitgen\u00f6ssisches Erz\u00e4hlformat zu \u00fcbersetzen. Das Puppentheater Das Helmi produzierte das Puppenspielvideo \u201eDer von einem Stern zum anderen springt\u201c und die K\u00fcnstlergruppe gold extra entwickelte das Computerspiel \u201eTotem&#8217;s Sound\u201c, das von einer Augmented-Reality-Pr\u00e4sentation flankiert wurde.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anl\u00e4sslich des Einsatzes dieses im Museum bisher ungew\u00f6hnlichen Mediums sprach PLOT mit der K\u00fcnstlerin und Medienkuratorin Andrea Rost\u00e1sy, die sich gemeinsam mit der Direktorin des Ethnologischen Museums, Viola K\u00f6nig, und der Kuratorin der Abteilung Nordamerika, Monika Zessnik, f\u00fcr die Schau verantwortlich zeigt.<\/strong><\/p>\n<p><em><br \/>\nDie Fragen stellte Andreas Finger.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was war Ihre Intention, ein Computerspiel in die Ausstellungskonzeption zu integrieren?<\/strong><\/p>\n<p>Es ging uns darum, neue Strategien der Wissensvermittlung zu erproben und den pers\u00f6nlichen Bericht, der ja ein Textdokument ist, durch medial-kontextualisierende Erz\u00e4hlweisen innerhalb der Ausstellung anschaulich zu vermitteln \u2013 und zwar nicht analog zu den Inhalten. Im Gegenteil: Der Stoff aus dem 19. Jahrhundert sollte in eine eigenst\u00e4ndige k\u00fcnstlerische Leistung \u00fcbersetzt werden. Ein Computerspiel er\u00f6ffnet hier die M\u00f6glichkeit, sich spielerisch dem Inhalt zu n\u00e4hern. Es f\u00f6rdert Partizipation und Interaktion.<\/p>\n<p>Zudem ist die K\u00fcnstlergruppe gold extra bekannt daf\u00fcr, dass sie dokumentarische Inhalte in neuen Erz\u00e4hlformaten verarbeiten. Das f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.humboldt-forum.de\/humboldt-lab-dahlem\/projekte-probebuehnen\/reisebericht\/\">Reisebericht <\/a>entwickelte Spiel \u201eTotem&#8217;s Sound\u201c zeigt das Thema im so genannten 2D Post-Pixel Stil. Dabei steht das Erkunden und Kennenlernen von Umgebung und Situation beim interaktiven Spielverlauf im Vordergrund. So sind die Besucher eingeladen, die Geschichte und damit auch den Kontext der Exponate kritisch und humorvoll zu verhandeln \u2013 und diese Umsetzung hat uns \u00fcberzeugt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Welche Vorgaben und Anspr\u00fcche wurden von Seiten des Museums an die Gestalter von gold extra herangetragen? In welcher Form geschah die Zusammenarbeit?<\/strong><\/p>\n<p>Vorgaben an die K\u00fcnstler waren der sorgf\u00e4ltige Umgang mit Materialien, eine hohe \u00e4sthetische Umsetzung und die kritische Auseinandersetzung mit den Grundlagen und dem Kontext. Daf\u00fcr hatten wir im Vorfeld Depotbesuche, Materialrecherchen zu Texten, Fotos und Filmen sowie Gespr\u00e4chsrunden mit Viola K\u00f6nig und Monika Zessnik. Da es sich bei diesen Kooperationen zum einen um eine Zusammenarbeit und zum anderen um die Entstehung einer eigenst\u00e4ndigen k\u00fcnstlerischen Leistung handelt, war auch der Austausch dementsprechend abwechselnd eng und offen. Und so kam es auch, dass wir gerade in der Entwicklungsphase des Computerspiels dieses testen und eine direkte R\u00fcckmeldung geben konnten.<\/p>\n<p>Die grundlegende Frage im Projekt war, ob man ein Dokument wie den Bericht des Adrian Jacobsen innerhalb einer musealen Ausstellung in zeitbasierten Medien k\u00fcnstlerisch interpretieren und dramatisieren kann, ohne den Stoff zu banalisieren. In der Realisierungsphase wurde immer wieder diskutiert, wie Stereotypen in narrativen Formaten vermieden werden k\u00f6nnen und wann es sinnvoll ist, sie gezielt einzusetzen.<\/p>\n<p>Diese Fragen, die sich aus der Aufgabenstellung und der Umsetzung des Reiseberichts ergaben, sind im aktuellen museologischen Diskurs und auch in Diskussionen zur medialen Wissensvermittlung omnipr\u00e4sent: Wie gelingt die Vermittlung seri\u00f6ser Inhalte im Aufeinandertreffen von Museum, Medien und Kunst? Wie erreicht man die Ansprache und Partizipation j\u00fcngerer Zielgruppen, ohne dabei die \u00e4lteren zu verlieren? Welche Formen der Vermittlung und Kommunikation brauchen mediale Pr\u00e4sentationsformen im Vorfeld, w\u00e4hrend der Ausstellung und in der Nachbereitung\u00a0\u2013 live wie digital? All das konnten wir im Rahmen des Lab-Projekts testen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Worin liegt dann das besondere Potential eines Computerspiels f\u00fcr die Vermittlung von Ausstellungsinhalten, wodurch es sich von anderen medialen Vermittlungsformen abhebt?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist eben die aktuell viel diskutierte Frage. In der Entwicklung von Serious Games im Kontext der Kulturvermittlung liegt viel Potential: Auch Menschen, die nicht ins Museum gehen (k\u00f6nnen), welche die Ausstellung nicht gesehen haben und\/oder nichts \u00fcber Jacobsen und die Sammlung wissen, wurden \u00fcber das auch online verf\u00fcgbare Computerspiel daf\u00fcr interessiert. Der mit der Entwicklung medialer Formate zur Wissensvermittlung verbundene Aufwand lohnt, wenn die Wirkung auf diese Weise weit \u00fcber das Museum hinausgeht. Gute Chancen daf\u00fcr ergeben sich aber auch aus direkten Begegnungen und unmittelbarem Austausch mit den beteiligten K\u00fcnstlern. Bei der im November 2014 im Ethnologischen Museum durchgef\u00fchrten Let\u2019s Play-Session mit gold extra passierte mit den anwesenden Kindern wie Erwachsenen jedenfalls genau das, was sich die Mediatoren w\u00fcnschen: Neugier wurde geweckt, Zusammenh\u00e4nge entdeckt und eine Vermittlungsform erprobt, die sichtlich Spa\u00df bereitete.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mittlerweile hat \u201eTotem&#8217;s Sound\u201c etwa 22.000 Views auf den Download-Seiten, 6.000 Downloads und 3.100 Views des Trailers. Was sind Ihrer Meinung nach die bedeutendsten Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass das Spiel auf solch gro\u00dfe Resonanz trifft?<\/strong><\/p>\n<p>Dazu sagt Georg Hobmeier, Mitglied der K\u00fcnstlergruppe gold extra, dass \u201edas Spiel [\u2026] im Moment auf unterschiedlichen Seiten [kursiert] und [\u2026] meines Wissens nach auch als Torrent unterwegs [ist]. Erfahrungsgem\u00e4\u00df haben Spiele ein \u201elong tail\u201c \u2013 sprich, in einer gewissen Szene, wird die Resonanz auch noch so weiterlaufen und stetig wachsen.\u201c Dieses Publikum deckt sich dabei allerdings nicht allein mit den Besuchern, die das Projekt Reisebericht im Ethnologischen Museum gesehen und eventuell dort das Spiel gespielt haben \u2013 es sind sogar eine Vielzahl neuer Spieler hinzugekommen. Wir fanden diese Verbindung von unterschiedlichen Zug\u00e4ngen interessant.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Welche Schl\u00fcsse ziehen Sie aus dem Experiment Computerspiel im Museum? Was w\u00e4re zu verbessern? Welche \u00c4nderungen sind n\u00f6tig, um das Konzept in andere Museen zu tragen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, f\u00fcr alle Beteiligten war es ein sehr spannendes Experiment! Denn selbst, so gold extra, die Mittel zur Umsetzung \u00a0aus Produktionssicht befanden sich im Bereich des Experimentellen. Der n\u00e4chste logische Schritt w\u00e4re, ein derartiges Projekt mit den finanziellen M\u00f6glichkeiten eines \u201eechten\u201c Spiels zu machen, um auch den hohen Anspr\u00fcchen der Computerspielszene gerecht werden zu k\u00f6nnen. Dies w\u00fcrde auch eine l\u00e4ngere Konzeptionsphase erm\u00f6glichen, w\u00e4hrend durch Planung und F\u00f6rderung der Nutzung \u2013 beispielsweise durch einen Publisher \u2013 die Download-Zahlen zudem merklich gesteigert werden k\u00f6nnten. Von Museumseite w\u00e4re ein Austausch oder sogar eine Zusammenarbeit mit den Communities der amerikanischen Nordwestk\u00fcste \u2013\u00a0um deren Geschichten und Objekte es in dem Spiel ja geht \u2013 anzustreben, \u00e4hnlich wie bei der Entwicklung des Spiels \u201eNever Alone\u201c. Vielleicht wird es ja eine \u00fcberarbeitete Fassung des Spiels f\u00fcr das Ethnologische Museum im Humboldt Forum geben. Gerade beginnt gold extra das n\u00e4chste Experiment: ein Spiel f\u00fcr das Ethnologische Museum in Z\u00fcrich.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nFrau Rost\u00e1sy, vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zur Person<\/strong><\/p>\n<p>Andrea Rost\u00e1sy setzt seit 1995 die konzeptionelle Gestaltung und Produktion medialer Inszenierungen f\u00fcr Museen, Unternehmen und Expos sowie tempor\u00e4re Ausstellungen f\u00fcr Institutionen und Agenturen um. Seit 2013 hat sie f\u00fcr das Humboldt Lab Dahlem mehrere Projekte geleitet und konzeptionell betreut sowie f\u00fcr die Stabsstelle Humboldt Forum die Tagung \u201eperspektiven15\u201c mit Bettina Probst entwickelt. Sie studierte Fotografie und Skulptur an der Kunstakademie D\u00fcsseldorf und schloss mit dem Meistersch\u00fcler und einem postgraduierten Studium an der Slade School of Fine Art, University College London ab.<\/p>\n<p>Am 12.02.2016 wird Andrea Rost\u00e1sy bei der Weiterbildung <a href=\"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2015\/12\/ausstellungen_gestalten\/\">Ausstellungen gestalten: Medien und Design<\/a> des UdK Berlin Career College ein Seminar zum Thema Medien \u00e0 la carte halten!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEin Computerspiel er\u00f6ffnet die M\u00f6glichkeit, sich spielerisch dem Inhalt zu n\u00e4hern. 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