{"id":2468,"date":"2010-10-21T13:01:31","date_gmt":"2010-10-21T11:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=2468"},"modified":"2016-08-11T11:49:54","modified_gmt":"2016-08-11T09:49:54","slug":"wie-stellt-man-literatur-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2010\/10\/wie-stellt-man-literatur-aus\/","title":{"rendered":"Wie stellt man Literatur aus?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sieben mal Goethes Wilhelm Meister<\/strong><\/p>\n<p>Was mit einer Frage begann, f\u00fchrte sieben Kuratoren- und Gestalterteams nach intensiver Auseinandersetzung zu sieben grundverschieden inszenierten Antworten, die derzeit im Frankfurter Goethehaus zu sehen sind. Anhand von Goethes Wilhelm Meister ist daraus eine anregende &#8220;Meta&#8221;-Ausstellung entstanden, die anschaulich vorf\u00fchrt, dass das Literaturausstellen keine Unm\u00f6glichkeit, sondern erkenntnisreiches Vergn\u00fcgen sein kann.<br \/>\nDie Installationen im Arkadensaal des Goethehauses sind analog zum Versuchsaufbau des Projektes als einzelne Stationen im Raum platziert. Auf der kuriosen schwarzen Bank mit den Scherenschnittlehnen von Rose Epple und Detlef Weitz stehen gro\u00dfe, in verschiedenfarbigen Leinen gebundene B\u00fccher in Plexiglasschubern. Da gibt es ein Buch der Einb\u00e4nde, ein Buch der Schrift, der Typografie, der Satzspiegel, der Vorsatzpapiere usw. Die chronologische Sammlung der immer gleichen Seiten aus 50 Ausgaben entbehrt nicht \u00e4sthetischem Reiz und erm\u00f6glicht \u00fcberraschende Beobachtungen. Wie viel hat sich in zwei Jahrhunderten Publikationsgeschichte ge\u00e4ndert \u2013 von vier mit Spannung erwarteten B\u00e4nden in 1795 (980g) schrumpft der Roman 200 Jahre sp\u00e4ter auf ein paar Seiten mit Zeilenz\u00e4hler im namenlosen Band einer Gesamtausgabe (482g) \u2013 und wie wenig: Nach der Z\u00e4sur 1945 und dem damit verbundenen spurlosen Verschwinden der vielf\u00e4ltigen Frakturschriften scheint einzig die Garamond als akzeptable Satzschrift f\u00fcr den Bildungsroman zu gelten.<br \/>\nVerbl\u00fcffend anschaulich wird die Architektur und der Rhythmus von Goethes Satzbau in dem Beitrag \u201eSatz-Baukunst\u201c verr\u00e4umlicht: Ein schwarzer mit wei\u00dfem Text bedruckter Teppich f\u00fchrt hier aus der Mitte des Raumes die R\u00fcckwand hinauf. Bei dem Text handelt es sich um die Beschreibung des Eiertanzes der Mignon, bei dem die geheimnisvolle Gef\u00e4hrtin Wilhelms rohe Eier auf dem Boden verteilt und dann mit verbundenen Augen um diese herumtanzt, ohne darauf zu treten und sie zu zerbrechen. Auch auf diesem Ausstellungsteppich liegen Eier, es sind allerdings PingPong-B\u00e4lle, die jeweils die Satzzeichen der Passage markieren &#8211; und wenn man sich die Schuhe auszieht, kann man den Rhythmus von Goethes Satzbau sogar nachtanzen.<\/p>\n<p><strong>Souver\u00e4n und doch am\u00fcsant<\/strong><\/p>\n<p>Der gesprochene Text, der den Besucher als subtiles Hintergrundger\u00e4usch durch die Ausstellung begleitet,\u00a0 wird repr\u00e4sentiert durch die \u201eLeser-Stimmen\u201c. Auf drei h\u00e4ngenden Monitoren lesen Menschen unterschiedlichen Alters und Herkunft dem Besucher aus dem Wilhelm Meister vor. Dabei schauen sie ihm direkt in die Augen, und die Empathie ist gro\u00df, wenn sich das kleine M\u00e4dchen durch so schwierige W\u00f6rter wie &#8220;Offizierchen&#8221; qu\u00e4lt oder der junge Mann, der ganz offensichtlich sonst nicht so alte Schinken liest, an der schieren L\u00e4nge der Goetheschen S\u00e4tze verzweifelt. Die Sprache des Romans trifft hier so direkt und erfrischend unvermittelt auf den heutigen Menschen, dass man gleich mitlesen m\u00f6chte.<br \/>\nGerahmt werden diese drei freistehenden Installationen an den R\u00fcckw\u00e4nden durch einen Fries von Figuren, die wie in Mix Max-Bilderb\u00fcchern ihre Unterleiber, Torsen und K\u00f6pfe zu oft hin und hergeschoben zu haben scheinen: hier ein Barbiekopf auf einem steinernen Torso, da ein Elvis der Sp\u00e4tzeit. Die Versatzst\u00fccke aus der Popkultur, die sich mittels Sprechblasen verst\u00e4ndigen, sind jeweils auf den Sockel des Frankfurter Goethe- Denkmals aufgepfropft und entpuppen sich als die zahlreichen Protagonisten des Romans. In den Inschriften auf dem Denkmalsockel wird ihr Charakter und ihre Funktion im Roman auf h\u00f6chst am\u00fcsante Art erkl\u00e4rt und kommentiert &#8211; so souver\u00e4n wie es sich nur eine so renommierte Literaturwissenschaftlerin wie Evelyne Polt-Heinzl erlauben kann, die hier mit Peter Karlhuber zusammengearbeitet hat.<br \/>\nAuch die zwei Europaletten, auf denen englische und deutsche Zeitungen f\u00fcr den Besucher zum Mitnehmen ausliegen, sind weniger als Ausstellungsinstallation an sich gedacht, sondern erf\u00fcllen die Funktion, den Besucher wieder aus der Ausstellung hinaus und in den Roman hinein zu f\u00fchren. Susanne Fischer und Friedrich Forssmann schicken den Besucher mit der Zeitung als Reisef\u00fchrer auf seine ganz pers\u00f6nliche Reise durch den Roman und durch Frankfurt. An ausgesuchten Orten soll er ausgesuchte Stellen lesen und dabei das bildende Moment des Reisens als Motiv des Bildungsromans am eigenen Leib erfahren.<br \/>\nWer sich jemals gefragt hat, ob Literatur eigentlich wirklich nur ein altes Buch in einer Vitrine ist, sollte diese Ausstellung auf keinen Fall verpassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sieben mal Goethes Wilhelm Meister Was mit einer Frage begann, f\u00fchrte sieben Kuratoren- und Gestalterteams nach intensiver Auseinandersetzung zu sieben grundverschieden inszenierten Antworten, die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[9],"tags":[62,1368],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2468"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2468"}],"version-history":[{"count":30,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2468\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27328,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2468\/revisions\/27328"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2468"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2468"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2468"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}