{"id":22117,"date":"2015-06-29T10:05:36","date_gmt":"2015-06-29T08:05:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=20199"},"modified":"2017-07-06T11:26:44","modified_gmt":"2017-07-06T09:26:44","slug":"interview_tamschick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2015\/06\/interview_tamschick\/","title":{"rendered":"Charlotte Tamschick \u00fcber 20 Jahre TAMSCHICK MEDIA+SPACE"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\">\u201eDas Geschichtenerz\u00e4hlen wird in Zukunft eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen: Die Besucher werden in die Themen regelrecht eintauchen!\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Zwei Jahrzehnte experimentelle mediale Szenografie: Die Berliner von TAMSCHICK MEDIA+SPACE gew\u00e4hren mit ihrer Publikation \u201eTAMSCHICK MEDIA+SPACE: <a href=\"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2015\/06\/tamschick_buchrezension\/\">immersive narrative installations<\/a>\u201c anhand von 30 international preisgekr\u00f6nten Projekten Einblicke in ihre Arbeit und damit in das K\u00f6nnen, Inhalte und Objekte mittels medialer Bespielung in dreidimensionale, begehbare, ganzheitliche Raumerlebnisse zu \u00fcbersetzen und nachhaltige, dramaturgische Erlebnisse zu kreieren. PLOT hat das Erscheinen dieser Monografie zum Anlass genommen, um mit Charlotte Tamschick \u00fcber die Kunst, R\u00e4ume medial zu inszenieren, zu sprechen.<\/strong><\/p>\n<p><em><br \/>\nDie Fragen stellte Anne Horny.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Frau Tamschick, wieso dieses Buch und wieso gerade jetzt?<\/strong><\/p>\n<p>Schon lange tragen wir den Gedanken, endlich ein eigenes Buch zu machen! Auch wenn in diesem Format die Einzigartigkeit der Projekte, das Immersive und Emotionale nicht vollst\u00e4ndig r\u00fcberkommt, bietet es dennoch ein haptisches, kompaktes Medium: 30 Projekte der letzten 20 Jahre, die viele noch nicht kennen, kondensiert in einem reich bebilderten Buch, in dem nicht nur die realisierten Inszenierungen gezeigt werden, sondern auch ein Blick hinter die Kulissen sowie in den Arbeitsprozess gew\u00e4hrt wird und durch sehr bereichernde pers\u00f6nliche Statements und Beitr\u00e4ge von Auftraggebern, Partnern und langj\u00e4hrigen Kollegen und wichtigen Wegbereitern der Begriff \u201eMediale Szenografie\u201c n\u00e4her gebracht werden kann und soll. Wir hatten den Wunsch, unsere medialen Projekte in sehr analoger Form offenzulegen und die inhaltliche und gestalterische Tiefe dahinter zu vermitteln. TAMSCHICK MEDIA+SPACE: immersive narrative installations ist also eher eine Art Bilderbuch: Die Projekte werden nur knapp beschrieben. Wir erz\u00e4hlen Geschichten im Raum, diese sollten nat\u00fcrlich am besten vor Ort selbst erlebt werden. Au\u00dferdem ist das Buch auch ein Geschenk an uns selbst \u2013 eine Belohnung f\u00fcr unsere Arbeit der letzten 20 Jahre.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hat sich denn in 20 Jahren TAMSCHICK MEDIA+SPACE etwas in der Arbeits- bzw. Herangehensweise ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Damals wie heute liegt unsere Leidenschaft in der Verbindung von audiovisuellen Medien und dem Raum. Dabei benutzen wir szenografische Mittel wie filmische Bilder, Sound, Interaktion und Partizipation. Von der Fl\u00e4che des filmischen Bilds ausgehend, haben wir uns mit unseren Projekten immer weiter in den Raum hineingetastet: vom damals noch zweidimensionalen, flachen Hintergrundfilm beispielsweise f\u00fcr eine Auff\u00fchrung Carl Orffs <a href=\"http:\/\/www.tamschick.com\/projekte\/carmina-burana\/\">Carmina Burana<\/a> bis zu interaktiven, begehbaren Environments in Museen und Ausstellungen heute, welche die Besucher vollst\u00e4ndig in ein narratives, mediales Environment versetzen. R\u00e4ume sind abgegrenzte Orte, definierte Fl\u00e4chen \u2013 diese Grenzen der Architektur mit medialen Mitteln zu \u00fcberwinden, R\u00e4ume zu \u00f6ffnen, zu schlie\u00dfen, mit Inhalten zu f\u00fcllen oder zu leeren, sowie interaktiv einzugreifen in statische Strukturen ist das, was uns im Lauf der Zeit besch\u00e4ftigt und fasziniert hat. Gerade in Museen und Ausstellungen ben\u00f6tigen wir heutzutage neue Formate, um den Anspr\u00fcchen der Besucher gerecht zu werden. Statt langer Texttafeln lassen wir Objekte und Inhalte medial selbst zu Wort kommen oder beziehen die Besucher in die Inszenierung direkt mit ein. Damit wird der Museumsbesuch emotional aufgeladen und zu einem nachhaltigen Erlebnis. \u00c4hnlich funktioniert dies mit Produkten und Marken und deren Geschichten. Die modernen Medien sind nicht statisch, sie ver\u00e4ndern sich in rasantem Tempo. Raum und Architektur sind allerdings etwas Statisches und die Kombination beider Elemente bietet noch enorme inszenatorische M\u00f6glichkeiten \u2013 wir haben l\u00e4ngst nicht alle ausgesch\u00f6pft! In den Anfangsjahren realisierten wir die Projekte noch \u00fcberwiegend in Deutschland, heute sind wir l\u00e4ngst weltweit t\u00e4tig: unter anderem in Asien, Arabien und neben Deutschland in vielen anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Auch die Technik hat sich nat\u00fcrlich enorm weiterentwickelt. Wir versuchen immer aktuelle Tendenzen und Str\u00f6mungen zu kennen und uns anzueignen. Subtile mediale Eingriffe, wie beispielsweise Projektionen direkt auf die ge\u00f6ffneten H\u00e4nde der Besucher im <a href=\"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2012\/08\/expo-2012-yeosu-teil2-facts-fiction-steiner-sarnen\/\">Schweizer Pavillon<\/a> auf der Weltausstellung in Korea oder ein dreidimensionales Stadtmodell im <a href=\"http:\/\/www.tamschick.com\/projekte\/stadtmodell\/\">Stadtmuseum Waiblingen<\/a>, das durch Licht und Sound emotional und unterhaltsam die Stadtgeschichte vermittelt sind jedoch mindestens genauso attraktiv, wie hochtechnologische Inszenierungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>In 20 Jahren haben Sie \u00fcber 30 herausragende Projekte realisieren k\u00f6nnen. Kann es da so eine Art pers\u00f6nliches Lieblingsprojekt geben?<\/strong><\/p>\n<p>Unsere musealen Projekte liegen mir, mit meinem kunstwissenschaftlichen Background, nat\u00fcrlich besonders am Herzen: Schwer zu vermittelnde Inhalte gut aufzubereiten sowie gemeinsam mit einem Team spezialisierter Wissenschaftler Konzepte f\u00fcr gro\u00dfe und kleine Weltausstellungen oder internationale Museen zu erarbeiten, erweitert den eigenen Horizont enorm und bringt einen nicht nur mit sehr abwechslungsreichen Themen, sondern auch mit anderen Kulturen und Denkweisen in Ber\u00fchrung. Das gef\u00e4llt mir. Als eines meiner Lieblingsprojekte kann ich ein Projekt bezeichnen, das wir 2014 im <a href=\"http:\/\/www.smac.sachsen.de\">Staatlichen Museum f\u00fcr Arch\u00e4ologie in Chemnitz<\/a> realisieren durften. Es wurde vom Stuttgarter ATELIER BR\u00dcCKNER entworfen und von uns, gemeinsam mit MKT und focus4, entwickelt. Das sogenannte <a href=\"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2015\/06\/zeitdynamisches_sachsenmodell\/\">zeitdynamische Sachsenmodell <\/a>ist ein innovatives, mediales Ausstellungsformat \u2013 eine durch vier Etagen des Museums schwebende Projektionsfl\u00e4che, die in Form einer mehrteiligen, leuchtend transluzenten Sachsentopografie viele Funktionen erf\u00fcllt. In regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden wird die mediale Skulptur vertikal durch den Luftraum des Museums bewegt und stellt dabei gleichzeitig eine narrative Klammer und inhaltliche Verbindung der Ausstellungsinhalte auf den einzelnen Etagen dar. Damit ist sie so eine Art Erinnerungsmaschine, die uns auf eine poetische Zeitreise durch 250.000 Jahre Sachsen schickt \u2013 ein emotionaler Erz\u00e4hler, der multidimensional durch Projektionen und Sound Inhalte vermittelt. Die Sachsenskulptur macht neugierig auf die Inhalte im Museum: Sie lockt, verf\u00fchrt und bietet den Besuchern ein partizipatives Erlebnis. An acht um die Sachsenskulptur angeordneten Touchscreens k\u00f6nnen vertiefende Informationen spielerisch abgerufen und auf das gro\u00dfe Sachsenmodell gesendet werden, so dass sich eine permanent ver\u00e4ndernde Topografie ergibt \u2013 ein \u201eTableau vivant\u201c Sachsens. Diese Verbindung von Kinetik, Projektion, Sound, Narration und Partizipation der Besucher ist eine noch nie da gewesene, innovative Inszenierung und war f\u00fcr alle Beteiligten ein Experiment ohne Vorreiter. Und so bestand die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung auch darin, die inhaltliche Dichte in wenigen Minuten dem Publikum zu vermitteln und gemeinsam mit MKT und focus4 die Dynamik und Technik der kinetischen Sachsenkarte mit den filmischen Inhalten zu choreografieren. Auch technisch stellt diese mediale Skulptur eine hohe Komplexit\u00e4t dar. Aktuell haben wir au\u00dferdem ein sehr interessantes Projekt in Jerusalem gewonnen und bereiten einen Museums- Workshop mit Franziskanerm\u00f6nchen vor, darauf bin ich auch sehr gespannt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was denken Sie: Wohin geht der Trend im Bereich der medialen Raumbespielungen?<\/strong><\/p>\n<p>Meiner Meinung nach wird die Narration, das Geschichtenerz\u00e4hlen, in Zukunft eine noch gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen: Die Besucher werden in die Themen regelrecht eintauchen \u2013 zum Beispiel durch begehbare visuelle H\u00f6rspiele, wie wir Sie in Trier im <a href=\"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2010\/10\/reich-der-schatten\/\">Rheinischen Landesmuseum<\/a> umgesetzt haben oder aktuell im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe realisieren. Ich hoffe, dass die Technik immer weiter in den Hintergrund r\u00fcckt \u2013 zumindest optisch \u2013 und ich hoffe, dass die Grenze zwischen dem Besucher und der Geschichte immer immaterieller wird. Die neuen Medien sollen helfen, Wissen neu zu vermitteln und die Best\u00e4nde der Museen, die zu gro\u00dfen Teilen in Depots schlummern, sichtbar und interessant zu machen. Das Rheinische Landesmuseum in Trier ist so ein Fall: Ein Besuch der r\u00f6mischen Gr\u00e4berstra\u00dfe, ist f\u00fcr jeden Lateinsch\u00fcler in der Umgebung Pflicht. In den Grabmalen und Wandreliefs stecken spannende Geschichten \u2013 aber diese m\u00fcssen erst enth\u00fcllt werden. Dementsprechend haben wir f\u00fcr die Gr\u00e4berstra\u00dfe eine 45 Minuten lange audiovisuelle Bespielung entwickelt, die genau das tut: Sie greift einzelne Figuren heraus und erz\u00e4hlt in bewegten Bildern, Worten und T\u00f6nen ihre Geschichte. Die Besucher werden so Teil eines Raumerlebnisses, das inhaltlich von den Grabsteinen ausgeht. Wenn die Vorf\u00fchrung vorbei ist und die Steine wieder schweigen, schauen selbst die Lateinsch\u00fcler jene mit anderen Augen an. Ich bin der Ansicht, dass neue Medien daf\u00fcr eingesetzt werden m\u00fcssen, den Besuchern Kontextwissen zu vermitteln \u2013 so wie es auch eine F\u00fchrung tut. Durch diesen Hintergrund wird dem Publikum das Werkzeug gegeben, sich eigene Gedanken zu machen und sich Fragen zu stellen wie: Warum h\u00e4ngen gerade diese beiden Bilder nebeneinander? Wenn eine solche Reflexion in Gang kommt, dann wird es spannend. Bei TAMSCHICK MEDIA+SPACE versuchen wir das Nicht-Ausstellbare auszustellen und das Nicht-Sichtbare sichtbar zu machen. Wir versuchen etwas zu finden, das sich \u00fcber andere Mittel nicht darstellen l\u00e4sst und arbeiten daran, die Dinge selbst zum Sprechen zu bringen, Objekt und Raum zu verdichten und neu erlebbar zu machen. So ver\u00e4ndern wir die architektonischen Dimensionen des Raums, manipulieren die Zeit, entf\u00fchren die Besucher und versuchen sie zu verzaubern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wenn TAMSCHICK MEDIA+SPACE eine Person w\u00e4re, wie w\u00fcrde sich diese in einem Satz beschreiben lassen?<\/strong><\/p>\n<p>TAMSCHICK MEDIA+SPACE kann gar keine Einzelperson sein, denn schon immer ist TMS ein Team aus motivierten, interdisziplin\u00e4r arbeitenden Menschen, aus Konzeptionern, Kulturwissenschaftlern, Designern, Innenarchitekten, Betriebswirten, Projektmanagern, Motion-Designern und Regisseuren \u2013 eben ein wissbegieriges, motiviertes, experimentierfreudiges, innovatives, an Inhalten und deren gestalterischer \u00dcbersetzung interessiertes Team, das sich gemeinsam mit uns \u2013 Marc und mir \u2013 an noch nie da gewesene Projekte wagt. Der Impuls vor 20 Jahren sowie die treibende Energie und Kreativit\u00e4t stammt jedoch von Marc Tamschick, der aus TAMSCHICK MEDIA+SPACE das gemacht hat, was es heute ist.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nCharlotte Tamschick, vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zur Person<\/strong><\/p>\n<p>Charlotte Tamschick, Jahrgang 1969, ist seit 1998 als Szenografin t\u00e4tig. Sie studierte Kunstgeschichte mit Schwerpunkt Rauminstallationen und Medienkunst. Ihre Expertise als Kreativdirektorin und Konzeptentwicklerin gr\u00fcndet sich auf internationaler Agenturerfahrung in den Bereichen Museum, Ausstellung und EXPO. Ab 2007 repr\u00e4sentierte sie ATELIER BR\u00dcCKNER in Berlin, seit 2009 ist sie Kreativdirektorin und Leiterin der Konzeptabteilung bei TAMSCHICK MEDIA+SPACE. Zudem hat sie seit 2008 Lehrauftr\u00e4ge an der TU Berlin und an der HGK Basel inne.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDas Geschichtenerz\u00e4hlen wird in Zukunft eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen: Die Besucher werden in die Themen regelrecht eintauchen!\u201c &nbsp; Zwei Jahrzehnte experimentelle mediale Szenografie: Die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1353],"tags":[880],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22117"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22117"}],"version-history":[{"count":28,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22117\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32231,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22117\/revisions\/32231"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22117"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22117"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22117"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}