{"id":20919,"date":"2015-03-16T14:00:56","date_gmt":"2015-03-16T13:00:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=20919"},"modified":"2017-02-03T10:01:38","modified_gmt":"2017-02-03T09:01:38","slug":"bigger-than-life-ken-adams-film-design","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2015\/03\/bigger-than-life-ken-adams-film-design\/","title":{"rendered":"Bigger than Life. Ken Adam\u00b4s Film Design"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im September 2012 \u00fcbergab Sir Ken Adam sein k\u00fcnstlerisches Werk an die Deutsche Kinemathek in Berlin. Der bekannteste und erfolgreichste Set-Designer machte damit nicht nur \u2013 vision\u00e4r wie er ist \u2013 seinen Vorlass zug\u00e4nglich, er erm\u00f6glichte Fans \u2013 wie mir \u2013 einen umfassenden Einblick in rund 4.000 Skizzen zu Titeln aus allen Schaffensperioden, in Fotoalben, Storyboards, unz\u00e4hlige Motivfotos und Erinnerungsst\u00fccke wie zum Beispiel milit\u00e4rische Orden, Ausweispapiere oder filmische Auszeichnungen inklusive der beiden Oscars, die er 1976 und 1995 gewann. Herausragend! Und so zeigt auch die Deutsche Kinemathek sein \u0152uvre, das mit der Ausstellung \u201eBigger Than Life. Ken Adam\u2019s Film Design\u201c vom 11.12.2014 bis 17.05.2015 zu sehen ist. <\/strong><\/p>\n<p><em>von Janina Poesch<\/em><\/p>\n<p>Wenn ich an Ken Adam denke, geht mir das Herz auf. In der Tat habe ich schon mehrfach daran gedacht, meine langj\u00e4hrige Beziehung zu beenden und mich neu zu orientieren. Zugegeben, da l\u00e4gen etwa 60 Jahre zwischen uns, aber es sind 60 Jahre \u00fcber die ich alles wissen will: Wie war das eigentlich damals mit James Bond? (Von meiner \u201eLiebe\u201c zu Sean Connery ganz zu schweigen \u2026) Woher kamen die Ideen zu Fort Knox, wenn doch noch nie ein Set-Designer diesen Ort gesehen hat: Wie l\u00e4sst sich diese Goldgrube nachbauen? Wie liebevoll und \u201estrange\u201c war Stanley Kubrick? Was ist eigentlich aus Barry Lyndon geworden? Und wie um alles in der Welt entstehen diese grandiosen Skizzen und Zeichnungen, die nicht nur mich, sondern unz\u00e4hlige Designer und Architekten gleicherma\u00dfen inspiriert haben?<br \/>\nAls Ken Adam 2010 auf dem Berlinale Talent Campus einen Auftritt hatte, habe ich ihn verpasst. P\u00fcnktlich zur Ausstellungser\u00f6ffnung in der Deutschen Kinemathek lag ich mit Erk\u00e4ltung im Bett und ich sehe meine Chancen schwinden, ihn je pers\u00f6nlich kennenzulernen \u2013 zumal er eine sehr attraktive Frau hat, die es mit Sicherheit nicht gut hei\u00dfen w\u00fcrde, wenn ich ihm meine Ehre erweise. Dabei ist es vor allem der Respekt, der aus mir spricht: Respekt vor 64 Jahren unglaublichen Schaffensgeistes, vor den spektakul\u00e4ren Welten, die mich und bestimmt tausend andere Zuschauer \u201eentf\u00fchrt\u201c und in \u00fcber 70 Filmen zum Staunen gebracht haben und dem Humor, den er trotz seines bewegten und nicht immer einfachen Lebens offensichtlich nie verloren hat.<\/p>\n<p><strong>Von Berlin \u00fcber London nach Hollywood<\/strong> *<\/p>\n<p>1921 wurde Klaus Hugo Adam in Berlin in eine assimilierte, gro\u00dfb\u00fcrgerliche j\u00fcdische Familie geboren und wuchs im Tiergartenviertel auf. Sein Vater, Fritz Adam, betrieb damals gemeinsam mit seinen Br\u00fcdern das exklusive Sport- und Modegesch\u00e4ft \u201eS. Adam\u201c in der Leipziger Stra\u00dfe: Werbewirksam lie\u00df er in den 1920er-Jahren hier Stummfilmstars in seinen Sportmoden posieren. Auch Filme von F. W. Murnau und G. W. Pabst wurden von ihm ausgestattet.<br \/>\nMit der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten 1933 war die gl\u00fcckliche Kindheit jedoch schlagartig vorbei und Klaus\u2019 \u00e4lterer Bruder Peter \u00fcberredete den Vater schlie\u00dflich zur Emigration nach Gro\u00dfbritannien. In London gelang der Familie ein bescheidener Neustart: Die Mutter Lilli Adam betrieb eine Pension, die zum Treffpunkt f\u00fcr emigrierte \u00c4rzte, Schauspieler und Musiker wurde. Fritz Adam, der als deutscher Offizier im Ersten Weltkrieg gek\u00e4mpft hatte, verwand das Exil allerdings nicht und starb 1936 im Alter von 56 Jahren.<\/p>\n<p>Eine Schulausbildung am Franz\u00f6sischen Gymnasium in Berlin und an der St. Paul\u2019s School in London, das Studium an der Bartlett School of Architecture, der Einsatz als Kampfpilot in der Royal Air Force, die \u201egoldenen\u201c Zwanziger Jahre in Berlin, das \u201eSwinging London\u201c der Sechziger Jahre: All dies sind biografische Stationen, die Ken Adams \u0152uvre ma\u00dfgeblich beeinflusst haben. Die Arbeit in der Filmindustrie bedeutet f\u00fcr ihn dabei eine neu gewonnene Freiheit \u2013 eine neue Erkundung der Welt. Bald stattet er zwei bis drei Filme pro Jahr aus, wobei die Budgets zusehends gr\u00f6\u00dfer werden. Nachdem er 1962 die wegweisenden Sets f\u00fcr \u201eDr. No\u201c \u2013 den ersten James-Bond-Film \u2013 entworfen hat, ruft Stanley Kubrick bei ihm an. Beim ersten Treffen findet Adam den jungen, perfektionistischen Filmemacher naiv und anstrengend: \u201eF\u00fcr Stanley musste man immer alle Ideen intellektualisieren, was oft nicht einfach war, weil sie meistens intuitiv waren.\u201c Der erste Entwurf f\u00fcr den ber\u00fchmten \u201eWar Room\u201c aus \u201eDr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben\u201c entsteht trotzdem schon hier: beim ersten gemeinsamen Essen.<br \/>\nVon 1962 bis 1979 entwarf Adam die immer aufw\u00e4ndigeren Szenenaufbauten f\u00fcr die erfolgreiche James-Bond-Reihe, deren Design die Filme entscheidend pr\u00e4gte. Er konzipierte unter anderem die geheimen Kommandozentralen von Bonds Widersachern, die durch ihre monumentalen Ausma\u00dfe und ihre spektakul\u00e4re Konzeption auffielen. Mit Stanley Kubrick arbeitete er zudem an dem Film \u201eBarry Lyndon\u201c, f\u00fcr den er 1976 mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. 1995 gewann er mit \u201eThe Madness of King George\u201c den Academy Award in der Kategorie \u201eBest Art Direction\/Set Decoration\u201c erneut. Stets an seiner Seite das italienische Mannequin Letizia Moauro, welche er 1951 bei den Dreharbeiten von \u201eThe Crimson Pirate\u201c auf Ischia kennenlernte, im folgenden Jahr heiratete und zu seiner wichtigsten Beraterin machte. Sie war es auch, die ihren Mann zu einem reduzierten, gleichwohl dynamischen Zeichenstil ermunterte. Und so skizzierte er mit seinem neuen Handwerkszeug \u2013 dem Flo-Master-Filzstift \u2013 vor Energie vibrierende R\u00e4ume, die bis heute unverwechselbar sind.<br \/>\nJene dynamischen und ausdrucksstarken Zeichnungen zeigen dabei abgr\u00fcndige, exotische und albtraumhafte Orte in h\u00f6chster Intensit\u00e4t. Wobei Adams Entw\u00fcrfe immer wieder auf pr\u00e4gnanten geometrischen Grundformen basieren: dem asymmetrischen Dreieck, dem verzerrten Rechteck und dem Kreis. Um R\u00e4ume zu stilisieren, inszeniert er dramatisch Licht und Schatten. Zugleich \u00e4sthetisiert er die moderne Technik und experimentiert mit oftmals ungew\u00f6hnlichen Materialien und metallischen Oberfl\u00e4chen aus Kupfer, Messing oder auch Kunststoff, die in bedrohlichen Verliesen und Laboren, eleganten Villen und Apartments, gigantischen Machtzentralen und Versammlungss\u00e4len, beeindruckenden Tempeln und Kathedralen zum Einsatz kommen. Dazu ebenso verspielte wie gef\u00e4hrliche Fahrzeuge mit Gadgets zu Wasser und in der Luft \u2013 etwa Schnellboote, Amphibienfahrzeuge oder laserbest\u00fcckte Satelliten.<\/p>\n<p>Mit seinen zumeist im Atelier realisierten szenografischen R\u00e4umen hat er so einen neuen Stil geschaffen, der das Film-Design und unsere Sehgewohnheiten nachhaltig beeinflusst haben. Ken Adam hat \u2013 getreu seiner Design-Philosophie \u201ebigger than life\u201c \u2013 in seinen Arbeiten die Grenzen des Vorstellbaren herausgefordert, oft hoch emotional, zuweilen spielerisch und humorvoll, dabei immer glaubhaft. Dieser Stil beeinflusste wiederum ma\u00dfgeblich die Design- und Architekturvorstellungen einer nachfolgenden Generation von K\u00fcnstlern: In den Bauten von Daniel Libeskind oder Santiago Calatrava sind Bez\u00fcge zu Adams Architekturentw\u00fcrfen deutlich zu erkennen. Der Architekt Norman Foster gibt sogar an, bei der Gestaltung der Londoner U-Bahn-Station \u201eCanary Wharf\u201c von Adams Set des Supertankers in \u201eThe Spy who loved me\u201c (1977) angeregt worden zu sein und auch heutige Production Designer wie Alex McDowell oder Th\u00e9r\u00e8se DePrez sind durch Adams Arbeitsweise inspiriert.<\/p>\n<p><strong>Zwei- und dreidimensionale Raumvisionen<\/strong> **<\/p>\n<p>Einem der innovativsten und einflussreichsten Set-Designer unserer Zeit selbst eine r\u00e4umliche Inszenierung zu widmen, scheint dabei eine der schwierigsten Aufgaben zu sein: Wie lassen sich seine Entw\u00fcrfe, Ideen und Visionen in einer Ausstellung pr\u00e4sentieren, in den Raum \u00fcbertragen und die unz\u00e4hligen Exponate den Besuchern zug\u00e4nglich machen? Gegliedert in f\u00fcnf Bereiche \u2013 \u201eKen Adams Welt\u201c, \u201eLines in Flow\u201c, \u201eRaumvisionen\u201c, \u201eBerlin und London\u201c und \u201eInspiration und Wirkung\u201c \u2013 werden auf zwei Etagen mannigfaltige Exponate gezeigt und ein Einblick in Adams Schaffen erm\u00f6glicht. Anhand der Schau wird sein kreativer Gestaltungsprozess aufgef\u00e4chert und das Handwerk des Production Designers mit Hilfe dynamischer Zeichnungen und Fotos, erg\u00e4nzt durch multimediale Installationen, vielschichtig erlebbar gemacht.<br \/>\nBesonderer Blickfang sind dabei die f\u00fcnf B\u00fchnenbild-Modelle, die von den Berliner Gestaltern von oza_studio for architecture and scenography konzipiert, digitalisiert und angefertigt wurden. Denn bei den Raumobjekten, die eigens f\u00fcr die Ausstellung \u201eBigger Than Life \u2013 Ken Adam\u2019s Film Design\u201c in der Deutschen Kinemathek gebaut wurden, handelt es sich weder um getreue Rekonstruktionen ehemals vorhandener Modelle, noch um ma\u00dfst\u00e4bliche Verkleinerungen von Filmr\u00e4umen. Vielmehr sollen die Exponate die Skizzen, die Adam zu einzelnen Filmsets angefertigt hat, in den Raum, ins Dreidimensionale \u00fcbertragen. Hierdurch verk\u00f6rpern sie nicht nur ein dienendes Verh\u00e4ltnis des Modells zum Modellierten, sondern bezeugen vielmehr ein komplexes Geflecht von Effekten und R\u00fcckwirkungen auf Bild und Raum. Der Fokus der Modelle liegt dabei auf der Strukturbildung der Filmr\u00e4ume. Hierbei werden die f\u00fcr Adam typischen schwarzen und wei\u00dfen Linien seiner Filzstift-Zeichnungen, die sich in Hell-Dunkel-Abstufungen abwechseln, in serielle Raumstrukturen und rhythmische Kompositionen aus Licht und Schatten \u00fcbersetzt. Wie Adams Zeichnungen zeigen auch sie einen ausgew\u00e4hlten Raumausschnitt aus einem bestimmten Blickwinkel und suggerieren dem Betrachter die Anwesenheit weiterer, verborgener R\u00e4ume. Zum Gegenstand der Modellbildung wird auch das Prinzip der Bewegung, dem Adams Zeichnungen und Filmr\u00e4ume stark verpflichtet sind. Jenseits der Aufgabe blo\u00dfer Repr\u00e4sentation sollen die Modelle somit helfen, Adams komplexe T\u00e4tigkeit der Raumbildung zu erschlie\u00dfen und in anschaulicher Weise zug\u00e4nglich zu machen.<\/p>\n<p><strong>Bigger Than Life?<\/strong><\/p>\n<p>Dass es unverzeihlich ist, dass ich es nach drei Monaten immer noch nicht in die Deutsche Kinemathek geschafft habe, um mir die Ausstellung pers\u00f6nlich anzuschauen, steht auf einem anderen Blatt. Aber so lange dies noch nicht geschehen ist, m\u00f6chte ich mich auch noch nicht zur Gestaltung ebendieser \u00e4u\u00dfern. Ich m\u00f6chte lieber im umfangreichen Katalog bl\u00e4ttern, die Illusion von der perfekten Ausstellung bewahren und davon tr\u00e4umen, dass mir Ken Adam doch noch einmal begegnen wird, um PLOT zu helfen, die angemessene Kulisse f\u00fcr die Weltherrschaft zu konzeptionieren, mir meine unz\u00e4hligen Fragen pers\u00f6nlich zu beantworten oder mir doch einfach nur meine Eintrittskarte zu signieren \u2026 Tr\u00e4umen darf man ja wohl noch \u2026<\/p>\n<p><em>* Textausz\u00fcge Deutsche Kinemathek<br \/>\n** Textausz\u00fcge oza<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im September 2012 \u00fcbergab Sir Ken Adam sein k\u00fcnstlerisches Werk an die Deutsche Kinemathek in Berlin. 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