{"id":19860,"date":"2014-07-17T12:24:25","date_gmt":"2014-07-17T10:24:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.plotmag.com\/blog\/?p=19860"},"modified":"2015-06-29T11:39:31","modified_gmt":"2015-06-29T09:39:31","slug":"1914-mitten-in-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.plotmag.com\/blog\/2014\/07\/1914-mitten-in-europa\/","title":{"rendered":"1914 \u2013 Mitten in Europa"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine Ausstellung ist die Verschmelzung von Thema, Objekten und Raum.<\/strong><\/p>\n<p>Diese drei Einflussgr\u00f6\u00dfen gilt es wissenschaftlich, organisatorisch, konservatorisch und raumbildend zu synchronisieren, so dass daraus ein Akkord im eigentlichen Sinn des Wortes erw\u00e4chst. Der Ort der Ausstellung \u201e1914 \u2013 Mitten in Europa\u201c, die Mischanlage auf der Kokerei Zollverein, erscheint uns heute als eine daf\u00fcr geradezu geschaffene, inszenierte Raumabfolge. Karl Ganser, in den 1990er Jahren Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Internationalen Bauausstellung Emscher Park und Initiator der Umnutzung der Kokerei, \u00e4u\u00dferte seine \u00dcberzeugung, die Mischanlage w\u00e4re ein wunderbares Ausstellungshaus, das die ersten 40 Jahre nur anders benutzt wurde. Seit der gro\u00dfen Ausstellung \u201eSonne, Mond und Sterne \u2013 Kultur und Natur der Energie\u201c in den Jahren 1999 und 2000 fanden zwar noch viele kleinere Events in der Mischanlage statt. Dennoch ist das Geb\u00e4ude heute beinahe aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis entschwunden. Sucht man im Internet nach \u201eKokerei Zollverein\u201c, so ist viel \u00fcber Zollverein, die Historie, das Kokereiwesen, Gastronomie und Eisbahn zu erfahren, aber nur wenig \u00fcber die Mischanlage.<\/p>\n<p>Wohl kaum ist es ein Zufall, dass die Ausstellung \u201e1914 \u2013 Mitten in Europa\u201c mit ihren drei Hauptthemen (Vorabend des Krieges, Krieg und Nachkriegszeit) in ein Hochhaus \u2013 als ein solches gilt baurechtlich die Mischanlage der Kokerei \u2013 mit drei vertikal geschichteten Hauptebenen eingepasst wird. Die r\u00e4umliche Konfiguration dieses, den funktionalen Notwendigkeiten einer Kokerei folgenden Raumkontinuums nimmt dabei mit noch vier weiteren, kleineren Nebenebenen wie selbstverst\u00e4ndlich weitere Facetten verbindender Unterthemen auf.<\/p>\n<p><strong>Rundgang durch die Ausstellung<\/strong><\/p>\n<p>Das Publikum wird am Anfang mit allen Sinnen auf die Lebenswelt der Zeit um 1914 vorbereitet, in dem es vom s\u00fcdlich vorgelagerten so genannten Wiegeturm aus eine 150 Meter lange Reise in einer Standseilbahn antritt. Diese Installation aus dem Ende des 20. Jahrhunderts verweist auf Technologien vom Anfang jenes Centenniums, als die Ingenieure immer wieder neue Wege des Transports von Menschen und Material erfanden. Einst transportierte ein F\u00f6rderband Kohle durch diese Bandbr\u00fccke in die Mischanlage; heute fahren in ihr auf zwei Gleisstr\u00e4ngen und \u00fcber eine einmalige doppelte Abt\u2018sche Weiche \u00fcber zwei getrennte Winden vier Wagen mit je acht Pl\u00e4tzen gleichzeitig in einem Steigungswinkel von just zehn Grad; je ein Wagen beladen aufw\u00e4rts und der andere leer nach unten. Oben, gleichsam in der zeitgen\u00f6ssischen Realit\u00e4t angekommen, empfangen technische, gesellschaftliche und politische Utopien aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg die Reisenden in Form von gro\u00dfen Theaterprospekten, kulissenartig zwischen die noch rudiment\u00e4r erhaltenen Maschinen und Bandanlagen gespannt. Der Bergstation gegen\u00fcber \u00f6ffnet sich ein Blick hinunter in die n\u00f6rdliche Bandbr\u00fccke, in der fr\u00fcher Kohle \u00fcber die K\u00f6ln-Mindener Bahnstrecke zur Kokerei gelangte. W\u00e4hrend der Ausstellung blickt man dort auf die Dystopien des beginnenden 20. Jahrhunderts. Wer keine H\u00f6henangst kennt, sollte noch einen Blick westw\u00e4rts wagen, auf das Dach der Mischanlage gehen und am Ende eines sicheren Stegs die gigantische Anlage der Kokerei Zollverein, die noch t\u00e4tige Kokerei Prosper-Haniel in Bottrop, den Gasometer Oberhausen oder die Stadtkrone Essens schauen. Aus dem obersten Teilgeschoss steigt man dann eine kleine Treppe hinunter auf ein weiteres Teilgeschoss, in dem im G\u00e4nsemarsch eine Abfolge von Architekturutopien aus dem Rheinland und dem Ruhrgebiet als selbstleuchtende Reproduktionen zu sehen sind.<\/p>\n<p>Eine weitere halbe Treppe f\u00fchrt in die oberste vollst\u00e4ndige Etage mit einer F\u00fclle von Objekten aus der Zeit vor dem Gro\u00dfen Krieg. \u00dcber eine L\u00e4nge von 25 Metern durchziehen drei Abwurfschlitze diese Etage. Einst arbeiteten hier drei Bandanlagen, die die von oben heruntergesch\u00fcttete Kohle in zw\u00f6lf darunter liegende Bunker verteilten. Die zwei \u00e4u\u00dferen Bandanlagen sind erhalten und dienen als Substruktion f\u00fcr zwei Dioramen mit einer Vielzahl von technischen Exponaten und Dokumenten. Vor und auf den Maschinen werden diese durch Stahlrohr-Displays und eine gezielte Ausleuchtung, vom Geb\u00e4udebestand abgehoben. Zwei gro\u00dfe, diagonal angeordnete Glasw\u00e4nde in der Mitte gliedern den Raum so, dass die verschiedenen Themen jeweils ein eigenes Umfeld haben. Sie verf\u00fcgen jeweils \u00fcber einen gesch\u00fctzten Innenraum, der sich f\u00fcr die Pr\u00e4sentation unterschiedlichster Objekte eignet. Die modulare Bauweise erm\u00f6glicht es, den Innenraum in alle Richtungen, ganz nach Bedarf, anzupassen. So k\u00f6nnen breite Textilien oder Gebrauchsgegenst\u00e4nde der Zeit, bis<br \/>\nhin zu Filmprojektoren und volumin\u00f6sen Waschmaschinen gezeigt werden, je nach Abmessung im schmalen Luftraum der Glasw\u00e4nde, in speziell auskragenden Konsolen oder freistehend, die Glasw\u00e4nde als Fond nutzend. Die Fensterb\u00e4nder an drei Seiten des Saals erinnern an die zeitgen\u00f6ssische Liebe zur Glasmalerei in stilisierter Form und d\u00e4mpfen mit k\u00fcnstlerischer Ornamentik das helle Tageslicht. Die Bandanlagen \u00fcber dem mittleren Abwurfschlitz wurden schon 1999 entfernt. Dieser ist \u00fcber mehrere Br\u00fccken zu \u00fcberqueren. Ein Blick 10 Meter tief nach unten, mitten ins n\u00e4chste Thema \u2013 das Kriegsgeschehen \u2013 ist ein weiterer Nachweis f\u00fcr die szenische Einmaligkeit des Ortes. In gleicher diagonaler Ausrichtung wie die beiden Glasw\u00e4nde bietet sich am Ende des Raumes ein Durchgang zwischen zwei Reihen von Kost\u00fcmen an, auf dem sich das Publikum mitten unter die Menschen am Vorabend des Weltkriegs mischt. \u203aJeder wusste, dass ein \u201eWeltenbrand\u201c bevorstand, doch niemand konnte wirklich daran glauben. Der zittrige Zustand wurde durch die Unzufriedenheit an der Gegenwart gesch\u00fcrt: W\u00e4hrend sich Lebensreformer gegen die \u00fcberkommene Moral auflehnten, prangerten Kulturkritiker die moderne Dekadenz an. Die Diagnose der \u201eNervosit\u00e4t\u201c war in aller Munde\u2039, wie es im Radiofeature von Guillaume Paoli \u201eNervosit\u00e4t \u2013 Vorahnung und \u00dcberdruss: Die D\u00e4mmerung zum 1. Weltkrieg\u201c, Deutschlandradio Kultur, 23. Februar 2014, \u00fcberschrieben war. Dieser Beschreibung will der Auftritt der Ausstellung entsprechen.<\/p>\n<p>Durch eine Treppenanlage im n\u00f6rdlichen Abwurfschlitz taucht man in den nordwestlichen Bunker ein, in dem sich eine Treppe, immer an der Wand entlang, nach unten wendelt. Kein Fenster, kein nat\u00fcrlicher Lichtstrahl und dennoch ist es gerade dieser Raum, der sich der tr\u00fcgerischen Euphorie der Augusttage des Jahres 1914, die Guillaume Paoli als \u201eAugustlegende\u201c bezeichnet, annimmt, dargestellt durch einen hinterleuchteten zentralen Bilderturm mit Fotos stolzer Soldaten, die auf den Krieg warteten, umgeben von der kaiserlichen Flagge und der Reichkriegsfahne.<\/p>\n<p>Auf der 1999 in die Bunker eingebrachten Plattform lassen sich die restlichen elf Bunker \u2013 schmucklose Kammern mit Grundfl\u00e4chen von 60 bis 65 Quadratmetern, 10 Meter hoch, nur mit engstrahlenden Punktscheinwerfern beleuchtet \u2013 im Gegenuhrzeigersinn durchschreiten. Jeder Bunker nimmt \u2013 ohne enzyklop\u00e4dischen Anspruch \u2013 Einzelthemen der Kriegsjahre auf, vornehmlich aus dem Blickwinkel der Menschen, die in dieser Region lebten, zuerst auch jubelten und dann litten: ein Blick aus der \u201eHeimatfront\u201c \u2013 der Osten war weit weg, der Krieg im Westen fand in Frankreich und Flandern statt. Hier war die \u201eWaffenschmiede des Reichs\u201c, hier lief die Propagandaschlacht, herrschten Entbehrung und Hunger. Doch auch martialisches Kriegsger\u00e4t fehlt nicht \u2013 eine Feldhaubitze schwebt auf einer leichten Stahlrohr-Konstruktion \u00fcber dem Publikum.<\/p>\n<p>Die zw\u00f6lf Bunker verj\u00fcngen sich nach unten hin trichterf\u00f6rmig. Im Treppenhaustrichter blitzt die Revolution am Ende des Krieges auf. Beim weiteren Herabsteigen er\u00f6ffnet sich ein Panorama auf die letzte gro\u00dfe Ebene, in der zw\u00f6lf Trichter um sechs massive Pfeiler gruppiert ein kubistisches Raumgebilde vermitteln. Voller Tageslicht \u2013 nat\u00fcrlich haben wir die besonders sch\u00e4dliche ultraviolette Strahlung aus dem Raum verbannt \u2013 gruppieren sich Facetten der materiellen Hinterlassenschaft des Rheinlands und des Ruhrgebiets aus der Nachkriegszeit, die heute als Zwischenkriegszeit gesehen wird. Vom abwesenden Kaiser als Identifikationsfigur der Milit\u00e4rs und Teilen des B\u00fcrgertums, von Revolution\u00e4ren und Putschisten, hin zum Aufbruch in Technik, Wissenschaft, Gesellschaft, Architektur,Kino, Sport und Politik gliedert ein diagonales Raster einen orthogonalen Rundgang. \u00dcberspitzt k\u00f6nnte man von einer dienenden Kristallarchitektur sprechen, in der die Objekte w\u00fcrdige Pr\u00e4senz entfalten. Jedes Ding gelangt zu seiner Bedeutung und spricht das Publikum in beredter Zur\u00fcckhaltung an. Die Glasarchitektur schafft die r\u00e4umlichen Zusammenh\u00e4nge und sch\u00fctzt die Objekte vor Zugriff und Verstauben.<\/p>\n<p>Eine letzte Teilebene verweist auf die nachfolgende gr\u00f6\u00dfte Katastrophe des Jahrhunderts, in gleicher Form wie schon der Auftakt ganz oben auf die Utopien verwies. Es ist der Schlusspunkt dessen, was Charles de Gaulle 1944 als \u201ela nouvelle Guerre de Trente Ans\u201c formulierte \u2013 der Zweite Weltkrieg als Schlussakt des Krieges, der 1914 begann. Wiederum sind es Bildzitate in der Form einer Kulissenb\u00fchne, mit fotografischen Motiven, die das Publikum zum Abschluss der Ausstellung zur Kenntnis nehmen muss, um von der B\u00fchne in die Hinterb\u00fchne hinabzusteigen und dann nach rechts abzutreten: zum Buchladen, ins Caf\u00e9 und zur Kokereif\u00fchrung im Weichbild der einstigen Waffenschmiede des Reichs. Manch einer wird nun wahrnehmen, dass der Ausstellungsparcours dem Weg der Kohle folgte!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Ausstellung ist die Verschmelzung von Thema, Objekten und Raum. 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