INSZENIERUNGEN IM RAUM AUSSTELLUNGSGESTALTUNG MARKENWELTEN FILM- & BÜHNENARCHITEKTUR NEUE WELTEN
Submit a PLOT
PLOT
deutschenglish
GO

Ausstellungsgestaltung

rock’n’popmuseum

POSTED 4. Juni 2019
PICTURE
PICTURE 1
 
PICTURE 2
 
PICTURE 3
 
PICTURE 4
 
PICTURE 5
 
PICTURE 6
 

Ein so komplexes und vielschichtiges Themengebiet wie die Rock- und Pop-Musik in einer Ausstellung zu fassen und generationsübergreifend zu vermitteln, ist ein spezielles Unterfangen. Diese Aufgabe wurde vom Hamburger Büro Andreas Heller Architects & Designers nun mit einem Konzept gelöst, das sowohl auf didaktischen als auch auf emotionalen Elementen aufbaut, sowohl klassische Exponate zeigt als auch innovative Sound-Technik anwendet und sowohl dem Mainstream als auch der Subkultur eine Bühne gibt. So können die Besucher der neuen Dauerausstellung des rock’n’popmuseums Gronau dank inszenierter Showcases vollständig in die Welt der Rock- und Pop-Musik eintauchen. Dabei ermöglicht ein mobiles und interaktives 3D-Audio-System eine individuelle Reise durch die Musikgeschichte(n).

 

von Kristina von Bülow und Janina Poesch

 

Udo Lindenberg persönlich lieferte die Idee zur Gründung des rock’n’popmuseums im nordrhein-westfälischen Gronau. Als berühmtester Sohn der Stadt gelang es ihm zudem, die Fachmesse für Musik und Unterhaltung „Popkomm“ zu gewinnen, um gemeinsam das inhaltliche Ausstellungskonzept zu erarbeiten – ideale Vorzeichen für ein Museum, das Einblick in rund 100 Jahre Rock- und Pop-Geschichte geben soll. Und so wurde nach etwa vierjähriger Bauzeit das bundesweit bislang einzige Museum für dieses Genre der Musikgeschichte im Juli 2004 feierlich eröffnet. Doch auch Erfolgsgeschichten kommen in die Jahre: Ende 2017 war die Ausstellung in der ehemaligen Turbinenhalle nicht mehr zeitgemäß, die Fläche zu klein und die Sonder- sowie Veranstaltungsfläche für Konzerte mit bis zu 800 Personen zu groß dimensioniert – das Raumprogramm musste also neu ausgerichtet werden. Unter der Federführung von Andreas Heller Architects & Designers wurde das Haus innerhalb eines Jahres dementsprechend komplett umgebaut, und seit November 2018 können Besucher neu beschwingt in den schillernden Facettenreichtum der Rock- und Pop-Musik eintauchen, um zu hören, spüren sowie sehen, wie Musik Menschen seit Jahrzehnten bewegt, antreibt und zusammenführt.

 

Rock- und Pop-Geschichten

Um dies zu gewährleisten, musste die Dauerausstellung aus dem Unter- in das Erdgeschoss der Turbinenhalle verlegt werden, die mit einer Deckenhöhe von 8,50 Meter sowohl der Musik als auch weiteren Interaktionen mehr Raum bietet. Als Kaleidoskop verschiedener Aspekte der Musikgeschichte konzipiert, bietet die Schau hier nicht nur eine „Ehrenbühne“ für Udo Lindenberg, sondern gewährt vor allem spannende Einblicke in neun verschiedene Themenbereiche: in die Ära „Before Pop“, in „Protest und Rebellion“, in „Körper und Performance“, mit „Live on Stage“ in die Entwicklung der Bühnentechnik für Live-Auftritte, mit „Fans“ in die Bedeutung und Entstehung von Fan-Kulturen, mit „Record, Play, Stream“ in die Entwicklung von Techniken zur Aufnahme, Wiedergabe und Verbreitung und mit „Spaces und Places“ in bestimmte Orte und Räume, die bei der Evolution von Pop-Musik eine wesentliche Rolle spielen. Dabei wurde bei der Inszenierung bewusst auf eine chronologische Darstellung verzichtet und stattdessen ein akustisches und visuelles Spektrum geschaffen, das mit Kostümen und Requisiten, Schallplatten und CDs, Texttafeln und Bildern, Filmen und Dokumenten ein abwechslungsreiches, nicht-lineares Bild der Rock- und Pop-Musik zwischen ihren damaligen Vorläufern und Trends von morgen zeichnet. „Wir zeigen Pop als bewegende Phänomenologie, es geht nicht um Chronologie, sondern um Ereignisse. Pop bezieht seine gestalterischen Ansätze aus Rebellionen, Performances oder dem Live-on-Stage-Bereich. Die Fan-Kulturen waren stets genauso relevant wie die jeweilige technologische Entwicklung“, erklärt Thomas Mania, Kurator des Museums, das neue inhaltliche Konzept. Die Übergänge zwischen den einzelnen Themenbereichen markieren exponiert inszenierte Künstler. So steht Madonna etwa für den Themenkomplex „Performance“ und die deutschen Elektronikpioniere Kraftwerk für „Spaces und Places“. Innerhalb der einzelnen Showcases geben Musiker, Konzertveranstalter, Label-Manager und Musik-TV-Produzenten in Interviews zudem aufschlussreiche Hintergrundinformationen, und Interessierte erfahren neben spannenden Fakten mehr über einzelne Stars oder darüber, wie sich neue Musikstile durch technische Erfindungen wie Rundfunk und Tonträger so rasant verbreiten konnten. Da die jeweiligen Inszenierungen in der Turbinenhalle hoch aufgetürmt sind, bilden die verschiedenen Arrangements dabei nicht nur eine Art Skyline, es bieten sich zudem immer neue Blickbezüge und inhaltliche Verbindungen im ganzen Raum. Die etwa 600 Quadratmeter große Halle wird so zur „rock’n’popCity“ mit Straßen, Vierteln und Plätzen und die Besucher können an den Exponaten „wie ein Fluss, der sich selbst seinen Weg sucht, vorbeimäandern“, ergänzt Andreas Heller.

 

Neben der Dauerausstellung wurde im Foyer außerdem ein Café mit gemütlicher Club-Atmosphäre und im Untergeschoss der Live-Club „Turbine“ eingerichtet, der Platz für etwa 300 Gäste bietet und auch unabhängig vom Museumsbetrieb genutzt werden kann. Daneben befindet sich der pädagogische Bereich „rock’n’popLabor“ mit einer Green-Box, in der Besucher eigene Musikvideos aufnehmen können. Fans der Krautrockgruppe CAN können zudem das originale Aufnahmestudio besichtigen.

 

Klanglandschaften

Da Musik aber im Idealfall nicht nur theoretisch, sondern auch emotional vermittelt werden sollte, griffen die Kreativen auf das interaktive 3D-Audio-System von usomo zurück. Die verschiedenen Kompositionen werden so zum ständigen Begleiter auf dem Ausstellungsrundgang. Hierfür wurde parallel zur Szenografie eine komplexe akustische Ebene aus Tondokumenten herausragender Musiker, Musikuntermalungen, Video-Tonspuren, Sprachkommentaren und Interviews im Raum installiert – wobei die teils binaural in Echtzeit berechneten Sounds eine positionsgenaue, individuelle Bespielung ermöglichen. Um in den optimalen Musikgenuss zu kommen, werden zu Beginn der Ausstellung hochwertige Kopfhörer ausgegeben, die mit einem Head-Tracking-Modul ausgestattet sind. Dieses kommuniziert mit Sensoren im Raum und liefert zentimetergenaue Ortsangaben der einzelnen Person. So können sich die Besucher frei bewegen und die für die jeweiligen Stellen definierten Sounds hören, um akustisch-immersiv in die verschiedenen Themen einzutauchen. Wer länger an einem Showcase verweilt, hört auch länger Musik. So ist der Rundgang durch die Schau jedem selbst überlassen, die Besucher bewegen sich auf eigenen Pfaden durch die Bereiche und können allein vom eigenen Interesse geleitet die Geschichte der Rock- und Pop-Musik erkunden. Die Trennschärfe des Systems ist dabei so präzise, dass selbst enge Räume mit variierenden Sounds belegt werden können: Klanglandschaften, die sich in der Fläche verlieren, Sounds, die mit anschwellender Lautstärke die Besucher zu einem Ereignis hinführen, aber auch abrupte Übergänge wie das Überschreiten einer imaginären Klanglinie. Gleichzeitig fungiert das Soundsystem als inklusives Element und gewährt ein mehrsprachiges Erlebnis der Bild- und Klangwelten des Museums.

 

Anhand von auf dem Boden markierten, viereckigen Feldern werden zudem die Schlüsseljahre in der historischen Entwicklung der Sound-Technik präsentiert – von analog bis digital: Indem sich die Besucher von Feld zu Feld bewegen, hören sie ein Lied aus dem 19. Jahrhundert in fünf Versionen, fünf Medien und fünf Qualitäten, die typisch für den jeweiligen Zeitpunkt sind. So erleben sie in der „History of Sounds“ nicht nur den direkten Vergleich von Aufnahmequalitäten zwischen dem Phonographen (1877), Schellack (1896), Vinyl (1945), der CD (1980) und 3D-Sound (2018), sondern gleichzeitig den epochalen Stilwandel an ein und demselben Musikstück.

Eine weitere Besonderheit der Ausstellung: Alle 20 Minuten verwandelt sich der Raum in einen Konzertsaal, und auf vier großen Monitoren unterhalb der Decke wird eine computergesteuerte Show mit Film und Sound abgespielt. Sobald jene anläuft, fährt nicht nur die Ausstellungsbeleuchtung, sondern auch der interaktive Sound auf den Kopfhörern automatisch herunter, das System schaltet auf die stationären Lautsprecher im Raum um und unter dezibelgewaltigem Sound werden in regelmäßigen Abständen für einige Minuten Live-Performances verschiedener Künstler im „Pophimmel“ gezeigt – ein Erlebnis, das alle Besucher gemeinsam erfahren. Anschließend kehrt der Klang wieder zurück auf die Kopfhörer, wobei dieser spezielle Effekt eigens für das rock’n’popmuseum entwickelt wurde.

 

Dank der gekonnten Kombination von räumlicher Gestaltung und interaktiver Klanginszenierung, gelingt es den Kreativen, eine reiche Informationsdichte an sehr diverse Zielgruppen mit einer überraschenden Leichtigkeit zu vermitteln, ihnen damit ein ungewöhnliches Erlebnis zu bieten und so auch langfristig in Erinnerung zu bleiben – ein rundum gelungenes Konzept, das nicht nur von Udo Lindenberg, sondern mit Sicherheit auch von David Bowie beeinflusst wurde …

FACTS

Projekt:

rock’n’popmuseum, Gronau

Gestaltung:

Andreas Heller Architects & Designers, Hamburg (DE) > www.andreas-heller.de

Räumliche Soundinszenierung:

usomo by FRAMED immersive projects GmbH & Co. KG, Berlin (DE) > www.usomo.de

Standort:

Udo-Lindenberg-Platz 1, Gronau (DE)

Fertigstellung:

23.11.2018

Auftraggeber:

rock’n’popmuseum gGmbH, Gronau (DE) > www.rock-popmuseum.de

Fotos:

Julia Knop, Hamburg (DE) > www.juliaknop.com