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Ausstellungsgestaltung

PARLAMENTARIUM

POSTED 19. Oktober 2011
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Im Oktober 2011 eröffnete Jerzy Buzek, Präsident des Europäischen Parlaments, nach vier Jahren Planungs- und Bauzeit das Besucherzentrum des Europäischen Parlaments in Brüssel. Gestaltet vom Stuttgarter ATELIER BRÜCKNER ist das PARLAMENTARIUM mit knapp 3.000 Quadratmetern Fläche das größte Besucherzentrum eines Parlaments in Europa – und auch das „sprachbegabteste“: Die multimediale Ausstellung kann in allen 23 Amtssprachen Europas nachvollzogen werden. Das klingt nach babylonischen Verhältnissen – deswegen hat sich PLOT das Besucherzentrum selbst angeschaut …

von Janina Poesch

Lost in Translation: Der Präsident des Europäischen Parlaments stammt aus Polen, die Vize-Präsidenten haben italienische, griechische, spanische oder deutsche Wurzeln und im Abgeordnetenhaus sind 736 Mitglieder aus 27 verschiedenen Staaten vertreten. Kein Wunder, dass es hier ab und an zu babylonischen Sprachverwirrungen kommen kann… Aber das Europäische Parlament wäre nicht das Europäische Parlament, wenn es nicht auch dieses „europäische Problem“ regeln würde – schließlich haben die Abgeordneten schon ganz andere Hürden genommen: die EU-Richtlinien über Lichtprodukte zum Beispiel. Und damit im Brüsseler Europa-Viertel nun niemand mehr im Dunkeln tappen muss, hat sich die Institution zum Ziel gesetzt, mit ihrem neuen Besucherzentrum – dem PARLAMENTARIUM – den 500 Millionen EU-Bürgern einen klar definierten, weltoffenen und lebhaften Ort zu bieten. Er soll die europäische Politik transparent machen, Distanzen abbauen und seine Besucher ermuntern, sich bei politischen Fragestellungen einzubringen. Die gelebte Sprachenvielfalt ist dabei nicht nur ein Bekenntnis zu einer vielfältigen und multikulturellen Europäischen Union, die „in Vielfalt geeint“ ist, sie ist auch Konzept der Ausstellungsgestaltung, die in allen 23 EU-Amtssprachen erlebt werden kann. Das macht die Schau – konzipiert und gestaltet vom Stuttgarter Atelier Brückner – nicht nur weltweit einzigartig, sondern vor allem komplex in der Realisation: Sämtliche Inhalte und Medien sind in 23 Sprachen aufbereitet, zudem stehen Führungssysteme in Gebärdensprache, audiodeskriptive Angebote und spezielle Informationsmöglichkeiten für Kinder zur Verfügung – zusammengefasst in einem tragbaren Multimedia-Guide mit Touch-Screen, der das babylonische Sprachgewirr mittels RFID-Technik entzerren soll. Mit seiner Hilfe wird der Besucher durch die etwa 3.000 Quadratmeter große Ausstellung geführt und über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Parlaments und der Europäischen Union informiert.

Über drei Etagen entfaltet sich dabei ein abwechslungsreicher Parcours, der den Inhalten der Ausstellung dreidimensionalen Ausdruck verleiht: So führt beispielsweise ein Zeittunnel mit 150 symbolhaften Bildern der Schlüsselereignisse durch die Integrationsgeschichte Europas. Dieser mündet über eine Treppe in dem Bereich „Today and Tomorrow“, der die Arbeits- und Anschauungsweise sämtlicher Parlamentarier über interaktive Installationen und Video-Botschaften verdeutlicht. In einem stilisierten Plenarsaal finden sich die Besucher wiederrum inmitten einer übergroßen digitalen 360-Grad-Projektion, die sie hautnah miterleben lässt, wie im Europäischen Parlament Entscheidungen getroffen werden. Hier können sie die Abgeordneten in Aktion erleben sowie Debatten oder Abstimmungen mitverfolgen und werden dementsprechend durch das Gesetzgebungsverfahren geführt. Herzstück der Ausstellung ist allerdings der Raum „United in Diversity“, in welchem sich die Besucher auf eine virtuelle Reise durch Europa begeben können – dank einer 210 Quadratmeter großen Bodenkarte, die ein Europa ohne Grenzen zeigt und mehr als 90 interaktive Punkte enthält. Jene können mit den so genannten „Ground-of-Stories-Scanner“ angefahren werden, die einen multimedialen Rundgang durch Europa ermöglichen und weiterführende Informationen zu verschiedenen europäischen Institutionen oder ausschlaggebenden Ereignissen offenbaren. Auch wenn sich hier Europa geeint präsentiert, spiegelt die darüber schwebende Lichtinstallation „Sky of Opinions“ hingegen die durchaus unterschiedlichen Auffassungen der Europäer hinsichtlich mancher sozialer, kultureller, ökonomischer und auch gesellschaftlicher Fragestellungen wider. Die unterschiedlichen Meinungen und Antworten der Befragten lassen sich dabei anhand der farbig differenziert leuchtenden LED-Kugeln – 13.000 an der Zahl – dieser dreidimensionalen Europa-Karte ablesen. Das PARLAMENTARIUM vermittelt das Motto der Europäischen Union „In Vielfalt geeint“ aber nicht nur auf anschauliche, sondern auch auf emotionale Weise. So können die Besucher im Abschnitt „Europe in Daily Life“ anhand von 54 verschiedenen Filmbeiträgen das Leben und Wirken von 54 Europäern kennenlernen und deren Unterschiede und Gemeinsamkeiten ausmachen. Um all diese Inhalte zu produzieren, schickte die Hamburger Produktionsfirma Markenfilm Crossing zwei Filmteams für ein halbes Jahr quer durch die 27 Mitgliedstaaten der EU. Die Teams lieferten dabei nicht nur Landschaftsaufnahmen, sondern interviewten auch deren Bürger und so erzählt eine deutsche Pilotin genauso aus ihrem Leben wie ein Restaurator aus Venedig. Um zu guter Letzt den europäischen Gemeinschaftssinn und die Identifikation eines jeden einzelnen Bürgers zu stärken, können die Besucher im Bereich „Wishes for the Future“ ihre Wünsche für Europa definieren – egal ob es sich dabei um Frieden, Gleichberechtigung oder gar die Weltherrschaft handelt.

Das PARLAMENTARIUM soll seine Besucher aber nicht nur für Europa begeistern, es ist vor allem auch eine Bildungseinrichtung, in der auf spielerische Weise parlamentarische Prozesse vermittelt werden. So wird die Ausstellung durch ein mehrstufiges „Role Play Game“ für Schulklassen ab der Sekundarstufe ergänzt: Schüler zwischen 14 und 16 Jahren können – natürlich in allen Landessprachen – in die Rolle eines Parlamentariers schlüpfen und somit die wichtigsten Schritte zur Verabschiedung eines europäischen Gesetzes kennenlernen. In entsprechender Umgebung sollen sie ihre Mitstreiter überzeugen und Allianzen schmieden, eigene Ideen im politischen Diskurs verteidigen, politische Verhandlungen mit anderen EU-Institutionen führen und ihre Entscheidungen den Medien kommunizieren. Die Schüler lernen so spielerisch die Kunst des Kompromisses, die für einen Erfolg in der Europapolitik unerlässlich ist und so manchem Erwachsenen sicherlich nicht schaden würde.

So setzen die Gestalter des PARLAMENTARIUMS also auf eine enorme Bandbreite an multimedialen Schnittstellen und interaktiven Angeboten, um Besucher jeder Altersklasse einen einzigartigen Einblick in die Arbeit und das Wesen des Europäischen Parlaments und der Europäischen Union zu bieten. Nicht zuletzt aus dem Grund, dass kaum Exponate im klassischen Sinne zur Verfügung standen und die Inhalte selbst generiert werden mussten. 21 Millionen Euro hat sich dies das EU-Parlament kosten lassen – ein stolzer Betrag, wenn man ohnehin Kritiker des europäischen Systems ist, Peanuts allerdings wenn man an die hohe Staatsverschuldung im Euro-Raum denkt und trotzdem an den Grundgedanken der Europäischen Union zu glauben wagt…

FACTS

Projekt:

PARLAMENTARIUM – Besucherzentrum des Europäischen Parlaments, Brüssel (BE)

Konzeption/Gestaltung:

ATELIER BRÜCKNER GmbH, Stuttgart > www.atelier-brueckner.com

Planungsbeteiligte:

integral ruedi baur, Berlin (Grafische Gestaltung) > www.ruedi-baur.eu
jangled nerves GmbH, Stuttgart (Mediengestaltung) > www.janglednerves.de
Markenfilm Crossing GmbH, Hamburg (Medienproduktion) > www.markenfilm-crossing.de
LDE BELZNER HOLMES, Stuttgart (Lichtplanung) > www.lde-net.com
Media Farm AS, Stavanger (NO) (Konzeption Rollenspiel) > www.mediafarm.no

Standort:

Willy Brandt Gebäude, Rue Wiertz 60, Brüssel (BE)

Zeitrahmen:

seit 14.10.2011

Hersteller:

NOUS Wissensmanagement GmbH, Wien (AT) (Media Guide) > www.nousguide.com

Fotos:

Marco Müller, Stuttgart (1-3, 6,13-17)
Europäisches Parlament (4-5, 10, 21)
Rainer Rehfeld Fotografie, Köln (7, 9, 11, 19) > www.rehfeld-fotografie.de
Simon Busse, Stuttgart (8, 12, 18, 20)