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Film- & Bühnenarchitektur

Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ | Stuttgart

POSTED 16. November 2017
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Wie wird eine Geschichte in der Geschichte übersetzt? Wie wird der doppelte Boden auf die Bühne gebracht und wie sieht ein Bühnenbild aus, das nicht für sich selbst steht, sondern durch sein Fehlen die politischen Hintergründe in den Raum übersetzt? Die Oper Stuttgart hat sich diesen Fragen sowie dem Experiment einer Inszenierung ohne Bühnenbild, ohne Kostüme und ohne Regisseur angenommen und eine Lücke visuell übersetzt. PLOT war bei der Musiktheater-Premiere von „Hänsel und Gretel“ an der Stuttgarter Staatsoper anwesend und hat sich von der „Nicht-Inszenierung“ ein Bild gemacht.

 

von Lena Meyerhoff

 

„Jeder Mensch sollte seinen Weg durch den Wald finden. Es geht in der Geschichte nicht nur um Kinder.“ (Kirill Serebrennikov)

Der Protest „Free Kirill“ zieht weite Kreise – zuletzt mit dem Staatsbesuch von Frank Walter Steinmeier im Oktober 2017 in Russland. Sowohl öffentlich als auch unter vier Augen mit Wladimir Putin sprach sich der Bundespräsident für die Freilassung des Film-, Theater- und Opern-Regisseurs Kirill Serebrennikov aus. Dieser sollte an der Stuttgarter Staatsoper Humperdincks „Hänsel und Gretel“ inszenieren, bis die Behörden vor seiner Moskauer Wohnung standen und ihn wegen Verdachts auf Steuerhinterziehung mitnahmen. Am Tag der Verhandlung protestierten schließlich hunderte Demonstranten vorm Gericht im Zentrum Moskaus gegen die Festnahme Serebrennikovs, der nun seit August 2017 unter Hausarrest steht.

Als „Instrument des Machterhalts“ benennt Chefdramaturg Sergio Morabito die russische Justiz – und verurteilt das Vorgehen scharf. Tatsächlich ist über Serebrennikovs Schuld noch nicht befunden und es deutet einiges darauf hin, dass es sich bei der Inhaftierung um eine unverhältnismäßige Vorverurteilung handelt – ein Zustand, der die internationale Kulturlandschaft seit Wochen beschäftigt. Nach dreimonatigem Hausarrest in seiner Moskauer Privatwohnung wurde zuletzt nach sechsstündigen Verhandlungen eine Verlängerung der Strafe um weitere drei Monate durchgesetzt – bis zum 19. Januar 2018.

Dementsprechend möchte jetzt auch das Stuttgarter Haus Haltung zeigen – im Sinne des Künstlers und der freien Gesellschaft. Denn Kirill Serebrennikov ist in seinen Inszenierungen stets bestrebt, freien Impulsen zu folgen und sich nicht einschränken zu lassen. Also präsentiert die Stuttgarter Oper über ihre derzeitige „Ersatz-Inszenierung“ von Humperdincks „Hänsel und Gretel“ hinaus eine breite Retrospektive: vergangene Werke Serebrennikovs, Fotodokumentationen, Podiumsdiskussionen zu aktuellen politischen Entwicklungen oder eine Ausstellung mit Bezug zu politischen Hintergründen. Fragmentarisch und doch ganzheitlich inszeniert, sind die Akteure hier bemüht, eine möglichst umfassende Übersicht der Geschehnisse zu liefern.

Im Mittelpunkt der Bühnenproduktion steht ein abendfüllender Spielfilm des russischen Regisseurs. Er erzählt das Märchen von Hänsel und Gretel im Kontext der Globalisierung – am Schicksal von zwei afrikanischen Kindern aus Ruanda, die auf der Suche nach dem Glück in die Welt des Konsums nach Stuttgart gelangen. Es ist eine globalisierte und zeitgenössische Interpretation der Humperdink`schen Oper „Hänsel und Gretel“, die neben dem Thema Suche auch Angst und Überwachung zum Leitmotiv der Geschichte erhebt.

Dabei wollte Serebrennikov Afrika-Klischees um jeden Preis vermeiden und suchte am Drehort bewusst den ruandischen Alltag. So lässt es der Dokumentarfilm von Hannah Fischer, welche die Dreharbeiten des internationalen Teams in Afrika ebenfalls filmisch begleitete, jedenfalls erahnen. Was beispielsweise die Kleidung der Protagonisten angeht, hatte sich der Regisseur etwas Traditionelleres vorgestellt: „Die Kleidung der Kinder sieht aus wie eine billige Europa-Kopie.“ Sie tragen keine ethno-gemusterten Klischees – die Realität in Ruanda sieht anders aus. Und so bildete das Team sie dann auch ab.

Der Film, der zu Beginn der Inszenierung an die von der Decke abgehängte Leinwand geworfen wird, spielt in Kigali, Hauptstadt des ostafrikanischen Staats. Dynamisch läuft die Steady-Kamera die hügelige Szenerie ab, folgt einem Fischer von seinem Boot über den Steg in Richtung Dorf. Nachdem er ein paar Waldpfade durchquert hat, gelangt er in eine Lehmhüttensiedlung neben Feldern und einem Stück Wald – hier wohnen Hänsel und Gretel zusammen mit ihren Eltern in einem bescheidenen Haus. Anstatt sich um die anstehende Arbeit zu kümmern, spielen die Kinder in Abwesenheit der Erwachsenen auf dem Hof – vor allem auch, um sich vom Hunger abzulenken. Es folgt eine wunderbar szenische Aufnahme: Mit Reisigbesen fegen die 14-jährige Ariane als Gretel und der 13-jährige David als Hänsel den Staub an den Wänden auf und jagen Lichtpunkte während die Kamera Gegenlicht und Unschärfe zelebriert.
Als die Mutter sie beim Herumalbern erwischt, jagt sie ihre Kinder die Straße hinab und schickt sie auf Nahrungssuche. Nicht im Wald, wohl aber im Dickicht der Stadt gehen Hänsel und Gretel verloren. Von ihrem Hungerwahnsinn getrieben, treffen die Kinder in einer Nebengasse auf den Sandmann – eine zwielichtige Figur, die ihnen hellen Staub auf die Gesichter reibt. Langsam in den Traum entschwindend, begegnen sie noch den 14 Englein, die bei Humperdinck den Abendsegen einläuten. Die filmischen Engel mit ihren traditionellen Holzmasken erlösen Hänsel und Gretel von ihrer Suche, dem Hunger sowie der Verunsicherung und begleiten sie in den Schlaf.

Eines der ältesten und bekanntesten europäischen Märchen über Armut und Suche in die Gegenwart zu übersetzen bedeutet im Falle dieser Inszenierung, zwei aus Ruanda stammende Kinder in Stuttgart auf der Königstraße Fahrrad fahren und Sahnetorte essen zu lassen. Und die böse Hexe? In der Grimm`schen Erzählung ist sie erbarmungslos gezeichnet: Suchende, arme Kinder werden gemästet und gegessen. Der Zaun, der ihr Häuschen umgibt, besteht aus Kinderköpfen – eine Existenz auf Raubbau. Die Rolle der Hexe, die Verkörperlichung alles Fremden und Bösen, kann nach Serebrennikovs Ursprungsidee nur ein übergeordnetes System einnehmen – in unserer Welt ist das der Kapitalismus. Und wo stünde ein Hexenhaus dessen besser, als auf der Stuttgarter Einkaufsmeile direkt im Konsum-Schlaraffenland? Somit lockt es Hänsel und Gretel im Film in eine üppig gefüllte Konditorei, in deren Fenster Sahnetorten glänzen, die größer sind als ihre Köpfe.

Der Regisseur und sein Team setzten die Kinderschauspieler Ariane und David echten Situationen aus und filmten sie dabei aus der Distanz. Für die beiden, die am Abend der Premiere in Stuttgart ebenfalls zu Gast waren, sei es ein „kontrollierter Kulturschock“ gewesen, so Ann-Christine Mecke, Dramaturgin von „Hänsel und Gretel“.

Ein Großteil des Filmrohschnitts ist schon im Juli 2017 fertiggestellt worden. Jedoch folgte keine große Weiterbearbeitung: Das Material wie Serebrennikov es zurückgelassen hat, blieb unverändert und ist nun Kern des Stuttgarter Stücks – eine Inszenierung, die nicht aus der Feder des Regisseurs stammt und auch nicht behauptet, dies zu sein. „Die Art und Weise, wie einem Künstler verboten wird zu arbeiten, ist erschütternd“, sagt Opernintendant Jossi Wieler über die Absage der russsischen Staatsanwaltschaft gegenüber der Weiterarbeit an Serebrennikovs Filmarbeiten in Haft. Der Bitte, den Film parallel während der Haft fertigstellen zu können, wurde nicht nachgekommen. Die gesamte Arbeit an der Inszenierung wurde deshalb von Serebrennikov autorisiert: Über einen Anwalt konnte das Haus mit ihm Kontakt halten und gemeinsam beschließen, die Ursprungsideen unberührt zu lassen. Auch Bühnen- und Kostümbild, die bereits fertiggestellt waren, werden bis zur Rückkehr des Regisseurs aufbewahrt.

Auf der Bühne findet der vorproduzierte Stummfilm am Abend der Premiere Begleitung durch ein Live-Orchester, das Humperdincks Oper nach dessen Sinne inszeniert. Generell gelingt den Akteuren mit ihrer Inszenierung eine Befreiung von fast jeglicher Gegenständlichkeit: kein Wald, kein Baum, kein wortwörtliches Hexenhaus. Nur für die Bühne entschied die Dramaturgie – alternativ zu Serebrennikovs Gedanken – die Hexe doch zu verkörpern: männlich, als Tenor und in ungewöhnlicher Interpretation …

Das Stück ist hauptsächlich Medium für die Geschichte in der Geschichte in der Geschichte. Einen Schutzraum für die Kunst schaffen – das kündigte die künstlerische Leitung des Opernhauses schon Wochen vor der Premiere als Ziel an. „Wir inszenieren kein Requiem und auch kein Trauerereignis. Wir wollen Kirill und seine Arbeit feiern“, betont Ann-Christine Mecke.

Was auf die Bühne gebracht wurde, ist demnach eine neue Form von Musiktheater, in diesem Fall über das Grimm`sche Märchen hinaus mit doppelter Handlung. Es ist „eine Erzählung über unseren Erzähler, der beim Erzählen unterbrochen wurde“, so Jossi Wieler – ein experimentelles Ablaufen von Grenzen, Interdisziplinarität sowie künstlerischem und politischem Gewissen. So zieht sich die Allegorie der Suche tatsächlich aus der Erzählung heraus und windet sich in die Umsetzung, denn niemand im Ensemble wusste so recht, wo die Reise hingehen würde. „Zu sehen sein wird eine ‚Nicht-Inszenierung‘ . Es kann auch sein, dass wir grandios scheitern. Wir trauen uns aber für die Kunst der Oper“, so Wieler kurz vor der Premiere.

Ein Scheitern dieser Art war nie möglich – das Handeln des Hauses ist aus inszenatorischer Sicht und im philosophischen Sinne Philipp Ruchs vom Zentrum für politische Schönheit (ZPS) im Wortsinn als „Akt der politischen Schönheit“ einzuordnen. Eine „Nicht-Inszenierung“ macht daher auch eine Rezension nicht möglich. Die Arbeit entzieht sich jeder Bewertung. Sie ist eine Geste, welche die Qualität Serebrennikovs Inszenierung anteasert und eine teilszenische Neuform hervorbringt. Aus den politisch gesäten Repressionen ließ das Ensemble eine bewusst improvisierte Collage wachsen, die am Premierenabend zurecht mit stehenden Ovationen entlohnt wurde.

FACTS

Projekt:

Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“, Kirill Serebrennikov

Projektteam:

Musikalische Leitung: Georg Fritzsch / Willem Wentzel
Bildregie: Ilya Shagalov
Dramaturgie: Ann-Christine Mecke
Licht: Reinhard Traub Kinderchor: Christoph Heil
Vater: Michael Ebbecke / Simon Bailey
Mutter: Irmgard Vilsmaier / Catriona Smith
Hänsel: Diana Haller / Kora Pavelić
Gretel: Esther Dierkes / Josefin Feiler
Die Knusperhexe: Daniel Kluge / Torsten Hofmann
Sandmännchen / Taumännchen: Aoife Gibney
Mit: Kinderchor der Oper Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart

Produktionsteam des Films:

Regie: Kirill Serebrennikov
Kamera: Denis Klebleev
Schnitt: Ilya Shagalov
Produzent: Márk Szilágyi
Castingdirektorin Ruanda: Hope Azeda

Mitwirkende im Film:

Gretel: Ariane Gatesi
Hänsel: David Niyomugabo
Vater: Isaie Karinda
Mutter: Chantal Kayizerwa
Sandmann: Jean Paul Nduwayezu
Taumännchen: Hope Azeda

Standort:

Oper Stuttgart >www.oper-stuttgart.de

Zeitrahmen:

22.10.2017–14.01.2018

Fotos:

Thomas Aurin

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