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Film- & Bühnenarchitektur

Filmrezension „Réalité“

POSTED 1. Juli 2016
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PLOT war im Kino! Wer den Film „Rubber“ gesehen hat und davon nicht genervt war, wird sich freuen, dass Quentin Dupieux einen neuen Film realisiert hat. In „Réalité“ wird die Tragfähigkeit von Inhalt und Geschichte dabei weitaus mehr strapaziert als im Vorgänger: Was ist Realität, was Sinn, was sinnvoll, und wie steht es um ihr Verhältnis im und zum Kunstwerk? An „Alice im Wunderland“ und „Der Zauberer von Oz“ erinnernd, beginnt die Geschichte mit einem Mädchen, mit dem wir in eine wundersame Welt eintauchen, in der die Gesetze der gewohnten Realität nicht mehr gelten. Diese Art von Film ist selten, darum wurde die Gelegenheit, „Réalité“ im Kino sehen zu können, von uns sofort wahrgenommen.

von Alexander Bischoff

Es ist der amerikanische Traum: Vater und Tochter befinden sich inmitten der Natur und jagen ein Wildschwein. Die Familie nimmt das Tier schließlich in der Küche eines Landhauses auseinander, um es für die weitere Verwertung vorzubereiten. Hier schwingt die unterschwellige Dominanz der Eltern mit und die Geschlechterrollen aus alter Zeit sind klar definiert. Wobei sich in dieser Küche auch die ersten Risse in der Realität zeigen – ein Hasenloch im Gewohnten: In Form einer VHS-Kassette, die das Kind in den Innereien des Wildschweins entdeckt, bahnt sich das Absurde seinen Weg. Das Mädchen meidet die Aufmerksamkeit ihrer Eltern und schleicht sich heimlich zur Mülltonne, in die der Vater die Innereien und die unbemerkt gebliebene Video-Kassette verfrachtete – der Startschuss für ein liebevolles, filmisches Gewebe aus obskuren und absonderlichen Handlungssträngen, die hier nicht alle verraten werden können …

Wie unerwartet präzise das Absurde in der Realität und die Realität des Absurden in diesem Film ineinander geblendet sind, soll aber an einem Handlungsstrang verdeutlicht werden: Ein Filmemacher um die 50, der sich als Studio-Kameramann für einen Lokalsender über Wasser hält und mit einer intelligenten und attraktiven Psychologin zusammenlebt, bekommt die seltene Chance, bei einem erfolgreichen Filmproduzenten sein aktuelles Projekt zu präsentieren. Die Idee seines Films ist unbeschreiblich naiv und kann dem B-Film oder den „Midnight-Movies“ zugeordnet werden. Nur so viel: Die Menschheit bekommt durch TV-Strahlungen explosive Kopfschmerzen und ist in Gefahr, ausgerottet zu werden. Der Produzent bietet dem Filmemacher einen Deal an: Wenn er es in einer kurzen Frist schafft, den perfekten authentischen Schrei für die an Kopfschmerzen explodierenden Menschen zu finden und ihm diesen vorzuspielen, dann produziert er den Film ohne weitere Bedingungen. Parallel arbeitet ein berühmter, künstlerischer Filmemacher an seinem neuesten Projekt, in dem es um ein Mädchen geht, das eine VHS-Kassette in den Innereien eines Wildschweins findet. Der Produzent scheint jedoch an diesem Projekt und seinem Macher zu verzweifeln, denn die Kosten sind zu hoch und die Vorstellungen des Künstler-Regisseurs lassen sich nicht realisieren. Dieser bleibt allerdings kompromisslos.

Das Filmemachen und seine Inhaltlichkeit werden in „Réalité“ von diesen beiden Seiten beleuchtet. Es geht dabei um die schizophrene Beschaffenheit dieses Mediums und seiner Entstehung, die von der Sehnsucht nach einem authentischen Kunstwerk zeugt, das sich aus der eigenen Idee heraus zum Wunsch nach einem unterhaltsamen und kommerziell erfolgreichen Produkt entwickelt. „Réalité“ erzählt davon, wie sehr diese Kräfte an Menschen, die ihren Film machen wollen, zerren und sie in Frage stellen. Der Film zeigt, wie weit sie dafür gehen.
Szenografisch ist „Réalité“ eine Fundgrube liebevoller Ausstattungen aus der Fantasie des Teams um Joan Le Boru. Die Räume haben eine eigene Handschrift, die gekonnt zitiert und doch ihren eigenen Spielregeln folgt: Die Zuschauer fühlen sich in manchen Räumen an Serien der 1970er- und frühen 1980er-Jahre erinnert. Verweise in dieses Zeitfenster werden ebenfalls durch Details wie VHS-Kassetten, Audio-Kassetten-Rekorder, alte Fernseh-Studio-Technik, Röhrenfernseher, alte Automobile und das ebenso feinsinnige Kostüm von Jamie Redwood immer wieder hergestellt. Dabei ist der Arbeitsraum des Produzenten ein Highlight und kann als szenografischer Side-Kick betrachtet werden. Szenen, die den Filmprozess vom Dreh bis zur Kino-Premiere zeigen, stehen allerdings unter dem Generalverdacht des Klischees und drohen immer wieder ins Lächerliche zu kippen, doch sie fallen nicht um. So hat der Film in aller Bescheidenheit einige große Kino-Bilder zu bieten, die sich einprägen.

„Réalité“ schafft es, den Anspruch nach einer sinnvollen Filmhandlung durch die charmante Wahrheitsfähigkeit des Absurden zu überwinden. Wir sehen einem Clown zu, dem es in seiner gespielten Naivität gelingt, uns näher an den Kern unserer Realität zu führen, als wir es uns im Alltag jemals trauen würden. „Réalité“ ist surreale und absurde Realitätsbewältigung im Kino.

 

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Reality

 

FACTS

Titel:

Réalité

DVD-Start:

20.11.2015

Regie:

Quentin Dupieux

Drehbuch:

Quentin Dupieux

Szenenbild:

Joan Le Boru

Kamera:

Quentin Dupieux

Fotos:

Quentin Dupieux, REALITISM FILMS, Paris (FR) > www.realitydupieux.com

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