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PQ: PRAGUE QUADRENNIAL OF PERFORMANCE DESIGN AND SPACE 2015

POSTED 3. Dezember 2015
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Vom 18. bis 28. Juni 2015 fand die 13. Prague Quadrennial die wohl weltgrößte Weltausstellung für Szenografie statt und präsentierte die Disziplin als eine starke und manchmal unsichtbare performative Kraft. Unter dem Titel „SharedSpace, Music Weather Politics“ wurde so einmal mehr deutlich, dass der Begriff in allen Facetten schillert und kaum klar zu definieren ist. Denn Szenografie hat eine Kraft, die uns wie Musik, Wetter oder Politik stark beeinflusst – so lautete zumindest das Konzept der Veranstalter.
Zwischen Wetter und Politik fand somit auch viel Spannendes, aber auch Belangloses zu Performances, Sound, Bühnenbild, Präsentationen und Vorträgen statt. Wobei die PQ 2015 ein Anlass war, bei dem der Zufall eine große Rolle spielte: All die Orte, Zeiten und Ticket-Optionen erfolgreich zu koordinieren, stellte eine große Herausforderung dar, die nicht zuletzt zufällig zu wunderbaren Erlebnissen führte.

von Gina Moser

Als vermutlich das weltweit größte internationale Festival für Szenografie, Theater und Performance fand die PQ im Juni 2015 in Prag statt. Innerhalb von elf Tagen wurden rund 180.000 Eintritte registriert – was nicht zuletzt noch mehr, aber auch andere, Gäste in die touristisch stark belebte Stadt brachte. 78 Länder präsentierten ihre Arbeiten und Neuigkeiten in den Bereichen Stage- and Costume-Design, Architektur, Licht- und Sound-Design. Projekte aus dem Forschungs- und Kunstprogramm „SharedSpace“ und „SpaceLab“ – das Vermittlungsprogramm der PQ 2015 – waren dabei integraler Bestandteil. Eigenständige Kulturfestivals wie „Performing Prague“ und das „Zlomvaz Festival“ fanden zudem zeitgleich statt.
6.000 Experten aus 90 Ländern besuchten die unzähligen Vorträge und Präsentationen an über 60 verschiedenen Veranstaltungsorten in der ganzen Stadt. Diese Zahlen allein zeigen: Die PQ ist eine sehr große Veranstaltung, die jeder anders wahrgenommen haben wird. Da vieles gleichzeitig ablief, war es schlicht unmöglich, auch nur die Hälfte aller Anlässe zu besuchen. Zudem wurde schnell klar, dass Szenografie hier hauptsächlich unter dem Fokus „Theater“ präsentiert wird und Städtebau oder die Museumslandschaft weniger Aufmerksamkeit finden. Aber die Fülle der Angebote, sowie die Selbstorganisation in einer fremden Stadt, sättigten das Aufnahmevermögen ohnehin immer wieder – da konnten nur noch die mit besonderen Kräften Gesegneten durchhalten …

Außenprojekte, Präsentationen und Talks der PQ 2015

Mit dem Ziel, Netzwerke in der Szenografie zu unterstützen, initiierte die PQ für die Jahre 2013 bis 2016 ein Forschungs- und Kunstprogramm mit Veranstaltungen und Projekten in elf europäischen Ländern. Pro Helvetia war eine der Partnerinstitutionen und zeichnete für die Aktivitäten in der Schweiz verantwortlich: Mitten auf dem Wenzelsplatz lud einer der beiden Schweizer Beiträge zu einem Spaziergang im Gerüst über die zentrale Grünrabatte ein, wobei sich das Projekt „Under the Tail of the Horse“ wohl nicht allen sofort erschloss. Claudia Rüegg, Projektleiterin des Projekts, gab Hilfestellung: „Die Prager Einwohner müssen ihre Innenstadt mit einer Flut von Touristen teilen und der innerstädtische Raum ist mit Menschen und Attraktionen völlig verstellt. Versteckte Freiräume wie leere Baustellen werden da schon fast zu einem wohltuenden Refugium. Wo ist also Raum für eine temporäre Installation? Die städtebaulich wichtige Achse bietet sich dafür gut an: Vor einer Weile wurden hier die Tramgleise entfernt und durch eine hilflose Hecke ersetzt. Der auch historisch bedeutende Platz wurde durch die Hecke in zwei Straßen unterteilt und durch die seitlichen Marktstände zusätzlich verengt. Die Installation betont nun einerseits die Achse neu, die direkt auf das monumentale Historische Museum zuläuft. Andererseits bietet sie ein begehbares Refugium in den Menschenströmen ohne die Verkehrswege einzuschränken. Und vielleicht können die Einheimischen von dieser Achse aus, ihre Stadt wieder ein wenig zurückerobern.“ Das Thema vom geteilten Raum ist mit diesem Projekt also vielschichtig und schlau umgesetzt worden.

Obwohl gut strukturiert, überstiegen die große Anzahl an Projekten sowie die unterschiedlichen Event-Hierarchien mit ihren laufenden Änderungen wohl schlicht den eigenen Orientierungssinn und vermutlich auch ab und zu die Kapazitäten des Organisationsteams. Und leider waren schon einen Monat vor Beginn der Veranstaltung keine Reservierungen für die Talks und Vorführungen mehr möglich, was vor Ort zu langen Wartezeiten und sowohl Überraschungen als auch Enttäuschungen führte.
Die Realität in Prag war dabei ähnlich wie die Webseite der PQ gestaltet: Anstatt von „page to page“ zu hüpfen, ließ sich gut von Palast zu Palast flanieren, um sich anschließend in eine endlose Schlange Wartender zu stellen. So entstanden inspirierende Gespräche und lustige Situationen – wenn man zum Beispiel plötzlich entdeckte, dass man seit einer halben Stunde in der falschen Schlange stand. Das Anstehen lohnte sich also fast immer!

Wirtschaft, Politik und Performances

Dass Wirtschaft, Politik und Performance Hand in Hand gehen können, zeigte Stefan Kaegi von Rimini Protokoll mit der Präsentation seiner Projekte eindrücklich auf. In Ergänzung dazu, wurde mit der Präsentation des ausgezeichneten estnischen Projekts „Unified Estonia“ im Topič Salon demonstriert, wie mit einer inszenierten, fiktionalen politischen Partei im Jahr 2010 in nur 44 Tagen echte 25% Stimmen der Bevölkerung gewonnen werden konnten. Szenografie kann also auch eine stark manipulative Disziplin sein, weil sie direkt auf die Emotionen wirkt. Diese Kraft gilt es sich bewusst zu machen und sorgfältig damit umzugehen, was diese Projekte mit viel Weitsicht tun.
Bei einer Reise mit der Tram in ein Außenquartier, vorbei an leeren, baumlosen Straßen, hohen Fassaden aus den 1930er-Jahren, durch einen schmucklosen Durchgang, ließ sich schließlich ganz unerwartet in einem Innenhof das „Alfred ve dvoře“ – ein Prager Kleintheater – entdecken. Hier wurde „Magnetic Ballerina“ gezeigt – ein Programm im Rahmen von „Performing Prague 2015“, das durch seine Intensität begeisterte!

Die Qualität der Vorträge, Performances und Präsentationen war sehr unterschiedlich. Doch wenn einem das Programm nicht zusagte, war man auch schnell wieder weg – unterwegs zu einem Café in einem der gemütlichen Innenhöfe der Spielorte oder zu einer Parallelveranstaltung.
Wie zum Beispiel in der Galerie bei der Bethlehem Kapelle, die liebevoll in eine Küche umgestaltet wurde. Hier wandelten unter dem Titel „The Makers“ während eines jeweils vierstündigen Prozesses verschiedene Theatergruppen ihr Theaterstück in Essen um. Diese Versuchsanlage, die zu völlig neuen Anregungen führte, war unglaublich spannend: In dieser Küche zirkulierten die Gäste, tranken einen Kaffee, folgten dem Prozess, gingen wieder und schauten später nochmal rein. Ab und zu gab es auch etwas zu Naschen, wie zum Beispiel die Schokoladen-Haut eines schwarzen Ballons, der soeben mit dem Gemüsemesser erstochen wurde.
Für ein ausgiebiges Essen blieb an sich aber kaum Zeit. Aktuell sind in Prag „Raw Food“ und vegane Kost groß im Trend – selbst von den deftigen, tschechischen Fleischgerichten gibt es vegane Varianten, die ausgezeichnet schmecken.

Im „SpaceLab OFF Stage Programm“ unter dem Titel „Inhabit new spaces!“ kreierte die Theatre Faculty of the Academy of Performing Arts in Prague (DAMU) zum Anlass der PQ 2015 in einem leerstehenden Palast in bester Lage für zehn Tage den ultimativen Veranstaltungsort. In traumhafter Atmosphäre mit Ausblick auf die Moldau ließen sich hier fabelhafte Konzerte erleben: Visual und Sound traten dabei als Duett auf, in dem das eine Element das andere jagte oder der Ton eingeladen wurde, sich ins Bild zu legen.

Inspiration

Ich selbst, habe von dieser Reise viel mitgenommen: Momente, wie jener auf der Karlsbrücke, wenn zufällig Plastiksäcke mit Wolken, lebende und steinerne Figuren für einen Moment miteinander verschmelzen. Ich habe einen Einblick in die aktuelle internationale Theaterszene sowie ausreichend Input in alle Richtung für die eigene Arbeit bekommen und Prag selbst auch außerhalb der Prague Quadriennale neu gesehen: Sind barocke Gärten nicht pure Szenografie? Ein Wallenstein, der seine protestantischen Gegner enteignet und sich mit deren Geld Prachtanlagen baut, durch die wir nun entzückt schlendern? Und wie sich diese Stadt inszeniert, wie sie je nach politischer Position und Zeitströmung ganz andere Gesichter bekommt – das ist eine einzige große Inszenierung, bei der Regen, Wolken und Schnee ganz natürlich mitwirken. Diese natürlich ephemere Inszenierung (Katrin Brack inszenierte das künstlich auf der Bühne) wurde zum Beispiel vom mexikanischen Beitrag „Moving Trajinera“ mit einer erzählerischen Schifffahrt auf der Moldau genutzt. Dieses Projekt machte auf die verebbten Wasserwege in Mexico-City aufmerksam und nutzte dafür die reale Moldau einfach als Bühne.

Ehrungen

Natürlich dürfen an der PQ 2015 auch die Preise nicht fehlen! Entsprechend der internationalen Ausrichtung der Veranstaltung ging eine unübersichtliche Fülle an unzähligen Ehrungen* hervor, aus der sich drei hervorheben lassen: Die Schweizer Fotografin Iren Stehli erhielt die Goldmedaille in der Kategorie „Best Performance Design Photo“. Ihre Fotoarbeiten dokumentieren den Schweizer Beitrag auf dem Wenzelsplatz im Prager Stadtzentrum sowie die Reaktionen der Bevölkerung darauf. Für die beste „Exposition“ eines szenografischen Projekts ging die Golden Triga PQ15 an Estland. Belgien gewann mit „movinglab.be“ die „Gold Medal PQ 2015“ für das beste „Exhibition Design“.

Die Preise werden für viele Kategorien vergeben, doch vielleicht sind diese bis zu einem gewissen Grad auch obsolet: Viele Bereiche der Szenografie wie Exhibition-Design, Stage-Design und gestalteter (oder entsprechend interpretierter) Außenraum durchdringen sich gegenseitig immer öfter, werden wandelbar, ephemer und immateriell. Die Wirkung steht im Vordergrund, nicht die materielle Installation. Lädt dies nicht dazu ein, öfter über immaterielle Gestaltung nachzudenken, die nach Gebrauch nicht mehr aufwändig entsorgt werden muss?

 

* Anmerkung der Redaktion:

Sehr gerne möchten wir erwähnen, dass auch wir ausgezeichnet wurden: PLOT wurde von der Jury der Prager Quadriennale mit dem „Honorary PQ 2015 Scenography Publication Award“ geehrt! Was haben wir uns gefreut! Am 22. Juni 2015 durften wir in Prag unseren Preis entgegennehmen! Nachdem wir mit einer unglaublichen Vielzahl wunderbarer und inspirierender Ausstellungen, Installationen und Performances in die Theaterwelt eintauchen konnten, war für uns natürlich die Preisverleihung im Archa Theatre eine ganz besondere Ehre.

Daher möchten wir nochmals DANKE sagen …
… der Jury für die Auszeichnung,
… allen Verantwortlichen und unglaublich tollen Mitarbeitern der Quadriennale,
… natürlich unserem Team – den PLOTTERN – ohne die wir PLOT nicht so weit bringen würden (auch nicht geografisch),
… und natürlich Ihnen: unseren Lesern, Freunden und Fans!

FACTS

Projekt:

PQ: Prague Quadrennial of Performance Design and Space 2015, Prag (CZ)

Standort:

Prague Quadrennial, Celetna 17, Prag (CZ) > www.pq.cz

Zeitrahmen:

17.06.2015-28.06.2015

Fotos:

1 – DAMU Spacelab, Prag (CZ)
2 – PQ15 Clam-Gallas Palace, Prag (CZ)
3 – Wenzelsplatz, Prag (CZ) by Rocarda Otte
4 – PQ15 Estonia, by Martina Novozamska
5 – PQ15 Otherness, Thailand
6 – PQ15 Norway student details
7 – PQ15 student tribe
8 – PQ15 Mexico
9 – PQ15 Kinderworkshop
10 – PQ15 Germany
11 – PQ15 Uruguay

1, 2, 5, 6, 7, 8, 9, 10 Gina Moser, Zürich (CH) > www.ausstellungs-design.ch

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